Marta Hegemann

Malerin (1894-1970)

Denise Steger (Linz am Rhein)

Marta Hegemann und Anton Räderscheidt, 1924, Foto: August Sander. (Akron Art Museum)

Mar­ta He­ge­mann war ei­ne Ma­le­rin und Gra­fi­ke­rin, die aus dem Um­kreis der Da­da Be­we­gung ei­nen ei­ge­nen em­ble­ma­ti­schen Stil ent­wi­ckel­te und in ih­ren Wer­ken die Pro­ble­me ei­ner eman­zi­pier­ten Frau und Künst­le­rin the­ma­ti­sier­te.

Mar­ta He­ge­mann wur­de am 14.2.1894 als äl­tes­tes von ins­ge­samt sie­ben Kin­dern des Be­am­ten Fried­rich He­ge­mann und sei­ner Frau Wil­hel­mi­ne, ge­bo­re­ne Wei­sel, in Düs­sel­dorf ge­bo­ren. Nach der Ver­set­zung des Va­ters sie­del­te die Fa­mi­lie nach Iser­lohn über, aber Mar­ta ver­brach­te viel Zeit bei ih­ren Gro­ß­el­tern müt­ter­li­cher­seits in Köln und hat­te so­mit Ge­le­gen­heit, sich der Kunst im Wall­raff-Ri­ch­artz-Mu­se­um zu nä­hern. Nach dem Be­such der Volks­schu­le und des Ly­ze­ums von 1900–1910 stu­diert sie 1911-1912 zu­nächst an der Kunst­ge­wer­be­schu­le in Köln, wo sie 1911 ih­ren spä­te­ren Ehe­mann An­ton Rä­der­scheidt und den Künst­ler­kol­le­gen Hein­rich Ho­er­le (1895-1936) ken­nen lern­te. 1912-1914 be­such­te sie an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf die Klas­se von Pro­fes­sor Lo­thar von Ku­now­ski (1866-1936) und schloss ih­re Aus­bil­dung als staat­lich ge­prüf­te Zei­chen- und Sport­leh­re­rin ab.

Am 27.3. 1918 hei­ra­te­te Mar­ta He­ge­mann An­ton Rä­der­scheidt, mit dem sie bis zur Tren­nung 1934 in ei­ner Le­bens- und Künst­ler­ge­mein­schaft ver­bun­den war. Aus der Ehe gin­gen zwei Söh­ne her­vor: Jo­han­nes (1919-2008) und Karl An­ton (1924-1977).

Nach kur­zer Be­rufs­tä­tig­keit als Zei­chen­leh­re­rin in Köln-Mül­heim und Bad Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn) be­zo­gen die Ehe­leu­te da­s Köl­ner Woh­nate­lier am Hil­de­bold­platz 9 und be­schlos­sen, als frei­schaf­fen­de Künst­ler zu le­ben.

Um 1920 knüpf­te das Ehe­paar Kon­tak­te un­ter an­de­rem zu Hans Arp (1886-1966), Jo­hann­Theo­dor Baar­geld (1892-1927), Ot­to Freund­lich (1878-1943), Max Ernst und sei­ner Frau, Lui­se Straus-Ernst (1893-1941), An­ge­li­ka Ho­er­le (1899-1923) un­d Franz Wil­helm Sei­wert. Au­ßer­dem mach­ten sie Be­kannt­schaft mit dem Schrift­stel­ler B. Tra­ven (Pseud­onym wohl für Ret Ma­rut, 1882-1969).

