Frans Hogenberg

Kupferstecher und Graphikverleger in Köln (um 1538-1590)

Peter H. Meurer (Heinsberg)

Einnahme von Poppelsdorf im Truchsessischen Krieg, Kupferstich von Frans Hogenberg, 1583. (Museum Boijmans Van Beuningen Rotterdam)

Der flä­mi­sche Glau­bens­flücht­ling Frans Ho­gen­berg bau­te seit En­de des 1560er Jah­re in Köln die wich­tigs­te Kup­fer­ste­cher­werk­statt des Rhein­lan­des auf. Spe­zia­li­siert auf to­po­gra­phi­sche und geo­gra­phi­sche Edi­tio­nen, wur­de sie zum Zen­trum ei­ner „Köl­ner Schu­le" der Kar­to­gra­phie, die in der Haupt­sa­che von nie­der­län­di­schen Mi­gran­ten ge­tra­gen wur­de.

Frans Ho­gen­berg wur­de um 1538 in Me­che­len als Sohn des aus Mün­chen stam­men­den Kup­fer­ste­chers Ni­ko­laus Ho­gen­berg (ge­stor­ben 1539) ge­bo­ren. Sei­ne Mut­ter Jo­han­na Ver­strae­ten (ge­stor­ben vor 1559) hei­ra­te­te 1548 in zwei­ter Ehe den Dru­cker, Ver­le­ger und Kup­fer­ste­cher Hen­drik Ter­brug­gen (tä­tig seit 1533, ge­stor­ben vor 1564) in Me­che­len. Ne­ben Frans hat­te das Ehe­paar Ho­gen­berg noch min­des­tens drei wei­te­re Kin­der. Über An­na (ge­bo­ren um 1529) und den Kup­fer­ste­cher (?) Hans Ho­gen­berg ist we­nig be­kannt. Re­mi­gius Ho­gen­berg (um 1536-nach 1587) ar­bei­te­te als Kup­fer­ste­cher über­wie­gend in Eng­land. Um 1568-1570 scheint er ei­ni­ge Zeit in Müns­ter und auch in Em­me­rich ge­lebt zu ha­ben.

Durch per­sön­li­che Be­kannt­schaf­ten von Va­ter und Stief­va­ter hat­te Frans Ho­gen­berg von Kind­heit an Zu­gang zu der auf­blü­hen­den flan­dri­schen Kar­ten­ma­cher­sze­ne. In Me­che­len oder Ant­wer­pen ab­sol­vier­te er ei­ne Leh­re als Ma­ler und Kup­fer­ste­cher. 1560 un­ter­nahm er ei­ne Künst­ler­rei­se durch Frank­reich. Wahr­schein­lich in Me­che­len hei­ra­te­te er sei­ne ers­te Ehe­frau Ka­tha­ri­na von Bö­nen (ge­stor­ben vor 1578), mit der er ei­nen Sohn Jo­hann Ho­gen­berg (ge­stor­ben nach 1614) und ei­ne Toch­ter Bar­ba­ra hat­te. Die Sta­tio­nen des wei­te­ren Le­bens­we­ges sind in Tei­len un­klar. Über die nächs­ten bei­den Jahr­zehn­te hat­te Frans Ho­gen­berg wei­ter engs­te be­ruf­li­che Be­zie­hun­gen nach Flan­dern, ob­wohl er we­gen sei­ner Ab­wen­dung vom ka­tho­li­schen Glau­ben die spa­nisch do­mi­nier­ten Nie­der­lan­de hat­te ver­las­sen müs­sen.

Um die Jah­res­wen­de 1562/1563 un­ter­schrieb Ho­gen­berg als Glau­bens­flücht­ling ein lu­the­ri­sches Stadt­be­kennt­nis in We­sel, wo er aber nur kurz blieb. Ein Eng­land­auf­ent­halt in je­nen Jah­ren ist frag­lich. Nach ei­ge­ner Aus­sa­ge leb­te er seit et­wa 1564 in Köln. 1570 droh­te ihm hier als Nicht­ka­tho­li­ken die Aus­wei­sung, der er aber ent­ging. 1579 wur­de er, zu­sam­men mit sei­ner zwei­ten Ehe­frau Agnes Lo­mar, in Köln we­gen der Teil­nah­me an heim­li­chen re­for­mier­ten Got­tes­diens­ten ver­haf­tet, kam aber durch for­ma­les Ab­schwö­ren wie­der frei. 1582 war er je­doch er­neut in re­li­giö­sen Schwie­rig­kei­ten. Die de­fi­ni­ti­ve Sess­haf­tig­keit Frans Ho­gen­bergs in Köln ist erst 1585 durch den Er­werb ei­nes Hau­ses in der Glo­cken­gas­se do­ku­men­tiert. Er war aber wei­ter auf Rei­sen (1588 in Ham­burg und Ko­pen­ha­gen). Er starb 1590 und wur­de auf dem so ge­nann­ten „Ge­u­sen­fried­hof" be­gra­ben, dem au­ßer­halb der Stadt­mau­ern ge­le­ge­nen evan­ge­li­schen Fried­hof der Reichs­stadt.

