Julius Wegeler

Weinkaufmann, Weinbergbesitzer, Präsident des Deutschen Weinbauvereins (1836-1913)

Christina Szafranski (Köln)

Julius Wegeler, 1893, Zeichnung von Christian Wilhelm Allers / CC-BY-SA.

Der Ge­hei­me Kom­mer­zi­en­rat Ju­li­us We­ge­ler war Teil­ha­ber der Sekt- und Wein­kel­le­rei Dein­hard so­wie Wein­berg­be­sit­zer am be­rühm­ten Bern­kas­te­ler Doc­tor. Ne­ben sei­nen Be­mü­hun­gen um den Wein­ex­port, en­ga­gier­te er sich als Mit­glied des Stadt­ra­tes für städ­te­bau­li­che Neue­run­gen in sei­ner Hei­ma­t Ko­blenz. Dar­über hin­aus in­iti­ier­te er ver­schie­de­ne so­zia­le Pro­jek­te und Stif­tun­gen.

Ju­li­us Au­gust We­ge­ler wur­de am 2.6.1836 als zwei­tes von fünf Kin­dern des Arz­tes Dr. Ju­li­us Ste­phan We­ge­ler (1807-1883) und des­sen Ehe­frau Jo­se­phi­ne We­ge­ler, ge­bo­re­ne Linz (1813-1889), in Ko­blenz ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch.

Von 1842 bis 1849 be­such­te We­ge­ler die Vor­be­rei­tungs­klas­se des Gym­na­si­ums in Ko­blenz, bis er auf das Pro­gym­na­si­um in Linz am Rhein wech­sel­te. Nach­dem er die Schu­le mit dem Fä­hig­keits­zeug­nis für die Se­kun­da ab­ge­schlos­sen hat­te, be­gann er am 5.10.1851 ei­ne Aus­bil­dung im Hand­lungs­haus J.A. Kehr­mann in Ko­blenz. Nach dem ein­jäh­ri­gen Mi­li­tär­dienst beim 25. In­fan­te­rie-Re­gi­ment trat er im No­vem­ber 1855 dem Ge­schäfts­haus Wil­helm Men­zer in Köln bei. Zur Ver­bes­se­rung sei­ner Fremd­spra­chen, die im in­ter­na­tio­na­len Wirt­schafts­le­ben von ho­her Be­deu­tung wa­ren, wech­sel­te er im April 1857 nach Pa­ris zur Fir­ma Dop­feld & Bru­zard. 1857 bot ihm die Ko­blen­zer Wein- und Sekt­kel­le­rei Fa. Dein­hard & Jor­dan ei­ne Po­si­ti­on in ih­rem Ex­port­ge­schäft an. Er soll­te die Fir­ma in Eng­land, Bel­gi­en und den Nie­der­lan­den ver­tre­ten. Ne­ben ei­nem gu­ten Ge­halt und der Mög­lich­keit der Er­wei­te­rung sei­ner Fremd­spra­chen­kennt­nis­se, führ­ten auch die freund­schaft­li­che Be­kannt­schaft so­wie die Nach­bar­schaft zur Fa­mi­lie Dein­hard da­zu, dass We­ge­ler das An­ge­bot im Ju­ni 1857 an­nahm.

Am 28.5.1861 hei­ra­te­te er mit Em­ma Dein­hard (1838-1904) die Toch­ter des Fir­men­mit­in­ha­bers Au­gust Dein­hard (1806-1865). Die Ehe blieb kin­der­los. 1864 nahm Au­gust Dein­hard We­ge­ler und sei­nen Freund und spä­te­ren Schwa­ger Jo­hann Ja­cob Hass­la­cher (1835-1903) in die Ge­schäfts­lei­tung auf. Sie wur­den zu je 25 Pro­zent an der neu­en Fir­ma „Dein­hard & Co., Co­blenz und Lon­don“ be­tei­ligt. We­ge­ler blieb nun in Ko­blenz, wäh­rend Hass­la­cher die Lon­do­ner Ge­schäf­te al­lei­ne wei­ter führ­te. Als Au­gust Dein­hard im Fe­bru­ar 1866 über­ra­schend starb, über­nah­men We­ge­ler und Hass­la­cher die Fir­men­lei­tung.

