Franz Xaver Hellner

Goldschmied (1819–1901)

Eva-Maria Willemsen (Kempen)

Monstranz, 1887, Katholische Propsteipfarre St. Mariae Geburt Kempen. (Kreisarchiv Viersen)

Franz Xa­ver Hell­ner war ei­ner der füh­ren­den rhei­ni­schen Ver­tre­ter der sa­kra­len Gold­schmie­de­kunst des His­to­ris­mus. Das „Eta­blis­se­ment Franz Xa­ver Hell­ner Kem­pen a/Rhein“ war spe­zia­li­siert auf Neu­an­fer­ti­gung und Re­stau­rie­rung von lit­ur­gi­schem Ge­rät und Kir­chen­schmuck in dem von den kirch­li­chen Auf­trag­ge­bern seit et­wa 1850 be­vor­zug­ten neu­go­ti­schen Stil. Vom Gold­schmied wur­de so­wohl ge­naue Kennt­nis des Sti­les der mit­tel­al­ter­li­chen Vor­bil­der als auch Be­herr­schung der his­to­ri­schen hand­werk­li­chen Tech­ni­ken er­war­tet. Ge­ra­de we­gen ih­rer her­aus­ra­gen­den hand­werk­li­chen Qua­li­tä­ten wur­den Hell­ners Ar­bei­ten be­son­ders hoch­ge­schätzt.

Franz Xa­ver Hell­ner wur­de am 6.12.1819 als ers­tes Kind der Ehe­leu­te Franz Hell­ner (1792–1868) und Mar­ga­re­the, ge­bo­re­ne Feld­mann (1795–1838), in Rons­dorf (heu­te Stadt Wup­per­tal) ge­bo­ren. Der aus ei­ner At­ten­d­or­ner Bau­ern­fa­mi­lie stam­men­de Va­ter war Schrei­ner. Über Kind­heit und Ju­gend so­wie den Aus­bil­dungs­gang Hell­ners ist nichts be­kannt. 1844 hei­ra­te­te er The­re­sia (1799–1874), die jüngs­te Toch­ter des 1834 ver­stor­be­nen Kem­pe­ner Gold­schmie­des Carl Be­ne­dict God­froyd. Im fol­gen­den Jahr führt das Kem­pe­ner Adress­buch Hell­ner als „Gold- und Sil­ber­ar­bei­ter“ auf.

 

An­fäng­lich ka­men die kirch­li­chen Auf­trä­ge, um die er mit dem re­nom­mier­ten Kre­fel­der Gold­schmied Franz Xa­ver Dut­zen­berg (ge­bo­ren 1822) kon­kur­rier­te, spär­lich und nur aus der nä­he­ren Um­ge­bung. Die Emp­feh­lung des Müns­te­ra­ner Bi­schofs Jo­hann Ge­org Mül­ler (Epis­ko­pat 1847-1870), in der ihm 1854 gro­ße Sorg­falt u. Sau­ber­keit der Ar­beit so­wie ein ge­schick­tes Ein­ge­hen in die For­men des got­hi­schen Styls be­schei­nigt wur­de, scheint ihm den Zu­gang zu über­re­gio­na­len kirch­li­chen Auf­trag­ge­bern er­leich­tert zu ha­ben. Dass Hell­ner 1858 die Re­stau­rie­rung des ro­ma­ni­schen Deut­zer He­ri­bertschrei­nes über­tra­gen wur­de, be­legt, dass er sich als Re­stau­ra­tor in­zwi­schen ei­nen Na­men ge­macht hat­te. Im glei­chen Jahr er­lang­te er durch die Be­kannt­schaft mit dem Ut­rech­ter Pries­ter Ge­rard van Heu­kel­um (1834–1910), ei­nem ein­fluss­rei­chen Ver­fech­ter der Neu­go­tik, Zu­gang zum nie­der­län­di­schen Markt. Van Heu­kel­um emp­fahl sei­nen Mit­brü­dern die Hell­ner­schen Ar­bei­ten und in­iti­ier­te die ge­schäft­li­che Ver­bin­dung mit dem Ut­rech­ter Kup­fer- und Gold­schmied Ge­rard Bar­tel Brom (1831–1882). Ab 1865 ver­trieb Brom Gold­schmie­de­ar­bei­ten aus der Kem­pe­ner Werk­statt in den Nie­der­lan­den. Seit den 1860er Jah­ren ex­por­tier­te die Werk­statt auch nach Bel­gi­en.

