Hans Knappertsbusch

Dirigent (1888-1965)

Charlotte Kalenberg (Königswinter)

Der junge Hans Knappertsbusch (1888-1965). (George Grantham Bain Collection (Library of Congress))

Schlagworte

Hans Knap­perts­busch war ein be­deu­ten­der Di­ri­gent der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts. Er wirk­te vor al­lem in Bay­reuth, Mün­chen und Wien und wid­me­te sich in­ten­siv der spät­ro­man­ti­schen Oper, vor al­lem den Wer­ken Ri­chard Wag­ners und Ri­chard Strauss‘. Knap­perts­busch war je­ner Di­ri­gent, der nach dem Zwei­ten Welt­krieg zur Er­öff­nung des „neu­en Bay­reu­th“ den ers­ten Par­si­fal di­ri­gie­ren durf­te.

Hans Knap­perts­busch wur­de am 12.3.1888 in El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) als zwei­tes von drei Kin­dern des Spi­ri­tuo­sen-Fa­bri­kan­ten Gus­tav Knap­perts­busch (1850-1905) und sei­ner Ehe­frau Ju­lie, ge­bo­re­ne Wie­gand (1857-1913), ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war evan­ge­lisch-re­for­miert. Knap­perts­busch war der Ers­te in sei­ner Fa­mi­lie, der ei­nen Hang zur Mu­sik hat­te. Er er­hielt Mu­sik­un­ter­richt und be­reits in der Schul­zeit trat sein mu­si­ka­li­sches Ta­lent her­vor. Hat­ten die El­tern zu­nächst mit Stolz die ers­ten Di­ri­gier­ver­su­che des Soh­nes be­trach­tet, der auf dem Re­al­gym­na­si­um das Schü­ler­or­ches­ter di­ri­gier­te, stieß der Be­rufs­wunsch, da­mit die be­ruf­li­che Zu­kunft zu ge­stal­ten, al­ler­dings auf Wi­der­stand. Er soll­te Ge­schäfts­mann und im Bren­ner­ei­ge­schäft der Fa­mi­lie tä­tig wer­den. Nach dem Tod des Va­ters 1905 stand dem Mu­sik­stu­di­um des Soh­nes nichts mehr im We­ge. Knap­perts­busch be­such­te fort­an das Kon­ser­va­to­ri­um in Köln, wo er Di­ri­gier­un­ter­richt bei Fritz Stein­bach (1855-1916) und Ot­to Loh­se (1859-1925) nahm. Für das Kla­vier­spiel be­such­te er die Klas­se Laz­za­ro Uzi­el­lis (1861-1943). Gleich­zei­tig im­ma­tri­ku­lier­te er sich an der Uni­ver­si­tät Bonn und hör­te Vor­le­sun­gen in Phi­lo­so­phie und Mu­sik­wis­sen­schaft.

 

In der Mu­sik­welt fass­te er früh Fuß. 1909 - ein Jahr nach Stu­di­en­be­ginn - wur­de er in Mül­heim an der Ruhr in ei­nem klei­nen Thea­ter­un­ter­neh­men so­wie in Bo­chum be­schäf­tigt. Er blieb bis 1912. Zur glei­chen Zeit durf­te er in Bay­reuth Sieg­fried Wag­ner (1869-1930), dem Sohn Ri­chard Wag­ners und Hans Rich­ter (1843-1916) bei den Bay­reu­ther Fest­spie­len as­sis­tie­ren. Hans Rich­ter ge­wann ei­nen prä­gen­den Ein­fluss auf den Di­ri­gen­ten, vor al­lem in des­sen Lei­den­schaft für das Werk Ri­chard Wag­ners, dem Rich­ter sei­ner­zeit as­sis­tiert hat­te.

