Ephraim von Bonn

Jüdischer Gelehrter (1133–nach 1196)

Elisabeth Hollender (Frankfurt a. M.)

Detail aus dem Tora-Wimpel von Moses Spanier (geboren 1762), Original im LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen. (LVR-Kulturhaus Landsynagoge Rödingen)

Ephraim von Bonn war ei­ner der wich­tigs­ten jü­di­schen Ge­lehr­ten des 12. Jahr­hun­derts, der die Bi­bel, den Tal­mud und das jü­di­sche Ge­bet­buch kom­men­tier­te, Rechts­gut­ach­ten über re­li­giö­se und zi­vil­recht­li­che Fra­gen schrieb, lit­ur­gi­sche Poe­sie ver­fass­te und mit ei­ner Chro­nik der Ju­den­ver­fol­gun­gen sei­ner Zeit ge­dach­te.

Ephraim von Bonn stamm­te aus ei­ner an­ge­se­he­nen jü­di­schen Fa­mi­lie des Rhein­lands (höchst wahr­schein­lich aus Bonn), aus der auch an­de­re Ge­lehr­te her­vor­gin­gen, dar­un­ter Elie­zer bar Na­than. Sei­ne bei­den Brü­der, Hil­lel und Ka­l­o­ny­mus, die bei­de eben­falls als Ge­lehr­te be­kannt wur­den, star­ben vor ihm. Nach Auf­ent­hal­ten in Köln, Bonn, Mainz und Worms leb­te er spä­ter in Neuss. Von dort zog er 1187 we­ni­ge Ta­ge vor ei­ner Ver­fol­gung der dor­ti­gen jü­di­schen Ge­mein­de wie­der nach Köln, wo er 1196 den letz­ten Ein­trag in sei­ne Chro­nik vor­nahm und ver­mut­lich bald da­nach starb.

Als Ju­gend­li­cher wur­de Ephraim von Bonn 1145-1147 Zeu­ge der Ver­fol­gung der rhei­ni­schen Ju­den wäh­rend des Zwei­ten Kreuz­zugs. Ge­mein­sam mit an­de­ren Köl­ner und Bon­ner Ju­den flüch­te­te er in die Wol­ken­burg bei Kö­nigs­win­ter, die der Erz­bi­schof von Köln den Ju­den zur ei­ge­nen Ver­tei­di­gung zur Ver­fü­gung ge­stellt hat­te. Da­zu wur­de die üb­li­che Be­sat­zung von der Burg ab­ge­zo­gen und die be­la­ger­ten Ju­den be­waff­ne­ten sich. Die Ver­tei­di­gung war weit­ge­hend er­folg­reich. Den­noch wur­den im Zu­sam­men­hang des Zwei­ten Kreuz­zugs vie­ler­orts in Deutsch­land Ju­den ver­folgt. Mit der Be­schrei­bung die­ser Ver­fol­gun­gen be­ginnt sein „Buch der Er­in­ne­rung" (Se­fer Zek­hi­ra), wor­in er über Ju­den­ver­fol­gun­gen zu sei­nen Leb­zei­ten schrieb, von de­nen er Kennt­nis er­hielt.

Die meis­ten Ver­fol­gun­gen, von de­nen Ephraim von Bonn be­rich­te­te, fan­den im Rhein­land statt; er scheint ei­ni­ge selbst er­lebt zu ha­ben von an­de­ren wird er durch Au­gen­zeu­gen münd­lich oder in Brie­fen Nach­richt er­hal­ten ha­ben. Sprach­lich ge­stal­te­te er die Au­gen­zeu­gen­be­rich­te um, füg­te oft auch poe­ti­sche Kla­gen ein, hielt sich je­doch in­halt­lich an sei­ne Vor­la­gen. Die his­to­ri­sche Ge­nau­ig­keit sei­ner Be­rich­te ist in vie­len Fäl­len durch an­de­re Quel­len zu be­stä­ti­gen. Nach der Nie­der­schrift der ers­ten Ka­pi­tel über die Ver­fol­gun­gen von 1145-1147 hat Ephraim von Bonn im­mer dann, wenn er von ei­ner Ver­fol­gung er­fuhr, den Be­richt sei­ner Chro­nik an­ge­fügt. Auch Ver­fol­gun­gen aus wei­ter ent­fern­ten Ge­bie­ten nahm er auf, so die Ri­tu­al­mord-An­kla­ge ge­gen die Ju­den von Blois (Zen­tral­frank­reich), der 1171 32 Ju­den, dar­un­ter 17 Frau­en, zum Op­fer fie­len.

