Ernst Hardt

Schriftsteller, Theater- und Rundfunkintendant (1876-1947)

Birgit Bernard (Köln/Heidelberg)

WERAG 1927. (WDR) Gruppenbild aller Mitarbeiter im Großen Sendesaal im Funkhaus Dagobertstraße. Abgebildete Personen u.a.: Alexander Maass, Josef Kandner, Friedrich Castelle, Rudolf Rieth, Paul Korte, Paul Apel, Hanns Ulmann, Otto Julius Kühn, Ernst Hardt, Willi Schäferdiek, Albert Oettershagen, Wilhelm Strienz, Wilhelm Buschkötter, Martha Walther, Heinz Holwe (Bariton). (WDR)

Ernst Hardt war Schrift­stel­ler, Über­set­zer, Re­gis­seur, Thea­ter- und Rund­funk­in­ten­dant in Wei­mar und Köln.

Ernst Hardt kam am 9.5.1876 als Sohn des preu­ßisch-pro­tes­tan­ti­schen Ar­til­le­rie­of­fi­ziers Ernst Fried­rich Hardt (ge­bo­ren 1845) und sei­ner Frau An­na Lu­cie ge­bo­re­ne Zaet­tré (ge­bo­ren 1847) in Grau­denz an der Weich­sel zur Welt. Bei­de El­tern stamm­ten aus Ost­preu­ßen, in der vä­ter­li­chen Li­nie las­sen sich Ju­ris­ten nach­wei­sen, in der müt­ter­li­chen Li­nie wa­ren es Kauf­leu­te mit weit­ge­spann­ten Be­zie­hun­gen im nord­eu­ro­päi­schen Raum. Die ers­ten Le­bens­jah­re ver­brach­te Hardt in Kö­nigs­berg. Im Mai 1888 trat er auf Wunsch der El­tern in die Quin­ta der Ka­det­ten­an­stalt in Pots­dam ein, brach die Aus­bil­dung je­doch im Mai 1892 ab, da er sich zur Li­te­ra­tur hin­ge­zo­gen fühl­te.

Hardt ging mit­tel­los nach Ber­lin, wo er die Be­kannt­schaft des Ar­chäo­lo­gen und Kunst­his­to­ri­kers Bo­tho Graef (1857-1917) mach­te. Die­ser ver­mit­tel­te dem jun­gen Schrift­stel­ler Kon­tak­te in­ner­halb der Kunst­sze­ne. In Ber­lin lern­te Hardt un­ter an­de­rem Ste­fan Ge­or­ge (1868-1933) ken­nen, Rai­ner Ma­ria Ril­ke (1875-1926), den Kunst­ge­werb­ler Mel­chi­or Lech­ter (1865-1937) oder die spä­te­re Da­da-Künst­le­rin El­se Plötz (1874-1937), ab 1913 ver­hei­ra­te­te Ba­ro­nin von Frei­tag-Lo­ring­ho­ven.

Ers­te li­te­ra­ri­sche Er­fol­ge er­rang Hardt An­fang der 1890er Jah­re als Ly­ri­ker be­zie­hungs­wei­se mit so­zi­al­kri­ti­schen Er­zäh­lun­gen. Sei­ne ei­gent­li­che Be­rühmt­heit re­sul­tier­te je­doch aus sei­nen neo­ro­ma­ti­schen Büh­nen­ar­bei­ten. Für sein wohl be­kann­tes­tes Werk, das Dra­ma „Tan­tris der Nar­r“ (1907), er­hielt Hardt im Jah­re 1908 den hal­ben Staats-Schil­ler­preis so­wie den Volks-Schil­ler­preis. Im spä­ten Kai­ser­reich ge­hör­te er zu den meist ge­spiel­ten Dra­ma­ti­kern auf deut­schen Büh­nen.