Knap­perts­buschs Kar­rie­re be­gann 1913 in El­ber­feld, wo er zum Opern­chef er­nannt wur­de. Da­für brach er ei­ne an der Uni­ver­si­tät Mün­chen be­gon­ne­ne, kurz vor der Voll­endung ste­hen­de Dis­ser­ta­ti­on mit dem Ti­tel „Über das We­sen der Kund­ry in Wag­ners Par­si­fal“.ab. Das Ma­nu­skript gilt als ver­schol­len. 1914 wur­de ihm die mu­si­ka­li­sche Lei­tung der Wag­ner-Fest­spie­le in Hol­land über­tra­gen. Knap­perts­busch gab sich den be­wun­der­ten Wer­ken Ri­chard Wag­ners hin und führ­te 1914 als ers­ter deut­scher Di­ri­gent den „Par­si­fal“ auf.

1918 hei­ra­te­te der jun­ge Mu­si­ker El­len Sel­ma Neu­haus (1896-1987). Die 1919 ge­bo­re­ne Toch­ter Ani­ta starb mit 19 Jah­ren an ei­nem Ge­hirn­tu­mor. Die Ehe wur­de 1926 ge­schie­den. 1926 hei­ra­te­te er in zwei­ter Ehe Ma­ri­on von Leip­zig (1898-1984). Die Ver­bin­dung blieb kin­der­los.

1918 über­nahm Knap­perts­busch das Amt des Opern­chefs in Leip­zig. Be­reits ein Jahr spä­ter - 1919 - wur­de er Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor am Fried­rich-Thea­ter (heu­te An­hal­ti­sches Thea­ter) in Des­sau und da­mit Deutsch­lands jüngs­ter Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor. Nach vier Jah­ren in Des­sau wech­sel­te er an die Staats­oper in Mün­chen und folg­te dort Bru­no Wal­ter (1876-1962) nach, des­sen Rück­tritt aus po­li­ti­schen und künst­le­ri­schen Grün­den nicht oh­ne Schwie­rig­kei­ten statt­fand.

In Mün­chen wur­de Knap­perts­busch bei Mit­ar­bei­tern wie Kon­zert­be­su­chern schnell zu ei­nem an­ge­se­he­nen und be­lieb­ten Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor; ne­ben Opern di­ri­gir­te er auch die Kon­zer­te im Ode­on. Die Ver­gü­tung da­für spen­de­te er der Mu­sik­aka­de­mie. 1923 wur­de er zum Pro­fes­sor er­nannt und kurz dar­auf zum „Ge­ne­ral­mu­sik­di­rek­tor auf Le­bens­zeit“. Doch da­zu soll­te es nicht kom­men, da der ei­gen­sin­ni­ge Di­ri­gent in Kon­flikt mit den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­riet.

1933 ver­fass­te Knap­perts­busch ei­nen öf­fent­li­chen Brief und in­iti­ier­te so ge­mein­sam mit Hans Pfitz­ner (1869-1949) den „Pro­test der Ri­chard-Wag­ner-Stadt Mün­chen“. Das Schrei­ben rich­te­te sich ge­gen Tho­mas Mann (1875-1955) und sein Es­say „Lei­den und Grö­ße Ri­chard Wag­ner­s“. Dar­in setz­te sich Mann mit dem Er­be Wag­ners aus­ein­an­der­setz­te, in­dem er kri­tisch die po­li­ti­sie­ren­de Wir­kung der Wer­ke be­trach­te­te, die sich im spe­zi­el­len Adolf Hit­ler (1889-1945) als po­li­ti­sches Werk­zeug zu Ei­gen mach­te. Knap­perts­busch und an­de­re na­tio­nal ge­sinn­te Per­sön­lich­kei­ten sa­hen dar­in ei­ne Ver­un­glimp­fung Wag­ners. Wel­che Mo­ti­ve ge­nau zu dem Pro­test­schrei­ben führ­ten, ist un­klar. Ne­ben der Ver­tei­di­gung Ri­chard Wag­ners wer­den auch po­li­ti­sche Be­weg­grün­de als Mög­lich­keit ge­nannt. Die Pro­test­ak­ti­on könn­te als Vor­wand ge­dient ha­ben, den um­strit­te­nen Tho­mas Mann po­li­tisch zu de­nun­zie­ren und gleich­zei­tig Mün­chen ge­gen­über Bay­reuth als Wag­ner-Stadt zu pro­fi­lie­ren. Mann sel­ber be­zeich­ne­te das Vor­ge­hen als „na­tio­na­le Ex­kom­mu­ni­ka­ti­on“. 40 pro­mi­nen­te Mün­che­ner, dar­un­ter Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, be­tei­lig­ten sich mit ih­rer Un­ter­schrift an dem Pro­test­brief, der am 16./17. April in den „Münch­ner Neu­es­ten Nach­rich­ten“ er­schien. Gleich­zei­tig wur­de er durch die „Baye­ri­sche Staats­zei­tun­g“ und über den Rund­funk ver­brei­tet. In Fol­ge des Pro­tests ver­ließ der po­li­tisch be­droh­te Mann Mün­chen und auch Deutsch­land.

