Fritz Gräbe

Retter verfolgter Juden und Polen (1900-1986)

Horst Sassin (Solingen)

Fritz Gräbe, Porträtfoto.. (Privatbesitz)

Fritz Grä­be wur­de als Ge­schäfts­füh­rer und Bau­in­ge­nieur ei­ner So­lin­ger Bau­fir­ma im be­setz­ten Wol­hy­ni­en (west­li­che Ukrai­ne) 1941/1942 Zeu­ge der Mas­sen­er­schie­ßun­gen an Ju­den. Er ent­schloss sich zum Schutz „sei­ner" Ju­den, die er teil­wei­se mit fal­schen Pa­pie­ren aus­stat­te­te und ret­te­te. Nach 1945 ver­fass­te er ei­ne Zeu­gen­aus­sa­ge für den Nürn­ber­ger Haupt­kriegs­ver­bre­cher­pro­zess. Da er po­li­tisch an­ge­fein­det wur­de, konn­te er in sei­ner Hei­mat nicht mehr Fuß fas­sen und wan­der­te 1948 in die USA aus. 

Her­mann Fried­rich Grä­be wur­de am 19.6.1900 in Gräf­rath, da­mals Kreis So­lin­gen, als Sohn ei­nes We­bers ge­bo­ren und evan­ge­lisch ge­tauft. Er be­such­te ­die Volks­schu­le, lern­te Stahl­wa­ren­fach­ar­bei­ter, ar­bei­te­te zwi­schen­zeit­lich als Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter und bil­de­te sich zum Bau­in­ge­nieur wei­ter. 1924 hei­ra­te­te er die We­be­rin Eli­sa­beth Sta­der nicht in sei­ner Gräf­ra­ther Kir­che, die ei­nen deutsch­na­tio­na­len Pfar­rer hat­te, son­dern in der Kir­che Ketz­berg, de­ren Pfar­rer Dr. Hans Hart­mann links­so­zia­lis­tisch und pa­zi­fis­tisch ein­ge­stellt war. Ei­ne nächs­te po­li­ti­sche Ent­schei­dung voll­zog er erst mit sei­nem Ein­tritt in die NS­DAP im Sep­tem­ber 1931, mit der er Mit­te der 1930er Jah­re brach. 1938, in­zwi­schen bei der Fir­ma Jo­sef Jung in So­lin­gen-Wald an­ge­stellt, wur­de Grä­be mit ei­nem Bau­ab­schnitt des West­walls bei Jün­kerath be­auf­tragt. Im Au­gust/Sep­tem­ber 1941 er­hielt er den Auf­trag der Or­ga­ni­sa­ti­on Todt, im be­setz­ten so­wje­ti­schen Ge­biet Aus­bes­se­rungs- und Re­pa­ra­tur­auf­ga­ben durch­zu­füh­ren. Sei­ne Haupt­nie­der­las­sung rich­te­te er in Sdol­bu­now (Wol­hy­ni­en) ein, Fi­lia­len wur­den in Row­no, Dub­no, Misotsch, Ost­rog, Pol­ta­wa und an an­de­ren Or­ten er­rich­tet.

Sein Schlüs­sel­er­leb­nis war die Er­fah­rung der Recht­lo­sig­keit der Ju­den im deutsch be­setz­ten Ter­ri­to­ri­um. Aus sei­ner christ­li­chen Er­zie­hung her­aus ver­schaff­te er zahl­rei­chen Ju­den in sei­nen Fir­men­fi­lia­len Ar­beit, schütz­te sie und ver­sorg­te sie aus ei­ge­nem An­trieb mit me­di­zi­ni­schen Mit­teln. Als im Ju­li 1942 das Ge­rücht ei­nes be­vor­ste­hen­den Po­groms im Ghet­to von Row­no an ihn her­an­ge­tra­gen wur­de, er­reich­te er in Ver­hand­lun­gen mit dem Stabs­lei­ter des Ge­biets­kom­mis­sars von Row­no, Beck, die schrift­li­che Er­laub­nis zur Über­füh­rung sei­ner jü­di­schen Be­schäf­tig­ten nach Sdol­bu­now. Tat­säch­lich be­gann der Po­grom frü­her als an­ge­kün­digt. In der Nacht vom 13. zum 14.7.1942 be­wach­te Grä­be mit ei­ni­gen füh­ren­den Mit­ar­bei­tern die Un­ter­kunft sei­ner Be­schäf­tig­ten im Ghet­to Row­no. In der Frü­he des 14. Ju­li zog er an der Spit­ze sei­ner 73 jü­di­schen Mit­ar­bei­ter, die Ma­schi­nen­pis­to­le in der rech­ten, den Er­laub­nisschein in der lin­ken Hand, zu Fuß aus dem um­stell­ten Ghet­to in das 12 Ki­lo­me­ter ent­fern­te Sdol­bu­now. Un­ter­wegs schlos­sen sich sei­nem Zug jü­di­sche Flücht­lin­ge an, die sich in den Fel­dern und im Ge­büsch am We­ges­rand ver­steckt ge­hal­ten hat­ten.

