Jörg Immendorff

Künstler (1945-2007)

Hans Peter Riegel (Zürich)

Jörg Immendorff mit Werk "Kein Licht für Wen?", Porträtfoto, 1981. (Hans Peter Riegel)

Jörg Im­men­dorff zähl­te von et­wa 1980 bis zu sei­nem Tod 2007 zu den prä­gen­den Künst­lern der bil­den­den Kunst in Deutsch­land. Das be­kann­tes­te Werk des Beuys-Schü­lers ist der Ge­mäl­de­zy­klus “Ca­fé Deutsch­lan­d“. Öf­fent­li­che Auf­merk­sam­keit er­lang­te er zu­dem durch sei­nen ex­pres­si­ven Le­bens­stil und sein lan­ges, qual­vol­les Lei­den an der un­heil­ba­ren Krank­heit ALS.

Wenn­gleich in Nord­deutsch­land ge­bo­ren, kam Im­men­dorff schon als Ju­gend­li­cher ins Rhein­land und leb­te bis zu sei­nem Tod in Düs­sel­dorf. Er fühl­te sich mit der Stadt sehr ver­bun­den und en­ga­gier­te sich häu­fig für lo­ka­le In­ter­es­sen und Pro­jek­te.

Jörg Im­men­dorff wur­de am 14.6.1945 als ein­zi­ges Kind der Se­kre­tä­rin Ire­ne Me­ves und des Ka­val­le­rie­of­fi­ziers Ar­min-Diet­rich Im­men­dorff in der Dorf­schmie­de von Ble­cke­de ge­bo­ren, ei­nem Dorf an der El­be rund 60 Ki­lo­me­ter süd­lich von Ham­burg. Die El­tern lern­ten sich im Herbst 1944 ken­nen und wa­ren sich nur für we­ni­ge Ta­ge nah. Die Ehe­schlie­ßung er­folg­te wäh­rend ei­nes Fron­t­ur­laubs des Va­ters am 24.3.1945, als Im­men­dorffs Mut­ter schon hoch­schwan­ger war. 

Die ers­ten Ta­ge nach der Ge­burt über­leb­te der un­ter­ge­wich­ti­ge Jun­ge nur knapp und blieb ein krän­keln­des Kind. Trotz der ent­beh­rungs­rei­chen Nach­kriegs­jah­re be­schrieb Im­men­dorff rück­schau­end ei­ne zu­nächst glück­li­che Kind­heit, erst im Haus des vä­ter­li­chen Gro­ßva­ters, ei­nes Tier­arz­tes in Bad Pyr­mont, dann in Ble­cke­de, wo­hin die Fa­mi­lie auf Wunsch der Mut­ter um 1950 zu­rück­kehr­te. In Ble­cke­de be­such­te Im­men­dorff die Volks­schu­le.  Die Ehe der El­tern er­wies sich als nicht glück­lich. De­ren Tren­nung, die Im­men­dorff im Al­ter von elf Jah­ren er­le­ben muss­te, war für ihn die schmerz­haf­tes­te Zä­sur sei­nes Le­bens.  

Zu sei­ner Mut­ter hat­te er zeit­le­bens ein sehr en­ges Ver­hält­nis, wäh­rend das Ver­hält­nis zum Va­ter dis­tan­ziert blieb. Den­noch war des­sen Selbst­mord 1974 für Im­men­dorff er­neut trau­ma­ti­sie­rend.

