Franz Stollwerck

Unternehmer (1815–1876)

Tanja Junggeburth (Bonn)

Franz Stollwerck, Porträt, Gemälde. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

Franz Stoll­werck war ein deut­scher Un­ter­neh­mer des 19. Jahr­hun­derts und leg­te den Grund­stein für das spä­te­re Welt­un­ter­neh­men „Stoll­werck".

Franz Stoll­werck wur­de am 5.6.1815 als Sohn von Ni­ko­laus (1787-1851) und Chris­ti­na Stoll­werck (1784-1837), ge­bo­re­ne Bo­den, in Köln  ge­bo­ren. Ni­ko­laus Stoll­werck ent­stamm­te dem in Köln ver­brei­te­ten Ge­wer­be der Woll­spin­ner, das sich An­fang des 19. Jahr­hun­derts be­reits im Nie­der­gang be­fand. Er wech­sel­te in den 1830er Jah­ren den Be­ruf und ging fort­an ei­ner kauf­män­ni­schen Tä­tig­keit nach.

An den Volks­schul­be­such schlos­sen sich für Franz Stoll­werck ei­ne Leh­re als Zu­cker­bä­cker auf der Köl­ner Brei­te Stra­ße und – wie es da­mals im Hand­werk üb­lich war – die tra­di­tio­nel­le Pha­se der Wan­der­schaft an. In Süd­deutsch­land, der Schweiz und Frank­reich er­lern­te er neue Fer­tig­kei­ten und Kennt­nis­se, knüpf­te Kon­tak­te und sam­mel­te An­re­gun­gen und Er­fah­run­gen, die ihm spä­ter für Grün­dung und Aus­bau sei­nes ei­ge­nen Un­ter­neh­mens wich­tig und hilf­reich wur­den. Em­pha­tisch zu­ge­spitzt zähl­te Franz Stoll­werck sei­nem so­zia­len Her­kunfts­pro­fil nach so­mit zum Ty­pus des „Self­ma­de­man", der es aus ei­ge­ner Kraft zum Un­ter­neh­mer schaff­te.

Spä­tes­tens 1839 kehr­te Franz Stoll­werck in sei­ne Hei­mat­stadt zu­rück. Dort hei­ra­te­te er am 3.7.1839 An­na So­phia (1819-1888), ge­bo­re­ne Mül­ler, die aus dem na­he ge­le­ge­nen Le­che­nich (heu­te Stadt Erft­stadt) stamm­te. Das Ehe­paar hat­te elf Kin­der, sie­ben Söh­ne, und vier Töch­ter; je­weils zwei Söh­ne und Töch­ter star­ben noch im Säug­lings- be­zie­hungs­wei­se Kin­des­al­ter. Eben­falls 1839 grün­de­te Franz Stoll­werck in der Köl­ner Blind­gas­se ei­ne klei­ne Mür­be­bä­cke­rei. Ne­ben Zwie­back, Bre­zeln und Mut­zen als tra­di­tio­nel­les Köl­ner Ge­bäck bot er auch Scho­ko­la­de als Ge­tränk so­wie „neue Pa­ri­ser Ma­cro­nen" an. Er „ver­ar­bei­te­te" so die viel­fäl­ti­gen Er­fah­run­gen sei­ner Wan­der­schaft und sein Fai­ble für Frank­reich, das sich un­ter an­de­rem auch dar­in spie­gel­te, das er sei­nen Söh­nen Hein­rich (1843-1915) und Lud­wig  bei­brach­te, sich Hen­ri und Louis zu nen­nen.

In den fol­gen­den Jah­ren kon­zen­trier­te er sich zu­nächst auf Kon­di­tor­wa­ren, bau­te die Mür­be­bä­cke­rei kon­ti­nu­ier­lich aus und be­nann­te sein Un­ter­neh­men 1842 in „Kon­di­to­rei und Bon­bon­fa­brik" um. Ne­ben Ge­bäck stell­te Franz Stoll­werck nun mit den „Stoll­werck’schen Brust­bon­bons" als Heil­mit­tel ge­gen Er­käl­tung zu­dem ei­nen Spe­zi­al­ar­ti­kel her, der aus dem üb­li­chen An­ge­bot her­aus stach und als frü­hes Mar­ken­pro­dukt be­zeich­net wer­den kann. Franz Stoll­werck ent­wi­ckel­te ei­ne für sei­ne Zeit un­ge­wöhn­lich kon­se­quen­te Wer­be- und Ver­triebs­stra­te­gie: So ließ er sich zum Bei­spiel Qua­li­tät und Wirk­sam­keit der Brust­bon­bons von glaub­haf­ten Me­di­zi­nern at­tes­tie­ren und ver­trieb sie in ganz Eu­ro­pa. Als Franz Stoll­werck je­doch die Pro­duk­ti­on wei­te­rer so ge­nann­ter „Sa­ni­täts­wa­ren" auf­nahm, ent­spann sich ei­ne hef­ti­ge und lang­wie­ri­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit Köl­ner Apo­the­kern, die ih­re Do­mä­ne des Ver­kaufs von Haus- und Heil­mit­teln ge­fähr­det sa­hen. Auf der Pa­ri­ser Welt­aus­stel­lung er­hielt Franz Stoll­werck den­noch ei­ne Preis­me­dail­le. Wäh­rend die Köl­ner Be­völ­ke­rung ihn an­er­ken­nend „Ka­mel­le-Na­po­le­on" tauf­te, griff ihn die Pres­se im­mer häu­fi­ger an und warf ihm vor, nur sei­nen Ge­winn im Au­ge zu ha­ben und wir­kungs­lo­se Pro­duk­te zu ver­kau­fen.