Die Teil­nah­me an der Aa­che­ner „Aus­stel­lung von neu­ern Meis­ter­wer­ken mit­tel­al­ter­li­cher Kunst“ 1862, bei der Hell­ner mit 38 Ar­bei­ten ver­tre­ten war, mar­kiert sei­nen end­gül­ti­gen Auf­stieg in den Kreis der füh­ren­den rhei­ni­schen Sa­kral-Gold­schmie­de. Dies spie­gelt sich auch in den Mit­ar­bei­ter­zah­len wi­der. Be­schäf­tig­te Hell­ner 1866 noch acht, so stieg die Zahl 1889 auf 16 An­ge­stell­te. Um 1870 er­lang­te er am Nie­der­rhein ei­ne markt­be­herr­schen­de Po­si­ti­on und ei­nen wach­sen­den Kun­den­stamm. In zwei­ter Ehe war Hell­ner ab 1875 mit An­ne Ma­rie Eli­sa­beth Men­den (1832–1887) ver­hei­ra­tet. Da auch die­se Ehe kin­der­los blieb, setz­te Hell­ner nach ih­rem To­de  ein neu­es Tes­ta­ment auf, in dem er nun sei­nen Nef­fen Ri­chard (1864–1944) als sei­nen Uni­ver­sal­er­ben und Tes­ta­ments­voll­stre­cker ein­setz­te. Ri­chard Hell­ner hat­te 1877 bis 1883 in Lüt­tich ei­ne Aus­bil­dung zum „cise­leur“ ab­sol­viert und war schon bald dar­auf in die Kem­pe­ner Werk­statt ein­ge­tre­ten.

1894 ver­kauf­te Hell­ner die Werk­statt an sei­nen Nef­fen, der sie un­ter dem Na­men sei­nes On­kels wei­ter­führ­te und eben­falls die Si­gna­tur „F.X. Hell­ner“ ver­wen­de­te. Noch im glei­chen Jahr über­sie­del­te Ri­chard Hell­ner nach Köln und er­rich­te­te ei­ne Dé­pen­dance. Bei­des schwäch­te das Kem­pe­ner Ge­schäft und führ­te 1898 zu sei­ner Schlie­ßung. 1894 zog Franz Xa­ver Hell­ner in den Haus­halt sei­nes Nef­fen, wo er am 19.5.1901 ver­starb. Bei­ge­setzt wur­de er auf dem Al­ten Fried­hof in Kem­pen.

Monstranz, 1887, Katholische Propsteipfarre St. Mariae Geburt Kempen. (Kreisarchiv Viersen)

 

Selbst­be­wusst schrieb der er­folg­rei­che Gold­schmied 1878 auf sei­ner Ge­schäfts­kar­te: Ich er­lau­be mir, mein Eta­blis­se­ment, das ers­te die­ser Bran­che, dem hochw. Cle­rus u. den ver­ehrl. Kir­chen­vor­stän­den bes­tens zu emp­feh­len. Hell­ner ar­bei­te­te nicht nur für die ka­tho­li­sche Kir­che, sie spiel­te auch in sei­nem per­sön­li­chen Le­ben ei­ne gro­ße Rol­le. So en­ga­gier­te er sich un­ter an­de­rem im Ka­tho­li­schen Ge­sel­len­ver­ein, in der Zen­trums­par­tei und war lang­jäh­ri­ges Mit­glied im Kir­chen­vor­stand der Pfarr­ge­mein­de St. Ma­riae Ge­burt Kem­pen.

