Jan von Werth

Kavalleriegeneral (1591-1652)

Michael Kaiser (Köln)

Jan von Werth, Porträt, Kupferstich von Peeter van Jode (1606-nach 1674), 1629. (Heeresgeschichtliches Museum Wien)

Jan von Werth war ein Mi­li­tär des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs, der als An­füh­rer be­rit­te­ner Ein­hei­ten für die Ar­me­en des Kur­fürs­ten von Bay­ern und des Kai­sers kämpf­te. Er gilt als Pro­to­typ des Auf­stei­gers, der aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen stamm­te, ei­ne bei­spiel­lo­se Kar­rie­re im Mi­li­tär mach­te und für sei­ne Ver­diens­te ge­adelt wur­de. Die zu­mal im Rhein­land be­kann­te Sa­ge von Jan und Griet greift im Kern die­sen so­zia­len Auf­stieg auf, der, so un­wahr­schein­lich er war, Jan von Werth gleich­wohl ge­glückt ist: Die jun­ge Griet weist den um sie wer­ben­den Knecht als all­zu schlech­te Par­tie ab, be­vor sie Jah­re spä­ter ih­ren Feh­ler er­ken­nen muss, als sie ihn, da er längst ein Ge­ne­ral ist, wie­der trifft.

Jan von Werth, Porträt, Kupferstich von Peeter van Jode (1606-nach 1674), 1629. (Heeresgeschichtliches Museum Wien)

 

So plau­si­bel die­se Ge­schich­te auch klingt, ist sie doch his­to­risch nicht nach­zu­wei­sen. Dies gilt für die Früh­zeit Jan von Werths ins­ge­samt, aus der nur we­ni­ge ge­si­cher­te Fak­ten be­kannt sind. Der 1591 als Sohn ei­nes Bau­ern in Bütt­gen bei Neuss ge­bo­re­ne Jan nahm zu­nächst Kriegs­diens­te in der spa­ni­schen Ar­mee an, da­mals ei­ne am Nie­der­rhein do­mi­nan­te Mi­li­tär­macht. Er kämpf­te in der Schlacht am Wei­ßen Berg (1620) in Böh­men, spä­ter war er wie­der auf dem west­li­chen Kriegs­schau­platz ein­ge­setzt (Teil­nah­me an der Schlacht bei Fleu­rus, 1622). Für die fol­gen­den Jah­re ist über sei­ne Tä­tig­keit prak­tisch nichts be­kannt, für 1629 ist le­dig­lich sein Auf­ent­halt in der Ab­tei Brau­wei­ler be­zeugt, wo er ei­ne Ver­wun­dung aus­ku­rier­te.

Ab 1631 taucht er in der Ar­mee der Ka­tho­li­schen Li­ga auf; als Obrist­wacht­meis­ter im Re­gi­ment Eynat­ten trat er erst­mals als Of­fi­zier in Er­schei­nung. Von nun an ist sein Wer­de­gang in den Quel­len gut fass­bar. In den fol­gen­den Jah­ren setz­te ein ge­ra­de­zu ko­me­ten­haf­ter Auf­stieg ein, den der baye­ri­sche Kur­fürst Ma­xi­mi­li­an von Bay­ern (Re­gie­rungs­zeit 1597-1651) als Ober­haupt der Streit­kräf­te der Ka­tho­li­schen Li­ga stark be­för­der­te. 1632 wur­de Werth „be­stall­ter Oberst zu Ross", 1633 über­nahm er ein ei­ge­nes Re­gi­ment. Be­reits An­fang 1634 er­nann­te ihn Ma­xi­mi­li­an von Bay­ern zum „Ge­ne­ral­wacht­meis­ter zu Ross", im Herbst des­sel­ben Jah­res macht er Werth zum Feld­mar­schall-Leut­nant. Zu die­sen Ran­ger­hö­hun­gen ka­men bis in die 1640er Jah­re hin­ein um­fang­rei­che Schen­kun­gen an Geld und Gü­tern; mit der am 4.4.1635 er­folg­ten Er­he­bung in den erb­li­chen Reichs­frei­her­ren­stand wur­de der ge­sell­schaft­li­che und so­zia­le Auf­stieg des Bau­ern­soh­nes be­sie­gelt.