Im Jah­re 1907 ließ Hardt sich mit sei­ner Ehe­frau Po­ly­xe­na ge­bo­re­ne von Hoess­lin (ge­bo­ren 1872), die er durch Graef in Athen ken­nen­ge­lernt hat­te, und den ge­mein­sa­men Kin­dern Do­na­ta und Pros­per in Wei­mar nie­der. Der Le­bens­zu­schnitt der Fa­mi­lie war groß­bür­ger­lich, Hardt ver­kehr­te mit Di­plo­ma­ten, Kunst­mä­ze­nen oder In­dus­tri­el­len wie Har­ry Graf Kess­ler (1868-1937) oder Walt­her Ra­then­au (1867-1922). Wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges ver­sieg­te Hardts li­te­ra­ri­sche Pro­duk­ti­on. Die neo­ro­man­ti­sche Pe­ri­ode hat­te sich mit dem En­de des Kai­ser­reichs über­lebt. Be­deut­sam war je­doch Hardts En­ga­ge­ment im Rah­men der Deut­schen Schil­ler­stif­tung. Hier setz­te sich er sich so­wohl für Ar­bei­ter­dich­ter als auch für jun­ge Ta­len­te wie El­se Las­ker-Schü­ler (1869-1945), Leo­nard Frank (1892-1961) oder Jo­han­nes R. Be­cher (1891-1958) ein.

Zu Be­ginn des Jah­res 1919 wur­de Hardt zum In­ten­dan­ten des Deut­schen Na­tio­nal­thea­ters in Wei­mar be­ru­fen, zum Be­ginn der Spiel­zeit 1925/1926 ging er mit sei­ner spä­te­ren zwei­ten Ehe­frau, der Schau­spie­le­rin Loui­se Da­en­ner (ge­bo­ren 1899), nach Köln. Cha­rak­te­ris­tisch für Hardts Thea­ter­ar­bei­ten – wie auch für sei­ne Hör­spiel­re­gie – war ei­ne strik­te Wort­ba­siert­heit, durch die er sich von ex­pe­ri­men­tel­len Strö­mun­gen der 1920er Jah­re un­ter­schei­det. In Köln war sei­ne Be­ru­fung von An­fang an höchst um­strit­ten. Hardt fühl­te am Thea­ter wie auch in der Köl­ner Lo­kal­po­li­tik sich zwi­schen al­len Stüh­len sit­zend, die Spiel­zeit en­de­te für ihn im Fi­as­ko.

In die­ser Si­tua­ti­on er­öff­ne­te sich durch die In­ter­ven­ti­on von Ober­bür­ger­meis­ter Kon­rad Ade­nau­er ei­ne neue Op­ti­on. Ade­nau­er bot Hardt die „Künst­le­ri­sche Lei­tun­g“, das hei­ßt die In­ten­danz der West­deut­schen Fundkstun­de AG an, de­ren Ge­schäfts­sitz im Herbst 1926 von Müns­ter nach Köln ver­legt und in WER­AG (Vor­läu­fer des WDR) um­be­nannt wur­de. Für den auf­klä­re­ri­schen Hu­ma­nis­ten Hardt war der Rund­funk im Grun­de ein Bil­dungs- und Er­kennt­nis­in­stru­ment, oh­ne dass er das mensch­li­che Be­dürf­nis nach Un­ter­hal­tung und re­gio­na­ler Bin­dung ge­ring ge­schätzt hät­te. Obers­tes Kri­te­ri­um war je­doch stets in­halt­li­che und for­ma­le Qua­li­tät der Dar­bie­tung. Als Mit­tel zur Grenz­über­win­dung, zum Bei­spiel in klas­sen­über­grei­fen­der, so­zio­lo­gi­scher Hin­sicht, galt Hardt die Ver­mitt­lung von „Tat­sa­chen­kennt­nis“, das hei­ßt ver­tie­fen­der In­for­ma­tio­nen zu al­len Be­rei­chen des mensch­li­chen Le­bens und nicht zu­letzt von welt­an­schau­li­chen Po­si­tio­nen. Ide­al­ty­pisch kommt dies zum Bei­spiel im Auf­bau ei­nes spe­zi­el­len Ar­bei­ter­funks zum Aus­druck, den sonn­täg­li­chen „Mor­gen­fei­ern“, in den so­wohl ka­tho­li­sche als auch evan­ge­li­sche Geist­li­che be­zie­hungs­wei­se Rab­bi­ner zu Wort ka­men, oder der Dis­kus­si­ons­sen­dung „Ge­sprä­che über Men­schen­tum“. Ernst Hardt hat sich wie­der­holt zu me­di­en­äs­the­ti­schen Fra­gen ge­äu­ßert, zum Bei­spiel auch zur Me­di­en­ethik und dem „pro­gramm­bil­den­den Ge­wis­sen“ von Re­dak­teu­ren im Span­nungs­feld zwi­schen Bil­dungs­auf­trag und Pu­bli­kums­in­ter­es­se.