Ein Vier­tel­jahr spä­ter fan­den die gro­ßen Po­gro­me statt, mit de­nen die ver­blie­be­nen Ghet­tos in Wol­hy­ni­en auf­ge­löst und die Ju­den in Mas­sen­schie­ßun­gen er­mor­det wur­den. Grä­be selbst war Zeu­ge der Po­gro­me in Dub­no (5.10.1942), Sdol­bu­now (13.10.1942) und Ost­rog (14.10.1942). Um wei­te­re Zeu­gen für die­se Ver­bre­chen zu ha­ben, nahm er ver­trau­ens­wür­di­ge deut­sche und pol­ni­sche An­ge­stell­te mit zu den Tat­or­ten. Ju­den, die Grä­be mit ‚a­ri­schen’ Pa­pie­ren aus­ge­stat­tet hat­te oder die er in il­le­ga­len Schein-Fi­lia­len, et­wa in Pol­ta­wa, un­ter­ge­bracht hat­te, über­leb­ten die Mas­sa­ker, die Wol­hy­ni­en im Na­zi-Jar­gon „ju­den­rein" zu­rück­lie­ßen. Seit­her be­schäf­tig­te Grä­be ver­mehrt pol­ni­sche Ar­bei­ter und An­ge­stell­te, durch die er auch in Kon­takt mit der im Un­ter­grund wir­ken­den bür­ger­li­chen „Ar­mee im Lan­de" (Ar­mi­ja Kra­jo­wa, AK) kam. Im Ok­to­ber 1943 ge­lang Grä­be die Be­frei­ung des Mi­li­tär­kom­man­deurs der AK in Wol­hy­ni­en, Ka­zi­mierz Bes­sen­dow­ski, und von rund 50 wei­te­ren AK-Il­le­ga­len aus dem Ge­fäng­nis des Si­cher­heits­diens­tes in Row­no. Wie die jü­di­schen, so be­stä­tig­ten auch die pol­ni­schen Be­schäf­tig­ten nach 1945 Grä­bes mensch­li­che Grund­hal­tung.

We­gen der schnell vor­rü­cken­den Ro­ten Ar­mee im Sü­den der So­wjet­uni­on zog Grä­be mit ei­nem Son­der­zug nach West­deutsch­land, wo er sich im Sep­tem­ber 1944 bei Aa­chen von den al­li­ier­ten Trup­pen ein­ho­len ließ. Er stell­te sich der US Ar­my War Cri­mes Agen­cy als Zeu­ge zur Er­mitt­lung der deut­schen Kriegs­ver­bre­chen in Wol­hy­ni­en zur Ver­fü­gung. Sei­ne Aus­sa­ge für den Haupt­kriegs­ver­bre­cher­pro­zess in Nürn­berg über die Po­gro­me in Row­no und in Dub­no fan­den Ein­gang in das Schluss­plä­doy­er des bri­ti­schen Staats­an­walts Sir Hart­ley Shaw­cross und in zahl­rei­che Do­ku­men­ta­tio­nen zur NS-Zeit. Da er nach Be­kannt­wer­den sei­ner Aus­sa­ge An­fein­dun­gen und Mord­dro­hun­gen er­hielt, ent­schloss er sich 1948, mit sei­ner Fa­mi­lie in die USA zu emi­grie­ren. Dort ge­lang es ihm, ei­ne Bau­fir­ma zu er­rich­ten. Er schloss sich der lu­the­ri­schen Kir­chen­ge­mein­de, ei­ner Frei­mau­rer­lo­ge und dem deut­schen Klub in San Fran­cis­co an, den er auch ei­ne Zeit­lang lei­te­te. Als er sich 1954 ein­bür­gern ließ, ame­ri­ka­ni­sier­te er sei­nen Na­men zu Her­man F. (Fre­de­rick) Gra­e­be. 