In ih­rer Woh­nung am Hil­de­bold­platz for­mier­te sich die „Grup­pe „Stu­pi­d“. Den Ti­tel „Stu­pi­d“ wähl­te man in An­leh­nung an den Da­da-Kreis um Max Ernst, der sich als „W/3“ (W = West­stu­pi­di­en) be­zeich­ne­te. Dort war 1919-1920 ei­ne Dau­er­aus­stel­lung gleich­na­mi­gen Ti­tels mitt­wochs zwi­schen 15 und 19 Uhr und sonn­tags zwi­schen 11 und 14 Uhr zu be­sich­ti­gen. Zu der Aus­stel­lung er­schien 1920 ein 28-sei­ti­ger Ka­ta­log mit dem Ti­tel „stu­pid 1“. Er zeig­te Holz-/Lin­ol­schnit­te und Fo­tos der Be­tei­lig­ten. Hier­zu ge­hör­ten Mar­ta He­ge­mann, die mit fünf Ar­bei­ten ver­tre­ten war, An­ton Rä­der­scheidt, Hein­rich Ho­er­le und des­sen Frau An­ge­li­ka Ho­er­le, Franz Wil­helm Sei­wert, so­wie Wil­helm (Wil­ly) Fick (1893-1967), der Bru­der von An­ge­li­ka Ho­er­le. Franz Wil­helm Sei­wert ver­fass­te das Pro­gramm der Grup­pe, die er als „Neu­köl­ni­sche Ma­ler­schu­le, Hil­de­bold­platz 9“ vor­stell­te, de­ren Ziel es sei „…jen­seits al­ler schwatz­haf­ten Geis­tig­keit ein­fa­che Ar­beit (zu) tun… Un­se­re Bil­der ste­hen im Dienst der Aus­ge­beu­te­ten, zu de­nen wir ge­hö­ren und mit de­nen wir uns so­li­da­risch füh­len“.[1] Von der hier pos­tu­lier­ten so­zi­al-uto­pi­schen Kunst-Rich­tung dis­tan­zier­ten sich Mar­ta He­ge­mann und An­ton Rä­der­scheidt aber schnell wie­der. Die in der Aus­stel­lung ge­zeig­ten Ar­bei­ten wa­ren die ers­ten, mit de­nen Mar­ta als Künst­le­rin an die Öf­fent­lich­keit trat. In der Fol­ge war sie mit ih­ren Wer­ken 1920 an der „Halb­mo­nats­aus­stel­lun­g“ im Gra­phi­schen Ka­bi­nett van den Bergh & Co in Düs­sel­dorf und 1924 an der Aus­stel­lung „Köl­ner Künst­ler“ im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein ver­tre­ten.

Die Jah­re 1925/1926 stell­ten den Be­ginn ei­ner über­re­gio­na­len Be­kannt­schaft von Mar­ta He­ge­mann dar. Sie be­tei­lig­te sich 1925 an den Aus­stel­lun­gen „Se­zes­si­on I“ im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein, „Ju­ry­freie Kunst­schau“ in Ber­lin und an der Wan­der­aus­stel­lung „Das Jun­ge Rhein­lan­d“, Kunst­pa­last Düs­sel­dorf, Kunst­ver­ein Dres­den, Kron­prin­zen­pa­lais Ber­lin, Kunst­hüt­te Chem­nitz. 1926 war sie wie­der­um bei der „Se­zes­si­on II“ im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein da­bei.

Der Kunst­his­to­ri­ker Franz Roh (1890-1965) pu­bli­zier­te 1926 im „Kunst­blat­t“ ei­ne Stu­die „Zur jüngs­ten nie­der­rhei­ni­schen Ma­le­rei“, in der er Köl­ner und Düs­sel­dor­fer Ma­ler vor­stell­te. Mar­ta He­ge­mann war die ein­zi­ge Künst­le­rin, der er ei­nen Pas­sus wid­me­te: „…hier sei Mar­ta He­ge­mann an­ge­reiht, die Frau Rä­der­scheidts (geb. 1894), die das ge­nos­sen Ma­le­ri­sche schon et­was mehr ver­bannt, in Rich­tung je­ner me­tal­li­schen, scharf­schnit­ti­gen, zeich­ne­ri­schen Hal­tung, wie sie der Nach­ex­pres­sio­nis­mus, aber auch der Kon­struk­ti­vis­mus im­mer mehr er­stre­ben…“ (vv) Auch ei­ne Zeich­nung von Mar­ta He­ge­mann wur­de dort ab­ge­bil­det; es han­del­te sich um die Ar­beit „Stadt“ von 1925.