Jan von Werth, Reiterbild von Abraham Hogenberg (1608-1653), 1635, Graphische Sammlung des Kölnischen Stadmuseums. (Rheinisches Bildarchiv)

 

Die Kar­rie­re wur­de 1638 jäh un­ter­bro­chen, als Werth in ei­nem Ge­fecht bei Rhein­fel­den in fran­zö­si­sche Ge­fan­gen­schaft ge­riet, in der er vier Jah­re blieb. Erst im Som­mer 1642 konn­te er wie­der in das Kriegs­ge­sche­hen ein­grei­fen und kom­man­dier­te als Ge­ne­ral­leut­nant die kai­ser­li­che, kur­baye­ri­sche und kur­k­öl­ni­sche Ka­val­le­rie, 1643 wur­de er Ge­ne­ral über die kur­baye­ri­sche Ka­val­le­rie. Das Ober­kom­man­do über die kur­baye­ri­sche Ar­mee über­trug Kur­fürst Ma­xi­mi­li­an ihm je­doch nicht, was Werth als Zu­rück­set­zung emp­fand. Als Kur­bay­ern 1647 ei­nen se­pa­ra­ten Waf­fen­still­stand mit Frank­reich schloss und da­mit als Bünd­nis­part­ner des Kai­sers aus dem Krieg aus­schied, nahm Werth dies zum An­lass, in die Diens­te Fer­di­nands III. (Re­gie­rungs­zeit 1637-1657) zu wech­seln.

Jan von Werth vor einem Bild der Festung Hermannstein (Ehrenbreitstein), Kupferstich, verlegt bei Paul Fürst (1608-1666) in Nürnberg, 1637. (Heeresgeschichtliches Museum Wien)

 

Bei die­ser Ge­le­gen­heit woll­te er mög­lichst vie­le kur­baye­ri­sche Trup­pen der kai­ser­li­chen Sei­te zu­füh­ren. Ge­ra­de in die­sem Be­stre­ben er­blick­te der Kur­fürst den ei­gent­li­chen Ver­rat Werths und setz­te auf des­sen Kopf ei­nen Preis aus. Die „Meu­te­rei", als die die­se Un­ter­neh­mung Werths in die Ge­schich­te ein­ging, schei­ter­te je­doch kläg­lich. Denn die Sol­da­ten wi­der­setz­ten sich im über­wäl­ti­gen­den Maß der Auf­for­de­rung zum Sei­ten­wech­sel; Werth ge­lang­te nur mit ei­ner Hand­voll Ge­treu­en ins habs­bur­gi­sche Böh­men. Sei­ne Mo­ti­ve speis­ten sich zum ei­nen aus der Ent­täu­schung, bei der Be­set­zung des Ober­kom­man­dos nicht wei­ter be­rück­sich­tigt wor­den zu sein. Zum an­de­ren emp­fand Werth of­fen­bar auch ei­ne ge­wis­se Loya­li­tät zu Kai­ser und Reich, so dass er auf die kur­baye­ri­sche Po­li­tik, die ei­ne Ver­stän­di­gung mit Frank­reich such­te, nur mit Un­ver­ständ­nis re­agie­ren konn­te.

Der Kai­ser nahm Werth in sei­ne Diens­te auf und gab ihm ein neu­es Kom­man­do. Für al­le Be­sit­zun­gen, die er bis­lang von Bay­ern er­hal­ten, im Zu­ge der Äch­tung durch Ma­xi­mi­li­an aber wie­der ver­lo­ren hat­te, über­schrieb ihm der Kai­ser als Er­satz die nord­böh­mi­sche Herr­schaft Be­na­tek. Nach der neu­er­li­chen Ver­stän­di­gung mit Ma­xi­mi­li­an ope­rier­te Werth noch bis zum En­de des Kriegs als kai­ser­li­cher Ge­ne­ral auch in Bay­ern. Nach dem Frie­dens­schluss blieb er bis zu sei­nem Tod am 12.9.1652 im Rang ei­nes kai­ser­li­chen Ge­ne­rals der Ka­val­le­rie. Sein Le­bens­mit­tel­punkt lag zum Le­bens­en­de in Böh­men, fern­ab sei­ner nie­der­rhei­ni­schen Hei­mat. Dort ging er sei­ne drit­te Ehe mit ei­ner Grä­fin von Ku­ef­stein ein. Be­reits die zwei­te Ehe mit Ma­ria Isa­bel­la Grä­fin Spaur zeigt, dass ihm der Auf­stieg in den Kreis gräf­li­cher Fa­mi­li­en ge­glückt war. Die Fort­füh­rung der Li­nie ge­lang al­ler­dings nur über die aus ers­ter Ehe stam­men­de Toch­ter Lam­ber­ti­na Irm­gar­dis (nach 1629-1701), die 1642 Wi­nand Hie­rony­mus Raitz von Fr­entz zu Schlen­der­han hei­ra­te­te.