 

An­ge­bo­ten wur­de ein Voll­pro­gramm von Nach­rich­ten, Sport, Li­te­ra­tur und Mu­sik bis hin zum Schul-, Ar­bei­ter-, Kir­chen- Kin­der- oder Frau­en­funk, das al­ler­dings li­ne­ar auf ei­ner ein­zi­gen Mit­tel­wel­le aus­ge­strahlt wur­de, die über den Köl­ner Haus­sen­der Lan­gen­berg „aus Köln in die Welt“ ging (so der Ti­tel ei­ner 1974 von Wal­ter Först zum 50-jäh­ri­gen Ju­bi­lä­um her­aus­ge­ge­ben Pu­bli­ka­ti­on).

Selbst­re­dend galt Hardts be­son­de­res Au­gen­merk der Li­te­ra­tur, ins­be­son­de­re dem Hör­spiel. Hardt in­sze­nier­te häu­fig selbst, zum Bei­spiel Jo­hann Wolf­gang von Goe­the (1749-1831) Ta­go­re (1861-1941) oder Ber­tolt Brecht (1898-1956), ver­füg­te über ein fes­tes Hör­spiel­ensem­ble und zähl­te zu den bes­ten Re­gis­seu­ren des frü­hen Rund­funks, un­ter an­de­rem in Zu­sam­men­ar­beit mit Schrift­stel­lern wie Ber­tolt Brecht oder re­nom­mier­ten Künst­lern wie Alex­an­der Gra­nach (1890-1945), Wolf­gang Lang­hoff (1901-1966), Ma­thi­as Wie­man (1902-1969) oder Re­né Deltgen. Aber auch Ar­bei­ter­li­te­ra­tur stand in Form von Hör­spie­len oder Le­sun­gen zu gu­ten Sen­de­zei­ten auf dem Pro­gramm. Hardts Au­gen­merk galt nicht zu­letzt der För­de­rung der zeit­ge­nös­si­schen Li­te­ra­tur und von Nach­wuchs­ta­len­ten. Ih­nen er­öff­ne­te der West­deut­sche Rund­funk in Sen­de­rei­hen wie „Le­ben­de Dich­ter“ ein ei­ge­nes Fo­rum.

Zu den in die­sem Rah­men ge­för­der­ten rhei­nisch-west­fä­li­schen Schrift­stel­lern ge­hör­ten et­wa Jo­sef Winck­ler (1881-1966), Chris­toph Wieprecht (1875-1942), Hein­rich Lersch, Ste­fan And­res, Kar­lau­gust Düp­pen­gies­ser (1899-1987), Her­bert Eu­len­berg, Wal­ter Ha­sen­cle­ver (1890-1940), Adolf von Hatz­feld (1892-1957) oder Jo­han­nes Kirsch­weng.

Im März 1933 wur­de Hardt nach jah­re­lan­gen An­grif­fen und Dif­fa­mie­run­gen sei­tens der Gau­pres­se von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ent­las­sen. Ei­ne An­kla­ge in dem 1934 in Ber­lin be­gon­ne­nen Schau­pro­zess ge­gen Prot­ago­nis­ten der Füh­rungs­spit­ze des „Sys­tem­rund­funks“ kam man­gels Be­wei­sen nicht zu­stan­de. Hardt zog nach Ber­lin und fris­te­te sein Le­ben in der „In­ne­ren Emi­gra­ti­on“. Not­dürf­tig be­stritt er sei­nen Le­bens­un­ter­halt, un­ter an­de­rem durch Über­set­zun­gen aus dem Fran­zö­si­schen. In den 1930er Jah­ren wand­te er sich wie­der ei­ge­ner Pro­sa zu. Die Er­zäh­lun­gen „Don Hjal­mar“ und „Der Ritt nach Kap Spar­tel­l“ wur­den je­doch erst nach dem En­de des Krie­ges ver­öf­fent­licht.

