Ludwig Gall

Sozialkritiker und Erfinder (1791-1863)

Arnd Küppers (Mönchengladbach)

Ludwig Gall, Porträt, Holzschnitt, 1858.

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Lud­wig Gall ver­kör­per­te bür­ger­schaft­li­ches En­ga­ge­ment avant la lett­re. Be­ruf­lich zu­nächst ein nie­de­rer Be­am­ter oh­ne gro­ßen Hand­lungs­spiel­raum, fühl­te er sich als Christ und Bür­ger durch die So­zia­le Fra­ge sei­ner Zeit her­aus­ge­for­dert. Er ver­fass­te so­zi­al­kri­ti­sche und wirt­schafts­theo­re­ti­sche Schrif­ten, ver­such­te aber auch durch prak­ti­sche Ar­beit ei­ne Ver­bes­se­rung der so­zia­len Zu­stän­de zu be­wir­ken. Um die Wett­be­werbs­fä­hig­keit des Mo­sel­weins zu stei­gern und so die pre­kä­re Le­bens­la­ge vie­ler Win­zer zu he­ben, ent­wi­ckel­te er das Ver­fah­ren der Nass­zu­cke­rung, nach ih­rem Er­fin­der auch „Gal­li­sie­ren“ ge­nannt.

Hein­rich Lud­wig Lam­bert Gall wur­de am 28.12.1791 im nie­der­rhei­ni­schen Al­den­ho­ven als Sohn ei­nes ka­tho­li­schen Land­wirt­ehe­paa­res ge­bo­ren. Spä­ter ließ sich die Fa­mi­lie, zu der noch ein jün­ge­rer Bru­der ge­hör­te, in Kle­ve nie­der, wo die El­tern ei­nen Wein­han­del und ei­ne Gast­wirt­schaft be­trie­ben. Nach der Schu­le ar­bei­te­te Gall zu­nächst als Schrei­ber bei ver­schie­de­nen An­wäl­ten, be­vor er in den Staats­dienst ein­trat, wo­bei sein Dienst­herr in den Wir­ren der Na­po­leo­ni­schen Krie­ge mehr­fach wech­sel­te: Er war für die fran­zö­si­sche, die preu­ßi­sche und die rus­si­sche Mi­li­tär­ver­wal­tung in Kle­ve tä­tig und ar­bei­te­te als Ver­wal­tungs­be­am­ter in Lüt­tich und Lu­xem­burg, be­vor er 1816 als Se­kre­tär in den Dienst der nach dem Wie­ner Kon­gress neu er­rich­te­ten preu­ßi­schen Be­zirks­re­gie­rung in Trier über­nom­men wur­de. Im glei­chen Jahr hei­ra­te­te er sei­ne Frau Ma­ria An­na, die Toch­ter ei­nes Trie­rer Arz­tes. Die Ehe blieb kin­der­los. 

 

Als Ver­wal­tungs­be­am­ter in Trier wur­de Gall mit dem zu Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts in Deutsch­land herr­schen­den Mas­sen­pau­peris­mus kon­fron­tiert. Die so­zia­le La­ge wei­ter Be­völ­ke­rungs­tei­le war durch Ar­mut und exis­ten­ti­el­le Not ge­kenn­zeich­net. In Trier war die La­ge be­son­ders pre­kär, weil die Stadt und ihr Um­land durch die ter­ri­to­ria­le Neu­ord­nung auf dem Wie­ner Kon­gress in Grenz­la­ge ge­ra­ten wa­ren und die neue preu­ßi­sche Re­gie­rung we­nig In­ter­es­se an der Ent­wick­lung der Re­gi­on hat­te. In der Stadt herrsch­te ei­ne ho­he Ar­beits­lo­sig­keit, und auf dem Land war Ar­mut auch un­ter Klein­bau­ern und Win­zern ver­brei­tet. Be­son­ders dra­ma­tisch war das vor al­lem Süd­west­deutsch­land heim­su­chen­de Hun­ger­jahr 1817, das zu ei­nem ers­ten Hö­he­punkt der Aus­wan­de­rungs­be­we­gung führ­te. 