Jan von Werth, Pierre Daret (1604-1678) zugeschriebener Kupferstich, Graphische Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums, 1638. (Rheinisches Bildarchiv)

 

Die Be­deu­tung Werths als Mi­li­tär liegt in sei­nem tak­ti­schen Ge­schick als Kom­man­deur der Ka­val­le­rie, ei­ne Waf­fen­gat­tung, die in der zwei­ten Hälf­te des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs an Be­deu­tung ge­wann. Mit ris­kan­ten, aber viel­fach er­folg­rei­chen Über­fäl­len auf feind­li­che Stel­lun­gen und Trup­pen (so ge­nann­tes „Quar­tier­auf­schla­gen") mach­te er sich in den frü­hen 1630er Jah­ren ei­nen Na­men. Er ge­noss nicht nur die Wert­schät­zung sei­ner Kriegs­her­ren, son­dern er­warb sich auch den Re­spekt der Ge­gen­sei­te. Führ­te ein Feld­herr wie Mat­thi­as Gal­las (1584-1647) das Kom­man­do über kai­ser­li­che Trup­pen, froh­lock­ten die Fein­de, weil sie wuss­ten, dass sie vor­aus­sicht­lich leich­tes Spiel ge­gen die­sen Ge­ne­ral ha­ben wür­den. Wenn aber Werth die Trup­pen kom­man­dier­te, wuss­te man sich ei­nem ge­fähr­li­chen Geg­ner ge­gen­über – man konn­te nachts nicht mehr ru­hig schla­fen und ließ die Pfer­de stets ge­sat­telt. Ent­spre­chen­de An­ge­bo­te, die Sei­ten zu wech­seln, schlug er aus: Bei ei­nem Söld­ner­un­ter­neh­mer, für den we­ni­ger die Dienst­treue als der grö­ßt­mög­li­che Pro­fit im Krieg zähl­te, ein be­mer­kens­wer­ter Cha­rak­ter­zug.

Jan von Werth, Porträt, Kupferstich von Baltazar Moncornet (1600-1668), Graphische Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums. (Rheinisches Bildarchiv)

 

In der An­er­ken­nung von Werths Qua­li­tä­ten als ge­nia­ler Kom­man­deur ein­zel­ner Ka­val­le­rie­ein­hei­ten lag aber auch die Be­gren­zung, was da­zu führ­te, dass man ihm das For­mat zum Ober­kom­man­deur ab­sprach. Ma­xi­mi­li­an von Bay­ern hat je­den­falls nie mit dem Ge­dan­ken ge­spielt, ihm sei­ne gan­ze Ar­mee an­zu­ver­trau­en. Dies ist auch der Grund da­für, dass mit dem Na­men Werths kein ein­zi­ger gro­ßer Schlach­ten­sieg ver­knüpft ist: Zwar war er am Sieg über die fran­zö­si­schen Trup­pen bei Tutt­lin­gen be­tei­ligt, doch wird die­ser Er­folg Franz von Mer­cy (1597-1645) als ver­ant­wort­li­chem Feld­herrn zu­ge­schrie­ben. Ne­ben dem Werth un­ter­stell­ten be­grenz­ten Ta­lent für das Ober­kom­man­do spiel­te auch sei­ne man­geln­de Bil­dung ei­ne Rol­le. Zeit­le­bens konn­te er we­der le­sen noch schrei­ben, was an­ge­sichts der fort­schrei­ten­den Bü­ro­kra­ti­sie­rung der Mi­li­tär­or­ga­ni­sa­ti­on ein blei­ben­der Nach­teil war.

