Gerhard Storm

NS-Widerstandskämpfer (1888-1942)

Jennifer Striewski (Bonn)

Gerhard Storm, Porträtfoto, 1930er Jahre. (Nachlass Storm)

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Ger­hard Storm war ein ka­tho­li­scher Pries­ter, der we­gen sei­ner re­gime­kri­ti­schen Pre­dig­ten wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs von der Ge­sta­po fest­ge­nom­men und im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au in­ter­niert wur­de, wo er am 20.8.1942 starb.

 

Ge­bo­ren am 1.4.1888 in Sons­feld bei Hal­dern (heu­te Stadt Rees), wuchs Ger­hard Storm zu­sam­men mit zwei Schwes­tern bei sei­nem Va­ter auf, da die Mut­ter bei sei­ner Ge­burt ums Le­ben ge­kom­men war. Storm be­such­te zu­nächst die Schu­le in Ven­lo und Bir­ken­feld und stu­dier­te an­schlie­ßend an der West­fä­li­schen Wil­helms-Uni­ver­si­tät in Müns­ter Theo­lo­gie.

Nach­dem er am 8.3.1913 im Dom zu Müns­ter die Pries­ter­wei­he emp­fan­gen hat­te, wirk­te er bis 1920 als Ka­plan der Pfarr­ge­mein­de Sankt Mar­ti­ni in We­sel. Am 19.5.1920 be­gann Storm sei­ne Tä­tig­keit als Ka­plan der Pfarr­ge­mein­de Sankt Adel­gun­dis in Em­me­rich, wo er un­ter an­de­rem mit der Re­dak­ti­on der Kir­chen­pres­se be­traut wur­de.

In Em­me­rich en­ga­gier­te sich Storm ins­be­son­de­re in der Ju­gend­ar­beit; ab 1925 gab er ne­ben sei­nen seel­sor­ge­ri­schen Tä­tig­kei­ten an den Be­rufs­schu­len der Stadt Em­me­rich „le­bens­kund­li­chen Un­ter­richt", der auf ein re­flek­tier­tes und ethisch ver­ant­wor­tungs­vol­les Han­deln und Ent­schei­den sei­ner Schü­ler ab­ziel­te.

Gerhard Storm als Schüler in Venlo, Porträtfoto, um 1905. (Nachlass Storm)

 

Am 1.4.1931 schloss die Stadt Em­me­rich mit Storm ei­nen Ver­trag, in dem er sich ver­pflich­te­te, den Un­ter­richt bis zu sei­nem 65. Le­bens­jahr durch­zu­füh­ren. Zu­sätz­lich zum „le­bens­kund­li­chen Un­ter­richt" an den Be­rufs­schu­len soll­te er laut Ver­trag auch den Re­li­gi­ons­un­ter­richt am ka­tho­li­schen Ly­ze­um über­neh­men. Ger­hard Storm wur­de bald zum Seel­sor­ger und geist­li­chen Be­glei­ter für vie­le jun­ge Men­schen. Ne­ben sei­ner Lehr­tä­tig­keit setz­te er sich in­ten­siv für die ka­tho­li­sche Ju­gend ein und be­tei­lig­te sich an der Er­rich­tung ei­nes ka­tho­li­schen Ju­gend­hei­mes.

Nach der „Macht­er­grei­fung" der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten am 30.1.1933 soll­te die­ser Ver­trag je­doch mit Be­zug auf das „Gleich­stel­lungs­ge­setz zur Wie­der­her­stel­lung des Be­rufs­be­am­ten­tums" vom 7.4.1933 auf­ge­löst wer­den. Da­ge­gen klag­te Storm in ei­nem Pro­zess ge­gen die Stadt die ihm durch die Kün­di­gung des Ver­tra­ges ent­gan­ge­nen Ge­halts- be­zie­hungs­wei­se Pen­si­ons­be­zü­ge bis 1936 er­folg­reich ein. Wäh­rend des zwei Jah­re dau­ern­den Ver­fah­rens leb­te Storm aus Mit­teln des Kir­chen­vor­stan­des und en­ga­gier­te sich ver­mehrt in der Pfarr­seel­sor­ge.

Bis zu sei­nem Schreib­ver­bot durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten am 25.3.1936 zeich­ne­te Storm ver­ant­wort­lich für die Text­ge­stal­tung des „Ka­tho­li­schen Kir­chen­blat­tes Be­zirk Nörd­li­cher Nie­der­rhein" der Diö­ze­se Müns­ter. In den Kir­chen­zei­tun­gen ver­öf­fent­li­che er im­mer wie­der Ar­ti­kel, die sich mit der Fra­ge ­nach der Le­gi­ti­ma­ti­on des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus und dem Ver­hält­nis von Kir­che und Staat be­fass­ten. We­gen sei­ner kri­ti­schen Äu­ße­run­gen ge­gen­über dem NS-Re­gime stand Storm seit dem 28.11.1935 un­ter Be­ob­ach­tung der Ge­sta­po-Leit­stel­le Düs­sel­dorf. 1936 muss­te Storm auf­ ­Druck der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auch sei­ne Tä­tig­keit als Schrift­lei­ter und Au­tor des Em­me­ri­cher Kir­chen­blat­tes auf­ge­ben.