Trotz wach­sen­dem Er­folg litt die Fa­mi­lie Rä­der­scheidt wie an­de­re frei­schaf­fen­de Köl­ner Künst­ler un­ter gro­ßer fi­nan­zi­el­ler Not. Mar­ta und An­ton ge­hör­ten ne­ben zehn wei­te­ren Mit­glie­dern der Aus­stel­lungs­ge­mein­schaft „Köl­ner Künst­ler“ an und or­ga­ni­sier­ten Ak­tio­nen wie „Kunst ge­gen Wa­re“ (Bil­der ge­gen Wa­re), „Kunst­freun­de ma­len mit“ (Mit­glie­der füh­ren Auf­trä­ge aus) so­wie Ver­stei­ge­run­gen. Die Stadt Köln stell­te da­für kos­ten­lo­se Räu­me am Neu­markt zur Ver­fü­gung. Auch in den 1930er Jah­ren bes­ser­te sich die Si­tua­ti­on nicht, trotz neu­ge­grün­de­ter Künst­ler­hil­fe der Stadt (die An­ton Rä­der­scheidt scharf kri­ti­sier­te) und dem Be­mü­hen des Kunst­ver­eins, den Köl­ner Künst­lern ei­ne per­ma­nen­te Aus­stel­lungs­mög­lich­keit zu ge­wäh­ren.

1926 erb­te An­ton Rä­der­scheidt durch den Tod sei­nes Va­ters ei­nen Bar­be­trag und fi­nan­zier­te da­mit ei­ne ers­te Rei­se der Fa­mi­lie nach Süd­frank­reich, die sie un­ter an­de­rem nach Mar­seil­le und Sana­ry sur Mer führ­te. Die Bil­der, die wäh­rend die­ser Rei­se ent­stan­den, stell­te das Ehe­paar zu­sam­men mit Ho­er­le, Sei­wert und Max Ernst in der neu ge­grün­de­ten Köl­ner Rich­mod-Ga­le­rie des Post­meis­ters Ca­si­mir Ha­gen (1887-1965), Rich­mod­stra­ße 3, un­ter dem Ti­tel „Neue Kunst – Al­te Kunst“ noch im sel­ben Jahr aus. Im Aus­stel­lungs­ka­ta­log sind zwei Bil­der von Mar­ta He­ge­mann ab­ge­bil­det, „Se­gel­schiff­chen“ von 1921, das von dem Düs­sel­dor­fer Samm­ler Paul Mult­haupt (1884-1933) er­wor­ben wur­de, und „Ma­le­rin“ (1926).

1927 er­hielt das Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um un­ter dem Lei­ter der Neue­ren Ab­tei­lung des Mu­se­ums, Dr. Hans Fried­rich Se­cker (1888-1960), mit ei­ner Schen­kung von Pro­fes­sor Wil­helm Vleu­gels (1893-1942) auch zwei Aqua­rel­le von Mar­ta He­ge­mann mit den Ti­teln „Com­po­si­ti­on“ und prä­sen­tier­te die­se dort in ei­ner Son­der­aus­stel­lung. Mar­tas Aus­stel­lungs­be­tei­li­gung wur­de do­ku­men­tiert von Loui­se Straus-Ernst, die von 1918-1926 mit Max Ernst ver­hei­ra­tet war und Mar­ta He­ge­mann in tie­fer Freund­schaft ver­bun­den. Als Kunst­kri­ti­ke­rin wies sie in ih­ren Pu­bli­ka­tio­nen im­mer wie­der auf die her­aus­ra­gen­de Be­deu­tung der Künst­le­rin hin. So schrieb sie in ei­nem Ar­ti­kel an­läss­lich der Aus­stel­lung des Deut­schen Künst­ler­bun­des 1928 in Köln: „Frau­en, die star­ke und selbst­stän­di­ge Wer­ke schaf­fen, ver­mö­gen das im­mer nur aus ih­rem Frau­en­tum her­aus…Ge­ra­de die Kunst der Mar­ta He­ge­mann mit ih­rer un­be­küm­mert schwei­fen­den Phan­tas­tik, aus­schlie­ß­lich im Ge­fühl ver­an­kert, und mit nacht­wand­le­risch si­che­rer Ge­stal­tungs­kraft, ist ty­pi­scher Aus­druck der künst­le­risch schaf­fen­den Frau, die ganz Frau ist.“[2] 

