Maximilian Alexander Philipp Prinz zu Wied-Neuwied

Naturforscher und Ethnologe (1782-1867)

Stefan Hackenbruch (Koblenz)

Prinz Maximilian Alexander zu Wied, Kupferstich von Heinrich Meyer, um 1820-1825. (Roentgen-Museum Neuwied/Kreismuseum Neuwied)

Ma­xi­mi­li­an Alex­an­der Phil­ipp Prinz zu Wied-Neu­wied war ein be­deu­ten­der Na­tur­for­scher und Eth­no­lo­ge. Be­kannt­heit er­lang­te er vor al­lem durch sei­ne Stu­di­en über die nord­ame­ri­ka­ni­sche In­dia­ner-Kul­tur. Da­ne­ben er­warb er sich Ver­diens­te um die Er­for­schung der Fau­na von Rhein­land und Wes­ter­wald.

Ma­xi­mi­li­an zu Wied-Neu­wied wur­de als ach­tes von zehn Kin­dern des Erb­gra­fen (spä­ter Fürs­ten) Fried­rich Carl zu Wied-Neu­wied (1741-1809) und sei­ner Ehe­frau Loui­se Grä­fin zu Sayn-Witt­gen­stein-Ber­le­burg (1747-1823) am 23.9.1782 auf Schloss Neu­wied ge­bo­ren. Sei­ne Kind­heit und Ju­gend wa­ren durch die Fran­zö­si­sche Re­vo­lu­ti­on ge­prägt. In den Ko­ali­ti­ons­krie­gen muss­te der jun­ge Ma­xi­mi­li­an zu Wied-Neu­wied mit sei­ner Fa­mi­lie vor den fran­zö­si­schen Trup­pen zeit­wei­lig in thü­rin­gi­sche Mei­nin­gen flie­hen. Zu die­ser Zeit war Schloss Mon­re­pos bei Nie­der­bie­ber – Som­mer­sitz der Fa­mi­lie – Le­bens­mit­tel­punkt des jun­gen Ad­li­gen. Dort küm­mer­te sich vor al­lem der In­ge­nieur­leut­nant Chris­ti­an Fried­rich Hoff­mann um die Er­zie­hung und schu­li­sche Bil­dung des jun­gen Ma­xi­mi­li­an. Dem en­ga­gier­ten und viel­sei­tig in­ter­es­sier­ten Leut­nant war es ver­mut­lich zu ver­dan­ken, dass die na­tur­wis­sen­schaft­li­chen In­ter­es­sen des Prin­zen er­weckt und ge­för­dert wur­den.