Un­mit­tel­bar nach der Tren­nung sei­ner El­tern wur­de Im­men­dorff nach Bonn auf das In­ter­nat des Ernst-Kal­kuhl-Gym­na­si­ums ge­schickt. Er be­kun­de­te spä­ter, sehr un­ter die­ser Si­tua­ti­on ge­lit­ten zu ha­ben, wie er sich auch der Miss­ach­tung von Mit­schü­lern aus­ge­setzt sah, da er kein gu­ter Schü­ler und Sport­ler war. Ein­zi­ge An­er­ken­nung konn­te er mit sei­ner Be­ga­bung fürs Zeich­nen er­lan­gen. Als er für ei­ne Schul­in­sze­nie­rung des “Som­mer­nachts­traum­s“ das Büh­nen­bild ma­len durf­te, emp­fand er dies als Er­we­ckungs­er­leb­nis. We­nig spä­ter konn­te er wäh­rend ei­ner Schul­aus­stel­lung Zeich­nun­gen an den Schrift­stel­ler Ste­fan And­res ver­kau­fen. Im­men­dorff nahm zehn Mark ein und fühl­te sich in dem Wunsch be­stärkt, Künst­ler zu wer­den. Zu­nächst dach­te er je­doch dar­an, Schau­spie­ler oder Tän­zer zu wer­den. Nach der Schu­le ging er in den Bal­lett­un­ter­richt und be­gann ein Prak­ti­kum am Bon­ner Stadt­thea­ter. Zur glei­chen Zeit konn­te er in ei­nem Bon­ner Jazz­club Bil­der in ex­pres­sio­nis­ti­scher Ma­nier aus­stel­len. Letzt­lich ent­schied er sich für ei­ne Ver­bin­dung von Schau­spiel und Ma­le­rei.

 

Im Mai 1963 wur­de er in die Klas­se für Büh­nen­kunst von Teo Ot­to (1904-1968) an der Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf auf­ge­nom­men. Doch schon nach drei Se­mes­tern muss­te Im­men­dorff die Klas­se ver­las­sen. Die Grün­de da­für sind un­klar, Im­men­dorff be­haup­te­te, er ha­be sich ge­wei­gert ein Bild zum Ge­burts­tag des Leh­rers zu ma­len. Nach­dem es ihm nicht ge­lang, in ei­ne an­de­re Klas­se auf­ge­nom­men zu wer­den, war es letzt­li­ch Jo­seph Beuys, der dem jun­gen Künst­ler in sei­ner Klas­se ei­ne Chan­ce gab. Im­men­dorff, der zu die­ser Zeit als ver­spon­ne­ner Träu­mer ge­schil­dert wird, dank­te es Beuys mit rück­halt­lo­ser Ver­eh­rung. Er be­klei­de­te sich mit ei­ner To­ga, bas­tel­te ein Papp­schwert und lief als “Beuys­rit­ter“ durch die Gän­ge der Kunst­aka­de­mie. Auch Beuys ent­wi­ckel­te Zu­nei­gung für sei­nen un­kon­ven­tio­nel­len Schü­ler, nahm ihn in sei­nen in­ne­ren Kreis auf und för­der­te ihn.

Vor dem Hin­ter­grund sei­ner fa­mi­liä­ren Er­fah­run­gen kann das Ver­hält­nis Im­men­dorffs zu sei­nem Leh­rer Beuys als Su­che nach ei­nem Va­ter­er­satz ver­stan­den wer­den, wes­halb Beuys schon wäh­rend der Aka­de­mie­zeit und bis zu den letz­ten Bil­dern Dar­stel­lung in den Wer­ken Im­men­dorffs fand. 

Es war auch Beuys, der Im­men­dorff im Au­gust 1965 zu des­sen ers­ter Ein­zel­aus­stel­lung bei der re­nom­mier­ten Ga­le­rie von Al­fred Schme­la (1918-1980) in Düs­sel­dorf ver­half, von der auch Beuys ver­tre­ten wur­de. Im­men­dorff zeig­te spie­le­risch da­da­is­ti­sche Ge­mäl­de, die sich über­wie­gend mit dem sei­ner­zeit schon iko­nen­haf­ten Phä­no­men Beuys be­fass­ten.  Be­reits im No­vem­ber des glei­chen Jah­res warf ihn Schme­la je­doch wie­der hin­aus. Wie al­le an­de­ren Ga­le­rie-Künst­ler war er ein­ge­la­den wor­den, zum Ge­burts­tag Schme­las ei­ne Hom­mage zu ge­stal­ten, wo­ge­gen sich Im­men­dorff sträub­te. Beuys war ent­setzt und das Ver­hält­nis zu Im­men­dorff kühl­te sich ab.