Das ge­sell­schaft­li­che Le­ben der Rä­der­scheidts spiel­te sich zu­sam­men mit an­de­ren Kol­le­gen im Ca­fé Me­tro­pol ab, ei­nem Künst­ler­treff am Wall­raf­platz (heu­ti­ger Stand­ort des WDR), wo man trank, rauch­te, neue Kon­tak­te knüpf­te und näch­te­lang Dis­kus­sio­nen führ­te. Ein wei­te­rer jähr­li­cher Hö­he­punkt wa­ren an Kar­ne­val die so ge­nann­ten „Lum­pen­bäl­le“ im Ho­tel Re­stau­rant „Em dek­ke Tom­mes“, Glo­cken­gas­se 37. Mar­ta war über­all ein gern ge­se­he­ner Gast. Es ist über­lie­fert, dass ihr Lieb­lings­lied „La Pa­lo­ma“ war, das bei ih­rem Er­schei­nen ge­spielt wur­de. „In die­ser Zeit, wir fro­ren, wir hun­ger­ten, wir fei­er­ten, aber vor al­lem, wir such­ten. Und die­ses Su­chen war das un­ge­heu­er Be­le­ben­de.“[3] 

Der Um­zug nach Köln-Bi­cken­dorf 1927, ein Vor­ort im Nord­wes­ten Kölns, er­öff­ne­te neue Kon­tak­te zu den un­mit­tel­bar in der Nä­he woh­nen­den Kunst­kri­ti­ker Carl Lin­fert (1900-1981), dem Jour­na­lis­ten und Schrift­stel­ler Hans Schmitt-Rost (1901-1978) und dem Kri­ti­ker und Samm­ler Al­bert Schul­ze-Vel­ling­hau­sen (1905-1967). Die Frau von Carl Lin­fert, Ar­ca Ma­ca­ro­va (ali­as Eli­sa­beth Si­mon, 1905-1965), Aus­druck­s­tän­ze­rin und um 1930 Lei­te­rin ei­ner Schu­le für Tanz und Gym­nas­tik, reg­te Mar­ta zu zahl­rei­chen Zeich­nun­gen an, die sie in ei­nem Skiz­zen­buch, da­tiert Fe­bru­ar 1932, fest­hielt.

Als en­ga­gier­te Frau­en tra­ten Mar­ta und Eli­sa­beth Si­mon der 1929 in Köln ge­grün­de­ten Orts­grup­pe der GE­DOK (Ge­mein­schaft deut­scher und ös­ter­rei­chi­scher Künst­le­rin­nen­ver­ei­ne al­ler Kunst­gat­tun­gen) bei. In ei­ner acht­sei­ti­gen Re­de vor die­ser spe­zi­ell für Künst­le­rin­nen ge­grün­de­ten Ver­ei­ni­gung, ver­kün­de­te Mar­ta ih­re künst­le­ri­schen Auf­fas­sun­gen über Qua­li­tät und In­hal­te in der Ma­le­rei.

Aus den Kon­tak­ten, die die Rä­der­scheidts zu Dr. An­dre­as Be­cker (1894-1972), der 1925 die Ga­le­rie Be­cker-New­man am Wall­raf­platz 2 in Köln grün­de­te, knüpf­ten, er­gab sich für Mar­ta He­ge­mann 1929 ei­ne Aus­stel­lung zu­sam­men mit dem bel­gi­schen Ma­ler Ed­gar Tytgat (1879-1957) und 1931, er­gänzt durch die Prä­sen­ta­ti­on von Aqua­rel­len und Stu­di­en in der Köl­ner Bü­cher­stu­be am Dom, die ers­te und vor dem Zwei­ten Welt­krieg ein­zi­ge Ein­zel­aus­stel­lung: „Mar­ta He­ge­mann – Ge­mäl­de“. 1930 hat­te Be­cker neue Räu­me am Wall­raf­platz 4 be­zo­gen, die von Hein­rich Ho­er­le und dem Ar­chi­tek­ten Hans Hein­rich Lütt­gen (1895/1898-1976) ge­stal­tet wur­den. Die Er­öff­nungs­aus­stel­lung zeig­te die „Künst­ler der Ga­le­rie“, un­ter an­de­ren auch Mar­ta und ih­ren Mann An­ton. Der Pu­bli­zist Her­mann Gin­zel (1899-1974) ver­öf­fent­lich­te an­läss­lich der Ein­zel­aus­stel­lung von Mar­ta ei­nen län­ge­ren mo­no­gra­phi­schen Auf­satz über die Künst­le­rin im Köl­ner Stadt­an­zei­ger vom 21.11.1931.