In Fol­ge des Ver­bots kirch­li­cher Ju­gend­ver­bän­de 1938 ver­teil­te Strom je­den Mo­nat an die ihm an­ver­trau­ten Ju­gend­li­chen ei­nen selbst­ver­fass­ten Rund­brief, um ih­nen in ei­ner schwe­ren Zeit Un­ter­stüt­zung und ei­ne Ori­en­tie­rungs­hil­fe zu bie­ten.

Am 29.4.1939 ver­such­te die Ge­sta­po, Storm we­gen des Auf­rufs zu ei­ner Le­bens­mit­tel­samm­lung für ka­ri­ta­ti­ve Zwe­cke zu ver­haf­ten. Ge­gen ihn wur­de we­gen Über­tre­tung des Samm­lungs­ver­bo­tes er­mit­telt, doch kam es zu kei­ner An­kla­ge. Ger­hard Storm galt als „po­li­tisch un­zu­ver­läs­sig", die Über­wa­chung durch die Ge­sta­po ver­schärf­te sich. Seit Au­gust 1941 wur­de auch sei­ne Post kon­trol­liert. An­halts­punk­te für ei­ne Ver­haf­tung fan­den sich je­doch zu­nächst nicht.

Wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs wur­de Ger­hard Storm in Em­me­rich als La­za­rett­pfar­rer ver­pflich­tet. Mit ei­ner Pre­digt zum Fest der Hei­li­gen Fa­mi­lie am 11.1.1942 bot Storm den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten schlie­ß­lich doch ei­nen Grund für ei­ne Fest­nah­me. Be­son­ders die Stel­le "Ge­nau so gin­ge es ei­nem Staa­te, der durch Ge­set­ze und Ver­ord­nun­gen das mor­sche Staats­ge­bil­de künst­lich auf­putz­te und so wei­ter. Auch die­ses Staats­ge­bil­de brä­che zu­sam­men, wenn die Zeit da sei" hob die Ge­sta­po her­vor und wer­te­te sie als di­rek­ten An­griff auf das Re­gime.

Bei den an­schlie­ßen­den Haus­durch­su­chun­gen wur­den die Ori­gi­na­le der Pre­dig­ten vom 11.1.1942, die Pre­digt „Das Heil kommt von den Ju­den" aus dem Jahr 1938 so­wie 95 wei­te­re Pre­dig­ten be­schlag­nahmt. Au­ßer­dem er­folg­te am 25.3.1942 ei­ne Ver­neh­mung Storms in Em­me­rich. Am 15.5.1942 wur­de er schlie­ß­lich fest­ge­nom­men und im Em­me­ri­cher Po­li­zei­ge­fäng­nis in­haf­tiert und am 18.5.1942 in das Män­ner­ge­fäng­nis Düs­sel­dorf ge­bracht, von wo aus er am 23.7.1942 ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au über­führt wur­de. Von ei­nem Lun­gen­lei­den stark ge­schwächt, starb Ger­hard Storm dort am 20.8.1942 an den Fol­gen der Haft.

Sei­ne Ur­ne wur­de zu­nächst an sei­ne bei­den Schwes­tern über­ge­ben und auf dem Fried­hof in Hal­dern bei­ge­setzt, be­vor sie am 3.9.1966 in die Ge­denk­stät­te für neu­zeit­li­che Mär­ty­rer in der Kryp­ta des Xan­te­ner Do­mes über­führt wur­de. In Em­me­rich wur­de ei­ne Stra­ße nach Storm be­nannt.

Literatur

Bett­ray, Alex, Vor fünf­zig Jah­ren: Schreib­ver­bot für den Pries­ter und Re­li­gi­ons­leh­rer Ger­hard Storm, in: Ka­len­der für das Kle­ver Land 36 (1986), S. 32-36.

Goll­nick, Rü­di­ger, Die Über­wa­chung der Kir­chen in Em­me­rich, Speerl­berg und Hadeln am 23.8.1942 wur­de ver­an­lasst…, in: Ka­len­der für das Kle­ver Land 35 (1985), S. 20-23.

Goll­nick, Rü­di­ger, Vom Win­de nicht ver­weht: Ger­hard Storm, Pro­phet und Re­bell, Bad Hon­nef 1988.

Kloi­dt, Franz, KZ-Häft­ling Nr. 32281: Blut­zeu­ge Ger­hard Storm, Xan­ten 1966.

Moll, Hel­mut, Zeu­gen für Chris­tus: das deut­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um des 20.Jahr­hun­derts, Pa­der­born 1999, S. 449-452.

See­ger, Hans-Karl, "Storm, Ger­hard", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 21 (2003), Sp. 1472-1474.

Stee­ger, Karl-Heinz, Ger­hard Storm, in: Rund­brief In­ter­na­tio­na­ler Karl-Leis­ner-Kreis 36 (1997), S. 49-51.

Gerhard Storm als Kaplan, Porträtfoto, 1913. (Nachlass Storm)

 
Zitationshinweis

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Striewski, Jennifer, Gerhard Storm, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/gerhard-storm/DE-2086/lido/57c95690273fd6.37954499 (11.12.2018)