Knap­perts­busch ließ sich je­doch als Deutsch­na­tio­na­ler von der Ideo­lo­gie der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nicht mit­rei­ßen. Sein Welt­bild ließ sich mit der Au­to­ri­täts­hö­rig­keit der „Pro­le­ten“[1] und mit Op­por­tu­nis­mus nicht ver­ein­ba­ren. Er igno­rier­te den ob­li­ga­to­ri­schen Hit­ler­gruß vor je­dem Kon­zert und be­gann in ei­nem Fal­le kurz nach den Wor­ten „Heu­te kann mich der Hit­ler am Arsch le­cken“[2] mit der Vor­füh­rung. Da­bei leicht an­ge­trun­ken, ris­kier­te er ei­ne An­zei­ge bei der Ge­sta­po durch den Kon­zert­meis­ter.

An­de­re Aus­sa­gen, die Knap­perts­busch ge­gen­über ei­nem NS-Funk­tio­när äu­ßer­te, ver­schaff­ten ihm in den Ak­ten den Sta­tus als „po­li­tisch un­zu­ver­läs­si­g“. In ei­nem Ge­spräch, das bis zu Jo­seph Go­eb­bels vor­drang, be­zeich­ne­te Knap­perts­busch die Re­gie­rungs­mit­glie­der als Phan­tas­ten. Auch frag­te er, ob sein Ge­gen­über ein „Muss-Na­zi“ sei, da vie­le Be­am­te zum Par­tei­b­ei­tritt ge­zwun­gen wür­den. Ein of­fe­ne­res Vor­ge­hen ge­gen das neue Re­gime zeig­te er je­doch nicht. In ei­ni­gen Fäl­len, die kein ein­deu­ti­ges Bild von ihm als Par­tei­geg­ner zu­las­sen, zeig­te er bis zu ei­nem ge­wis­sen Gra­de auch An­pas­sung. Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Fes­ti­vi­tä­ten boy­kot­tier­te er nicht und trat an den Hit­ler-Ge­burts­tags­fei­ern 1943 und 1944 auf. Star-Di­ri­gen­ten wie Knap­perts­busch und Wil­helm Furt­wäng­ler (1886-1954) soll­ten ih­re Fä­hig­kei­ten und die deut­sche Mu­sik­kul­tur vor dem Aus­land dar­stel­len, vor al­lem mit Wer­ken Ri­chard Wag­ners. Da­für rück­te das Feh­len ei­ner na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ge­sin­nung in den Hin­ter­grund. Wäh­rend des Krie­ges soll­te die Kunst als Mit­tel der Pro­pa­gan­da und der Ideo­lo­gie wei­ter be­ste­hen, so­wohl nach in­nen als auch nach au­ßen. 1943 trat Knap­perts­busch im be­setz­ten Frank­reich mit den Wie­ner und Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­kern auf. Sein Kol­le­ge Furt­wäng­ler blieb sol­chen Ver­an­stal­tun­gen bis auf we­ni­ge Aus­nah­men fern. Auch zeig­te Knap­perts­busch sich in der Öf­fent­lich­keit nicht so­li­da­risch ge­gen­über Furt­wäng­ler, der aus Non­kon­for­mi­tät mit den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten von sei­nem Amt zu­rück­trat. Er be­wahr­te sich mit sei­nem Ver­hal­ten ei­nen ge­wis­sen Spiel­raum, um sich der Mu­sik zu wid­men und Maß­nah­men des Re­gimes zu hin­ter­ge­hen.

