Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg

Herzog von Jülich-Berg (1658-1716)

Olaf Richter (Krefeld)

Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz, Gemälde von Jan Frans van Douven (1656-1727), um 1715. (Bayerisches Nationalmuseum München)

Jo­hann Wil­helm war seit 1679 Her­zog von Jü­lich-Berg und seit 1690 Kur­fürst von der Pfalz. Für ei­ni­ge Jah­re spiel­te er reichs­po­li­tisch ei­ne be­deu­ten­de Rol­le. Wäh­rend sei­ner lan­gen Re­gie­rungs­zeit hin­ter­ließ er in den nord­rhei­ni­schen Län­dern vor al­lem in der Kunst und Ar­chi­tek­tur blei­ben­de Zeug­nis­se.

Dass Kur­fürst und Her­zog Jo­hann Wil­helm im nie­der­rhei­ni­schen Volks­mund „Jan Wel­lem" ge­nannt wur­de und wird, ist ein In­diz da­für, dass er zu den po­pu­lä­re­ren Per­sön­lich­kei­ten der rhei­ni­schen Ge­schich­te zählt. Die Wer­tun­gen sei­ner Per­son sind in­des un­ter­schied­lich: Sie rei­chen vom po­li­ti­schen Il­lu­sio­när, der von ma­ß­lo­ser Selbst­herr­lich­keit ge­prägt war, bis hin zum Ide­al­bild ei­nes treu sor­gen­den Lan­des­va­ters. Tat­sa­che ist, dass die Ge­schich­te der Her­zog­tü­mer Jü­lich-Berg über fast vier Jahr­zehn­te eng mit sei­nem Na­men ver­bun­den war. Dar­über hin­aus war er in der La­ge, für ein Vier­tel­jahr­hun­dert die Reichs- und mit­un­ter auch die eu­ro­päi­sche Ge­schich­te zu be­ein­flus­sen.

Am 19.4.1658 in Düs­sel­dorf ge­bo­ren, war Jo­hann Wil­helm der äl­tes­te Sohn von ins­ge­samt zwölf Kin­dern Phil­ipp Wil­helms von Pfalz-Neu­burg und der Eli­sa­beth Ama­lie von Hes­sen-Darm­stadt. Ne­ben sei­ner Fa­mi­lie wa­ren Je­sui­ten und Ad­li­ge aus Hof­krei­sen für sei­ne Er­zie­hung ver­ant­wort­lich, so dass er ei­ne um­fas­sen­de Bil­dung er­warb. Er be­herrsch­te ne­ben der la­tei­ni­schen auch die fran­zö­si­sche, die ita­lie­ni­sche und die spa­ni­sche Spra­che. Im Al­ter von 16 Jah­ren be­gann er ei­ne zwei­jäh­ri­ge Ka­va­liers­rei­se durch Eu­ro­pa. Sta­tio­nen wa­ren un­ter an­de­rem Ant­wer­pen, Pa­ris, Rom, Ve­ne­dig und Wien. 1678 hei­ra­te­te er Erz­her­zo­gin Ma­ria An­na Jo­se­fa von Ös­ter­reich (1654-1689), ei­ne Toch­ter Kai­ser Fer­di­nands III. und Stief­schwes­ter Kai­ser Leo­polds I., der wie­der­um seit 1676 mit Jo­hann Wil­helms Schwes­ter Eleo­no­re ver­hei­ra­tet war. Jo­hann Wil­helms zwei­te Frau wur­de 1691 An­na Ma­ria Lui­sa (1667-1743) aus dem Hau­se Me­di­ci, Toch­ter des Gro­ßher­zogs von To­sca­na.