Das Schwer­ge­wicht der Ar­beit Frans Ho­gen­bergs als Kup­fer­ste­cher – ein Oeu­vre als Zeich­ner und Ma­ler ist kaum fass­bar – liegt auf kar­to­gra­phi­schen und to­po­gra­phi­schen Dar­stel­lun­gen. Ein heu­ti­ges For­schungs­pro­blem be­steht dar­in, dass er ei­ner­seits nur we­ni­ge sei­ner Ar­bei­ten si­gnier­te und sich an­de­rer­seits der ge­norm­ten Zei­chen- und Schrif­ten­spra­che sei­ner Zeit be­dien­te. Zwi­schen ei­gen­hän­di­gen Ar­bei­ten und Werk­statt­pro­duk­ten ist da­her kaum si­cher zu tren­nen.

Seit der Mit­te der 1560er-Jah­re und bis 1572 hat Ho­gen­berg die Kar­ten für den ab 1570 in Ant­wer­pen er­schie­ne­nen At­las „Thea­trum Or­bis Ter­rar­um" von Abra­ham Or­te­li­us (1527-1598) ge­sto­chen. Spä­tes­tens um die glei­che Zeit be­gann er auch sein ers­tes ei­ge­nes Gro­ß­pro­jekt: die „Ge­schichts­blät­ter", ei­ne Fol­ge von et­wa 470 Sti­chen zu Er­eig­nis­sen und Schau­plät­zen der Zeit­ge­schich­te ab 1558.

Ei­ge­ne geo­gra­phi­sche At­lan­ten Ho­gen­bergs sind der Stra­ße­n­at­las „Iti­ne­ra­ri­um Or­bis Chris­tia­ni" (84 Kar­ten, 1579/1580), das „Iti­ne­ra­ri­um Bel­gi­cum" (22 Kar­ten, 1587) und der Fo­lio-At­las der Nie­der­lan­de „Bel­gi­ca flo­rens – Bel­gi­ca de­struc­ta" (20 Kar­ten, um 1588). Et­wa 30 wei­te­re grö­ßer­for­ma­ti­ge Kar­ten er­schie­nen als Ein­zel­blät­ter oder als Bei­la­gen von Bü­chern Köl­ner Ver­la­ge. Auch hat Ho­gen­berg mehr­fach für aus­wär­ti­ge Auf­trag­ge­ber ge­sto­chen, so et­wa ab cir­ca 1574 für Ger­hard Mer­ca­tor (1512-1594) in Duis­burg.

Das um­fang­reichs­te und kunst- wie wis­sen­schafts­his­to­risch be­deu­tends­te Pro­jekt des Hau­ses Ho­gen­berg ist der nach dem Vor­bild des Or­te­li­us-At­las ent­wor­fe­ne Städ­teat­las „Ci­vi­ta­tes Or­bis Terr­rar­um." Der ers­te Band er­schien 1572, ein sechs­ter und letz­ter Band erst un­ter den Nach­fol­gern 1617. Ins­ge­samt ent­hal­ten die „Ci­vi­ta­tes" 543 Stadt­plä­ne und -an­sich­ten teils nach ge­druck­ten Vor­la­gen, zum ei­nem gro­ßen Teil aber auch nach ori­gi­na­len Hand­zeich­nun­gen. Die Bän­de er­schie­nen – je­der in meh­re­ren Auf­la­gen und Spra­chen – bei ver­schie­de­nen Köl­ner Ver­la­gen, zu­min­dest am An­fang in en­ger Ko­ope­ra­ti­on mit Ant­wer­pe­ner Fir­men. An der Her­stel­lung wa­ren im Lau­fe der Jahr­zehn­te zahl­rei­che, oft na­ment­lich nicht be­kann­te Künst­ler be­tei­ligt. Die ei­gent­li­che See­le des Pro­jek­tes als Or­ga­ni­sa­tor, Re­dak­teur und Text­au­tor war der Köl­ner Hu­ma­nist und Theo­lo­ge Ge­org Braun (1541-1622). Als ein­fluss­rei­cher Kir­chen­mann hat er wohl auch sei­nen An­teil dar­an, dass die ka­tho­li­sche Stren­ge in Köln zu Guns­ten Ho­gen­bergs im­mer sehr weit aus­ge­legt wor­den ist.