Zahl­rei­che Aus­stel­lungs­be­tei­li­gun­gen in den 1930er Jah­ren in Köln, Düs­sel­dorf, Wup­per­talKre­feld und Ber­lin so­wie die von dem Her­aus­ge­ber des „Kunst­blatt­s“, Paul West­heim (1886-1963) in­iti­ier­te Wan­der­aus­stel­lung „Künst­ler im Reich“, die 1930/1931 von Ber­lin (Rei­ne­cken­haus) aus über Ham­burg (Kunst­ver­ein), Saar­brü­cken (Staat­li­ches Mu­se­um), Kai­sers­lau­tern (Ge­wer­be­mu­se­um), Wup­per­tal (Städ­ti­sches Mu­se­um) und Kas­sel (Kunst­ver­ein) führ­te, ma­ni­fes­tie­ren den ho­hen Be­kannt­heits­grad von Mar­ta He­ge­mann.

Auf­grund der dro­hen­den Macht­über­nah­me durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten be­schlos­sen die Rä­der­scheidts, Deutsch­land zu ver­las­sen. In der Hoff­nung, als Sti­pen­di­at der Vil­la Mas­si­mo in Rom an­ge­nom­men zu wer­den, gab An­ton Rä­der­scheidt die Köl­ner Woh­nung auf und die Fa­mi­lie reis­te nach Ita­li­en. Die Rei­se wur­de im We­sent­li­chen von dem rei­chen Köl­ner Ehe­paar Ru­dolf Metz­ger und Il­se Metz­ger-Sal­berg (1901-1947) fi­nan­zi­ell un­ter­stützt. Ver­mut­lich weil An­ton Rä­der­scheidt fälsch­li­cher­wei­se als „Kom­mu­nis­t“ de­nun­ziert wur­de, er­hielt er das Sti­pen­di­um nicht. Die Fa­mi­lie kehr­te im Herbst nach Köln zu­rück und zog in ei­ne klei­ne Woh­nung in Köln-Mün­gers­dorf, Auf dem Hü­gel 35. 

In der Ehe, die schon im­mer span­nungs­ge­la­den war, kam es zu star­ken Dif­fe­ren­zen, au­ßer­dem fehl­te es wie so oft an Geld, auch für die Me­di­ka­men­te des an Dia­be­tes er­krank­ten Soh­nes An­ton. Weih­nach­ten 1934 ver­ließ An­ton Rä­der­scheidt sei­ne Fa­mi­lie und sie­del­te mit sei­ner Ge­lieb­ten Il­se Metz­ger, die er durch ei­ne Por­trät­sit­zung ken­nen ge­lernt hat­te, nach Ber­lin über. In der Hoff­nung auf ei­ne Schei­dung zahl­te Il­se Metz­ger Mar­ta 1935 ei­nen Be­trag von 50.000 Reichs­mark, doch Mar­ta wi­der­setz­te sich der Schei­dung bis zum 25.8.1961. Fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung er­hielt sie von ih­rem Mann nach Kriegs­aus­bruch nicht mehr.

