Johannes Kirschweng

Schriftsteller, Priester (1900-1951)

Peter Burg (Münster)

Johannes Kirschweng, Porträtfoto. (Landesarchiv Saarbrücken)

Jo­han­nes Kirsch­weng, ein ka­tho­li­scher Pries­ter, war ein nam­haf­ter saar­län­di­scher Hei­mat­dich­ter.

Jo­han­nes Kirsch­weng wur­de am 19.12.1900 in Wad­gas­sen, da­mals ei­ne Ge­mein­de im Re­gie­rungs­be­zirk Trier der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz, ge­bo­ren. Bis zur Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on be­fand sich hier ei­ne reich be­gü­ter­te Prä­mons­tra­ten­ser­ab­tei, de­ren Ge­bäu­de und Ter­rain im 19. Jahr­hun­dert von der Fir­ma Vil­le­roy & Boch zur Ke­ra­mik- und Glas­her­stel­lung ge­nutzt wur­den. Der Va­ter des Dich­ters, Phil­ipp Kirsch­weng (1871-1950), war Schlos­ser, sei­ne bei­den Gro­ßvä­ter wa­ren Glas­ma­cher mit ge­nea­lo­gi­schen Wur­zeln in Loth­rin­gen. Der ge­schicht­li­che, so­zia­le und po­li­ti­sche Hin­ter­grund war für Kirsch­weng be­deut­sam und floss in sein künst­le­ri­sches Schaf­fen ein. In per­sön­li­cher Hin­sicht stand ihm sei­ne Mut­ter Lui­se Ma­thieu (1876-1949) am nächs­ten. Sie half ihm ma­ß­geb­lich da­bei sein Le­ben zu or­ga­ni­sie­ren.

Die so­zia­len und wirt­schaft­li­chen, fa­mi­liä­ren und per­sön­li­chen Be­zie­hun­gen zum loth­rin­gi­schen Nach­barn, die im­mer schon be­stan­den hat­ten, konn­ten sich in­fol­ge der An­ne­xi­on El­sass-Loth­rin­gens nach dem deutsch-fran­zö­si­schen Krieg 1870/1871 noch in­ten­si­ver ent­fal­ten. Loth­rin­gen und das Land an der Saar bil­de­ten für den Wad­gas­ser ei­ne kul­tu­rel­le Ein­heit. Ge­mein­sam war den Be­woh­nern ein dis­tan­zier­tes Ver­hält­nis zu Preu­ßen. In El­sass-Loth­rin­gen war die­ses be­grün­det durch die ge­walt­sa­me Ab­tren­nung von Frank­reich, im Saar­ge­biet wie im ge­sam­ten Rhein­land be­ruh­te ei­ne an­ti­preu­ßi­sche Grund­stim­mung auf dem Fak­tum, dass Preu­ßen sei­ne west­lichs­te Pro­vinz mit land­frem­den Be­am­ten über­zog und in der Be­set­zung der lei­ten­den Stel­len in der Ver­wal­tung, im Schul­be­reich und im Staats­berg­bau Ein­hei­mi­sche be­nach­tei­lig­te. Im Kul­tur­kampf des preu­ßi­schen Staa­tes, der die alt­über­kom­me­ne Macht­po­si­ti­on der Kir­che un­ter­grub, wur­den die Ge­gen­sät­ze wei­ter ver­tieft.

Das vor al­lem in der ka­tho­li­schen Be­völ­ke­rung ver­brei­te­te An­ti­preu­ßen­tum fass­te bei Jo­han­nes Kirsch­weng nach­hal­tig Fuß. Dass er im preu­ßi­schen Schul­sys­tem er­zo­gen und dass Stoff- und Wer­te­ver­mitt­lung von der preu­ßi­schen Re­gie­rung vor­ge­ge­ben wur­den, ver­moch­te die tief ver­wur­zel­ten Res­sen­ti­ments nicht zu über­win­den. Kirsch­weng er­leb­te das preu­ßi­sche Sys­tem län­ger als die üb­ri­gen Saar­län­der, da er sich wäh­rend der Völ­ker­bunds­zeit (1919-1935) zu­erst als Stu­dent, dann als Ka­plan au­ßer­halb des vom Deut­schen Reich ab­ge­trenn­ten Saar­ge­biets in der Rhein­pro­vinz (in Bern­kas­tel-Ku­es und in Bad Neue­nahr) auf­hielt. Das Saar­ge­biet kehr­te nach der Volks­ab­stim­mung 1935, in der der Sta­tus quo ab­ge­lehnt und mit 90 Pro­zent für die Rück­kehr ins Deut­sche Reich vo­tiert wur­de, nicht mehr in den preu­ßi­schen Staats­ver­band zu­rück.

