Hartger Henot

Jurist (1571-1637)

Martin Bock (Frechen)

Die Apokalyptischen Reiter, (Protest-)Gemälde Hartger Henots nach der Hinrichtung seiner Schwester, 1637, Foto: Wolfgang F. Meier. (Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds/ Rheinisches Bildarchiv)

Am Köl­ner Rat­haus­turm be­fin­det sich ei­ne im Jahr 1988 von der Frank­fur­ter Bild­haue­rin Ma­ri­an­ne Lü­di­cke (1919-2012) ge­schaf­fe­ne Skulp­tur der Köl­ner Post­meis­te­rin Ka­tha­ri­na He­not, die im Jahr 1627 als He­xe ver­brann­t wur­de und vor al­lem im 20. Jahr­hun­dert als Op­fer ei­nes Un­rechts­re­gimes zu neu­en Eh­ren ge­kom­men ist. Ei­ne of­fi­zi­el­le Re­ha­bi­li­tie­rung durch den Rat der Stadt Köln er­folg­te am 28.6.2012 – fast 400 Jah­re, nach­dem der ers­te Ver­such zur Rein­wa­schung des Na­mens von ih­rem Bru­der Hart­ger He­not un­ter­nom­men wor­den war, der da­für sei­ne er­folg­rei­che als Di­plo­mat und im Kir­chen­dienst be­en­de­te.

Die El­tern der Ge­schwis­ter He­not wa­ren der Post­meis­ter Ja­kob He­not (um 1545-1625) und sei­ner Frau Adel­heid de Ha­en (ge­stor­ben 1604). Die Fa­mi­lie war 1571 kurz nach Aus­bruch des Auf­stan­des aus den Nie­der­lan­den ge­flo­hen und hat­te sich in Köln nie­der­ge­las­sen, wo sie 1576 die Bür­ger­rech­te er­warb. Ein Jahr spä­ter wur­de Ja­kob He­not As­sis­tent des Post­ver­wal­ters Jo­hann Men­zin­ger, der im Diens­te der das Post­mo­no­pol hal­ten­den Fa­mi­lie von Ta­xis stand. Ein Jahr spä­ter folg­te He­not Men­zin­ger nach und über­zeug­te durch sei­ne ge­schick­te Or­ga­ni­sa­ti­on des Post­we­sens den Kai­ser so sehr, dass die­ser ihn 1580 zum von Ta­xis un­ab­hän­gi­gen Köl­ner Post­meis­ter er­nann­te.

  Wäh­rend der fol­gen­den bei­den Jahr­zehn­te tru­gen die bei­den Fa­mi­li­en ih­ren Streit um die Vor­macht­stel­lung im Reichs­post­we­sen aus, in des­sen Ver­lauf auch Hart­ger He­not erst­mals in Er­schei­nung tritt. Im De­zem­ber 1595 be­glei­te­te er sei­nen Va­ter nach Inns­bruck und Nord­ita­li­en, wo die bei­den ih­re Po­si­ti­on zu stär­ken ver­such­ten – mit Er­folg, denn im Jahr 1600 er­kann­te der Ge­ne­ral­post­meis­ter Leon­hard von Ta­xis (um 1522-1612) nicht nur das le­bens­lan­ge Post­meis­ter­amt Ja­kob He­nots in Köln an, son­dern stimm­te auch der erb­li­chen Über­tra­gung des­sel­ben auf Hart­ger He­not zu.

Die­ser hat­te al­ler­dings be­reits 1597 die Pries­ter­wei­he emp­fan­gen, nach­dem er am Köl­ner Je­sui­ten­kol­leg stu­diert und sich dann nach Sta­tio­nen in Spey­er, Prag und Lö­wen zum Dok­tor bei­der Rech­te pro­mo­viert hat­te. Im Jahr 1600 er­hielt er ei­ne Dom­stifts­pf­rün­de als ei­ner der acht ge­lehr­ten Priest­er­her­ren. Tra­di­tio­nell stamm­te ein Teil der ho­hen erz­bi­schöf­li­chen Be­am­ten aus die­ser Run­de, und so wur­de He­not im 1603 zu­nächst zum Sie­gel­be­wah­rer – ein Be­ra­ter oh­ne ei­ge­nen Ge­schäfts­be­reich und ein Amt, das vor ihm be­kann­te Grö­ßen wie et­wa Jo­han­nes Grop­per o­der Bern­hard von Ha­gen be­klei­det hat­ten – und kur­z dar­auf auch zum kur­fürst­li­chen Rat be­stellt. 

