Jürgen von Manger

Schauspieler und Kabarettist (1923-1994)

Björn Thomann (Sankt Augustin)

Jürgen von Manger, Porträtfoto. (Kulturgut Haus Nottbeck)

Jür­gen von Man­ger zähl­te seit den 1960er Jah­ren zu den po­pu­lärs­ten deutsch­spra­chi­gen Hu­mo­ris­ten. Be­kannt wur­de er nicht zu­letzt durch die von ihm ent­wi­ckel­te und über ei­nen Zeit­raum von mehr als 20 Jah­ren ver­kör­per­te Kunst­fi­gur des „Adolf Tegt­mei­er“, durch den er mit Ruhr­ge­biets­dia­lekt, Sprach­witz und un­be­stech­li­cher ba­na­ler Lo­gik die Men­schen, den All­tag und die Ge­scheh­nis­se sei­ner Zeit per­si­flier­te.

Hans Jür­gen Ju­li­us Emil Fritz von Man­ger wur­de am 6.3.1923 in Ko­blenz als zwei­ter von drei Söh­nen des Staats­an­walts Fritz Ko­enig und des­sen Ehe­frau An­to­nia von Man­ger ge­bo­ren. Die Mut­ter ent­stamm­te ei­ner seit dem aus­ge­hen­den 19. Jahr­hun­dert in Ko­blenz an­säs­si­gen ka­tho­li­schen Adels­fa­mi­lie. Ih­ren Ti­tel hat­te sie je­doch durch die Ehe­schlie­ßung im Jahr 1919 ver­lo­ren und er­lang­te die­sen erst wie­der, nach­dem sie von ih­rem On­kel Mar­tin von Man­ger im Jah­re 1927 ad­op­tiert wor­den war. Auch die Kin­der tru­gen von nun an den Na­men „von Man­ger-Ko­eni­g“.

Sei­ne ers­ten zehn Le­bens­jah­re ver­brach­te Jür­gen von Man­ger in Ko­blenz. Erst mit der Ver­set­zung sei­nes Va­ters an das Land­ge­richt Ha­gen im Jahr 1933 ver­la­ger­te sich sein Le­bens­mit­tel­punkt in das sein spä­te­res Wir­ken ma­ß­geb­lich prä­gen­de Ruhr­ge­biet. Dort hat­te die im vor­neh­men Ha­ge­ner Stadt­teil Emst wohn­haf­te Fa­mi­lie zu­nächst ei­nen schwe­ren Schick­sals­schlag zu ver­kraf­ten, da der Va­ter noch im glei­chen Jahr ver­starb. Sein zweit­äl­tes­ter Sohn be­such­te ab 1933 das Ha­ge­ner Fich­te-Gym­na­si­um, wech­sel­te aber spä­ter auf das Al­brecht-Dü­rer-Gym­na­si­um, wo er 1941 das No­ta­b­itur be­stand.

Mit Blick auf die Be­rufs­wahl schwank­te Man­ger zwi­schen ei­ner Lauf­bahn als Ju­rist, die durch die Tra­di­ti­on der Fa­mi­lie vor­ge­ge­ben schien, und ei­ner Kar­rie­re als Schau­spie­ler. Bei­de Va­ri­an­ten üb­ten ih­ren Reiz auf ihn aus. Sei­nen ers­ten Büh­nen­auf­tritt hat­te er noch zu Schul­zei­ten An­fang 1939 im Ha­ge­ner Stadt­thea­ter als Sta­tist in ei­ner In­sze­nie­rung des „Wil­helm Tel­l“ von Fried­rich Schil­ler (1759-1805). Ei­ne Ent­schei­dung in die­ser Fra­ge wur­de durch den Aus­bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges ver­tagt. Un­mit­tel­bar nach Be­ste­hen de­s  No­ta­b­iturs wur­de Man­ger zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen und war als Sol­dat zu­nächst an der Ost­front sta­tio­niert. 1943 er­folg­te die Ver­le­gung sei­ner Ein­heit nach Ita­li­en, wo er 1945 auch das En­de des Krie­ges er­leb­te. Vom Tag der Ein­be­ru­fung an führ­te Man­ger in die­sen Jah­ren Wer­ke des baye­ri­schen Schrift­stel­lers Lud­wig Tho­ma (1867-1921) bei sich, des­sen sa­ti­ri­sche All­tags­dar­stel­lun­gen ei­nen nach­hal­ti­gen Ein­fluss auf ihn aus­üb­ten.