Immendorff, Porträtfoto, um 1960. (Hans Peter Riegel)

 

Der Ein­fluss von Beuys auf Im­men­dorffs Wir­ken blieb den­noch er­hal­ten. So ist ein Schlüs­sel­bild die­ser Jah­re, das 1966 ent­stan­de­ne “Hört auf zu ma­len“, Er­geb­nis von Im­men­dorffs Aus­ein­an­der­set­zung mit der ab­leh­nen­den Hal­tung von Beuys ge­gen tra­di­tio­nel­le Kunst­dis­zi­pli­nen wie Ma­le­rei. Dar­in sei­nem Leh­rer fol­gend, be­gab sich Im­men­dorff schlie­ß­lich auch auf an­de­re Fel­der der Kunst­aus­übung. 

Un­ter­stützt wur­de er hier­in von sei­ner Ehe­frau Chris Rei­ne­cke (ge­bo­ren 1936). Sie wa­ren sich 1964 an der Kunst­aka­de­mie be­geg­net und hei­ra­te­ten am 5.8.1965. Der noch min­der­jäh­ri­ge Im­men­dorff be­nö­tig­te hier­zu die Ein­wil­li­gung sei­ner Mut­ter. Im­men­dorffs Trau­zeu­ge war Beuys. Ge­mein­sam mit Rei­ne­cke ent­wi­ckel­te Im­men­dorff “Lid­l“, ein Kunst­pro­jekt, das Ele­men­te von “Kon­zept-Kunst“, “Ak­ti­ons-Kunst“ so­wie des “Neo-Da­da­is­mus“ auf­weist. “Lid­l“ ver­stan­den sie als „Platt­form für die Ar­beit und die Zu­sam­men­ar­beit der wah­ren Kräf­te in Kunst und Po­li­ti­k“ (Lidl Ma­ni­fest). 

Zu­vor hat­te Im­men­dorff be­reits mit Ak­tio­nen ge­gen den Viet­nam­krieg po­li­tisch agiert und auch mit sei­ner ers­ten “Lidl-Ak­ti­on“ äu­ßer­te er sich po­li­tisch. Ei­nen schwarz-rot-gol­de­nen Holz­klotz vor dem deut­schen Bun­des­tag in Bonn hin­ter sich her­zie­hend, wur­de er kurz­zei­tig ver­haf­tet. Er woll­te ge­gen die geis­ti­ge Läh­mung der Bon­ner Re­pu­blik pro­tes­tie­ren, wo­mit er erst­mals das In­ter­es­se der Öf­fent­lich­keit fand. Vor­ab hat­te er die Pres­se in­for­miert. Auf die­se Wei­se be­gann er die Me­di­en als In­stru­ment sei­ner öf­fent­li­chen Selbst­dar­stel­lung zu nut­zen, ei­ne Pra­xis, die er bis zu sei­nem Le­bens­en­de bei­be­hal­ten soll­te.

An­fang Mai 1968 wur­de Im­men­dorff als Meis­ter­schü­ler ex­ma­tri­ku­liert. Er ver­such­te zu­nächst er­folg­los, sich als pri­va­ter Zei­chen­leh­rer über Was­ser zu hal­ten. 1971 wur­de er Leh­rer für Wer­ken und Zeich­nen an der Du­mont-Lin­de­mann-Haupt­schu­le in Düs­sel­dorf, wo er bis 1981 tä­tig blieb. 

In den 1970er Jah­ren en­ga­gier­te sich Im­men­dorff in links­ra­di­ka­len po­li­ti­schen Ak­ti­ons­grup­pen und war Mit­glied der mao­is­ti­schen KPD/AO (Auf­bau­or­ga­ni­sa­ti­on). Er war Ak­ti­vist der “Li­ga ge­gen den Im­pe­ria­lis­mus“, der “Ver­ei­ni­gung So­zia­lis­ti­scher Kul­tur­schaf­fen­der“ so­wie des “Viet­nam-Ko­mi­tee­s“.

Immendorff in seinem Atelier in der Gustav-Poensgen-Straße, Düsseldorf 1983. (Hans Peter Riegel)

 

In­zwi­schen mal­te Im­men­dorff wie­der, zu­nächst im so ge­nann­ten “Agit­prop“-Stil, pla­ka­ti­ve Bil­der oh­ne we­sent­li­chen, künst­le­ri­schen Im­pe­tus, die er selbst pri­mär als Pro­pa­gan­da für sei­ne po­li­ti­sche Ideo­lo­gie be­trach­te. Mit sol­chen Ar­bei­ten konn­te er 1972 an der “Do­cu­men­ta 5“ teil­neh­men.