„Le­ben wie un­ter dem Ra­sier­mes­ser“ – so be­schrieb Mar­ta das kom­pli­zier­te Ver­hält­nis zu ih­rem Mann, der sich in sei­nen Ge­mäl­den im­mer wie­der mit der Ehe­frau und Künst­le­rin aus­ein­an­der­setz­te. Mar­tas Bild­the­men kreis­ten um ih­re schwer zu mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren­den Rol­len als eman­zi­pier­te in­tel­lek­tu­el­le Frau ei­ner­seits und Ehe­frau und Mut­ter an­de­rer­seits, auch im Hin­blick auf die ka­tho­li­sche Kir­che, die ein an­ge­pass­tes Frau­en­bild pro­pa­gier­te. In ih­ren Wer­ken ent­warf sie ei­ne mar­kan­te Sym­bo­lik gleich ei­ner Zei­chen­spra­che, die sich zu ei­nem gro­ßen Gan­zen fügt. „Ich ent­deck­te den Schirm, die Lam­pe, das Buch, die Kir­che, die Tau­be, klei­nes Pferd, Schiff, Tän­ze­rin, Brief, Hän­de, Mün­der und al­les das in mil­dem Licht. All das sind In­si­gni­en. Ich glau­be eben mit­tels sol­cher Treff­punk­te ins Schwar­ze zu tref­fen, den Na­gel auf den Kopf zu hau­en. Ich war fest über­zeugt da­von.“[4] Auf fast al­len ih­ren Bil­dern be­fin­det sich „die Frau“, sche­ma­ti­siert dar­ge­stellt, und um­ge­ben von zahl­rei­chen At­tri­bu­ten mit sym­bo­li­schem Wert, zum Bei­spiel Se­gel­schiff und Tau­ben als Zei­chen der Frei­heit, Kaf­fee­kan­ne und Pe­tro­le­um­lam­pe als Zei­chen für Haus­halt und Fa­mi­lie, der Re­gen­schirm als Sym­bol für den Mann, das auf­ge­schla­ge­ne Buch als Zei­chen der Be­le­sen­heit, Kreuz steht für Kir­che, der Mund für Sinn­lich­keit…. Mar­tas Frau­en­gestal­ten sind au­to­nom, nicht nur eman­zi­piert, wie sie in ih­ren weib­li­chen Be­rufs­bil­dern „Die Leh­re­rin“ (1925) und „Die Ar­chi­tek­tin“ (1928) zeigt, son­dern sie ha­ben sich ih­re Weib­lich­keit und sinn­li­che Lust be­wahrt. Ein ein­zi­ges Bild mit por­träthaf­ten Zü­gen wid­me­te sie 1924 ih­rer ein Jahr zu­vor an Tu­ber­ku­lo­se ver­stor­be­nen bes­ten Freun­din An­ge­li­ka Ho­er­le.

1933 wur­de Mar­ta He­ge­manns Kunst als „ent­ar­te­t“ de­kla­riert und al­le ih­re Bil­der aus öf­fent­li­chen Samm­lun­gen ent­fernt. Hier­zu ge­hör­te auch das Ge­mäl­de „Eis­jung­frau“, das vom Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­um 1930 an­ge­kauft wor­den war. Noch 1936 schaff­te Mar­ta ei­ne Se­rie von Gou­achen, die die von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ge­for­der­te Rol­le der Frau scharf kri­ti­sier­te. Doch ihr Le­ben wäh­rend des „Drit­ten Rei­ches“ glich ei­ner Odys­see, sie muss­te stän­dig ih­ren Wohn­ort wech­seln: Ber­lin, Genf, Pa­ris, Hei­del­berg und Mün­chen wa­ren nur ei­ni­ge Sta­tio­nen auf ih­rer Flucht. Da­bei gin­gen vie­le ih­rer Wer­ke ver­lo­ren. 1944 konn­te sie bei ih­rer Schwes­ter in Iser­lohn un­ter­tau­chen. Nach dem Krieg ver­dien­te sie sich durch zahl­rei­che kunst­ge­werb­li­che Ar­bei­ten wie Por­zel­lan-Ma­le­rei, Ba­tik-Tex­ti­li­en, Buch-Hül­len, Do­sen und ähn­li­ches mehr den Le­bens­un­ter­halt.