Jo­han­nes Kirsch­weng ver­ließ nach dem sechs­ten Schul­jahr die Volks­schu­le in Wad­gas­sen und wur­de in die Quar­ta des Fried­rich-Wil­helm-Gym­na­si­ums in Trier ein­ge­schult. Un­ter­ge­bracht war er im bi­schöf­li­chen Kon­vikt. Die Er­war­tung, dass er ei­nes Ta­ges den geist­li­chen Be­ruf er­grei­fen wür­de, heg­ten der hei­mat­li­che Pfar­rer wie die El­tern. Im Ju­ni 1918 ab­sol­vier­te er das so ge­nann­te Kriegsa­b­itur und dien­te bis No­vem­ber 1918 als Re­krut be­zie­hungs­wei­se Sol­dat. Das sich im Trie­rer Pries­ter­se­mi­nar an­schlie­ßen­de Theo­lo­gie­stu­di­um be­en­de­te er be­reits 1924. Bei sei­ner Pri­miz war er erst 23 Jah­re alt. Auf den schnel­len Durch­lauf von Schu­le und Aus­bil­dung folg­te in sei­ner Kar­rie­re als Geist­li­cher ei­ne Sta­gna­ti­on. Im Jah­re 1930 leg­te er zwar das Pas­to­r­a­lex­amen ab, aber er ver­wal­te­te in der Fol­ge­zeit nie ei­ne Pfarr­stel­le. En­de Ok­to­ber 1933 schied er aus dem Kir­chen­dienst aus, um sich in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de ganz der Schrift­stel­le­rei zu wid­men, ein Feld, auf dem er sich sehr schnell ei­nen Na­men ge­macht hat­te. Ein Men­tor für sei­ne Dich­ter­kar­rie­re war der Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und Geist­li­che Jo­han­nes Mum­bau­er. Pries­ter­li­che Funk­tio­nen üb­te der Wad­gas­ser wei­ter­hin auf pri­va­ter Ba­sis mit kirch­li­cher Bil­li­gung bis zu sei­nem To­de aus.

Kirsch­wengs li­te­ra­ri­sche Pro­duk­ti­on lag schwer­punkt­mä­ßig in den Jah­ren vor En­de des Zwei­ten Welt­kriegs. Er ließ sich in den Bann na­tio­na­lis­ti­schen Den­kens hin­ein­zie­hen und wer­te­te die Ka­pi­tu­la­ti­on Deutsch­lands im Ers­ten Welt­krieg und den an­schlie­ßen­den Ver­sailler Ver­trag als Va­ter­lands­ver­rat. Hef­tig kri­ti­sier­te er die Los­lö­sung des Saar­ge­biets aus dem Reich und die Ver­wal­tung durch ei­ne Völ­ker­bunds­re­gie­rung, in der Frank­reich das Über­ge­wicht be­saß. Ei­nen Nie­der­schlag fand die The­ma­tik in dem 1935 er­schie­ne­nen Ro­man „Das wach­sen­de Reich“, den das Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­um mit ei­nem Lob ver­sah. Kirsch­wengs nie in Zwei­fel ge­stell­tes Be­kennt­nis zum Chris­ten­tum be­wahr­te ihn aber da­vor, Na­tio­nal­so­zia­list zu wer­den und sich vor den Kar­ren der Hit­ler­re­gie­rung span­nen zu las­sen.