1945 nach Ha­gen zu­rück­ge­kehrt, ent­schied sich die Fra­ge des be­ruf­li­chen Wer­de­gan­ges. Das Stu­di­um der Rech­te blieb ihm we­gen der Über­fül­lung der Uni­ver­si­tä­ten und der be­vor­zug­ten Be­hand­lung äl­te­rer Jahr­gän­ge zu­nächst ver­schlos­sen. Da­für er­hielt er im Sep­tem­ber 1945 ei­nen Ver­trag am Ha­ge­ner Stadt­thea­ter, wo er im De­zem­ber 1945 un­ter an­de­rem in der Rol­le des Py­la­des in „Iphi­ge­nie auf Tau­ris“ von Jo­hann Wolf­gang von Goe­the (1749-1832) auf sich auf­merk­sam mach­te. 1947 wech­sel­te er an das re­nom­mier­te Schau­spiel­haus in Bo­chum, im Jahr 1950 un­ter­schrieb er ei­nen Ver­trag bei den Städ­ti­schen Büh­nen Gel­sen­kir­chen.

Bis zum Be­ginn der 1960er Jah­re glänz­te er hier durch sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on ko­mö­di­an­ti­scher Cha­rak­te­re. Seit 1954 hat­te er wie­der­holt als Spre­cher in Hör­spie­len für Kin­der und spä­ter für Er­wach­se­ne mit­ge­wirkt und war auf die­se Wei­se auch für den Hör­funk in­ter­es­sant ge­wor­den. Trotz­dem er­schie­nen ihm die sich durch die Schau­spie­le­rei of­fe­rie­ren­den be­ruf­li­chen Per­spek­ti­ven in der Mit­te der 1950er Jah­re kei­nes­wegs als aus­rei­chend ge­nug, um sämt­li­che Zu­kunfts­plä­ne aus­schlie­ß­lich auf sie zu fi­xie­ren. Zwi­schen 1954 und 1958 hol­te er da­her an den Uni­ver­si­tä­ten in Köln und Müns­ter das ur­sprüng­lich an­ge­streb­te Ju­ra­stu­di­um nach, wenn­gleich die­ses letzt­lich oh­ne Ab­schluss blieb.

Die Wei­chen­stel­lung für den wei­te­ren Ver­lauf sei­ner künst­le­ri­schen Lauf­bahn  er­folg­te bei sei­nem ers­ten So­lo­auf­tritt im Rund­funk am 31.12.1961. Im Rah­men der Sil­ves­ter­sen­dung des NDR hat­te er die Ge­le­gen­heit er­hal­ten, das von ihm ge­schrie­be­ne und von ra­ben­schwar­zem Hu­mor ge­tra­ge­ne Stück „Der Schwie­ger­mut­ter­mör­der“ zu prä­sen­tie­ren. Bin­nen kur­zer Frist folg­ten 1962 wei­te­re Rund­funk­auf­trit­te, auf die im März 1962 auch sei­ne er­folg­rei­che Fern­seh­pre­mie­re folg­te. 1963 ging Man­ger mit sei­nem Pro­gramm „Steg­reif­ge­schich­ten“ erst­mals auf Tour­nee, im glei­chen Jahr konn­ten die ers­ten bei­den Schall­plat­ten ver­öf­fent­licht so­wie „Der Schwie­ger­mut­ter­mör­der“ ver­filmt wer­den. In der Pres­se wur­de Jür­gen von Man­ger als le­gi­ti­mer Nach­fol­ger des baye­ri­schen Ko­mö­di­an­ten Karl Va­len­tin (1882-1942) ge­fei­ert.