Für sei­ne Ret­tungs­ta­ten im Zwei­ten Welt­krieg wur­de er 1965 von Yad Vas­hem als ei­ner der ers­ten Deut­schen als „Ge­rech­ter un­ter den Völ­kern" ge­ehrt. Nach­dem der neue, na­tio­nal­so­zia­lis­tisch vor­be­las­te­te Ver­tei­di­ger des Ge­biets­kom­mis­sars von Sdol­bu­now, Ge­org Mar­schall, das Re­vi­si­ons­ver­fah­ren des zu­vor zu le­bens­läng­li­cher Haft ver­ur­teil­ten Man­dan­ten durch­ge­setzt hat­te, in dem er Grä­be und elf über­le­ben­de Zeu­gen mit frag­wür­di­gen Mein­eids­ver­fah­ren über­zog, wur­de Mar­schalls Stra­fe auf fünf Jah­re Haft her­ab­ge­setzt. Grä­be muss­te da­durch sei­ne Glaub­wür­dig­keit in Zwei­fel ge­zo­gen se­hen. Be­son­de­ren An­teil dar­an hat­te ein Ar­ti­kel des Ma­ga­zins „Der Spie­gel" von En­de 1965, der we­sent­lich von dem Ver­tei­di­ger Mar­schalls be­ein­flusst wor­den war und meh­re­re Fäl­schun­gen ent­hielt. Bis zu sei­nem Tod am 17.4.1986 kehr­te Grä­be nicht mehr nach Deutsch­land zu­rück, wäh­rend die bür­ger­li­che Öf­fent­lich­keit und die Rechts­ex­tre­mis­ten sich wei­ter­hin auf den „Spie­gel"-Ar­ti­kel be­rie­fen. 

Das Blatt wen­de­te sich in der Fol­ge von Ste­ven Spiel­bergs Film „Schind­ler’s Lis­te", als auch nach lo­ka­len Ju­den­ret­tern ge­fragt wur­de. Mit Hil­fe von Zeu­gen­aus­sa­gen und Zeu­gen­schrif­ten aus Deutsch­land, Lu­xem­burg, Po­len, Is­ra­el und den USA konn­te nun Grä­bes Ret­tungs­tä­tig­keit erst­mals in brei­ter Form do­ku­men­tiert wer­den. Auch der „Spie­gel" nahm nun von sei­nem pro­ble­ma­ti­schen Ar­ti­kel Ab­stand. Zu Grä­bes zehn­ten To­des­tag wur­de 1996 ei­ne Ge­denk­ta­fel an sei­nem Wohn­haus in So­lin­gen-Gräf­rath an­ge­bracht, und zu sei­nem 100. Ge­burts­tag wur­de das Gräf­ra­ther Ju­gend­zen­trum nach Fritz Grä­be be­nannt. Da­mit wur­de Grä­be we­nigs­tens post­hum auch in sei­ner Hei­mat re­ha­bi­li­tiert. 

Quellen

Ho­fer, Wal­ter, Der Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Do­ku­men­te, Frank­furt a.M. 1957.

Literatur

Hu­n­e­ke, Dou­glas K., In Deutsch­land un­er­wünscht. Her­mann Grä­be. Bio­gra­phie ei­nes Ju­den­ret­ters, Lü­ne­burg 2002.

Ro­man, Jo­zef, Eks­po­sy­tu­ra „Wschód Wo­lyn", in: Zy­cie na kra­wed­zi. Ws­pom­ni­en­ia zol­nier­zy an­ty­hit­le­row­skie­go wy­wia­du. War­schau 1980, S. 220-238.

Sas­sin, Horst, Grä­bes Lis­te von 1942: Ret­tung aus ei­ne­m ­Po­grom in Row­no, in: Die Hei­mat [So­lin­gen] 21 (2005), S. 68-71.

Sas­sin, Horst, Fritz Grä­be. Ein So­lin­ger Bau­in­ge­nieur im wol­hy­ni­schen Ho­lo­caust, in: Zeit­schrift des Ber­gi­schen Ge­schichts­ver­eins 97 (1999), S. 205-256.

Spec­tor, Shmu­el, The Ho­lo­caus­t of the Vol­hy­ni­an Je­ws, 1941-1944, Je­ru­sa­lem 1990.

Online

The Wit­ness to Mur­der Who De­ci­ded to Ac­t (Ar­ti­kel in eng­li­scher Spra­che über Her­mann Fried­rich Grä­be auf der Home­page The Righ­teous Among The Na­ti­ons). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Sassin, Horst, Fritz Gräbe, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/fritz-graebe/DE-2086/lido/57c6d57e032fd6.00418826 (13.12.2018)