Geschäftskarte Franz Xaver Hellner, 1878, Ausschnitt. (Nijmegen Katholiek Documentatie Center, Archief Edelsmidse Brom)

 

Die auf der Ge­schäfts­kar­te Hell­ners ab­ge­bil­de­ten Ge­gen­stän­de re­prä­sen­tie­ren fast die ge­sam­te Pro­dukt­pa­let­te: Kel­che mit zu­ge­hö­ri­ger Pa­te­ne und Löf­fel­chen, Mons­tran­zen, Re­li­quia­re, Zi­bo­ri­en, Leuch­ter, Ver­seh­ge­rä­te, Altar­kreu­ze, Weih­rauch­fäs­ser und wei­te­res Klein­ge­rät. Zu­gleich gibt sie Aus­kunft über den Um­fang der Pro­duk­ti­on bis zum Jahr 1878. Ge­nannt wer­den un­ter an­de­rem 1.480 sil­ber­v­er­gol­de­te Kel­che, 600 Mons­tran­zen und 850 Zi­bo­ri­en. Hoch­ge­rech­net sind in den 50 Jah­ren des Werk­statt­be­ste­hens al­so zwi­schen 8.000 und 10.000 Ob­jek­te, dar­un­ter auch die in gro­ßen Stück­zah­len an­ge­fer­tig­ten Leuch­ter, ent­stan­den. Zu den her­aus­ra­gen­den Wer­ken Hell­ners ge­hö­ren der Re­li­qui­en­schrein für die Mär­ty­rer von Gor­cum in der Pfarr­kir­che St. Ni­co­las in Brüs­sel (1870), der Al­tar für St. Dio­ny­si­us in Kre­feld (1887) so­wie drei ge­trie­be­ne Sitz­ma­don­nen für Kir­chen in den Nie­der­lan­den und in Köln. Hell­ner konn­te in der Zeit nach dem En­de des Kul­tur­kamp­fes von der ge­stie­ge­nen Nach­fra­ge nach hand­werk­lich her­ge­stell­tem lit­ur­gi­schem Ge­rät zur Aus­stat­tung der vie­len Kir­chen­neu­bau­ten oder Kir­chen­er­wei­te­run­gen und dem wirt­schaft­li­chen Auf­schwung der Grün­der­zeit­jah­re pro­fi­tie­ren. Den ho­hen ma­te­ri­el­len Wert der Stü­cke il­lus­triert die Re­la­ti­on zwi­schen dem Kauf­preis ei­ner Mons­tranz für die Kem­pe­ner Pfarr­kir­che St. Ma­riae Ge­burt, der 36.000 Mark be­trug und dem durch­schnitt­li­chen Jah­res­lohn ei­nes Spin­ne­rei­ar­bei­ters, der 1870 480 Mark ver­dien­te.

Die Hell­ner­sche Werk­statt be­saß ei­nen gro­ßer Fun­dus an un­ter­schied­li­chen Vor­la­gen. Ne­ben zahl­rei­chen Zeich­nun­gen und Fo­to­gra­fi­en nutz­te sie Ab­güs­se oder Ab­drü­cke von mit­tel­al­ter­li­chen Ori­gi­na­len, die Hell­ner und sei­ne Mit­ar­bei­ter selbst re­stau­riert hat­ten, oder Ab­for­mun­gen, die Pu­bli­ka­tio­nen bei­ge­legt wa­ren. In­di­vi­du­el­le Ent­wür­fe für an­spruchs­vol­le Kun­den ließ Hell­ner haupt­säch­lich von dem Köl­ner Diö­ze­san­bau­meis­ter Hein­rich Wietha­se (1833–1893) an­fer­ti­gen. Dar­über hin­aus stan­den ihr ge­druck­te Vor­la­gen wie die im „Or­gan für christ­li­che Kunst“ pu­bli­zier­ten Zeich­nun­gen vor­bild­li­cher mit­tel­al­ter­li­cher Gold­schmie­de­wer­ke und Ent­wür­fe zeit­ge­nös­si­scher Ar­chi­tek­ten wie zum Bei­spiel Vin­cenz Statz (1819–1898) zur Ver­fü­gung.