Der kon­ser­va­ti­ve Knap­perts­busch war in sei­nem Den­ken stark in der ro­man­ti­schen, deut­schen Mu­sik­tra­di­ti­on ver­wur­zelt, was sich auch in sei­ner tra­di­tio­na­len Ar­beit zeig­te. Ras­sis­mus und Ras­sen­leh­re ge­hör­ten nicht zu sei­ner Ge­dan­ken­welt. Er trat auch nicht der NS­DAP bei. Zwei­mal eck­te er bei Adolf Hit­ler per­sön­lich an. An­schlie­ßend an den Be­such ei­ner Auf­füh­rung des „Ro­sen­ka­va­lier­s“ in Mün­chen frag­te Hit­ler den Di­ri­gen­ten nach den Grün­den für des­sen Er­folg. Die­ser soll ge­ant­wor­tet ha­ben: „Das ha­be ich al­les beim al­ten Ju­den Leo Blech ge­lernt.“[3] Im No­vem­ber 1935 führ­te Knap­perts­busch Wag­ners „Wal­kü­re“ in Mün­chen auf, wo­bei die Rol­le des Wo­tan mit Hans Her­mann Nis­sen (1893-1980) be­setzt war, ob­wohl Hit­ler ei­nen an­de­ren Sän­ger ge­for­dert hat­te und die Auf­füh­rung dann nicht be­such­te. Im Fe­bru­ar 1936 er­teil­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten Knap­perts­busch Di­ri­gier­ver­bot im gan­zen Deut­schen Reich.

Als Mün­che­ner Opern­chef ab­ge­setzt, wirk­te Knap­perts­busch seit 1936 vor al­lem an der Wie­ner Staats­oper und wid­me­te sich Wag­ner- und Strauss-Auf­füh­run­gen. Über­wie­gend le­dig­lich als Gast­di­ri­gent tä­tig, konn­te er die Pen­si­on aus sei­ner Zeit an der Baye­ri­schen Staats­oper wei­ter­hin be­zie­hen. Er war so­wohl mu­si­ka­lisch als auch or­ga­ni­sa­to­risch ei­ne Be­rei­che­rung für Wien, nicht zu­letzt für die Wer­ke von Ri­chard Strauss (1864-1949), die weit­ge­hend vom Spiel­plan ver­schwun­den wa­ren. Mit Strauss ver­band Knap­perts­busch ei­ne lang­jäh­ri­ge Skat­freund­schaft. Ei­ni­ge Aben­de in Wien und Mün­chen oder auch meh­re­re Wo­chen in der Schweiz wur­den beim Kar­ten­spiel und Wan­dern ge­mein­sam ver­bracht. Auch wenn die Freund­schaft zer­brach, wur­den die Opern von Strauss durch Knap­perts­busch wie­der­be­lebt.

Hans Knappertsbusch mit den beiden Wagnerenkeln Wolfgang (links) und Wieland. (Knappertsbusch-Stiftung)

 