In ei­ner Ge­samt­sicht war Frans Ho­gen­berg die zen­tra­le Fi­gur ei­ner Sze­ne ins Exil ge­gan­ge­ner nie­der­län­di­scher Ge­lehr­ter und Künst­ler, die heu­te zu ei­ner „Köl­ner Schu­le" der Kar­to­gra­phie zu­sam­men­ge­fasst wer­den. Dar­un­ter wa­ren nicht nur Pro­tes­tan­ten aus Flan­dern und Bra­bant, son­dern auch ge­flo­he­ne Ka­tho­li­ken aus den nörd­li­chen Pro­vin­zen. Zu­sam­men mit Ein­hei­mi­schen bil­de­ten sie ein kom­ple­xes und hoch­in­ter­es­san­tes Netz­werk, das auch in an­de­ren deut­sche Re­gio­nen und so­gar dar­über hin­aus dem Kar­ten­ma­chen wich­ti­ge Im­pul­se gab.

Nach dem Tod Frans Ho­gen­bergs 1590 zahl­te sei­ne Wit­we die Kin­der aus ers­ter Ehe aus. Sein Sohn Jo­hann Ho­gen­berg wur­de da­nach in Köln selbst­stän­dig als Kup­fer­ste­cher tä­tig. Agnes Ho­gen­berg-Lo­mar scheint die Fir­ma we­nigs­tens ein Jahr­zehnt selbst ge­lei­tet zu ha­ben. Et­wa um 1605 über­nahm ihr ei­ge­ner Sohn, der Ma­ler und Kup­fer­ste­cher Abra­ham Ho­gen­berg (ge­stor­ben 1653), die Lei­tung. Er führ­te das Un­ter­neh­men et­wa bis 1620 auf ho­hem Ni­veau wei­ter. Da­nach flach­ten Spek­trum, Pro­duk­ti­on und Be­deu­tung merk­lich ab.

Werkausgaben

Braun, Ge­org/Frans Ho­gen­berg, Be­schrei­bung und Con­tra­f­ac­tur der vor­n­embs­ten Stät der Welt, 6 Bän­de mit Ein­füh­run­gen von Max Sche­fold, Plochin­gen 1965-1970.

Braun, Ge­org/Frans Ho­gen­berg, Ci­vi­ta­tes Or­bis Ter­rar­um, 3 Bän­de, mit ei­ner Ein­füh­rung von Ral­eigh A. Skel­ton, Kas­sel/Ba­sel 1965 (eng­li­sche Ori­gi­nal­aus­ga­be Ams­ter­dam 1965).

Hell­wig, Fritz (Hg.), Franz Ho­gen­berg – Abra­ham Ho­gen­berg: Ge­schichts­blät­ter, Nörd­lin­gen 1983.

Literatur

De­nu­cé, Jan, Oud-Neder­land­se ka­artma­kers in bet­rek­king met Plan­ti­jn, 2 Bän­de, Ant­wer­pen/‘s-Gra­ven­ha­ge 1912, Neu­druck Ams­ter­dam 1964.

Fir­me­nich-Ri­ch­artz, Edu­ard, Köl­ni­sche Künst­ler in al­ter und neu­er Zeit. Jo­hann Ja­cob Mer­los neu be­ar­bei­te­te und er­wei­ter­te Nach­rich­ten von dem Le­ben und den Wer­ken köl­ni­scher Künst­ler, Düs­sel­dorf 1895, Neu­druck Nieuw­ko­op 1966.

van der Krogt, Pe­ter, Koeman’s At­lan­tes Neer­lan­di­ci. New and com­ple­te­ly re­vi­sed, il­lus­tra­ted edi­ti­on, Band 4, ‘t Goy-Hou­ten 2008.

Meu­rer, Pe­ter H., At­lan­tes Co­lo­ni­en­sis. Die Köl­ner Schu­le der At­las­kar­to­gra­phie 1570-1610, Bad Neu­stadt an der Saa­le 1988.

Schil­der, Gün­ter, Een be­lan­gri­jke 16e ee­uw­se at­las van de Neder­lan­den ge­pu­bli­ce­erd door Frans Ho­gen­berg, in: Kar­to­gra­fisch Ti­jd­schrift 10 (1984), S. 39-46.

Stem­pel, Wal­ter, Franz Ho­gen­berg 1538-1590 und die Stadt We­sel, in: Prieur , Jut­ta (Hg.),  Kar­ten und Gär­ten am Nie­der­rhein, We­sel 1995, S. 37-50.

Online

Kel­ler, Horst, Ar­ti­kel "Ho­gen­berg, Franz", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 9 (1972), S. 472-473.

 
Zitationshinweis

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Meurer, Peter H., Frans Hogenberg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/frans-hogenberg/DE-2086/lido/57c831cb5093f0.05663895 (22.04.2018)