Sei­ner durch­aus stei­len Kar­rie­re tat auch die Ab­be­ru­fung des Va­ters als Post­meis­ter im Jahr 1603 kei­nen Ab­bruch. Im Ge­gen­teil blieb durch die gu­ten und en­gen Be­zie­hun­gen der Fa­mi­lie zum Kai­ser­hof auch dort das Ta­lent des jun­gen Ge­lehr­ten nicht ver­bor­gen, und He­not wur­de im Jahr 1608 zum kai­ser­li­chen Hof­rat er­nannt. Flan­kie­rend er­hielt er zahl­rei­che Pfrün­den und Äm­ter, die ihn zum glei­cher­ma­ßen ver­mö­gen­den wie viel­be­schäf­tig­ten Mann mach­ten: so wur­de er 1607 De­chant am Köl­ner An­dre­as­stift, an dem er be­reits seit Ju­gend­ta­gen ein Ka­no­ni­kat be­ses­sen ha­ben soll, 1609 folg­te ein Ka­no­ni­kat am Frei­sin­ger Dom, 1610 die Er­nen­nung zum Au­di­tor an der Ro­ta ro­ma­na, das hei­ßt zum Rich­ter am apos­to­li­schen Ap­pel­la­ti­ons­ge­richt. 1612 trat er auch in bay­ri­sche Diens­te, ein na­he­lie­gen­der Schritt, war das Köl­ner Erz­stift  doch seit der Wahl Ernst von Bay­erns im Jahr 1583 zur fak­ti­schen Se­kun­do­ge­ni­tur der ­Mün­che­ner Wit­tels­ba­cher ge­wor­den. Wei­te­re Pfrün­den und Di­gni­tä­ten wa­ren die Propstei­en an Ma­ri­en­gra­den in Mainz, am Köl­ner Se­ve­rins­stift und in Prag. Auch an der rö­mi­schen Ku­rie, wo er sich als Son­der­ge­sand­ter der Köl­ner Erz­bi­schö­fe ei­nen ex­zel­len­ten Ruf er­ar­bei­tet hat­te, stieg er auf und wur­de im Ok­to­ber 1618 zum päpst­li­chen Pro­to­no­tar er­nannt.

He­not wur­de von sei­nen ver­schie­de­nen Dienst­her­ren vor al­lem mit heik­len di­plo­ma­ti­schen Mis­sio­nen be­traut, für die er sich we­gen sei­nes aus­glei­chen­den We­sens und sei­ner takt­vol­len Ge­wandt­heit wohl be­son­ders eig­ne­te. So ver­trat er et­wa im jü­lich-kle­vi­schen Erb­fol­ge­streit die kai­ser­li­chen In­ter­es­sen ge­gen die bei­den pos­se­die­ren­den Fürs­ten Wolf­gan­g Wil­helm von Pfalz-Neu­burg und Jo­hann Si­gis­mund von Bran­den­burg (1572-1620).

Sei­ne Ver­trau­ens­po­si­ti­on am Kai­ser­hof nutz­te He­not, um sich für sei­nen Va­ter ein­zu­set­zen. Nach bei­na­he 20 Jah­ren er­reich­te er im März 1623 die kai­ser­li­che Be­stä­ti­gung, dass die­ser, im­mer­hin schon 80-jäh­rig, das Post­meis­ter­amt auf Leb­zei­ten be­klei­den und an ihn selbst ver­er­ben dür­fe. Über den von der Fa­mi­lie von Ta­xis an­ge­streng­ten Be­ru­fungs­pro­zess ver­starb Ja­kob He­not im No­vem­ber 1625, und der Reichs­hof­rat voll­zog ei­ne über­ra­schen­de Kehrt­wen­de zu­guns­ten der Ta­xis und ih­res Kan­di­da­ten Jo­hann von Coes­feld, der be­reits nach der ers­ten Ent­las­sung He­nots von 1604 bis 1623 das Köl­ner Post­meis­ter­amt be­klei­det hat­te.

Mit­ten in dem nun von Hart­ger und sei­ner Schwes­ter als Er­ben ih­res Va­ters an­ge­streng­ten Re­vi­si­ons­pro­zess ka­men nun die von ei­ner Non­ne des Kla­ris­sen­klos­ters vor­ge­brach­ten Vor­wür­fe der He­xe­rei ge­gen Ka­tha­ri­na He­not auf den Tisch. Zwar feh­len Be­le­ge; je­doch er­scheint die in For­schung und po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­cher Li­te­ra­tur viel­fach ge­äu­ßer­te Ver­mu­tung, dass die­ser He­xen­pro­zess zur Schwä­chung der Ge­schwis­ter im schwe­ben­den Ver­fah­ren zu­min­dest nütz­lich war, durch­aus nach­voll­zieh­bar. Je­den­falls konn­ten ih­re Scha­den­er­satz­for­de­run­gen ge­gen die Ta­xis in­fol­ge des Pro­zes­ses ge­gen Ka­tha­ri­na nicht gel­tend ge­macht wer­den. Die­ser voll­zog sich bin­nen we­ni­ger Mo­na­te und im Mai 1627 wur­de sie, ob­wohl das Reichs­kam­mer­ge­richt, das als stän­di­sches Ge­richt ei­ne ge­wis­se Un­ab­hän­gig­keit vom Kai­ser­hof ge­noss, zu ih­ren Guns­ten ge­ur­teilt hat­te, als He­xe ver­brannt. 