Ent­spre­chend der Fa­mi­li­en­tra­di­tio­nen schlug Ma­xi­mi­li­an zu Wied-Neu­wied 1802 die mi­li­tä­ri­sche Lauf­bahn ein und dien­te zu­nächst wie sein Bru­der Vic­tor im ös­ter­rei­chi­schen Heer, wech­sel­te aber nach kur­zer Zeit in die Diens­te Preu­ßens über, für das er grö­ße­re Sym­pa­thie emp­fand. Die mi­li­tä­ri­sche Lauf­bahn des Prin­zen wur­de durch die Na­po­leo­ni­schen Krie­ge be­stimmt, bis er 1806 nach der Schlacht von Je­na und Au­er­sted­tIn der Dop­pel­schlacht vom 14.10.1806 er­litt die preu­ßi­sche Ar­mee ei­ne ver­nich­ten­de Nie­der­la­ge ge­gen die Trup­pen Na­po­le­on, der am 27.10.1806 in Ber­lin ein­zog. Der preu­ßi­sche Kö­nig Fried­rich Wil­helm III. (Re­gent­schaft 1797-1840) floh nach Ost­preu­ßen. Der zu­sam­men mit Russ­land wei­ter­ge­führ­te Krieg en­de­te am 14.6.1807 in der Nie­der­la­ge von Fried­land. Im  an­schlie­ßen­den Frie­den von Til­sit ver­stän­dig­ten sich Frank­reich und Russ­land, Preu­ßen wur­de zum Ver­hand­lungs­ob­jekt de­gra­diert. Es ver­lor mehr als der Hälf­te sei­nes Ter­ri­to­ri­ums und muss­te ho­he Kont­ri­bu­ti­ons­zah­lun­gen leis­ten. Die Fes­tun­gen Stet­tin, Küs­trin und Glo­gau blie­ben fran­zö­si­sches Faust­pfand, das preu­ßi­sche Heer wur­de auf 42.000 Mann be­grenzt. Tief­punkt der preu­ßi­schen Ge­schich­te. kurz­zei­tig in fran­zö­si­sche Kriegs­ge­fan­gen­schaft ge­riet. Aus die­ser ent­las­sen, kehr­te er nach Neu­wied zu­rück, wid­me­te sich na­tur­wis­sen­schaft­li­chen Stu­di­en und be­gann mit den Vor­be­rei­tun­gen für ei­ne For­schungs­rei­se nach Über­see. Doch zu­vor schrieb er sich im Früh­jahr 1811 an der Uni­ver­si­tät Göt­tin­gen ein, wo er bis 1812 stu­dier­te, je­doch oh­ne ei­nen be­stimm­ten Ab­schluss an­zu­stre­ben. Das Stu­di­um soll­te mehr der Vor­be­rei­tung sei­ner Ent­de­ckungs­rei­sen die­nen. 1813 kehr­te Ma­xi­mi­li­an in preu­ßi­sche Mi­li­tär­diens­te zu­rück, nahm an den Be­frei­ungs­krie­gen teil und 1814 am sieg­rei­chen Feld­zug nach Frank­reich, der mit dem Ein­marsch in Pa­ris en­de­te. Wäh­rend sei­ner Zeit in Pa­ris knüpf­te er Kon­tak­te mit be­deu­ten­den Ge­lehr­ten, dar­un­ter Alex­an­der von Hum­boldt (1769-1859), der ihn zu ei­ner Rei­se nach Bra­si­li­en er­mu­tig­te. Nach sei­ner Be­ur­lau­bung von der preu­ßi­schen Ar­mee be­gab sich der „Ba­ron von Brauns­berg", wie sich Ma­xi­mi­li­an zu Wied-Neu­wied auf sei­nen Über­see­rei­sen nann­te, im Früh­jahr 1815 auf Ent­de­ckungs­fahrt nach Bra­si­li­en, die über Lon­don nach Rio de Ja­nei­ro führ­te. Von hier aus er­kun­de­te er, zu­sam­men mit dem Or­ni­tho­lo­gen Ge­org Wil­helm Frey­reiss (1781-1825) und dem Bo­ta­ni­ker Fried­rich Sel­low (1789-1831) die küs­ten­na­hen Ge­bie­te zwi­schen Rio de Ja­nei­ro und Sal­va­dor, wo Ma­xi­mi­li­an die Tier- und Pflan­zen­welt un­ter­such­te. Da­ne­ben er­forsch­te er auch die dort le­ben­den In­dia­ner­stäm­me. Sei­ne Er­kennt­nis­se und Er­fah­run­gen, die er auf die­ser Rei­se ge­won­nen hat­te, ver­öf­fent­lich­te Ma­xi­mi­li­an 1820/1821 in der zwei­bän­di­gen „Rei­se nach Bra­si­li­en in den Jah­ren 1815 bis 1817". Das Werk er­reg­te auch au­ßer­halb ein­schlä­gi­ger Fach­krei­se ho­he Auf­merk­sam­keit. 1825-1833 folg­ten die „Bei­trä­ge zur Na­tur­ge­schich­te Bra­si­li­ens", die in vier Teil­bän­den er­schie­nen.

Schon bald nach sei­ner Rück­kehr ver­folg­te der Prinz An­fang der 1820er-Jah­re Plä­ne für ei­ne zwei­te Ex­pe­di­ti­on, die al­ler­dings zu­nächst sehr un­be­stimmt blie­ben. Erst 1830 ent­schied er sich für ei­ne Rei­se in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Dort woll­te er nicht nur Flo­ra und Fau­na er­kun­den, son­dern vor al­lem die nord­ame­ri­ka­ni­schen In­dia­ner-Kul­tu­ren er­for­schen und mit de­nen der bra­si­lia­ni­schen Stäm­me ver­glei­chen. Im Som­mer 1832 ver­ließ Ma­xi­mi­li­an an der Sei­te des Schwei­zer Ma­lers Karl Bo­d­mer (1809-1893) und des Jä­gers Da­vid Drei­dop­pel, der den Prin­zen schon auf der Bra­si­li­en­rei­se be­glei­tet hat­te, Eu­ro­pa und er­reich­te An­fang Ju­li die Ost­küs­te der USA. Von dort ging die Rei­se nach Wes­ten bis nach New Har­mo­ny, wo sie den Win­ter 1832/1833 ver­brach­ten. Im Früh­jahr 1833 zo­gen sie wei­ter nach St. Louis und von dort aus per Schiff auf dem Mis­sou­ri nach Fort McKen­zie. Ur­sprüng­lich war ei­ne Wei­ter­rei­se in die Ro­cky Moun­ta­ins ge­plant ge­we­sen, je­doch ver­hin­der­ten dies Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen den In­dia­ner­stäm­men.