 

Ein gro­ßer Teil des Wer­kes von Kirsch­weng aus der Zeit des „Drit­ten Rei­ches“ lag nicht auf der Li­nie des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, im Ge­gen­teil, wenn man auf die Be­hand­lung re­li­giö­ser und kir­chen­ge­schicht­li­cher The­men in sei­nen Ro­ma­nen und Er­zäh­lun­gen sieht. Ei­ner of­fe­nen Kon­fron­ta­ti­on ging er aus dem Weg, nicht zu­letzt, um kein Be­rufs­ver­bot zu ris­kie­ren. Erst nach dem Krieg konn­te er sich klar und deut­lich von der NS-Zeit dis­tan­zie­ren, und er ge­stand für sei­ne Per­son ein feh­ler­haf­tes und mut­lo­ses Ver­hal­ten ein. Jetzt er­wärm­te er sich für ein eu­ro­pä­isch aus­ge­rich­te­tes Saar­land. Er sah die völ­ker­recht­li­che Le­gi­ti­ma­ti­on für ein neu­es Staats­ge­bil­de im Recht auf Selbst­be­stim­mung und in der Exis­tenz ei­ner saar­län­di­schen Misch­kul­tur.

Ei­ni­ge Wer­ke von Jo­han­nes Kirsch­weng stel­len die be­weg­te Ge­schich­te und den kom­ple­xen Cha­rak­ter des Saar­lan­des, sei­ne Le­gen­den, sei­ne Folk­lo­re und sei­ne Zu­kunfts­er­war­tun­gen dar. Da­zu zählt der Ro­man "Der Nef­fe des Mar­schalls" (1939), in dem Kirsch­weng den geis­ti­gen Wi­der­stand der fran­zö­si­schen Fes­tungs­stadt Saar­louis ge­gen­über der preu­ßi­schen Herr­schafts­po­li­tik be­schreibt. Wäh­rend des Krie­ges (1944) er­schien die No­vel­le „Der Ka­the­dra­len­läu­fer“. Der Haupt­held ist ein Ver­eh­rer der Ka­the­dra­len von Trier, Straß­burg und Metz und stat­tet die­sen ein­mal jähr­lich ei­nen Be­such ab. Die Er­zäh­lung the­ma­ti­siert die Ein­heit des alt­loth­rin­gi­schen Kul­tur­raums und den Wi­der­stand ge­gen die Kir­chen­feind­schaft der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on. In der Nach­kriegs­zeit (1948) er­schien „Der Schä­fer­kar­ren“. Die Men­schen die­ses schwer­mü­ti­gen Ro­mans lei­den see­lisch und kör­per­lich an den Kriegs­fol­gen, ins­be­son­de­re den ge­stör­ten oder gar zer­stör­ten fa­mi­liä­ren und so­zia­len Be­zie­hun­gen.

Im Jah­re 1946 ver­fass­te Kirsch­weng ei­nen Es­say mit dem Ti­tel „Be­wahr­tes und Ver­hei­ßen­des“, der zwar ganz auf der Li­nie von Jo­han­nes Hoff­mann (1890-1967), von 1947 bis 1955 saar­län­di­scher Mi­nis­ter­prä­si­dent, und der da­ma­li­gen fran­zö­si­schen Be­sat­zungs­po­li­tik lag, aber ge­ra­de des­halb die al­te An­hän­ger­schaft des Dich­ters ver­prell­te und vie­le Geg­ner auf den Plan rief. Die Ein­heit der Na­ti­on, in sei­nen frü­hen Schrif­ten ein ab­so­lu­tes Cre­do, ge­hör­te für den Schrift­stel­ler nicht zu den Ele­men­ten ei­nes deut­schen Neu­auf­bau­es – und dar­in lag ei­ne ra­di­ka­le Wen­de sei­ner po­li­ti­schen Welt­an­schau­ung. Er ge­hör­te jetzt zu den Be­für­wor­tern ei­nes saar­län­di­schen Staats­ge­bil­des.

Kirsch­weng ahn­te da­mals noch nicht, welch mas­si­ve Kri­tik An­sich­ten wie die sei­ne der Ab­stim­mungs­kampf vor dem Re­fe­ren­dum vom Ok­to­ber 1955 her­auf­be­schwö­ren wür­de. Er lag in der Ein­schät­zung der Rea­li­tät und der künf­ti­gen Ent­wick­lung des Saar­lan­des falsch. Denn in der Volks­ab­stim­mung wur­de das Eu­ro­pa-Sta­tut für das Saar­land von ei­ner Zweit­drit­tel­mehr­heit ab­ge­lehnt und da­mit die Wie­der­ver­ei­ni­gung mit Deutsch­land ein­ge­lei­tet.