Die un­ter Dein­hard be­schlos­se­ne Mo­der­ni­sie­rung und Er­wei­te­rung des Wein­kel­lers hat­te We­ge­ler 1865 be­en­den kön­nen. Das Un­ter­neh­men blüh­te; in Eng­land, Nord­deutsch­land und am Nie­der­rhein wur­de der Mo­sel­wein im­mer be­lieb­ter. Der kräf­ti­ge Auf­schwung in der deut­schen Wirt­schaft, aus­ge­löst durch die Reichs­grün­dung im Jah­re 1871, führ­te zu ei­nem er­höh­ten Sekt­kon­sum. Die Ge­schäfts­er­geb­nis­se des Jah­res 1875 über­tra­fen al­le Er­war­tun­gen. Auch der Ex­port in die USA nahm zu, wo­bei der Schwer­punkt auf den Groß­städ­ten im Os­ten Ame­ri­kas lag. Bei ei­ner zwei­ten Kel­ler­ver­grö­ße­rung 1875 war es We­ge­ler wich­tig, dass es sich nicht nur um ei­nen Ar­beits­raum, son­dern auch um ei­ne At­trak­ti­on für die Fir­ma und die Stadt Ko­blenz han­del­te. Seit 1870 ar­bei­te­te We­gelers Bru­der Carl (1851-1921) in der Fir­ma mit und un­ter­stütz­te ihn ma­ß­geb­lich in der Lei­tung des Un­ter­neh­mens, des­sen Teil­ha­ber er 1880 wur­de.

Nach ei­nem Be­such in der Cham­pa­gne führ­te We­ge­ler 1892 als ers­te deut­sche Sekt­kel­le­rei ein neu­es Ver­fah­ren zur Op­ti­mie­rung der Sekt­pro­duk­ti­on ein; da­bei ging es dar­um, die Wein­ver­lus­te wäh­rend des Her­stel­lungs­ver­fah­ren zu ver­rin­gern. Auf­grund sei­nes Ru­fes als Wein­fach­mann be­rief ihn die Reichs­re­gie­rung in das Preis­rich­ter­kol­le­gi­um für die Wie­ner Welt­aus­stel­lung 1873. Da­für wur­de er mit dem Ti­tel Kom­mer­zi­en­rat aus­ge­zeich­net. Die­se Er­fah­rung ließ ihn er­ken­nen, dass Aus­stel­lun­gen die­ser Art ei­ne gro­ße Chan­ce für die deut­sche Wein­wirt­schaft wa­ren.

1876 trat We­ge­ler dem Deut­schen Wein­bau­ver­ein bei. Da er mit sei­nen Na­men für Qua­li­täts­wein­bau stand und auf­grund sei­ner Ju­ry­tä­tig­keit in Wien wur­de er noch im glei­chen Jahr in den Un­ter­aus­schuss des Wein­bau­ver­eins ge­wählt, der Preu­ßen re­prä­sen­tier­te. Im Vor­stand ge­hör­te er zu den ak­tivs­ten Mit­glie­dern. Sein Ziel war es, deut­sche Wei­ne im Aus­land be­kann­ter zu ma­chen und den Ex­port zu stei­gern. Bei den Welt­aus­stel­lun­gen 1876 (Phil­adel­phia), 1880 (Mel­bourne & Syd­ney) und 1894 (Chi­ca­go) wirk­te er ma­ß­geb­lich mit.

1893 wur­de We­ge­ler zum Prä­si­den­ten des Deut­schen Wein­bau­ver­eins ge­wählt, des­sen Ent­wick­lung und Aus­rich­tung er seit der Grün­dung des Ver­eins mit­ge­stal­tet hat­te. Da er sich welt­weit um das Pres­ti­ge des deut­schen Wei­nes ver­dient ge­macht hat­te und auf­grund sei­ner her­aus­ra­gen­den Stel­lung im deut­schen Wein­bau­ver­ein, ver­lieh ihm Kai­ser Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918) 1893 den Ti­tel „Ge­hei­mer Kom­mer­zi­en­ra­t“. Das Amt des Prä­si­den­ten des Wein­bau­ver­eins hat­te We­ge­ler bis 1905 in­ne. Nach sei­nem Rück­tritt wur­de er zum Eh­ren­prä­si­den­ten er­nannt.