1976 war er zur Bi­en­na­le nach Ve­ne­dig ein­ge­la­den, eben­so wie der von der glei­chen Ga­le­rie wie Im­men­dorff ver­tre­te­ne DDR-Künst­ler A.R. Penck (Ralf Wink­ler, 1939-2017), der je­doch nicht aus­rei­sen durf­te. Im­men­dorff äu­ßer­te sich noch wäh­rend der Bi­en­na­le durch ei­ne Flug­blatt-Ak­ti­on ge­gen die­se Will­kür. Die­se Ak­ti­on mar­kiert die Aus­ein­an­der­set­zung Im­men­dorffs mit der deut­schen Tei­lung und den Be­ginn ei­ner Werk­pha­se, die in den “Ca­fé Deutsch­lan­d“-Zy­klus mün­de­ten.

1979 kan­di­dier­te Im­men­dorff oh­ne Er­folg für den Düs­sel­dor­fer Stadt­rat als Kan­di­dat der “Al­ter­na­ti­ven Lis­te für De­mo­kra­tie und Um­welt­schut­z“. 1980 schloss er sich den Grü­nen an. Hier be­geg­ne­te er Beuys wie­der und en­ga­gier­te sich für ihn, als Beuys für die Par­tei bei den Bun­des­tags-Wah­len kan­di­dier­te.

Mit den “Ca­fé Deutsch­lan­d“-Ge­mäl­den und der gleich­na­mi­gen Aus­stel­lung im März 1982 in der Kunst­hal­le Düs­sel­dorf er­fuhr Im­men­dorff sei­nen Durch­bruch auf dem Kunst­markt. In der Fol­ge stell­te er in re­nom­mier­ten Ga­le­ri­en und Mu­se­en in vie­len Län­dern der Welt so­wie bei ver­schie­de­nen wich­ti­gen in­ter­na­tio­na­len Kunst-Events aus.

Im­men­dorff wird seit die­ser Zeit oft als Ver­tre­ter des “Neo-Ex­pres­sio­nis­mus“ be­zeich­net. Mit­un­ter rech­net man ihn den so­ge­nann­ten “Neu­en Wil­den“ zu, ei­ner Grup­pe jun­ger Künst­ler am Be­ginn der 1980er Jah­re. Die­se Zu­rech­nung ist je­doch nicht kor­rekt, da die “Neu­en Wil­den“ ei­ner an­de­ren Ge­ne­ra­ti­on an­ge­hör­ten und ih­re Kunst ei­nen re­la­tiv ober­fläch­li­chen, spon­ta­nen Ges­tus und iro­ni­sie­ren­de In­hal­te hat­te, wäh­rend Im­men­dorff in sei­nen Bild-In­sze­nie­run­gen und Plas­ti­ken wei­ter­hin po­li­ti­sche The­men auf­griff. Zu­tref­fen­der wä­re für sei­ne Schaf­fens­pha­se von 1976 bis 1998 der Be­griff “Neue His­to­ri­en­ma­le­rei“.

1984 er­warb Im­men­dorff im Rot­licht­vier­tel Ham­burgs na­he der Ree­per­bahn ei­ne Knei­pe mit dem Na­men “La Pa­lo­ma“. Be­son­der­heit des ei­gent­lich sehr ein­fa­chen Lo­kals wa­ren zahl­rei­che teu­re Kunst­wer­ke von be­rühm­ten Künst­lern wie Ge­org Ba­se­litz (ge­bo­ren 1938), Jo­seph Beuys oder Ger­hard Rich­ter (ge­bo­ren 1932), mit de­nen die Wän­de ge­schmückt wa­ren. 

In die­ser Zeit kam Im­men­dorff mit Ko­ka­in in Be­rüh­rung. Sein Le­bens­stil wur­de ex­pres­si­ver und er war re­gel­mä­ßig The­ma in den Blät­tern der Bou­le­vard-Pres­se, die ihn als “Ma­ler-Fürs­ten“ be­zeich­ne­te. Künst­le­ri­schen Aus­druck fand sein neu­er Le­bens­stil ge­gen En­de der 1980er Jah­re in dem Ge­mäl­de­zy­klus “Ca­fé de Flo­re“, in dem er sich in­mit­ten von Künst­ler­kol­le­gen, Li­te­ra­ten und üp­pi­gen Frau­en in ein Bohè­me-Le­ben hin­ein mal­te.