Ne­ben der Her­stel­lung von Kon­di­tor­wa­ren und Bon­bons ent­wi­ckel­te Franz Stoll­werck zu­dem ver­schie­de­ne gas­tro­no­mi­sche In­itia­ti­ven. Im Ja­nu­ar 1844 er­öff­ne­te er ei­ne „Kaf­fee­stu­be", die er be­reits ein Vier­tel­jahr spä­ter ver­grö­ßer­te. Mit­te des Jah­res 1845 er­rich­te­te er zu­dem ei­ne Fi­lia­le, die nach Ein­schät­zung des Köl­ner Wirt­schafts­his­to­ri­kers Bru­no Kuske „wohl die ers­te in die­sem Zweig und viel­leicht auch sonst im Köl­ner Wirt­schafts­le­ben" war. Wei­te­re Ver­grö­ße­run­gen und Neu­er­öff­nun­gen folg­ten: so im De­zem­ber 1847 das „Ca­fé Roy­al" in der Schil­der­gas­se, das Franz Stoll­werck im April 1848 in „Deut­sches Kaf­fee­haus" um­be­nann­te. In­wie­fern die­se Um­be­nen­nung als Ab­kehr von sei­ner star­ken fran­zö­si­schen Prä­gung be­zie­hungs­wei­se als na­tio­na­les Be­kennt­nis zu in­ter­pre­tie­ren ist, lässt sich aus den Quel­len nicht mit Ge­wiss­heit be­le­gen. Fort­an wies er sich je­den­falls mit dem preu­ßi­schen Wap­pen über dem Ein­gang als Hof­lie­fe­rant aus, zu dem er 1847 er­nannt wor­den war.

1849 ver­nich­te­te ein Brand das in­zwi­schen um ein Vau­de­vil­le-Thea­ter er­wei­ter­te Kaf­fee­haus voll­stän­dig. Franz Stoll­werck, der für sei­ne un­ter­neh­me­ri­schen In­itia­ti­ven ho­he Kre­di­te und Hy­po­the­ken auf­ge­nom­men hat­te, ge­lang zu­nächst ein Ver­gleich mit sei­nen aus ganz Eu­ro­pa stam­men­den Gläu­bi­gern. Mit Hil­fe wei­te­rer Kre­di­te und Ent­schä­di­gungs­zah­lun­gen der Feu­er­ver­si­che­rung konn­te er 1850 sein Thea­ter wie­der­er­öff­nen. Fehl­kal­ku­la­tio­nen führ­ten frei­lich da­zu, dass er den Ver­trag mit sei­nen Gläu­bi­gern nicht er­fül­len konn­te: En­de Mai 1853 er­klär­te ihn das Köl­ner Han­dels­ge­richt für „fal­lit" – bank­rott. Franz Stoll­werck steck­te al­ler­dings auch in die­ser Si­tua­ti­on nicht auf: 1856 er­öff­ne­te er in der Bay­en­stra­ße die „Kö­nigs­hal­le", das grö­ß­te Aus­flugs­lo­kal Kölns. An­hal­ten­de fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me führ­ten in­des da­zu, dass er aus die­ser Un­ter­neh­mung wie­der aus­stei­gen muss­te. Ab An­fang der 1860er Jah­re kon­zen­trier­te sich Franz Stoll­werck da­her wie­der ganz auf die Her­stel­lung von Kon­di­tor­wa­ren und Brust­bon­bons.

Im Ver­lauf der 1850er Jah­re wa­ren zu­dem sei­ne drei äl­tes­ten Söh­ne, Al­bert Ni­ko­laus (1840–1883), Pe­ter Jo­seph (1842–1906) und Hein­rich, in das Un­ter­neh­men ein­ge­stie­gen. Nach der Aus­bil­dung im vä­ter­li­chen Be­trieb und Schu­lun­gen in aus­wär­ti­gen Fa­bri­ken un­ter­stütz­ten sie ihn im kauf­män­ni­schen Be­reich und in tech­ni­schen Fra­gen. Ei­nen für die Zu­kunft des Un­ter­neh­mens ent­schei­den­den Im­puls setz­ten die Söh­ne An­fang der 1860er Jah­re: Sie kon­zen­trier­ten sich auf die in­dus­tri­el­le Her­stel­lung von Scho­ko­la­de, er­wei­ter­ten das Fa­brik­ge­län­de und stei­ger­ten den Um­satz von 9.250 Ta­lern 1861 auf 76.410 Ta­ler vier Jah­re spä­ter.