Ephraim von Bonns Kom­men­ta­re zum Ge­bet­buch, zu Tei­len der Bi­bel wie des Tal­mud ge­rie­ten am En­de des Mit­tel­al­ters weit­ge­hend in Ver­ges­sen­heit. Im 12. Jahr­hun­dert ge­hör­te Ephraim in­des zu den wich­tigs­ten jü­di­schen Ge­lehr­ten des Rhein­lands. Ge­mein­sam mit wich­ti­gen Per­sön­lich­kei­ten aus Mainz und Worms traf er Rechts­ent­schei­dun­gen, die für das rhei­ni­sche Ju­den­tum bin­dend wa­ren. In sei­nem Kom­men­tar zu Tei­len der Bi­bel und zum jü­di­schen Ge­bet­buch zeigt er ei­ne am Wort­sinn der Tex­te ori­en­tier­te Hal­tung, die zu Dis­kus­sio­nen von gram­ma­ti­schen und le­xi­ka­li­schen De­tails neigt und im­mer den text­li­chen Zu­sam­men­hang im Au­ge be­hält. Sie wei­sen ihn als Ge­lehr­ten aus, der zeit­ge­nös­si­sche jü­di­sche Li­te­ra­tur nicht nur aus dem Rhein­land, son­dern auch aus Spa­ni­en kann­te und dis­ku­tier­te. Da­bei be­stand er auf sei­ner ei­ge­nen Ana­ly­se al­ler sprach­li­chen und in­halt­li­chen Pro­ble­me und leg­te oft ei­ge­ne Lö­sungs­vor­schlä­ge vor, die durch ih­re kla­re Lo­gik und die brei­ten Ver­bin­dun­gen in die jü­di­sche Tra­di­ti­on bis heu­te be­ein­dru­cken.

Ephraim von Bonns lit­ur­gi­schen Ge­dich­te be­haup­te­ten ih­ren Platz im jü­di­schen Got­tes­dienst bis ins 19. Jahr­hun­dert, in or­tho­do­xen Ge­mein­den teil­wei­se bis heu­te. Die Ge­dich­te spie­geln sei­ne zeit­ty­pi­sche Ge­lehr­sam­keit wi­der und sind dem mo­der­nen Le­ser schwer zu­gäng­lich. Die Spra­che ist mit An­spie­lun­gen auf Bi­bel und Tal­mud durch­setzt, und ne­ben He­brä­isch schrieb er auch auf Ara­mä­isch. Haupt­säch­lich ver­fass­te er Buß- und Kla­ge­lie­der, in de­nen er die Nö­te des jü­di­schen Exil­le­bens, aber auch ein­zel­ne Ver­fol­gun­gen be­schreibt und be­klagt. Ein we­sent­li­cher Be­stand­teil sei­ner lit­ur­gi­schen Poe­sie ist die Bit­te an Gott, sich sei­nes Vol­kes zu er­bar­men.

Da­ne­ben schrieb Ephraim auch poe­ti­sche Aus­schmü­ckun­gen für Got­tes­diens­te an Fei­er­ta­gen, für den Got­tes­dienst am Sab­bat der Hoch­zeits­wo­che, in dem der Bräu­ti­gam durch ei­nen poe­tisch ge­stal­ten Auf­ruf zur To­r­ah­le­sung ge­ehrt wird, und für den Spei­se­se­gen beim Fest­mahl an­läss­lich ei­ner Be­schnei­dung. In die­sen Tex­ten be­tont er das Ver­trau­en der Ju­den auf gött­li­ches Er­bar­men und Er­ret­tung, die Treue zur To­rah, aber auch Got­tes Macht als Schöp­fer und Er­hal­ter der Welt.

Die tie­fe Ge­lehr­sam­keit und Krea­ti­vi­tät auf ver­schie­de­nen Ge­bie­ten wei­sen Ephraim von Bonn als ei­nen her­aus­ra­gen­den Ver­tre­ter der rhei­ni­schen Ju­den im Mit­tel­al­ter aus, die ei­nen we­sent­li­chen An­teil an der geis­ti­gen und wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung der Städ­te im Rhein­land hat­ten.

Quellen

Mu­ti­us, Hans-Ge­org von (Hg.), Ephraim b. Ja­kob von Bonn. Hym­nen und Ge­be­te. Ins Deut­sche über­setzt und kom­men­tiert, Hil­des­heim 1989.

Neu­bau­er, Adolf / Mo­ritz Stern (Hg.), He­bräi­sche Be­rich­te über die Kreuz­zü­ge, über­setzt von Se­lig­man Ba­er, Ber­lin 1892.

 
Zitationshinweis

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Hollender, Elisabeth, Ephraim von Bonn, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ephraim-von-bonn/DE-2086/lido/57c6a514933e88.19475405 (16.07.2018)