Mit “Ca­fé de Flo­re“ er­reich­te er nicht mehr den Er­folg von “Ca­fé Deutsch­lan­d“, wes­halb er in den 1990er Jah­ren zu­neh­mend Pro­ble­me hat­te, sei­nen auf­wen­di­gen Le­bens­stil zu fi­nan­zie­ren. Hin­zu ka­men ge­schäft­li­che Fehl­grif­fe wie das Re­stau­rant “Die Wa­che“ in der Düs­sel­dor­fer Alt­stadt, das nach we­ni­gen Wo­chen we­gen Er­folg­lo­sig­keit ge­schlos­sen wur­de.

Durch die Ge­stal­tung von Büh­nen­bil­dern, ins­be­son­de­re für die In­sze­nie­rung von Igor Stra­wins­kys (1882-1971) Oper “The Ra­ke’s Pro­gres­s“ bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len von 1994 ge­wann Im­men­dorff wie­der mehr Wohl­wol­len bei der Kunst­kri­tik. Nach di­ver­sen kurz­zei­ti­gen Gast­pro­fes­su­ren im In- und Aus­land er­hielt Im­men­dorff 1989 ei­ne Pro­fes­sur an der Stä­del­schu­le in Frank­furt am Main. 1996 schlie­ß­lich er­reich­te er ein lang ge­heg­tes Ziel: er wur­de als Pro­fes­sor an die Kunst­aka­de­mie Düs­sel­dorf be­ru­fen.

1997 er­fuhr Im­men­dorff, dass er an ALS (amyo­tro­phe La­te­ral­skle­ro­se) er­krankt war. Die­se bis heu­te un­heil­ba­re Ner­ven­krank­heit be­fällt zu­nächst die Mus­ku­la­tur der Glied­ma­ßen, die nach und nach ih­re Funk­ti­on ver­lie­ren. In der Re­gel wer­den zu­letzt die Atem­we­ge und Lun­gen­funk­ti­on so ge­schwächt, dass der Tod durch Er­sti­cken ein­tritt. Da es kei­ne hei­len­den Me­di­ka­men­te gab, such­te Im­men­dorff nach al­ter­na­ti­ven Heil­me­tho­den. Dies führ­te ihn ne­ben an­de­rem zu ei­nem Scha­ma­nen im Ama­zo­nas­dschun­gel und ei­nem Me­di­zi­ner in Chi­na, der ihm em­bryo­na­le Stamm­zel­len ins Ge­hirn pflanz­te.

Am 1.7.2000 hei­ra­te­te er die bul­ga­ri­sche Ma­le­rin Su­san Mi­chae­la Da­now­s­ka (ge­bo­ren 1979), der er selbst den Künst­ler­na­men “O­da Jau­ne“ ge­ge­ben hat­te. Sie war seit dem Win­ter­se­mes­ter 1998 Stu­den­tin in sei­ner Klas­se ge­we­sen. 2001 kam Toch­ter Ida zur Welt. Schon 1998 war sein un­ehe­li­cher Sohn Jean Louis aus ei­ner frü­he­ren Be­zie­hung ge­bo­ren wor­den.

In Aus­ein­an­der­set­zung mit sei­ner Krank­heit wie be­dingt durch zu­neh­men­de kör­per­li­che Ein­schrän­kun­gen än­der­te Im­men­dorff sei­nen Mal­stil. Die zu­vor mit sat­ten Far­ben und kraft­vol­lem Strich ge­mal­ten, über­vol­len Mo­ti­ve, wi­chen fra­gi­len Stri­chen und pas­tell­far­be­nen, ent­leer­ten Bild­räu­men. Sei­ne The­men wur­den Ver­gäng­lich­keit und Tod, oft­mals in In­ter­pre­ta­ti­on von Bil­dern der Re­nais­sance­ma­le­rei.