Gall be­gann, nach den Ur­sa­chen des Mas­sen­elends zu fra­gen und über Lö­sungs­mög­lich­kei­ten nach­zu­den­ken. Er las Hein­rich von Ga­gerns (1799-1880) Schrift „Ue­ber die Aus­wan­de­rung der Deut­schen“ von 1817. Ga­gerns Über­le­gun­gen ste­hen un­ter der Vor­aus­set­zung der Theo­rie von Tho­mas R. Mal­t­hus (1766-1834), nach der die Be­völ­ke­rungs­zahl – falls de­ren Wachs­tum nicht durch Krie­ge oder Krank­hei­ten ge­bremst wer­de – ex­po­nen­ti­ell wach­se, die Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on aber nur li­ne­ar zu stei­gern sei. Vor die­sem Hin­ter­grund war Ga­gern der Über­zeu­gung, dass die Aus­wan­de­rung ein not­wen­di­ges Ven­til sei, um den „Be­völ­ke­rungs­über­schus­s“ ab­zu­bau­en. Gleich­zei­tig kri­ti­sier­te er die un­mensch­li­chen Be­din­gun­gen, un­ter de­nen die Aus­wan­de­rung von­stat­ten ging. Aus hu­ma­ni­tä­ren, po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Grün­den sei ei­ne staat­li­che Aus­wan­de­rer­für­sor­ge er­for­der­lich. 

An­ge­regt durch die­se Lek­tü­re und wohl auch ge­trie­ben von Aben­teu­er­lust, gab Gall im Jahr 1819 sei­ne Stel­lung als Be­am­ter auf und schloss sich ei­nem Schwei­zer Aus­wan­de­rungs­ver­ein an, in dem er zu­nächst die Auf­ga­be über­nahm, die Über­sied­lung ei­ner Grup­pe von et­wa 170 Per­so­nen in die USA zu or­ga­ni­sie­ren und an­zu­füh­ren. In Ame­ri­ka soll­te er nach ge­eig­ne­ten Sied­lungs­ge­bie­ten für zu­künf­ti­ge Ein­wan­de­rer su­chen. Im Ju­li 1819 lan­de­te die Grup­pe in New York. Der Elan des Auf­bruchs wich al­ler­dings schnell der Er­nüch­te­rung. Be­reits ein gu­tes Jahr spä­ter, im Ok­to­ber 1820, tra­ten Gall und sei­ne Frau die Rück­rei­se nach Eu­ro­pa an. Be­vor er 1822 in den Staats­dienst zu­rück­kehr­te, ver­fass­te er ei­nen zwei­bän­di­gen Be­richt über sein Ame­ri­ka-Aben­teu­er, in dem er sich von der mal­t­hu­sia­ni­schen Ana­ly­se des Pau­peris­mus dis­tan­zier­te und Aus­wan­de­rung als Kon­zept zur Lö­sung der So­zia­len Fra­ge zu­rück­wies. 

1825 er­schien Galls so­zi­al- und wirt­schafts­theo­re­ti­sches Haupt­werk „Was könn­te hel­fen?“ Hier äu­ßert er un­ver­hoh­le­ne Kri­tik an den so­zia­len Ver­hält­nis­sen. Als Ur­sa­che sieht er die In­ter­es­sen­ge­gen­sät­ze und Mach­tun­gleich­ge­wich­te zwi­schen den „Geld­pri­vi­le­gier­ten“ und den „ar­bei­ten­den Klas­sen“. Der ein­zi­ge Aus­weg ist für ihn die Auf­wer­tung der mensch­li­chen Ar­beit ge­gen­über dem Ka­pi­tal. Für Gall gibt es ein mo­ra­li­sches Recht auf Ar­beit und eben­so den mo­ra­li­schen An­spruch dar­auf, dass der Ar­bei­ter von sei­nem Er­werb ei­ne men­schen­wür­di­ge Exis­tenz füh­ren kann. Das zu er­rei­chen, ist für ihn ei­ne po­li­ti­sche Auf­ga­be. 

Kon­kret schlägt er die steu­er­fi­nan­zier­te öf­fent­li­che Be­schäf­ti­gungs- und In­ves­ti­ti­ons­pro­gram­me in gro­ßem Um­fang vor, um die Ar­beits­lo­sig­keit zu be­kämp­fen und die Wirt­schafts­tä­tig­keit an­zu­re­gen, wo­durch auch im pri­va­ten Sek­tor neue Ar­beits­plät­ze ge­ne­riert wer­den sol­len. Da­mit zeigt sich Gall in sei­ner Wirt­schafts­theo­rie als ei­ner der ers­ten Ver­tre­ter der Theo­rie des Staats­in­ter­ven­tio­nis­mus. Sei­ne Ide­en zei­gen da­bei in zen­tra­len Grund­zü­gen ei­ne über­ra­schen­de Ähn­lich­keit mit dem Kon­zept der Nach­fra­ge­po­li­tik, das John May­nard Keynes (1883-1846) in den 1930er Jah­ren ent­wi­ckelt hat (sie­he hier­zu Gre­ten und Zinn). Ab 1826 war Gall bei der Re­gie­rung in Ko­blenz mit der Ver­wal­tung der staat­li­chen Do­mä­nen be­traut. Durch die­se Auf­ga­be ge­wann er Ein­blick in die Ar­beit und das Le­ben der Mo­sel­win­zer.