Bei der Re­gie­rungs­über­nah­me 1690 fand Jo­hann Wil­helm im kur­pfäl­zi­schen Lan­des­teil we­gen des an­hal­ten­den Pfäl­zi­schen Erb­fol­ge­krie­ges (1688-1697) und der fran­zö­si­schen Be­set­zung der Pfalz bis zum Frie­den von Rys­wick (1697) schwie­ri­ge po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ver­hält­nis­se vor. Des­halb wähl­te er Düs­sel­dorf und nicht das zer­stör­te Hei­del­berg als sei­ne Re­si­denz­stadt. Be­reits seit 1679 hat­te er stell­ver­tre­tend für sei­nen Va­ter die Re­gent­schaft der Her­zog­tü­mer Jü­lich-Berg von dort aus aus­ge­übt. Über die be­deu­ten­de Rol­le hin­aus, die Jo­hann Wil­helm als Kur­fürst in der Reichs­po­li­tik zu­kam, be­müh­te er sich seit den ers­ten Re­gie­rungs­jah­ren auch in der eu­ro­päi­schen Po­li­tik um Ein­fluss. Die­sen such­te er durch den Auf­bau ei­ner star­ken mi­li­tä­ri­schen Po­si­ti­on zu er­hö­hen, al­ler­dings oh­ne da­bei ei­ge­ne feld­herr­li­che Am­bi­tio­nen zu ent­wi­ckeln.

Sehr dien­lich wa­ren Jo­hann Wil­helms dy­nas­ti­sche Be­zie­hun­gen, hat­ten doch sei­ne Schwes­tern in den eu­ro­päi­schen Hoch­adel ein­ge­hei­ra­tet. So wur­de sei­ne Ver­wandt­schaft zum Wie­ner Kai­ser­hof zur ste­ti­gen po­li­ti­schen Ori­en­tie­rung. Be­reits um 1680 und noch­mals zehn Jah­re spä­ter ver­such­te Jo­hann Wil­helm, durch das Haus Habs­burg als spa­ni­scher Statt­hal­ter der Nie­der­lan­de ein­ge­setzt zu wer­den, was ihm ei­ne mäch­ti­ge Stel­lung in Nord­west­eu­ro­pa ver­lie­hen hät­te. Ähn­lich mo­ti­viert dürf­te noch 1711-1713 sein eben­falls nicht ver­wirk­lich­ter Plan ge­we­sen sein, in den Be­sitz ei­nes erst noch zu schaf­fen­den Kö­nig­reichs im Mit­tel­meer­raum zu ge­lan­gen. Als ein voll­ends aus­sichts­lo­ses Pro­jekt er­wies sich ge­gen En­de des 17. Jahr­hun­derts die Idee, Kö­nig von Ar­me­ni­en zu wer­den. Da­mit ver­band er of­fen­bar die Vor­stel­lung ei­nes re­li­gi­ös be­stimm­ten Herr­schers, be­reit, für un­ter­drück­te Chris­ten im Ori­ent zu strei­ten.