Im Au­gust 2003 ge­riet Im­men­dorff in die Schlag­zei­len, nach­dem er in der Sui­te ei­nes Düs­sel­dor­fer No­bel­ho­tels ge­mein­sam mit Pro­sti­tu­ier­ten Ko­ka­in kon­su­miert hat­te. Am 4.8.2004 ver­ur­teil­te ihn das Düs­sel­dor­fer Land­ge­richt we­gen Ko­ka­in­be­sit­zes zu ei­ner Be­wäh­rungs­stra­fe von elf Mo­na­ten so­wie der Auf­la­ge, 150.000 Eu­ro an ge­mein­nüt­zi­ge Ein­rich­tun­gen zu zah­len. Sei­nen Be­am­ten­sta­tus und sei­ne Pro­fes­sur an der Düs­sel­dor­fer Kunst­aka­de­mie, um die er hat­te ban­gen müs­sen, konn­te er be­hal­ten.

Um 2004 ver­schlim­mer­te sich sei­ne Läh­mung der­art, dass er nicht mehr in der La­ge war, selbst zu ma­len. Fort­an ge­stal­te­ten As­sis­ten­ten Bil­der nach sei­nen An­wei­sun­gen, die er im Roll­stuhl sit­zend er­teil­te. Am 23.11.2005 er­litt er ei­nen Atem­still­stand und muss­te durch ei­nen Luft­röh­ren­schnitt künst­lich be­at­met wer­den. Be­reits voll­stän­dig ge­lähmt ver­folg­te Im­men­dorff ei­ne klei­ne Ze­re­mo­nie in sei­nem Ate­lier, bei der am 16.1.2007 das Por­trät des ehe­ma­li­gen Bun­des­kanz­lers Ger­hard Schrö­der für die Ga­le­rie im Kanz­ler­amt über­ge­ben wur­de. Das Bild war von sei­nen As­sis­ten­ten ge­fer­tigt wor­den. 

Im­men­dorff starb am 28.5.2007 in­fol­ge ei­nes durch die Krank­heit ver­ur­sach­ten Herz­still­stands. Sei­nem Wunsch ent­spre­chend, wur­de auf Wie­der­be­le­bungs­ver­su­che ver­zich­tet. Sei­ne Asche soll auf ei­nem Meer ver­streut wor­den sein.

Im­men­dorff hat zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen er­hal­ten: 1997 den Pre­mio Mar­co des Mu­se­ums für Mo­der­ne Kunst, Mon­ter­rey, Me­xi­ko für das Ge­samt­werk, eben­falls 1997 er­folg­te die Er­nen­nung zum Mit­glied der Eu­ro­päi­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten und Küns­te in Salz­burg. 1999 wur­de ihm das Bun­des­ver­dienst­kreuz am Ban­de ver­lie­hen, 2000 er­hielt er den Preis der Kul­tur­stif­tung Dort­mund und 2006 den Gos­la­rer Kai­ser­ring. Au­ßer­dem wur­de er 2006 mit dem Bam­bi Kunst ge­ehrt.

Werkphasen

1964−1966 Beuys­land
1966−1967 Ba­by-Bil­der und Ak­tio­nen
1968−1970 Lidl
1970−1976 Agit­prop
1977−1986 Ca­fé Deutsch­land Zy­klus
1987−1992 Ca­fé de Flo­re Zy­klus
1993−1998 The Ra­ke’s Pro­gress und an­de­re Thea­ter­the­men
1999−2003 Spät­werk mit Bild­zi­ta­ten al­ter Kunst­epo­chen
nach 2003 mit Hil­fe von As­sis­ten­ten er­stell­te Wer­ke haupt­säch­lich mit Selbst­zi­ta­ten 

Wichtige Ausstellungen (bis ins Todesjahr)