Un­ter sei­nen Zeit­ge­nos­sen mach­te Gall sich auch als Er­fin­der ei­nen Na­men. Jah­re­lang be­schäf­tig­te er sich et­wa mit dem Ver­fah­ren der Dampf­de­stil­la­ti­on. 1830 ließ er sich ei­nen Dampf­bren­nap­pa­rat pa­ten­tie­ren, des­sen ab­ge­wan­del­tes Mo­dell in den drei­ßi­ger Jah­ren er­folg­reich bei der Be­kämp­fung der Cho­le­ra an­ge­wen­det wur­de. Gall er­hielt Son­der­ur­laub, um sei­ne Me­tho­de auch in an­de­ren eu­ro­päi­schen Län­dern be­kannt zu ma­chen. 1831 nutz­te er sei­ne Auf­ent­hal­te in Pa­ris und Lon­don zu Tref­fen mit den Früh­so­zia­lis­ten Charles Fou­rier (1772-1837) und Ro­bert Owen (1771-1859). Er selbst hat sich al­ler­dings nicht als So­zia­list ver­stan­den. Auch wenn er so­zia­lis­ti­sche Au­to­ren ge­le­sen und ei­ni­ge ih­rer Ide­en re­zi­piert hat, wie zum Bei­spiel Owens Ge­nos­sen­schafts­idee, lehn­te er doch den Uto­pis­mus und das so­zio-tech­ni­sche Den­ken des So­zia­lis­mus ab. Gall ver­trat den Pri­mat der Po­li­tik ge­gen­über der Wirt­schaft. Die so­zia­lis­ti­schen An­grif­fe auf Re­li­gi­on und bür­ger­li­che Mo­ral wa­ren für ihn „Ab­ge­schmackt­hei­ten“.

1836 schied Gall aus dem Staats­dienst aus und wid­me­te sich der Ver­wal­tung land­wirt­schaft­li­cher Gü­ter in Un­garn. We­gen sei­ner Ver­bin­dun­gen zu dem un­ga­ri­schen Un­ab­hän­gig­keits­kämp­fer La­jos Kos­suth (1802-1894) muss­ten er und sei­ne Frau nach der Nie­der­schla­gung der Re­vo­lu­ti­on und des Un­ab­hän­gig­keits­krie­ges Un­garn ver­las­sen.

Gall kehr­te nach Trier zu­rück, wo er fest­stel­len muss­te, dass sich die Si­tua­ti­on im Mo­sel­wein­bau ra­pi­de ver­schlech­tert hat­te. Durch die preu­ßi­sche Zoll­ge­setz­ge­bung von 1818 mit ei­ner Qua­si-Mo­no­pol­stel­lung auf dem preu­ßi­schen Markt ver­se­hen, hat­ten die Mo­sel­win­zer die fa­ta­le Fehl­ent­schei­dung ge­trof­fen, von Qua­li­täts- auf Quan­ti­täts­pro­duk­ti­on um­zu­stel­len. Das führ­te zu ei­nem dra­ma­ti­schen Preis­ver­fall des Mo­sel­weins, als durch neue Zoll­ver­trä­ge Wei­ne aus an­de­ren Re­gio­nen wie­der Zu­tritt zum preu­ßi­schen Markt be­ka­men. Die Si­tua­ti­on spitz­te sich dra­ma­tisch zu, als um 1850 meh­re­re schlech­te Ern­ten auf­ein­an­der folg­ten, die den Mo­sel­wein na­he­zu un­ver­käuf­lich mach­ten.