He­not muss sich von sei­nem kai­ser­li­chen Dienst­her­ren furcht­bar im Stich ge­las­sen ge­fühlt ha­ben. Er re­si­gnier­te al­le Äm­ter und kon­zen­trier­te sich nur noch auf die Re­ha­bi­li­tie­rung sei­ner Schwes­ter. Er­geb­nis sei­ner Be­mü­hun­gen war, dass er von der De­nun­zi­an­tin Chris­ti­na Plum (ge­stor­ben 1630) der He­xe­rei be­zich­tigt wur­de. Wäh­rend al­ler­dings Plums Weg 1630 selbst auf den Schei­ter­hau­fen führ­te, setz­ten sich al­te und ein­fluss­rei­che Weg­ge­fähr­ten wie der Ge­ne­ral­vi­kar Jo­han­nes Ge­le­ni­us und schlie­ß­lich auch der Kur­fürst  und Erz­bi­schof Fer­di­nand von Bay­ern per­sön­lich für He­not ein, der ei­ne neu­er­li­che An­kla­ge ge­gen He­not und an­de­re an­ge­se­he­ne Köl­ner Bür­ger un­ter­band. 

Mög­li­cher­wei­se hat der Fall He­not den Erz­bi­schof, der bis da­hin als Freund der He­xen­ver­fol­gun­gen galt, für die Pro­ble­ma­tik des De­nun­zi­an­ten­tums sen­si­bi­li­siert. Die Wel­le der He­xen­pro­zes­se, die ih­ren Schei­tel­punkt in den Jah­ren 1626 bis 1630 er­reicht hat­te, ebb­te je­den­falls nach der Ein­stel­lung des Pro­zes­ses ge­gen He­not im Jahr 1631 spür­bar ab. Al­ler­dings kehr­te He­not, ver­bit­tert und ent­täuscht, nicht wie­der in die Öf­fent­lich­keit zu­rück und starb ver­ein­samt am 4.12.1637.

Literatur

Be­cker, Tho­mas: He­xen­ver­fol­gung im Erz­stif­t ­K­öln, in: Lenn­artz, Ste­fan/Tho­mé, Mar­tin (Hg.), He­xen­ver­fol­gung im Rhein­land. Er­geb­nis­se neue­rer Lo­kal- und Re­gio­nal­for­schun­gen, Ber­gisch Glad­bach 1996, S. 89-136.

Beh­rin­ger, Wolf­gang, Köln als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zen­trum um 1600. Die An­fän­ge des Köl­ner Post- und Zei­tungs­we­sens im Rah­men der früh­neu­zeit­li­chen Me­di­en­re­vo­lu­ti­on, in: Mö­lich, Ge­org/Schwer­hoff, Gerd (Hg.), Köln als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zen­trum, Köln 2000, S. 183-210.

Fran­ken, Ire­ne/Ho­er­ner, Ina (Hg.), He­xen. Ver­fol­gung in Köln, Köln 2000.

Schor­mann, Gerd, He­xen­ver­fol­gung in ei­ner früh­neu­zeit­li­chen Groß­stadt. Das Bei­spiel der ­Reichs­stadt­ ­K­öln, in: Lenn­artz, Ste­phan (Hg.), He­xen­ver­fol­gung im Rhein­land, Ber­gisch Glad­bach 1996, S. 13-56.

Schwer­hoff, Gerd, He­xen­ver­fol­gung in ei­ner früh­neu­zeit­li­chen Groß­stadt - das Bei­spiel der ­Reichs­stadt­ ­K­öln in: He­xen­ver­fol­gung im Rhein­land. Er­geb­nis­se neue­rer Lo­kal- und Re­gio­nal­stu­di­en, Bens­berg 1996, S. 13-56.

Online

Be­cker, Tho­mas, He­not, Ka­tha­ri­na, in: his­to­ri­cum.net. [On­line]

Be­cker, Tho­mas, He­xen­ver­fol­gung im Erz­stif­t ­K­öln [On­line]

En­nen, Leo­nard, „He­not, Hart­her“, in: All­ge­mei­ne Deut­sche Bio­gra­phie 11 (1880), S. 782. [On­line]

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Bock, Martin, Hartger Henot, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/hartger-henot/DE-2086/lido/57e275d39ee5e7.67594637 (23.06.2018)