Ein wei­te­res Be­tä­ti­gungs­feld We­gelers war das des Wein­er­zeu­gers. Dies er­gab sich aus sei­ner Über­zeu­gung her­aus, dass er als Prä­si­dent des Wein­bau­ver­eins nicht nur die Wein­händ­ler, son­dern auch die Wein­pro­du­zen­ten ver­tre­ten müs­se. Ein an­de­rer Grund war, das Ver­kaufs­pro­gramm von Dein­hard zu si­chern, in­dem man kei­ne über­teu­er­ten Wei­ne auf Ver­stei­ge­run­gen er­wer­ben muss­te. Noch heu­te wird der Be­trieb „Guts­ver­wal­tung Ge­heim­rat Ju­li­us We­ge­ler“ als Fa­mi­li­en­be­trieb wei­ter­ge­führt.

Sei­ne ers­ten Wein­ber­ge er­warb er 1882 in Oe­strich und Rü­des­heim. 1894 kauf­te er bei ei­ner Wein­ber­ger­wei­te­rung auch das Her­ren­haus in Oe­strich-Win­kel, in dem die Wein­guts-Ver­wal­tung der Fa­mi­lie We­ge­ler bis heu­te ih­ren Sitz hat. Bis kurz nach 1900 be­saß We­ge­ler 58 Mor­gen Wein­ber­ge im Rhein­gau; da­zu zwei Kel­le­rei­en mit Kel­ter­haus. Er ver­trieb sei­ne Wei­ne über Dein­hard oder über Wein­ver­stei­ge­run­gen. Im No­vem­ber 1900 kauf­te We­ge­ler Wein­ber­ge der be­rühm­ten La­ge Bern­kas­te­ler Doc­tor. Da­für be­zahl­te er den ho­hen Preis von 100 Mark pro Stock, ein­schlie­ß­lich der im Kel­ler la­gern­den Fu­der Ries­ling aus dem Doc­tor. Die­ser Preis über­traf al­le Zah­lun­gen für Wein­ber­ge an Mo­sel und Saar, wur­de aber von der Pres­se als ge­recht­fer­tigt be­zeich­net. Durch die­sen Kauf fes­tig­te We­ge­ler sei­ne Po­si­ti­on auf dem Welt­markt und ge­hör­te da­mit zu den qua­li­ta­tiv bes­ten Wein­er­zeu­gern an der Mo­sel. 1910 er­wei­ter­te er sei­ne Wein­ber­ge auf dem Bern­kas­te­ler Doc­tor, so­dass sich zwei Drit­tel des Wein­ber­ges in sei­nem Be­sitz be­fan­den. Durch wei­te­re Zu­käu­fe in den Nach­bar­or­ten wur­de ein Ver­wal­tungs­ge­bäu­de ein­schlie­ß­lich Kel­le­rei­be­trieb in Bern­kas­tel-Ku­es be­nö­tigt.

Ne­ben dem Wein­bau en­ga­gier­te sich der Ka­tho­lik Ju­li­us We­ge­ler in ver­schie­de­nen Be­rei­chen in Ko­blenz. Seit dem 1.8.1871 war We­ge­ler Mit­glied in der Han­dels­kam­mer Ko­blenz, zu de­ren Vi­ze­prä­si­den­ten er 1884 ge­wählt wur­de. In Zu­sam­men­ar­beit mit dem Prä­si­den­ten Kom­mer­zi­en­rat Carl Spae­ter (1835-1909) be­wirk­te er als wich­tigs­te Um­set­zun­gen die be­trächt­li­che Er­wei­te­rung des Kam­mer­be­zirk so­wie ei­ne ge­setz­li­chen Re­ge­lung zur Qua­li­täts­si­che­rung des Wei­nes in schlech­ten Jahr­gän­gen. Des Wei­te­ren saß er von 1872 bis 1904 für die Na­tio­nal­li­be­ra­le Par­tei im Ko­blen­zer Stadt­rat. Durch sei­ne aus­glei­chen­de Art er­warb er sich auch bei po­li­ti­schen Geg­nern gro­ßen Re­spekt. Sein Ver­ständ­nis für die är­me­ren Be­völ­ke­rungs­schich­ten brach­te We­ge­ler bei die­sen vie­le Stim­men ein.