Um den Win­zern zu hel­fen, ex­pe­ri­men­tier­te Gall mit ver­schie­de­nen Me­tho­den der Wein­ver­bes­se­rung. In den schlech­ten Jahr­gän­gen wies der Mo­sel­wein zu viel Säu­re und zu we­nig Zu­cker auf. In dem von Gall ent­wi­ckel­ten Ver­fah­ren der Nass­zu­cke­rung, dem Gal­li­sie­ren, wird die­ser Man­gel da­durch be­sei­tigt, dass dem Most vor der Gä­rung Zu­cker­was­ser zu­ge­setzt wird. Dem Vor­wurf der Wein­ver­fäl­schung wi­der­sprach Gall da­mit, dass Wein nie ein bloß na­tür­li­ches, son­dern im­mer ein von Men­schen ge­mach­tes Kunst­pro­dukt sei. Wäh­rend sich Galls Me­tho­de an der Mo­sel ver­brei­te­te, wur­de sie in den Wein­bau­re­gio­nen, wo bes­se­re kli­ma­ti­sche Be­din­gun­gen herr­schen, ent­schie­den be­kämpft. Noch heu­te ge­hen die Mei­nun­gen aus­ein­an­der, ob Galls Ver­fah­ren der Nass­zu­cke­rung den Wein­bau an der Mo­sel ge­ret­tet oder aber den Ruf des Mo­sel­weins nach­hal­tig be­schä­digt hat.

In sei­nen letz­ten Le­bens­jah­ren wirk­te Gall als Pu­bli­zist und Her­aus­ge­ber meh­re­rer Pe­ri­odi­ka. Er starb am 31.1.1863 in Trier.

Werke (Auswahl)

Mei­ne Aus­wan­de­rung nach den Ver­ei­nig­ten-Staa­ten in Nord-Ame­ri­ka im Früh­jahr 1819 und mei­ne Rück­kehr nach der Hei­math im Win­ter 1820, 2 Bän­de, Trier 1822.

Was könn­te hel­fen? Im­mer­wäh­ren­de Ge­trai­del­age­rung, um je­der Noth des Man­gels und des Ue­ber­flus­ses auf im­mer zu be­geg­nen und Credit-Schei­ne, durch die Ge­trai­de­vor­rä­the ver­bürgt, um der Al­lein­herr­schaft des Gel­des ein En­de zu ma­chen, Tier 1825, Re­print Glas­hüt­ten i.T. 1974.

Prak­ti­sche An­lei­tung, sehr gu­te Mit­tel­wei­ne selbst aus un­rei­fen Trau­ben, und vor­treff­li­chen Nach­wein aus den Tres­tern zu er­zeu­gen, als Mit­tel, durch Vor- und Aus­le­sen und Sor­ti­ren all­jähr­lich auch werth­vol­le De­sert­wei­ne zu ge­win­nen; nebst Nach­rich­ten von mei­nem Ver­fah­ren, al­lent­hal­ben und zu je­der Jah­res­zeit ge­rin­ge Ge­wäch­se zu gu­ten Mit­tel­wei­nen um­zu­bil­den, 3. Auf­la­ge Trier 1854.

Literatur

Gre­ten, Ve­re­na, Lud­wig Gall - mo­der­ner Öko­nom sei­ner Zeit. Ei­ne Un­ter­su­chung der öko­no­mi­schen An­sät­ze in den Ar­bei­ten Hein­rich Lud­wig Lam­bert Galls (1791-1863), Ham­burg 2005.

Monz, Heinz, Lud­wig Gall – Le­ben und Werk, Trier 1979.

Monz, Heinz, Lud­wig Gall. Ret­ter der Mo­sel­win­zer oder Wein­fäl­scher?, Wies­ba­den 1980.

Monz, Heinz, Lud­wig Gall (1791-1863), in: Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 10 (1985), S. 67-80.

Zinn, Karl Ge­org, Hein­rich Lud­wig Lam­bert Gall – der un­be­kann­te Früh­keyne­sia­ner des 19. Jahr­hun­derts, in: Zinn, Karl Ge­org, Die Keynes­sche Al­ter­na­ti­ve. Bei­trä­ge zur Keynes­schen Sta­gna­ti­ons­theo­rie, zur Ge­schichts­ver­ges­sen­heit der Öko­no­mik und zur Fra­ge ei­ner lin­ken Wirt­schafts­ethik, Ham­burg 2008, S. 165-174.

Zinn, Karl Ge­org, Zur Früh­ge­schich­te des „theo­re­ti­schen In­ter­ven­tio­nis­mus“. Zu­gleich ei­ne Er­in­ne­rung an Hein­rich Lud­wig Lam­bert Gall, in: Zeit­schrift für Wirt­schafts- und So­zi­al­wis­sen­schaf­ten 106 (1986), S. 139-165.

Ludwig-Gall-Haus in Aldenhoven, Foto: Norbert Schnitzler.

 
Zitationshinweis

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Küppers, Arnd, Ludwig Gall, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ludwig-gall/DE-2086/lido/57c6c664b1cb21.05436766 (25.05.2018)