Knap­perts­busch fun­gier­te auch als Rat­ge­ber für den Wie­ner Opern­di­rek­tor Dr. Er­win Ker­ber (1891-1943) und war hoch en­ga­giert. Zwi­schen 1936 und 1955 stan­den 400 Aben­de un­ter sei­ner Lei­tung. Noch am 12.3.1938, als mor­gens die deut­schen Trup­pen ein­mar­schier­ten, di­ri­gier­te er „Tris­tan und Isol­de“. Nach dem Auf­tritts­ver­bot vom Fe­bru­ar 1936 durf­te er im Ju­ni 1936 wie­der im Reich au­ßer in Bay­ern auf­tre­ten. Von Hit­ler mehr ge­dul­det als ge­schätzt, konn­te die­ser ge­gen den be­gna­de­ten Di­ri­gen­ten man­gels Al­ter­na­ti­ven nicht wei­ter vor­ge­hen. Knap­perts­busch war sich des­sen durch­aus be­wusst. Bei Kriegs­aus­bruch ge­hör­te er zu den Künst­lern, die we­gen ih­rer Un­er­setz­bar­keit vom Wehr­dienst be­freit wur­den. Wie Karl Böhm (1894-1981), Her­bert von Ka­ra­jan (1908-1989) und Cle­mens Krauss (1893-1954) stand er auf der Lis­te der „Gott­be­gna­de­ten“. Für un­er­setz­ba­re Künst­ler war es im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus leich­ter, die Kar­rie­re fort­zu­füh­ren. Den Mit­tel­bau traf es schlim­mer. In der Wie­ner Staats­oper wur­den nach der Be­set­zung Ös­ter­reichs vor­erst vor al­lem der Chor, das Or­ches­ter und das Bal­lett „ge­säu­ber­t“. Für neun „jü­disch ver­sipp­te“ Mu­si­ker der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker konn­ten Furt­wäng­ler und Knap­perts­busch, Son­der­ge­neh­mi­gun­gen durch­set­zen. Ins­ge­samt konn­ten 30 Mit­glie­der des Per­so­nals an der Wie­ner Staats­oper vor der Ent­las­sung und sons­ti­gen na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Maß­nah­men ge­schützt wer­den, ob­wohl sie nicht voll den Ras­sen­ge­set­zen ent­spra­chen. Bis 1941 war es Knap­perts­busch mög­lich, En­ga­ge­ments zu ver­ge­ben, wo­bei er kri­tisch be­trach­te­te Künst­ler be­vor­zug­te. An­de­ren wie­der­um half er, An­stel­lun­gen au­ßer­halb des Deut­schen Rei­ches zu be­kom­men. 

Zu Guns­ten der Wie­ner Phil­har­mo­ni­ker ver­zich­te­te er zwi­schen 1938 und 1941 auf ins­ge­samt 8.000 Reichs­mark Ho­no­rar und emp­fing pro Kon­zert nur ein Vier­tel des ihm zu­ste­hen­den Be­trags.

Auch in Salz­burg war Knap­perts­busch wäh­rend der NS-Zeit tä­tig. Er wid­me­te sich in sei­nen Auf­trit­ten ne­ben Beet­ho­ven, Bruck­ner und Strauß vor al­lem wie­der Ri­chard Wag­ner. Um sich mit Wag­ner-Auf­füh­run­gen in­ter­na­tio­nal zu pro­fi­lie­ren, wur­den Bay­reu­ther Wag­ner-Opern staat­lich stär­ker ge­för­dert als die Salz­bur­ger Fest­spie­le. Pro­gram­me und Be­set­zung wur­den der Po­li­tik an­ge­passt. Knap­perts­busch di­ri­gier­te im März 1938 im Bei­sein Her­mann Gö­rings (1893-1946) Beet­ho­vens „Fi­de­lio“, wo­für der ur­sprüng­lich da­für vor­ge­se­he­ne ita­lie­ni­sche Di­ri­gent Ar­turo To­sca­ni­ni (1867-1957) aus dem Pro­gramm ge­stri­chen wer­den konn­te. Auch di­ri­gier­te er Mo­zarts „Hoch­zeit des Fi­ga­ro“ an Stel­le des jü­disch-stäm­mi­gen Bru­no Wal­ter. Auf den Salz­bur­ger Fest­spie­len 1938 wur­den nur Wer­ke deut­scher und ös­ter­rei­chi­scher Kom­po­nis­ten auf­ge­führt. Knap­perts­busch er­setz­te To­sca­ni­ni, der den „Tann­häu­ser“ hat­te lei­ten sol­len. Stolz ver­kün­de­te die Pres­se, die Ver­an­stal­tung sei frei von „Ju­den und Ne­gern“ ge­hal­ten wor­den. 1941 trat Knap­perts­busch letzt­ma­lig auf den Salz­bur­ger Fest­spie­len auf.