Wenn­gleich Man­ger in sei­nen Stü­cken meh­re­re Cha­rak­te­re ver­kör­per­te und da­bei ei­ne au­ßer­or­dent­li­che künst­le­ri­sche Band­brei­te of­fen­bar­te, so grün­det sein ho­her Be­kannt­heits­grad über die Gren­zen des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len hin­aus vor al­lem auf der Fi­gur des im Ruhr­ge­biet be­hei­ma­te­ten Klein­bür­gers „Adolf Tegt­mei­er“. Des­sen Po­pu­la­ri­tät leg­te Man­ger in künst­le­ri­scher Hin­sicht fort­an vor­nehm­lich auf ei­ne Rol­le fest, wenn­gleich er auch wei­ter­hin in an­de­ren Rol­len zu über­zeu­gen wuss­te. So spiel­te er 1964 un­ter der Re­gie von Hel­mut Käut­ner in Düs­sel­dorf den Frosch in der Ope­ret­te „Die Fle­der­maus“ von Jo­hann Strauß (1825-1899). Ver­schie­de­ne Ei­gen­schaf­ten ga­ben der Fi­gur des Adolf Tegt­mei­er ihr cha­rak­te­ris­ti­sches Ge­prä­ge: Schlitz­oh­rig­keit, Selbst­iro­nie, aber auch ei­ne un­er­schüt­ter­li­che Selbst­si­cher­heit kenn­zeich­ne­ten die­sen Cha­rak­ter eben­so wie sein un­be­darf­tes und von äu­ße­ren Kon­ven­tio­nen be­frei­tes Re­den und Han­deln. Den ­Dia­lekt des Ruhr­ge­bie­tes nutz­te Man­ger als Grund­la­ge sei­nes vir­tuo­sen Spiels mit gram­ma­ti­ka­li­schen Re­gel­brü­chen, sprach­li­chen Fin­ten und Dop­pel­deu­tig­kei­ten, oh­ne da­bei je­doch un­na­tür­lich zu wir­ken. Die in der Ba­na­li­tät des All­täg­li­chen wur­zeln­de Ori­gi­na­li­tät ver­lieh sei­nem Al­ter Ego Tegt­mei­er ein ho­hes Maß an Au­then­ti­zi­tät, die kei­ner wei­te­ren künst­le­ri­schen Über­zeich­nung be­durf­te.

Auf der Büh­ne und bei den Auf­rit­ten im Fern­se­hen un­ter­stri­chen die cha­rak­te­ris­ti­sche Schirm­müt­ze, die un­ge­fü­ge Ge­stalt, der schwar­ze Ober­lip­pen­bart und nicht zu­letzt die mar­kan­ten Ge­sichts­zü­ge, Fol­gen ei­ner in der Ju­gend er­lit­te­nen Ge­sichts­läh­mung, die Un­ver­wech­sel­bar­keit die­ser Fi­gur. Seit der Mit­te der 1960er Jah­re ge­lang es Man­ger sei­ne, be­zie­hungs­wei­se Tegt­mei­ers Po­pu­la­ri­tät ge­schickt zu ver­mark­ten. Als ty­pi­scher Re­prä­sen­tant des Ruhr­ge­biets gel­tend, wur­de er zu ei­nem be­vor­zug­ten Wer­be­trä­ger, bei­spiels­wei­se für die Dort­mun­der Uni­on-Braue­rei. An­de­rer­seits sah er sich auch ver­ein­zel­ten kri­ti­schen Stim­men aus­ge­setzt, die ihm vor­war­fen, er wür­de die im Ruhr­ge­biet le­ben­de Be­völ­ke­rung als ei­nen geis­tig min­der­be­mit­tel­ten Men­schen­schlag zu stig­ma­ti­sie­ren ver­su­chen und sie auf die­se Wei­se der Lä­cher­lich­keit preis­ge­ben.