Im Frie­den von Rys­wick ak­zep­tier­te Jo­hann Wil­helm für die über­wie­gend pro­tes­tan­ti­sche Kur­pfalz, dass die zur Zeit der fran­zö­si­schen Be­sat­zung be­sei­tig­ten Rech­te der re­for­mier­ten Kon­fes­si­ons­par­tei nicht wie­der­her­ge­stellt wer­den soll­ten (Rys­wi­cker Klau­sel). Die Ge­gen­leis­tung be­stand in der Rück­ga­be zu­vor an­nek­tier­ter pfäl­zi­scher Ge­bie­te. Ge­ra­de die­se Ver­ein­ba­rung stieß im Reich auf hef­ti­ge Kri­tik. Jo­hann Wil­helm rück­te wäh­rend des Spa­ni­schen Erb­fol­ge­krie­ges (1701-1714) aus po­li­ti­schen Grün­den, ins­be­son­de­re mit Blick auf das Ver­hält­nis zu Bran­den­burg-Preu­ßen, von der Re­li­gi­ons­klau­sel wie­der ab. Sei­ne Po­li­tik ziel­te un­ter ge­schick­ter Aus­nut­zung der po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se auf den Rück­erwerb der 1623 an Bay­ern ver­lo­re­nen so ge­nann­ten „äl­te­ren Kur­wür­de", die er 1708 er­hielt. Mit ihr war das vor­nehms­te Amt im Kur­kol­leg ver­bun­den, das des Erz­truch­ses­sen, der ei­nen sym­bo­li­schen Dienst an der kö­nig­li­chen Ta­fel ver­rich­te­te. Da­ne­ben hat­te der Erz­truch­sess im Fal­le ei­ner Va­kanz der Kai­ser­wür­de das Amt des Reichs­vi­kars zu ver­se­hen. 1711 fun­gier­te Jo­hann Wil­helm ein hal­bes Jahr lang als Reichs­vi­kar, was den Hö­he­punkt sei­ner po­li­ti­schen Lauf­bahn dar­stell­te. Der Ras­tat­ter Frie­den von 1714, mit dem der Spa­ni­sche Erb­fol­ge­krieg be­en­det wur­de, be­deu­te­te je­doch ei­ne schwe­re po­li­ti­sche Nie­der­la­ge für Jo­hann Wil­helm: Er muss­te so­wohl die Ober­pfalz als auch das Erz­truch­ses­sen­amt an Bay­ern zu­rück­ge­ben.

Dau­er­haf­te po­li­ti­sche Fol­gen hat­te Jo­hann Wil­helms Wir­ken am Nie­der­rhein kaum. Sei­ne Re­for­mi­nitia­ti­ven in Ver­wal­tung, Wirt­schaft und Jus­tiz ka­men über ers­te An­sät­ze nicht hin­aus. Sei­ne Kon­fes­si­ons­po­li­tik trug hier im Un­ter­schied zu den kur­pfäl­zi­schen Lan­des­tei­len eher to­le­ran­te Zü­ge. Sie ging je­doch wohl we­ni­ger auf re­li­giö­se Über­zeu­gun­gen zu­rück als auf das Be­stre­ben, sich ge­gen­über Bran­den­burg und dem Kai­ser­haus po­li­tisch zu po­si­tio­nie­ren.

Die Dif­fe­ren­zen mit den jü­lich-ber­gi­schen Land­stän­den, vor al­lem we­gen sei­ner ganz in ab­so­lu­tis­ti­schem Staats­ver­ständ­nis er­ho­be­nen fi­nan­zi­el­len For­de­run­gen, wuch­sen mehr­fach zu hef­ti­gen Kon­flik­ten aus. Jo­hann Wil­helms Düs­sel­dor­fer Hof­hal­tung zähl­te zu den kost­spie­ligs­ten der Zeit, was so­gar die Kri­tik sei­ner zwei­ten Frau er­reg­te. Der Kur­fürst ließ die Re­si­denz­stadt Düs­sel­dorf plan­mä­ßig er­wei­tern, erst­mals ei­ne Brü­cke über den Rhein nach Ober­kas­sel schla­gen, Spi­tä­ler und vor al­lem prunk­vol­le Bau­ten er­rich­ten. Da­zu zähl­ten das Jagd­schloss Bens­berg und ab 1709 ver­schie­de­ne Ge­bäu­de in Düs­sel­dorf. Sein Vor­ha­ben ei­nes mons­trö­sen Schloss­neu­baus wur­de al­ler­dings nicht ver­wirk­licht.

Ins­be­son­de­re geht auf ihn der Bau der Ge­mäl­de­ga­le­rie am Schloss zu­rück. Die Ga­le­rie, in­fol­ge der spä­te­ren Re­si­denz­ver­le­gun­gen Grund­stock der heu­ti­gen Mün­che­ner Al­ten Pi­na­ko­thek, ent­wi­ckel­te sich durch die lan­des­herr­li­che Sam­mel­lei­den­schaft und das Wir­ken be­rühm­ter Meis­ter zu ei­nem eu­ro­pa­weit be­wun­der­ten Kunst­zen­trum. Ne­ben Ma­le­rei und Plas­tik för­der­te er als Mä­zen Thea­ter und Oper, et­wa mit der Er­rich­tung des Düs­sel­dor­fer Opern­hau­ses 1696.