In Iser­lohn prä­sen­tier­te Mar­ta He­ge­mann 1954 im Haus der Hei­mat ih­re ers­te Werk­schau nach dem Krieg. 1958 kehr­te sie, re­pa­tri­iert, nach Köln zu­rück und hielt en­gen Kon­takt zu ih­ren bei­den Söh­nen. Karl An­ton war Künst­ler ge­wor­den, Jo­han­nes Bank­an­ge­stell­ter. In Köln schuf Mar­ta He­ge­mann ihr Spät­werk, des­sen Stil ge­prägt ist durch groß­flä­chi­ge ab­stra­hier­te Fi­gu­ra­tio­nen. An ih­re Er­fol­ge vor dem Krieg konn­te sie je­doch nicht mehr an­knüp­fen. 1964 er­warb die gra­phi­sche Samm­lung des Köl­ner Mu­se­ums Lud­wig zehn Ar­bei­ten auf Pa­pier (Aqua­rel­le und Blei­stift­zeich­nun­gen), 1967 stell­te sie im Köl­ni­schen Kunst­ver­ein aus und 1969 zeig­te die Kel­ler­ga­le­rie Buch­holz in Köln ih­re Wer­ke.

Am 28.1.1970 starb Mar­ta He­ge­mann in Köln an ei­nem Herz­lei­den.  

Ma­le­rei - ein „Ba­lan­ce­akt zwi­schen Him­mel und Höl­le“ es bleibt das Bild ei­ner mu­ti­gen Frau und Künst­le­rin, mit Bu­bi­kopf-Fri­sur, die sich ger­ne rau­chend und in Ho­sen zeig­te. Sie schuf ein be­deu­ten­des Werk, das im Schat­ten ih­res Man­nes bei­na­he in Ver­ges­sen­heit zu ge­ra­ten droh­te. 1978 wur­de ihr Spät­werk im Leo­pold-Hoesch-Mu­se­um in Dü­ren ge­wür­digt. 1983 im Köl­ner Al­li­anz-Haus und 1990 im Köl­ni­schen Stadt­mu­se­um wur­den ihr re­tro­spek­ti­ve Aus­stel­lun­gen ge­wid­met. In Köln-Lön­ge­rich er­in­nert die Mar­ta-He­ge­mann-Stra­ße an sie. 

Schriften

Die Schrif­ten be­fin­den sich im Pri­vat­be­sitz Rä­der­scheidt.
Re­de vor der GE­DOK, 8-sei­ti­ges Schreib­ma­schi­nen-Skript, En­de der 1920er Jah­re.
An­ge­li­ka – ei­ne Ver­wand­lung, un­ver­öf­fent­lich­tes Ma­nu­skript, um 1924.
Le­bens­er­in­ne­run­gen, Ma­nu­skript 1965.. 

Werke (Auswahl)

Um 1921 – Kom­po­si­ti­on mit Kir­che und Te­le­gra­fen­dräh­ten, Aqua­rell, Mu­se­um Lud­wig, Köln
Um 1921 – Kom­po­si­ti­on mit Häu­sern, Kir­che, Hän­den und Schwä­nen, Aqua­rell über Blei­stift, Mu­se­um Lud­wig, Köln
1922 – Ha­fen, Öl auf Holz, ver­schol­len
Um 1924 – Fa­mi­li­en­bild­nis, Öl auf Lein­wand, ver­schol­len
1924 – An­ge­li­ka, Aqua­rell, ver­schol­len
Um 1925 – Tän­ze­rin auf dunk­lem Schwan, Aqua­rell, Pri­vat­be­sitz
1925 – Lam­pe mit Kaf­fee­kan­ne, Öl auf Lein­wand, ver­schol­len
1926 – Bou­doir, Aqua­rell, Pri­vat­be­sitz
1926 – Mäd­chen mit Pup­pe, Fe­der­zeich­nung, Pri­vat­be­sitz
Um 1926/1928 – Jun­ge Frau mit Her­ren­schirm, Öl auf Lein­wand, ver­schol­len
1927 – Land­schaft mit Brü­cke, Aqua­rell, Pri­vat­be­sitz
1927 – Vor Kreuz, Aqua­rell, Pri­vat­be­sitz
1927 – Kreuz mit schwar­zer Fah­ne, Aqua­rell, Pri­vat­be­sitz
Um 1927 – Kom­po­si­ti­on mit Kir­che, Se­gel­boot, Dra­chen, Wind­müh­le, Vö­geln und Da­men­schuh, Aqua­rell über Blei­stift, Mu­se­um Lud­wig, Köln
1928 – Mit der Lam­pe, Aqua­rell über Blei­stift, Mu­se­um Lud­wig, Köln
1928 – Ar­chi­tek­tin, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
1928 – Am We­ges­rand, Aqua­rell, Pri­vat­be­sitz
1928/1929 – Tor­so, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
Um 1929 – Ger­lings­er­weg, Tem­pe­ra, Pri­vat­be­sitz
1929 – Mäd­chen mit Schlei­er (Die Braut), ver­schol­len
1929 – Frau mit Schirm, Kat­ze und Herz, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
1930 – Gro­ße Lie­gen­de (lie­gen­des Mäd­chen), Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
1930 – Lie­gen­de mit Schirm, Öl auf Lein­wand, ver­schol­len
1930 – Ero­ti­sche Sym­bo­lik, Aqua­rell, ver­schol­len
1930 – Die Kni­en­de, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
Um 1930 – He­xe, Aqua­rell, Pri­vat­be­sitz
1934 – Fi­gu­ri­nen zu En­fant ter­ri­bles, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
Um 1959/60 – Tanz, Tem­pe­ra/Ab­sprung­tech­nik, Pri­vat­be­sitz
1959/1960 – Thea­ter, Tem­pe­ra/Ab­sprung­tech­nik, Pri­vat­be­sitz
Um 1962 – Fe­ri­en, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
1964/65 – Up­s­i­de down, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
1966/67 – Per Rad, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
1967 – Auf­se­he­rin, Öl auf Lein­wand, Pri­vat­be­sitz
Um 1968 – Pas­san­ten, Aqua­rell, Pri­vat­be­sit­z 