Nach En­de des Krie­ges be­gab sich Knap­perts­busch wie­der nach Mün­chen. Im Zu­ge der Ent­na­zi­fi­zie­rung wur­de er von den Al­li­ier­ten ne­ben 300 an­de­ren Künst­lern auf die schwar­ze Lis­te ge­setzt. Miss­ver­ständ­nis­se führ­ten er­neut zu ei­nem Di­ri­gier­ver­bot. Erst 1947 er­hielt er ei­ne förm­li­che Ent­schul­di­gung von den Ame­ri­ka­nern und kehr­te an die Staats­oper zu­rück, je­doch oh­ne ein fes­tes Amt an­zu­neh­men.

Die Zeit der Iso­la­ti­on hat­te ihn nach­hal­tig ge­prägt, er ent­wi­ckel­te ei­ne tie­fe An­ti­pa­thie ge­gen Ame­ri­ka und mied, wenn mög­lich, Men­schen­kon­takt. Auf dem Po­di­um ging von ihm ei­ne auf­fäl­li­ge Be­schei­den­heit aus. Sel­ten zeig­te er sich mehr­mals nach ei­ner Auf­füh­rung und wich hart­nä­ckig je­dem Ju­bel oder Bei­falls­be­kun­dun­gen aus. Zeit­ge­nos­sen ver­tra­ten die Mei­nung, die­ses Ver­hal­ten sei ein Zei­chen von Un­si­cher­heit, an­de­re mein­ten, er he­ge ge­gen­über dem Pu­bli­kum nur blo­ße Gleich­gül­tig­keit. Frag­lich sei, wann Un­ei­tel­keit zu Ei­tel­keit wer­de. Bei der Pre­mie­re der „Lus­ti­gen Wei­ber von Windsor“ von Ot­to Ni­co­lai (1810-1849) im Jah­re 1957 schlich er sich so­gar ver­deckt zu sei­nem Platz und konn­te so dem Ap­plaus ent­ge­hen. Hin­ter sei­nem Rü­cken muss­te im Kon­zert­saal stets ein Holz­git­ter an­ge­bracht wer­den, um Dis­tanz zu den Zu­hö­rern zu schaf­fen. Das Pu­bli­kum nahm dem äu­ßerst be­lieb­ten Di­ri­gen­ten sol­che Ei­gen­hei­ten je­doch nicht übel.

1951 ver­schlug es ihn wie­der zu den Wag­ner-Fest­spie­len nach Bay­reuth, wo er zu­letzt vor über 40 Jah­ren As­sis­tent von Hans Rich­ter und Sieg­fried Wag­ner ge­we­sen war. Dort mit 63 Jah­ren den „Par­si­fal“ zu di­ri­gie­ren, emp­fand er als Krö­nung sei­nes Le­bens. Die Fest­spie­le stan­den nun un­ter der Lei­tung von Wie­land Wag­ner (1917-1966), ei­nem En­kel des gro­ßen Kom­po­nis­ten. Der Tra­di­tio­na­list und Alt-Wag­ne­ria­ner Knap­perts­busch konn­te sich je­doch mit der mu­si­ka­li­schen Neu­aus­rich­tung der Fest­spie­le nicht an­freun­den. Der ne­ben ihm als Di­ri­gent in Bay­reuth tä­ti­ge Her­bert von Ka­ra­jan da­ge­gen setz­te sich für Fort­schritt und mo­der­ne In­ter­pre­ta­tio­nen ein und stand so im grö­ßt­mög­li­chen Ge­gen­satz zu dem Schü­ler von Hans Rich­ter. Auch mit dem Wag­ner-En­kel und des­sen Büh­nen­kom­po­si­tio­nen hat­te Knap­perts­busch sei­ne Schwie­rig­kei­ten. Er ließ je­doch nicht da­von ab, sich auf die Tra­di­ti­on zu kon­zen­trie­ren und das von Hans Rich­ter Ge­lern­te zu er­hal­ten und wei­ter­zu­ge­ben. Kom­pro­mis­se hiel­ten ihn in Bay­reuth, wo er bis 1964 fast jähr­lich den „Par­si­fal“ di­ri­gier­te.