Nach sei­nem Tod am 8.6.1716 in Düs­sel­dorf wur­de Jo­hann Wil­helm wie sein Gro­ßva­ter Pfalz­graf Wolf­gang Wil­helm in der Düs­sel­dor­fer An­dre­as­kir­che be­gra­ben. Da er kei­ne Er­ben hin­ter­ließ, trat sein Bru­der Karl Phil­ipp sei­ne Nach­fol­ge an. Der neue Kur­fürst und Her­zog ver­leg­te die Re­si­denz ins pfäl­zi­sche Mann­heim, wo­durch der kul­tu­rel­le und wirt­schaft­li­che Auf­schwung in Düs­sel­dorf jäh ab­brach. Die­ser Kon­trast dürf­te die nicht sel­ten ver­klä­ren­de Sicht der nie­der­rhei­ni­schen Be­völ­ke­rung auf Jo­hann Wil­helms Re­gent­schaft ver­stärkt ha­ben. Ab­ge­se­hen von ein­zel­nen künst­le­ri­schen und ar­chi­tek­to­ni­schen Zeug­nis­sen, hat sei­ne Re­gie­rungs­zeit kaum prä­gen­de Spu­ren in der rhei­ni­schen Ge­schich­te hin­ter­las­sen.

Im Rhein­land er­in­nern zwei Denk­mä­ler an ihn: das 1695 ge­schaf­fe­ne Rei­ter­stand­bild Ga­bri­el de Gru­pel­los (1644-1730) vor dem Düs­sel­dor­fer Rat­haus und das als Stif­tung des Tex­til­fa­bri­kan­ten An­d­reae 1914 in Köln-Mül­heim er­rich­te­te Stand­bild des Kur­fürs­ten in Jagd­klei­dung.

Literatur

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Dahm, Chris­tof, Ar­ti­kel "Jo­hann Wil­helm von Pfalz-Neu­burg, Her­zog von Jü­lich und Berg, Kur­fürs­t von der Pfalz", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 3 (1992), Sp. 171-174.

Kel­ler, Ri­chard Au­gust, Jo­hann Wil­helm, in: Düs­sel­dor­fer Jahr­buch 29 (1917), S. 89-122.

Kühn-Stein­hau­sen, Her­mi­ne, Jo­hann Wil­helm, Kur­fürs­t von der Pfalz, Her­zog von Jü­lich-Berg (1658-1716), Düs­sel­dorf 1958.

Mau­rer, Be­ne­dikt (Hg.), Ba­ro­cke Herr­schaft am Rhein um 1700. Kur­fürs­t Jo­hann Wil­helm II. und sei­ne Zeit, Düs­sel­dorf 2009.

Möh­lig, Kor­ne­lia, Die Ge­mäl­de­ga­le­rie des Kur­fürs­ten Jo­hann Wil­helm von Pfalz-Neu­burg (1658-1716) in Düs­sel­dorf, Köln 1993.

Mül­ler, Klaus, Jan Wel­lem, Ein Ba­rock­fürst in Düs­sel­dorf, Düs­sel­dorf 2008.

Online

Brau­bach, Max, Ar­ti­kel "Jo­hann Wil­helm, Pfalz­graf von Neu­burg, Her­zog von Jü­lich und Berg, Kur­fürst von der Pfalz", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 10 (1974), S. 516-518.

 
Zitationshinweis

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Richter, Olaf, Johann Wilhelm von Pfalz-Neuburg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-wilhelm-von-pfalz-neuburg/DE-2086/lido/57c92e9ebdd9d1.15979619 (24.04.2018)