1943 zog Hardt, des­sen Ge­sund­heit von je­her fra­gil ge­we­sen war, aus dem kriegs­zer­stör­ten Ber­lin nach Ichen­hau­sen in Ober­schwa­ben. Hier hei­ra­te­te er in drit­ter Ehe Mat­hil­de („Til­la“) Schmal­horst (1906-1988), sei­ne spä­te­re Nach­lass­ver­wal­te­rin.

Nach Kriegs­en­de im Jah­re 1945 stell­te sich die Fra­ge nach ei­ner neu­en Wir­kungs­mög­lich­keit in­ner­halb ei­nes jetzt de­mo­kra­ti­schen Rund­funk­sys­tems. Letzt­lich schei­ter­ten die Ver­hand­lun­gen zur Über­nah­me ei­ner Ge­ne­ral­in­ten­danz beim Nord­west­deut­schen Rund­funk (NW­DR) in der Bri­ti­schen Be­sat­zungs­zo­ne mit den Funk­häu­sern Ham­burg und Köln an Hardts Ge­sund­heits­zu­stand. Ob­wohl er 1946 be­reits an ei­nem Atem­weg­skar­zi­nom litt, nahm er ei­ne be­ra­ten­de Funk­ti­on beim Auf­bau des NW­DR ein.

Ernst Hardt starb am 3.1.1947 in Ichen­hau­sen. Sei­ne Asche wur­de auf den Äckern am Wil­helms­berg ver­streut. Zur Er­in­ne­rung an ihn wur­de in Ichen­hau­sen ein Ge­denk­stein er­rich­tet und an sei­nem Haus in der Günz­bur­ger Stra­ße 31 ei­ne Ge­denk­ta­fel an­ge­bracht.

Werke

Thea­ter­stü­cke

1898 - To­te Zeit.

1903 - Der Kampf ums Ro­sen­ro­te.

1904 - Aus den Ta­gen des Kna­ben.

1905 - Ni­non von Len­clos, Di­gi­ta­li­sat.

1907 - Tan­tris der Narr, Ur­auf­füh­rung Köln 1908.

1911 – Gu­drun.

1913 - Schi­rin und Ger­trau­de.

1913 - Kö­nig Sa­lo­mo.

Nachlass

Deut­sches Li­te­ra­tur­ar­chiv in Mar­bach/N.

Literatur

Ber­nard, Bir­git, Ernst Hardt 1876-1947). Den Men­schen im­mer mehr zum Men­schen ma­chen“, Es­sen 2014.

Mohl, Re­na­te, Der Auf­bruch. Der West­deut­sche Rund­funk in der Wei­ma­rer Re­pu­blik, in: Am Puls der Zeit. 50 Jah­re WDR, Band 1: Die Vor­läu­fer 1924-1955, hg. von Pe­tra Wit­ting-Nö­then, Köln 2006, S. 27-85.

Schüs­s­ler, Su­san­ne, Ernst Hardt. Ei­ne mo­no­gra­phi­sche Stu­die, Frank­furt/M. 1994.

WERAG 1927. (WDR) Gruppenbild aller Mitarbeiter im Großen Sendesaal im Funkhaus Dagobertstraße. Abgebildete Personen u.a.: Alexander Maass, Josef Kandner, Friedrich Castelle, Rudolf Rieth, Paul Korte, Paul Apel, Hanns Ulmann, Otto Julius Kühn, Ernst Hardt, Willi Schäferdiek, Albert Oettershagen, Wilhelm Strienz, Wilhelm Buschkötter, Martha Walther, Heinz Holwe (Bariton). (WDR)

 
Zitationshinweis

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Bernard, Birgit, Ernst Hardt, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ernst-hardt/DE-2086/lido/57c827132806e0.67875127 (23.06.2018)