Hans Knappertsbusch dirigiert Beethovens 'Die Weihe des Hauses' zur Wiedereröffnung der Bayerischen Staatoper, 21. November 1963. (hansknappertsbusch.de)

 

Der ge­bür­ti­ge Rhein­län­der, lie­be­voll auch der „Kna“ ge­nannt, di­ri­gier­te im „alt­deut­schen Stil“ und gab sich nicht der neu­en Sach­lich­keit der 1930er Jah­re hin. Zeit­ge­nös­si­scher Mu­sik stand er äu­ßerst kri­tisch ge­gen­über und stand, wie Wil­helm Furt­wäng­ler, Wil­lem Men­gel­berg (1871-1951) oder Bru­no Wal­ter, in der Tra­di­ti­on des 19. Jahr­hun­derts. Er ge­hör­te mit zu den „al­ten“ „deut­schen Meis­tern“, vor al­lem hin­sicht­lich der In­sze­nie­run­gen von Wag­ner-Wer­ken. Auch Strauss und die Wie­ner Mu­sik ge­hör­ten zu sei­nen Fa­vo­ri­ten. Knap­perts­busch ver­wen­de­te kei­ner­lei mo­der­ne Ele­men­te in sei­nen In­ter­pre­ta­tio­nen. Er un­ter­warf sich da­bei je­doch kei­nen Zwän­gen und di­ri­gier­te stets nach Ge­fühl und je­den Abend neu aus dem Au­gen­blick her­aus. Be­ob­ach­tern zu­fol­ge be­saß er ei­ne un­ge­wöhn­li­che, run­de Schlag­tech­nik und er­reich­te durch kleins­te Ges­ten und Mi­mi­ken merk­li­che Wir­kung im Or­ches­ter. Ge­le­gent­lich ließ er die Hän­de ru­hen und sei­ne Bli­cke ge­nüg­ten, um die Mu­si­ker an­zu­lei­ten. Erich Klei­ber (18901956) sag­te ein­mal über sei­nen Kol­le­gen, das „blo­ße He­ben sei­nes Man­schet­ten­knop­fes [kön­ne] ein Pia­nis­si­mo in ein For­tis­si­mo ver­wan­deln“.[4] Sei­ne Be­we­gun­gen wie­der­hol­ten sich nicht und er­zeug­ten bei den Auf­trit­ten an­de­re Klän­ge als bei den Pro­ben. Be­kannt war er auch für sei­ne brei­ten Tem­pi. Der ers­te Akt der „Göt­ter­däm­me­run­g“ dau­er­te im Bay­reu­ther Fest­spiel­som­mer 1951 Mi­nu­ten län­ger als bei vor­he­ri­ger Pro­be. Frei von Vor­ga­ben und Vor­trags­zei­chen, die ihm le­dig­lich als Hin­wei­se dien­ten, wa­ren sei­ne In­ter­pre­ta­tio­nen höchst sub­jek­tiv. Pro­ben lie­ßen sich mit sei­nem Stil schwer ver­ein­ba­ren und wa­ren ihm all­ge­mein zu­wi­der. Er ver­kürz­te sie oft stark oder ent­ließ die Mu­si­ker so­fort mit den Wor­ten „Sie, mei­ne Da­men und Her­ren, ken­nen das Stück, ich ken­ne es auch: wir sehn uns heu­te aben­d“.[5] 

Ähn­lich be­rühmt war er eben­falls für sein Mund­werk. Es kam vor, dass er un­be­gab­te Künst­ler, vor al­lem Sän­ger, in sei­nen Auf­füh­run­gen be­schimpf­te oder sei­nen An­sich­ten mit lau­ten, un­ver­blüm­ten Flü­chen Aus­druck ver­lieh.