Nach meh­re­ren Wo­chen, die sie zur Er­for­schung vor al­lem der In­dia­ner­kul­tu­ren nutz­ten, fuh­ren der Prinz und sei­ne Be­glei­ter wie­der nach Sü­den in ihr Win­ter­quar­tier und kehr­ten im Früh­jahr 1834 über St. Louis und die Ost­küs­te nach Eu­ro­pa zu­rück. Als Er­geb­nis die­ser Rei­se ent­stand das ab 1837 ge­druck­te zwei­bän­di­ge Werk „Rei­se in das in­ne­re Nord-Ame­ri­ca in den Jah­ren 1832 bis 1834", das zu ei­ner wich­ti­gen Do­ku­men­ta­ti­on über die nord­ame­ri­ka­ni­schen Ur­be­völ­ke­rung wur­de, da Ma­xi­mi­li­an zu Wied-Neu­wied zu die­ser Zeit der ein­zi­ge Eth­no­lo­ge war, der sich wis­sen­schaft­lich mit den Ur­ein­woh­nern Nord­ame­ri­kas be­fass­te und die Kul­tur der ame­ri­ka­ni­schen Ur­ein­woh­ner in die­ser Zeit des Um­bruchs do­ku­men­tier­te. Auch die Il­lus­tra­tio­nen von Karl Bo­d­mer mach­ten das Werk zu ei­nem Mei­len­stein in der Ge­schich­te des Buch­drucks im 19. Jahr­hun­dert. Da­ne­ben schrieb Ma­xi­mi­li­an in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten zahl­rei­che Bei­trä­ge für ver­schie­de­ne Zeit­schrif­ten über sei­ne Ame­ri­ka-Rei­se und die ame­ri­ka­ni­sche Ur­be­völ­ke­rung.

Ein wei­te­rer, we­nig be­kann­ter wis­sen­schaft­li­cher Schwer­punkt Ma­xi­mi­li­ans lag im Rhein­land, ge­nau­er am Mit­tel­rhein. Dort und im an­gren­zen­den Wes­ter­wald er­forsch­te er die hei­mi­sche Fau­na. Die Ver­öf­fent­li­chung sei­ner Er­kennt­nis­se über­ließ er je­doch an­de­ren, vor al­lem dem Neu­wie­der Apo­the­ker Franz Pe­ter Brahts (1802-1872) und dem Wies­ba­de­ner Kon­ser­va­tor Au­gust Rö­mer (1825-1899).

In An­er­ken­nung sei­nes wis­sen­schaft­li­chen Werks ver­lieh die Uni­ver­si­tät Je­na 1858 Ma­xi­mi­li­an zu Wied-Neu­wied die Eh­ren­dok­tor­wür­de. Der „Na­tur­his­to­ri­sche Ver­ein der preu­ßi­schen Rhein­lan­de und West­fa­lens" ehr­te den be­kann­ten Na­tur­for­scher und Völ­ker­kund­ler, in­dem er sei­ne 20. Ge­ne­ral­ver­samm­lung 1863 nach Neu­wied leg­te. Dort hielt Ma­xi­mi­li­an sei­ne letz­te öf­fent­li­che Re­de.

Ma­xi­mi­li­an zu Wied-Neu­wied starb nur vier Jah­re spä­ter, am 3.2.1867, im ho­hen Al­ter von 84 Jah­ren an ei­ner Lun­gen­ent­zün­dung und wur­de im Fa­mi­li­en­grab des fürst­li­chen Schlos­ses bei­ge­setzt. Heu­te er­in­nern an ihn ne­ben ei­ni­gen Stra­ßen und Plät­zen auch nach ihm be­nann­te Tier- und Pflan­zen­ar­ten Nord- und Süd­ame­ri­kas.

Werke (Auswahl)

Rei­se nach Bra­si­li­en in den Jah­ren 1815 bis 1817, Frank­furt a.M. 1820-1821.
Bei­trä­ge zur Na­tur­ge­schich­te Bra­si­li­ens, 4 Bän­de in 5 Tei­len, Wei­mar 1824-1833.
Rei­se in das in­ne­re Nord-Ame­ri­ca in den Jah­ren 1832 bis 1834, 2 Text­bän­de und 1 Bild­band mit Il­lus­tra­tio­nen von Karl Bo­d­mer, Ko­blenz 1839-1841.

Literatur

Roth, Her­mann Jo­sef (Hg.), Prinz Ma­xi­mi­li­an zu Wied. Jä­ger, For­scher, Rei­sen­der. Wes­ter­wald und Ame­ri­ka. Le­ben und Werk. Ver­lag der Mu­se­en des Wes­ter­wald­krei­ses, Mon­ta­baur 1995.

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Hackenbruch, Stefan, Maximilian Alexander Philipp Prinz zu Wied-Neuwied, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/maximilian-alexander-philipp-prinz-zu-wied-neuwied-/DE-2086/lido/57c92ef68392a6.35258846 (25.05.2018)