Das Ver­dienst des Dich­ters liegt nicht in sei­nem po­li­ti­schen Wir­ken, son­dern in sei­nem künst­le­ri­schen Schaf­fen. Mit ei­ner be­wun­derns­wer­ten Sprach­ge­walt hat er den Reiz der Land­schaft und der Men­schen sei­ner Hei­mat in zahl­rei­chen Er­zäh­lun­gen, Ro­ma­nen und Ge­dich­ten ein­ge­fan­gen.

Jo­han­nes Kirsch­weng starb am 22.8.1951 in Saar­louis. Ei­ne Bron­ze-Skulp­tur, die ihn dar­stellt, ge­schaf­fen von dem Wad­gas­ser Künst­ler Lo­thar Meß­ner, be­fin­det sich vor dem Guts­hof der ehe­ma­li­gen Prä­mons­tra­ten­ser­ab­tei Wad­gas­sen (heu­te Mu­se­um für Tech­nik und Kom­mu­ni­ka­ti­on). In Über­herrn, Wad­gas­sen und in Bad Neue­nahr-Ahr­wei­ler er­in­nern Stra­ßen­na­men an den Dich­ter.

Werke

Ge­sam­mel­te Wer­ke in elf Bän­den, Saar­brü­cken 1974-1986.

Einzeltitel (Auswahl)

Das wach­sen­de Reich. Saar­ro­man, Bonn 1935.

Feld­wa­che der Lie­be. Ro­man, Saar­lau­tern 1936.

Der Nef­fe des Mar­schalls, Mün­chen 1939.

Be­wahr­tes und Ver­hei­ßen­des, Saar­louis 1946.

Der Schä­fer­kar­ren, Saar­brü­cken 1948.

Literatur

Burg, Jo­sef, Jo­han­nes Kirsch­weng. Ein bio­gra­phi­scher Ab­riss, in: Jo­han­nes Kirsch­weng, Ge­sam­mel­te Wer­ke, Band 11: Nach­trä­ge, Bio­gra­phi­scher Ab­riß, Bi­blio­gra­phie, Saar­brü­cken 1986, S. 294-368.

Mei­din­ger-Gei­se, In­ge, Jo­han­nes Kirsch­weng, in: Saar­län­di­sche Le­bens­bil­der, Band 1, Saar­brü­cken 1982, S. 211-232.

Schock, Ralph, „Ihr seid da un­ten Bo­russo­pho­ben“. Gus­tav Reg­ler und Jo­han­nes Kirsch­weng, in: Mall­mann, Klaus-Mi­cha­el/Paul, Ger­hard/Schock, Ralph/ Klimmt, Rein­hard (Hg.), Rich­tig da­heim wa­ren wir nie. Ent­de­ckungs­rei­sen ins Saar­re­vier 1815-1955, Ber­lin/Bonn 1987, S. 244-247.

Stein­mey­er, Frank, „Weil über al­lem Elend die­ser Zeit die Hei­mat steh­t“. Li­te­ra­tur und Po­li­tik im Werk von Jo­han­nes Kirsch­weng, St. Ing­bert 1990.

Online

Persch, Mar­tin, Kirsch­weng, Jo­han­nes, Schrift­stel­ler, in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon, Band 3, 1992, Sp. 1535-1537.

Rei­chert, Franz-Jo­sef, Kirsch­weng, Jo­han­nes, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 11 (1977), S. 677-678. [On­line]

Johannes Kirschweng, Bronzeskulptur von Lothar Meßner (geboren 1926) vor der ehemaligen Prämonstratenser-Abtei in Wadgassen, Foto: A. Josef Dernbecher.

 
Zitationshinweis

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Burg, Peter, Johannes Kirschweng, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johannes-kirschweng-/DE-2086/lido/57c93516930ac4.89315527 (20.09.2018)