Die zu­neh­men­de Be­deu­tung der Söh­ne für das Ge­schäft führ­te schlie­ß­lich am 16.12.1868 zum Ab­schluss ei­nes Ge­sell­schafts­ver­trags: Al­bert Ni­ko­laus, Pe­ter Jo­seph und Hein­rich wur­den Teil­ha­ber der vä­ter­li­chen Fir­ma, die fort­an als „Franz Stoll­werck & Söh­ne" fir­mier­te. Die fak­ti­sche Zu­sam­men­ar­beit be­gann am 1.1.1869. Die Auf­nah­me der Söh­ne als Teil­ha­ber of­fen­bart, dass Franz Stoll­werck den „Ide­al­fall" des pa­ter­na­lis­ti­schen Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sels an­streb­te: ei­ne Pha­se ge­mein­schaft­li­cher Un­ter­neh­mens­füh­rung und suk­zes­si­ver Über­tra­gung un­ter­neh­me­ri­scher Ver­fü­gungs­rech­te.

Die tat­säch­li­che Ent­wick­lung der fol­gen­den Jah­re war frei­lich ei­ne an­de­re. Den Va­ter und sei­ne Söh­ne ver­band ein „trau­ri­ges Ver­hält­niß", das von Kom­pe­tenz­strei­tig­kei­ten und Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten über die rich­ti­ge Her­an­ge­hens­wei­se an ge­schäft­li­che Fra­gen ge­kenn­zeich­net war. Im Ju­li 1870 stieg zu­nächst Al­bert Ni­ko­laus aus dem ge­mein­sa­men Un­ter­neh­men aus, ein Jahr spä­ter folg­ten sei­ne bei­den Brü­der. Ge­mein­sam grün­de­ten sie 1872 ei­ne ei­ge­ne Scho­ko­la­de- und Zu­cker­wa­ren­fa­brik, die Of­fe­ne Han­dels­ge­sell­schaft „Ge­brü­der Stoll­werck".

Ob­wohl in den Tren­nungs­ver­ein­ba­run­gen ge­nau fest­ge­legt wor­den war, wer in der Fol­ge wel­che Ge­schäfts­zwei­ge wei­ter­füh­ren durf­te, wa­ren die fol­gen­den Jah­re von zahl­lo­sen ge­schäft­li­chen wie pri­va­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen ge­prägt, die teil­wei­se auch vor Ge­richt aus­ge­tra­gen wur­den. 1876 starb Franz Stoll­werck schlie­ß­lich im Al­ter von 61 Jah­ren in Köln. Nach sei­nem Tod erb­ten die Söh­ne den vä­ter­li­chen Be­trieb und führ­ten die bei­den Stoll­werck­schen Un­ter­neh­mun­gen wie­der zu­sam­men. Die Pro­duk­ti­on der Brust­bon­bons führ­ten sie wei­ter, die meis­ten an­de­ren Pro­duk­te in­des ga­ben sie auf. 1882 und 1884 tra­ten auch die bei­den jün­ge­ren Brü­der Lud­wig und Carl (1859-1932) in das Un­ter­neh­men ein. Ge­mein­sam bau­ten die fünf Ge­brü­der Stoll­werck das Un­ter­neh­men in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten zum grö­ß­ten eu­ro­päi­schen Scho­ko­la­de­pro­du­zen­ten aus.

Quellen

Ge­sell­schafts­ver­trag zwi­schen Franz Stoll­werk und sei­nen Söh­nen vom 16.12.1868 bei der Stif­tung Rhei­nisch-West­fä­li­sches Wirt­schafts­ar­chiv Köln (Si­gna­tur: 208-342-3).

Literatur

Epp­le, An­ge­li­ka, Wer nicht füh­len kann, muss se­hen. Wirt­schafts­wer­bung am Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts, in: Paul, Ger­hard (Hg.): Das Jahr­hun­dert der Bil­der, Band 1: 1900 bis 1949. Göt­tin­gen 2009, S. 84–92.

Joest, Hans-Jo­sef, Stoll­werck. Das Aben­teu­er ei­ner Welt­mar­ke. Köln 1989.

Kuske, Bru­no, 100 Jah­re Stoll­werck-Ge­schich­te. Leip­zig 1939.

O. A., Franz Stoll­werck. Be­grün­der der Stoll­werck’schen Cho­ko­la­den-Fa­brik in Köln a. Rh., in: His­to­risch-bio­gra­phi­sche Blät­ter. In­dus­trie, Han­del und Ge­wer­be. o. O. 1898.

Online

Be­stand des Ar­chivs der Stoll­werck AG (In­for­ma­ti­on im PDF-For­mat auf der Web­site der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer Köln). [On­line]

Die Ge­schich­te des Un­ter­neh­mens Stoll­werck (Web­site der Fir­ma Stoll­werck). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Junggeburth, Tanja, Franz Stollwerck, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-stollwerck/DE-2086/lido/57c955e80d45a4.76970739 (11.11.2018)