Schlie­ß­lich wird man auch Werths so­zia­le Her­kunft be­rück­sich­ti­gen müs­sen. Die Er­he­bung in den Reichs­frei­her­ren­stand konn­te nicht ver­ges­sen ma­chen, dass er ein Auf­stei­ger mit bäu­er­li­chem Hin­ter­grund war. Un­ge­ach­tet der so­zia­len Mo­bi­li­tät, die zu­mal im Mi­li­tär­we­sen des frü­hen 17. Jahr­hun­derts vor­han­den war, blie­ben Be­schrän­kun­gen: Den erst kürz­lich ge­adel­ten Werth als Kom­man­deur über Of­fi­zie­re zu set­zen, die teil­wei­se al­tad­li­gen und äu­ßerst stan­des­be­wuss­ten Gra­fen­ge­schlech­tern und Her­zogs­fa­mi­li­en ent­stamm­ten, war un­denk­bar. Hier muss­te Jan von Werth die Er­fah­rung ma­chen, dass ihm zwar ei­ne be­acht­li­che Kar­rie­re ge­glückt war, er aber an Gren­zen der stän­di­schen Ge­sell­schaft stieß, die auch mit gro­ßem Ta­lent nicht zu über­win­den wa­ren.

An Jan von Werth er­in­nern viel­fach Stra­ßen­na­men. An­läss­lich sei­nes 400. Ge­burts­tags er­schien 1991 ein Son­der­post­wert­zei­chen. Sein An­denken pflegt in sei­ner Hei­mat Bütt­gen die St. Se­bas­tia­nus Schüt­zen Bru­der­schaft Bütt­gen e.V. (ge­grün­det 1415), im Köl­ner Kar­ne­val hält das Rei­ter-Korps Jan von Werth von 1925 e.V. die Er­in­ne­rung an ihn wach. Ein Stand­bild von ihm gibt es in Bütt­gen, und auf dem Al­ter­markt in Köln wur­de 1884 ihm zu Eh­ren ein Brun­nen als „Jan von Werth"-Denk­mal er­rich­tet. Ist sein Ge­dächt­nis im Rhein­land durch­weg po­si­tiv, bleibt Werths his­to­ri­sche Ein­schät­zung im baye­ri­schen Ge­schichts­bild durch die so ge­nann­te „Meu­te­rei" von 1647 ver­dun­kelt. Wich­tig ist in dem Zu­sam­men­hang aber zu se­hen, dass der Schrift­stel­ler Rein­hold Schnei­der (1903-1958), der auch sonst in vie­len Schrif­ten schar­fe Kri­tik an der men­schen­ver­ach­ten­den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ideo­lo­gie üb­te, 1941 in der Er­zäh­lung „Die letz­te Rei­se" die­se Epi­so­de aus dem Le­ben Werths auf­griff, um den Wert von un­be­ding­ter Treue und Ge­hor­sam zu hin­ter­fra­gen.

Literatur

Kai­ser, Mi­cha­el, Jan von Werth zwi­schen Wit­tels­bach und Habs­burg (1642): Kriegs­un­ter­neh­mer­tum und Pa­tro­na­ge im Mi­li­tär­we­sen, in: Zeit­schrift für baye­ri­sche Lan­des­ge­schich­te 75 (2012), S. 135-166.
Kai­ser, Mi­cha­el, „... mir ar­men Sol­da­ten, der sein Proth mit dem De­gen ge­wü­nen mu­eß, ...": Die Kar­rie­re des Kriegs­un­ter­neh­mers Jan von Werth, in: Ge­schich­te in Köln 49 (2002), S. 131-170.
Lahr­kamp, Hel­mut, Jan von Werth. Sein Le­ben nach ar­chi­va­li­schen Quel­len­zeug­nis­sen, 2. er­wei­ter­te Auf­la­ge, Köln 1988 (zu­erst 1962).
Mau­ritz, Max, Jan von Werth in sei­ner Zeit, Ka­arst-Bütt­gen 1991. Riez­ler, Sig­mund, Die Meu­te­rei Jo­hann's v. Werth 1647, in: His­to­ri­sche Zeit­schrift 82 (1899), S. 38-97 u. 193-239.

Jan von Werth, Skulptur am Kölner Rathausturm, 1990, Foto: Bildhauer: Hans-Joachim Bergmann. (Stadtkonservator Köln)

 
Zitationshinweis

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Kaiser, Michael, Jan von Werth, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/jan-von-werth/DE-2086/lido/57c92db449bd34.75612509 (25.05.2018)