1961 New Or­leans Club, Bonn
1965 Ga­le­rie Schme­la, Düs­sel­dorf
1966 deutsch deutsch deutsch, Ga­le­rie Ful­da, Ful­da, Deutsch­land
1967 Für al­le Lie­ben in der Welt, Ga­le­rie Art In­ter­me­dia, Köln
1969 Pla­nungs­über­sicht ei­ner Ar­beits­wo­che, Au­gust 1968, Ga­le­rie Mi­cha­el Wer­ner, Köln
1971 Die Ar­beit an ei­ner Haupt­schu­le, Ga­le­rie Mi­cha­el Wer­ner, Köln 1973 Hier und jetzt: Das tun was zu tun ist, West­fä­li­scher Kunst­ver­ein, Müns­ter, Deutsch­land
1974 Da­ner Gal­le­riet, Ko­pen­ha­gen
1975 Ga­le­rie Nächst St. Ste­phan, Wien
1976 Ga­le­rie Se­riaal/He­len van der Meij, Ams­ter­dam
1977 Mu­se­um for Heden­da­agse Kunst, Ut­recht
1977 Penck mal Im­men­dorff, Im­men­dorff mal Penck, Ga­le­rie Mi­cha­el Wer­ner, Köln
1978 Ca­fé Deutsch­land, Ga­le­rie Mi­cha­el Wer­ner, Köln
1979 Ca­fé Deutsch­land, Kunst­mu­se­um, Ba­sel
1980 Ma­ler­mut rund­um, Kunst­hal­le Bern
1981 Pin­sel­wi­der­stand (4x), Ste­de­li­jk van Ab­be­mu­se­um, Eind­ho­ven    1982 Ca­fé Deutsch­land/Ad­ler­hälf­te, Kunst­hal­le Düs­sel­dorf
1982 Ga­le­rie Da­ni­el Tem­plon, Pa­ris
1982 Ilea­na Sonn­abend Gal­le­ry, New York
1982 Ver­ei­ni­gung Ak­tu­el­le Kunst, Gent
1982 New 57 Gal­le­ry, Edin­burgh
1982 Stu­dio d’Ar­te Can­na­viel­lo, Mai­land
1982 IM­MEN­DORFF, Kunst­haus, Zü­rich
1984 Ca­fé Deutsch­land gut, Kunst­hal­le Ham­burg
1984 Mu­se­um of Mo­dern Art, Ox­ford
1985 Mai­son de la Cul­tu­re de la Com­mu­ni­ca­ti­on, St. Eti­en­ne, Frank­reich
1986 Ma­ry Boo­ne Gal­le­ry, New York
1986 Nigel Green­wood Gal­le­ry, Lon­don
1988 Auck­land Ci­ty Gal­le­ry, Auck­land, Neu­see­land
1988 Jörg Im­men­dorff - Die Zau­ber­flö­te, Ga­le­rie Thad­da­eus Ro­pac, Salz­burg
1989 Jörg Im­men­dorff - oeu­vres ré­cen­tes, Ga­le­rie Da­ni­el Tem­plon, Pa­ris
1990 Das gross­ar­ti­ge, ewi­ge 1. Se­mes­ter, Por­ti­kus, Frank­furt am Main
1991 Mu­se­um für Mo­der­ne Kunst, Wien
1992 Im­men­dorff - Art­son­je Mu­se­um, Gyeong­ju Bo­mun
1992 Mu­se­um Boy­mans-van Beu­nin­gen, Rot­ter­dam
1992 Haags Ge­me­en­temu­se­um, The Ha­gue
1992 Goe­the In­sti­tu­te, Osa­ka, Ja­pan
1992 Son­je Mu­se­um of Con­tem­pora­ry Art, Kyong­ju, South Ko­rea
1992 Ga­le­rie Beau­mont, Lu­xem­bourg
1992 Obal­ne Ga­le­ri­je, Pi­ran, Slove­nia
1993 Seo­ul Arts Cen­ter, Seo­ul, South Ko­rea
1992 Hong Kong Arts Cen­ter, Hong Kong
1992 In­ter­na­tio­nal Art Pa­lace, Bei­jing, Chi­na
1992 Tai­pei Fi­ne Arts Mu­se­um, Tai­pei, Tai­wan
1992 Mu­sée Na­tio­nal d'Art Mo­der­ne, Cent­re Ge­or­ges Pom­pi­dou, Pa­ris
1992 Ace Con­tem­pora­ry Ex­hi­bi­ti­ons, Los An­ge­les
1994 Jörg Im­men­dorff. Ca­fé de Flo­res - Mu­seo Ta­ma­yo, Me­xi­co Ci­ty
1994 The Ra­ke’s Pro­gress, Ga­le­rie Tha­ed­de­us Ro­pac, Salz­burg
1995 Bar­bi­can Art Gal­le­ry, Lon­don
1996 Jörg Im­men­dorff - Bild Mit Ge­duld - Kunst­mu­se­um Wolfs­burg
1997 Pre­mio Mar­co, Mu­seo de Ar­te Con­tem­pora­neo de Mon­ter­rey, Me­xi­co
1998 Jörg Im­men­dorff – Ma­ler­de­bat­te - Kunst­mu­se­um Bonn, Bonn
1999 Jörg Im­men­dorff - Ma­ler­wald, Mu­se­um Küp­pers­müh­le Samm­lung Gro­the, Duis­burg
2000 Fa­roe Is­lands Art Gal­le­ry, Tor­shavn, Fä­rö­er In­sel
2000 Jörg Im­men­dorff. Bil­der und Zeich­nun­gen, Kest­ner-Ge­sell­schaft, Han­no­ver
2001 Jörg Im­men­dorff: Lidl (Flu­xus) Pain­tings and Re­cent Pain­tings, An­ton Kern Gal­le­ry, New York
2001 Jörg Im­men­dorff. Al­len Din­gen ist der Wech­sel ei­gen, Rus­si­an Sta­te Mu­se­um, St. Pe­ters­burg
2002 Chi­na Mil­le­ni­um Mo­nu­ment, Bei­jing, Chi­na
2002 Shang­hai Jung­wen Art Cen­ter, Shang­hai, Chi­na
2003 Jörg Im­men­dorff - Au­a­land, Teil 1 und 2, Con­tem­pora­ry Fi­ne Arts, Ber­lin
2004 Jörg Im­men­dorff, Re­tro­spec­tive - Art & Pu­blic, Ge­ne­va
2004 Jörg Im­men­dorff: I Wan­ted to Be­co­me an Ar­tist, Gol­die Pa­ley Gal­le­ry, Moo­re Col­le­ge of Art, Phil­adel­phia, Penn­syl­va­nia
2004 Jörg Im­men­dorff: I Wan­ted to Be­co­me an Ar­tist, The Arts Club, Chi­ca­go
2004 Jörg Im­men­dorff, Pa­trick Pain­ter, Inc., San­ta Mo­ni­ca, Ca­li­for­nia
2004 Jörg Im­men­dorff: New Sculp­tu­re, Ga­le­rie Mi­cha­el Wer­ner, Köln
2004 DC: Jörg Im­men­dorff. Site of Cri­ti­cism, Mu­se­um Lud­wig, Köln
2005 Ma­le La­go - un­sicht­ba­rer Bei­trag - Jörg Im­men­dorff, Neue Na­tio­nal­ga­le­rie, Ber­lin
2006 Sher­wood Fo­rest: Jörg Im­men­dorff / Jo­na­than Mee­se, Mu­se­um Haar­lem, Nie­der­lan­de
2006 Jörg Im­men­dorff, Mönch­haus-Mu­se­um Gos­lar, Gos­lar
2007 Jörg Im­men­dorff, MKM Mu­se­um Küp­pers­müh­le für Mo­der­ne Kunst, Duis­bur­g 