Im Pri­va­ten er­wies sich Man­ger, der seit 1952 mit der Fo­to­gra­fin Ruth Stans­zus ver­hei­ra­tet war, zeit­le­bens als be­schei­den und bo­den­stän­dig. Ge­prägt durch die Not der Kriegs- und Nach­kriegs­jah­re neig­te er zu gro­ßer Spar­sam­keit, ent­fal­te­te aber zu­gleich ei­ne Sam­mel­lei­den­schaft für Ge­mäl­de, Mö­bel und sons­ti­ge An­ti­qui­tä­ten. Von Na­tur aus in­tro­ver­tiert, war er seit sei­ner Ju­gend zu ei­nem auf­merk­sa­men Be­ob­ach­ter sei­ner Um­welt und hier na­tur­ge­mäß der Men­schen im Ruhr­ge­biet ge­wor­den. Die von ihm hier auf­ge­nom­me­nen Im­pul­se und Er­fah­run­gen ver­lie­hen sei­nen Büh­nen­fi­gu­ren ih­re ho­he Glaub­wür­dig­keit.

In den 1970er und 1980er Jah­ren fei­er­te Jür­gen von Man­ger ne­ben sei­nen Büh­nen­pro­gram­men auch mit ver­schie­de­nen Fern­seh­for­ma­ten gro­ße Er­fol­ge, un­ter an­de­rem durch sei­ne zwi­schen 1972 und 1977 für das ZDF pro­du­zier­te Rei­he „Tegt­mei­ers Rei­sen“, in der er aus der Sicht sei­nes Al­ter Egos be­lieb­te tou­ris­ti­sche Zen­tren welt­weit por­trä­tier­te. Man­gers Auf­trit­te stie­ßen ge­ne­ra­tio­nen­über­grei­fend auf Zu­stim­mung, sei­ne Fern­seh­sen­dun­gen er­reich­ten in den 1970er Jah­ren Quo­ten von über 50 Pro­zent. Ne­ben sei­nen Sprech­plat­ten er­lang­ten auch Mu­sik­ti­tel wie „Bot­tro­per Bier“ oder „Dat bis­ken Früh­schich­t“ ei­nen weit über sei­nen Tod hin­aus nach­wir­ken­den Kult­sta­tus.

Ein Schlag­an­fall am 15.8.1985 mar­kier­te im Le­ben Jür­gen von Man­gers ei­ne tief­grei­fen­de Zä­sur. Von den Fol­gen soll­te er sich nicht mehr er­ho­len. Die Tra­gik die­ses Vor­falls brach­te es mit sich, dass nicht nur die rech­te Kör­per­hälf­te ge­lähmt blieb, son­dern auch das Sprach­zen­trum nach­hal­tig ge­schä­digt wor­den war. Nach zahl­rei­chen Kli­nik­auf­ent­hal­ten ver­brach­te er sei­ne letz­ten Le­bens­jah­re in sei­nem Haus in Her­ne. In die­ser Zeit er­hielt er das Gro­ße Ver­dienst­kreuz der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land (1987) und den Ver­dienst­or­den des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len (1990) ver­lie­hen. Jür­gen von Man­ger starb am 15.3.1994 in Her­ne. Sein Grab be­fin­det sich auf dem Fried­hof Ha­gen-Del­s­tern.

Werke

Blei­bense Mensch. Träu­me, Re­den und Ge­re­de des Adolf Tegt­mei­er, Mün­chen 1966.

Literatur

Schüt­ze, Pe­ter F./Jan­kó, Mir­jam von (Hg.), Dat soll mir erst mal ei­ner nach­ma­chen. Adolf Tegt­mei­er und Jür­gen von Man­ger, Es­sen 1998. 

Online

Jür­gen von Man­ger - ein viel­sei­ti­ges Ruhr­ge­biet­s­o­ri­gi­nal (Home­page der Stadt Ha­gen). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Jürgen von Manger, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/juergen-von-manger/DE-2086/lido/57c946e03687f6.50477172 (12.12.2018)