We­gen sei­ner Ide­en zur Ge­stal­tung der Stadt Ko­blenz, wie der Bil­dung des Fest­gür­tels und der Bau der Fest­hal­le mit Gar­ten­an­la­ge, die er auch durch Spen­den för­der­te, wur­de ei­ne be­nach­bar­te Stra­ße nach ihm be­nannt. Sei­nen Na­men trägt heu­te auch die Staat­li­che Be­rufs­schu­le Ko­blenz.

Nach dem Tod sei­ner Frau im Jah­re 1904 schied er aus der Ge­schäfts­lei­tung von Dein­hard & Co aus und leg­te auch sei­ne üb­ri­gen Äm­ter nie­der. Der Ko­blen­zer Stadt­rat ver­lieh im sel­ben Jahr die Eh­ren­bür­ger­wür­de.

Wie sein Va­ter und Gro­ßva­ter, Dr. Franz Ger­hard We­ge­ler (1765-1848), hat­te Ju­li­us We­ge­ler gro­ßes In­ter­es­se an Mu­sik, Ge­schich­te und Li­te­ra­tur, wel­ches sich in spä­te­ren Jah­ren noch um Ma­le­rei und Bild­haue­rei er­wei­ter­te. Be­son­ders die Lie­be zur Mu­sik präg­te die Fa­mi­lie We­ge­ler; schon sei­ne Gro­ß­el­tern hat­ten ei­ne Freund­schaft zu Lud­wig van Beet­ho­ven ge­pflegt. Da­her en­ga­gier­te sich We­ge­ler in Ko­blenz auch für die Mu­sik, ins­be­son­de­re mit Hil­fe des Mu­sik-In­sti­tuts, das er von 1887 bis 1892 lei­te­te. Er grün­de­te Stif­tun­gen, um Kon­zer­te auf­zu­füh­ren, die Schü­ler um­sonst be­su­chen konn­ten. Auch für sei­ne Mit­ar­bei­ter bei Dein­hard grün­de­te er ei­ni­ge Stif­tun­gen und so­zia­le Ein­rich­tun­gen, zum Bei­spiel durch Spen­den an die Be­triebs­kran­ken­kas­se oder die Se­bas­ti­an-Al­ber­ti-Stif­tung für so­zia­le Not­fäl­le. Ne­ben der Grün­dung ei­ner Bi­blio­thek (1907) und Schen­kun­gen an das Ko­blen­zer Kran­ken­haus (1883) grün­de­te er nach dem Tod sei­ner Frau 1904 die „Ju­li­us und Em­ma We­ge­ler-Stif­tun­g“ für den Orts­ar­men­ver­band der Stadt Ko­blenz. Ne­ben vie­len wei­te­ren Stif­tun­gen und Schen­kun­gen war sei­ne wich­tigs­te Stif­tung mit sei­nem Tes­ta­ment ver­bun­den: Mit der Ju­li­us-We­ge­ler-Stif­tung soll­ten je­weils im De­zem­ber über 60-jäh­ri­ge Hilfs­be­dürf­ti­ge un­ter­stützt wer­den.

Ju­li­us We­ge­ler starb am 16.3.1913 in Ko­blenz, wo er auch bei­ge­setzt wur­de.

Literatur

Pröss­ler, Hel­mut, Ge­hei­mer ­Kom­mer­zi­en­ra­t Ju­li­us We­ge­ler. Prä­si­dent des Deut­schen Wein­bau-Ver­eins 1893–1905, Wies­ba­den 1987.

Julius Wegeler, 1893, Zeichnung von Christian Wilhelm Allers / CC-BY-SA.

 
Zitationshinweis

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Szafranski, Christina, Julius Wegeler, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/julius-wegeler/DE-2086/lido/57c92a00841e18.76967212 (25.05.2018)