Literatur

Im­men­dorff Jörg, Ma­le La­go, hg. v. Anet­te Hübsch u. Pe­ter-Klaus Schus­ter, Köln 2005.
Im­men­dorff, Jörg, Hier und jetzt: Das tun, was zu tun ist, Köln [u.a.] 1973.
Rie­gel, Hans Pe­ter, Im­men­dorff - Die Bio­gra­phie, Ber­lin 2010, Zü­rich 2018.
Speng­ler, Til­man, Wag­hal­si­ger Ver­such, in der Luft zu kle­ben, Ro­man, Ber­lin 2015.
Szee­mann, Ha­rald, Im­men­dorff, Zü­rich 1982. 

Online

Wei­ter­ge­hen­de In­for­ma­tio­nen so­wie Wer­ke im Mo­MA (Mu­se­um of Mo­dern Art). [On­line]
Wei­ter­ge­hen­de In­for­ma­tio­nen so­wie Wer­ke der Saatchi Ga­le­ry. [On­line]

Immendorff bei der Eröffnung seines Restaurants "Wache", 1994. (Hans Peter Riegel)

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Riegel, Hans Peter, Jörg Immendorff, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/joerg-immendorff/DE-2086/lido/5f4e420084dfd2.34208428 (abgerufen am 28.09.2020)