Mit 77 Jah­ren starb Hans Knap­perts­busch an den Fol­gen ei­nes Ober­schen­kel­hals­bruch am 25.10.1965 in Mün­chen, wo er auf dem al­ten Bo­gen­hau­se­ner Fried­hof be­gra­ben wur­de.

Knap­perts­busch war Eh­ren­mit­glied der Baye­ri­schen Staats­oper und Eh­ren­bür­ger von Bay­reuth (1953) und Mün­chen (1963). Zu sei­nem 70. Ge­burts­tag ver­lieh ihm die Stadt Mün­chen ei­ne Eh­ren­me­dail­le in Gold. Mit dem Baye­ri­schen Ver­dienst­or­den war er be­reits 1958 ge­ehrt wor­den. An­läss­lich des 100. Ge­bur­ta­ges des gro­ßen Di­ri­gen­ten wur­de am 12.3.1988 an sei­nem Ge­burts­haus an der Funck-Stra­ße 55 (frü­her Rhei­ni­sche Stra­ße) in Wup­per­tal-El­ber­feld ei­ne Ge­denk­ta­fel an­ge­bracht. Auch Stra­ßen wur­den nach ihm be­nannt, so in Bay­reuth, Mün­chen und Pforz­heim.

Quellen

Baye­ri­sche Staats­bi­blio­thek Mün­chen Ana 485: Nach­lass von Hans Knap­perts­busch (1888-1965).

Literatur

Betz, Ru­dolf/Pan­ofs­ky, Wal­ter, Knap­perts­busch, In­gol­stadt 1958.
Braun, Franz, „Ehr­furcht hielt mich in Acht...!“ Hans Knap­perts­busch zur Er­in­ne­rung. Zum 100. Ge­burts­tag des be­rühm­ten Di­ri­gen­ten am 12.3.1988.
Knap­perts­busch, Wil­helm Gus­tav, Die Knap­perts­busch und ih­re Vor­fah­ren. Ge­nea­lo­gie ei­nes Sip­pen­krei­ses, El­ber­feld 1943.
Kröncke, Diet­rich, Neu­es von Ri­chard Strauss. Ei­ne se­lek­ti­ve Bio­gra­phie. Mit Rand­be­mer­kun­gen und Ex­kur­sen zu Knap­perts­busch und Skat, Tho­mas Mann und Wag­ner – „Pro­tes­t“, Strauss und Pfitz­ner, Tutzing 2011, S. 79-96.
No­vak, An­dre­as, Salz­burg hört Hit­ler at­men. Die Salz­bur­ger Fest­spie­le. 1933-1944, Mün­chen 2005.
Schött­le, Ru­pert, Göt­ter im Frack. Das Jahr­hun­dert der Di­ri­gen­ten, Wien 2000, S. 110-121.
Schon­berg, Ha­rold Charles, Die gros­sen Di­ri­gen­ten. Ei­ne Ge­schich­te des Or­ches­ters und der be­rühm­tes­ten Di­ri­gen­ten von den An­fän­gen bis zur Ge­gen­wart, Bern/Mün­chen 1970.
Schrei­ber, Wolf­gang, Gros­se Di­ri­gen­ten. Mit ei­nem Vor­wort von Sir Pe­ter Jo­nas, Mün­chen 2005.
Va­get, Hans Ru­dolf, See­len­zau­ber. Tho­mas Mann und die Mu­sik, Frank­furt am Main 2006.

Online

Zent­ner, Wil­helm, "Knap­perts­busch, Hans" in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 12 (1979), S. 157 [On­line].

Der Dirigent Hans Knappertsbusch in älteren Jahren.

 
Anmerkungen
  • 1: Kröncke, S. 95.
  • 2: Novak, S. 224.
  • 3: Novak, S. 224.
  • 4: Schöttle, S. 120.
  • 5: Betz/Panofsky, 1958.
Zitationshinweis

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Kalenberg, Charlotte, Hans Knappertsbusch, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hans-knappertsbusch/DE-2086/lido/5c3e076443c600.70608631 (14.02.2019)