Literatur

Be­rents, Ca­tha­ri­na, Mar­ta He­ge­mann, Ele­men­te ei­ner Be­frei­ungsi­ko­no­gra­fie, in: Kri­ti­sche Be­rich­te 1/1990, Mar­burg 1990, S. 39-55.
Eu­ler-Schmidt, Mi­cha­el (Hg.), Le­ben und Werk. Aus­stel­lung Mar­ta He­ge­mann - Re­tro­spek­ti­ve (31. Au­gust bis 7. Ok­to­ber 1990) im Köl­ni­schen Stadt­mu­se­um, Köln 1990.
Rein­hardt, Hil­de­gard, Mar­ta He­ge­mann – Le­ben und Werk, in: Eu­ler-Schmidt, Mi­cha­el (Hg.), Le­ben und Werk. Aus­stel­lung Mar­ta He­ge­mann - Re­tro­spek­ti­ve (31. Au­gust bis 7. Ok­to­ber 1990) im Köl­ni­schen Stadt­mu­se­um, Köln 1990, S. 7-47.
Rein­hardt, Hil­de­gard, Le­ben wie un­ter dem „Ra­sier­mes­ser“, Mar­ta He­ge­mann und An­ton Rä­der­scheidt, in: Ber­ger, Re­na­te (Hg.), Lie­be, Macht, Kunst, Köln [u. a.] 2000, S. 283-325.
Ro­we, Do­ro­thy, Af­ter Da­da: Mar­ta He­ge­mann and the Co­lo­gne Avant-gar­de, Man­ches­ter 2013. 

Online

Web­site zum Le­ben und Werk An­ton Rä­der­scheidts. [on­line]

 
Anmerkungen
  • 1: Zitiert n Reinhardt, 1990, S. 8.
  • 2: Straus-Ernst, Luise, Malerinnen und Bildhauerinnen in der Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes, in: Frau und Haus, Unterhaltungsbeilage des Kölner Stadt-Anzeigers vom 18.7.1929, zitiert nach Reinhardt, 1990, S. 39-40.
  • 3: Handschriftliches Manuskript Marta Hegemann, Köln 1965, zitiert nach Reinhardt, 1990, S. 83.
  • 4: Unveröffentlichtes Manuskript von Marta Hegemann, zitiert nach Reinhardt, 1990, S. 33.
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Steger, Denise, Marta Hegemann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/marta-hegemann-/DE-2086/lido/5dd7bd34271d68.46146180 (abgerufen am 12.12.2019)