Un­ter den Gold­schmie­den sei­ner Ge­ne­ra­ti­on war Hell­ner der­je­ni­ge, der die meis­ten Ko­pi­en und Va­ria­tio­nen nach be­rühm­ten mit­tel­al­ter­li­chen Vor­bil­dern an­fer­tig­te. Bei­spie­le für Ko­pi­en sind zwei Bi­schofs­stä­be im Köl­ner und Os­na­brü­cker Dom­schatz nach ei­nem Köl­ner Ori­gi­nal des 14. Jahr­hun­derts. Um­fang­rei­cher ist die Grup­pe der Wer­ke, die in Tech­nik und Iko­no­gra­phie vom mit­tel­al­ter­li­chen Ori­gi­nal ab­wei­chen. So sind zum Bei­spiel von dem so­ge­nann­ten Gou­da-Kelch von 1425, den Hell­ner 1872 re­stau­riert hat­te, bis­her sechs Va­ri­an­ten be­kannt. Da­ne­ben ent­stan­den Wer­ke, die un­ter Bei­be­hal­tung der durch die Pro­to­ty­pen ge­ge­be­nen Grund­struk­tur go­ti­sche und ei­ge­ne go­ti­sie­ren­de Stil­ele­men­te ver­satz­stück­ar­tig neu kom­bi­nie­ren. Bei Ar­bei­ten, die in ih­rer Ge­samt­er­schei­nung nicht auf be­stimm­te Vor­bil­der zu be­zie­hen sind, schöpf­te Hell­ner über­wie­gend aus dem For­men­re­per­toire ro­ma­ni­scher Gold­schmie­de­wer­ke, ach­te­te aber auch hier trotz grö­ße­rer schöp­fe­ri­scher Frei­hei­ten auf Stil­rein­heit.

Vie­le der mehr als 30 Ob­jek­te, die Hell­ner für sei­nen be­deu­tends­ten Auf­trag­ge­ber, die Kem­pe­ner Pfarr­ge­mein­de St. Ma­riae Ge­burt, an­fer­tig­te, sind im Mu­se­um für Nie­der­rhei­ni­sche Sa­kral­kunst in Kem­pen aus­ge­stellt.

Quellen

Ge­schäfts­kar­te von 1878, Ni­j­me­gen Ka­tho­liek Do­cu­men­ta­tie Cen­ter, Ar­chief Edels­mid­se Brom.

Literatur

Falk, Bir­git­ta, Das „Eta­blis­se­ment F.X. Hell­ner Kem­pen A/Rhein“, in: So­li Deo Glo­ria, Das Mu­se­um für Nie­der­rhei­ni­sche Sa­kral­kunst in der Pa­ters­kir­che Kem­pen, hg. von Eli­sa­beth Frie­se, Kem­pen 2005, S. 88–108.

Falk, Bir­git­ta, Eta­blis­se­ment Franz Xa­ver Hell­ner Kem­pen a/Rhein (1844–1894). Ei­ne rhei­ni­sche Gold­schmie­de­werk­statt im His­to­ris­mus. Le­ben und Werk nie­der­rhei­ni­scher Künst­ler, Kre­feld 1994.

Online

Stadt Kem­pen, Mu­se­um für Nie­der­rhei­ni­sche Sa­kral­kunst

Variation Hellners nach dem so genannten Gouda-Kelch von 1425, 1888, Katholische Propsteipfarre St. Mariae Geburt Kempen.

 
Zitationshinweis

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Willemsen, Eva-Maria, Franz Xaver Hellner, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/franz-xaver-hellner/DE-2086/lido/57c82a53de4d30.66944018 (24.04.2018)