Nikolaus Eich

Generaldirektor der Deutsch-Österreichischen Mannesmannröhren-Werke AG (1866-1919)

Horst A. Wessel (Hilden)

Nikolaus Eich (1866-1919), Porträtaufnahme, undatiert.

Die Kar­rie­re des Ni­ko­laus Eich war kei­nes­wegs vor­ge­ge­ben – al­ler­dings ver­füg­te er über of­fen­sicht­lich reich­lich Ta­lent und den aus­ge­präg­ten Wil­len, die­ses zu nut­zen. Der Jun­ge aus ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen, der we­der ei­ne wei­ter­füh­ren­de Schu­le und erst recht kei­ne Uni­ver­si­tät be­sucht hat und über kein Netz­werk ver­füg­te, wur­de an die Spit­ze ei­nes der grö­ß­ten und er­folg­reichs­ten deut­schen Un­ter­neh­men be­ru­fen, be­frei­te die­ses von Alt­las­ten und mach­te es kri­sen­fest. Zu sei­nem Auf­sichts­rat ge­hör­ten Ban­kiers wie Max Stein­thal (1850-1940), Karl von der Heydt (1858-1922) und Carl Fürs­ten­berg (1850-1933) so­wie In­dus­tri­el­le wie Wil­helm Baa­re (1857-1938), Gott­lieb von Lan­gen (1858-1940), Ar­nold von Sie­mens (1853-1918) und Walt­her Ra­then­au (1867-1922) so­wie der Reichs­tags­ab­ge­ord­ne­te Ernst Bas­ser­mann (1854-1917), zu sei­nem en­ge­ren Be­kann­ten­kreis der Po­li­ti­ker Gus­tav Stre­se­mann (1878-1929).

Ni­ko­laus Eich wur­de am 18.7.1866 in Gön­ners­dorf in der Ei­fel (heu­te Ver­bands­ge­mein­de Obe­re Kyll) ge­bo­ren. Die El­tern, Sieg­bert und Ma­ria An­na, ge­bo­re­ne Hau­sen, Eich, be­wirt­schaf­te­ten ei­ne klei­ne Land­wirt­schaft, die trotz des Ein­sat­zes der gan­zen Fa­mi­lie kaum ge­nug zum Le­ben ließ, wes­halb der Va­ter mit ei­nem Fuhr­ge­schäft ei­nem Ne­ben­er­werb nach­ging. Ni­ko­laus Eich be­such­te die Schu­le des nur we­ni­ge hun­dert Ein­woh­ner zäh­len­den Dor­fes und half nach Kräf­ten in der el­ter­li­chen Land­wirt­schaft und im Fuhr­ge­schäft. Es kam vor, dass er das Vieh hü­ten oder ei­ne Fuh­re bis nach Ant­wer­pen be­glei­ten muss­te. Nach dem Ab­schluss der Volks­schul­aus­bil­dun­g  fand der auf­ge­weck­te Jun­ge ei­ne Lehr­stel­le auf dem Bahn­hof Jün­kerath, ei­ner wich­ti­gen Bahn­sta­ti­on zwi­schen Trier un­d Köln. Hier wur­den die Wei­chen für sei­nen wei­te­ren Le­bens­weg ge­stellt.

Die Über­lie­fe­rung ist nicht ein­deu­tig, wer dar­an be­tei­ligt ge­we­sen war, Rein­hard Man­nes­mann jun. o­der des­sen Se­kre­tär. Al­les spricht je­doch da­für, dass es der jun­ge Un­ter­neh­mer­sohn und Er­fin­der war, dem der Schal­ter­be­am­te we­gen sei­ner Tüch­tig­keit auf­fiel und dem er riet, nach Rem­scheid zu kom­men. Dort spiel­te die Fei­len- und Stahl­fa­brik A. Man­nes­mann ei­ne füh­ren­de Rol­le. Der jun­ge Mann wur­de zu­nächst in ei­ner Sek­ti­on der Rhein.-Westf. Ma­schi­nen­bau- und Klein­ei­sen­in­dus­trie-Be­rufs­ge­nos­sen­schaft in Rem­scheid, in der der Fir­men­chef Ein­fluss hat­te, un­ter­ge­bracht. Dort er­wei­ter­te und ver­tief­te er sei­ne kauf­män­ni­schen und sei­ne Fremd­spra­chen-Kennt­nis­se, im We­sent­li­chen durch Selbst­stu­di­um.

Als 1890 die vier kon­ti­nen­ta­len Man­nes­mann­röh­ren-Ge­sell­schaf­ten zur gro­ßen Deutsch-Ös­ter­rei­chi­schen Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke AG mit Sitz in Ber­lin zu­sam­men­ge­schlos­sen wur­den, wech­sel­te der nun­mehr 24-jäh­ri­ge Eich auf Wunsch des Ge­ne­ral­di­rek­tors Rein­hard Man­nes­mann jun. in die Reichs­haupt­stadt, wo am Pa­ri­ser Platz, gleich ne­ben der fran­zö­si­schen Bot­schaft am Bran­den­bur­ger Tor, die re­prä­sen­ta­ti­ve Ge­ne­ral­di­rek­ti­on des Un­ter­neh­mens ein­ge­rich­tet wur­de. In­ner­halb kur­zer Zeit er­warb Eich sich das vol­le Ver­trau­en sei­nes För­de­rers, der ihn als Pro­to­koll­füh­rer bei wich­ti­gen Ver­hand­lun­gen zu­zog und zu sei­nem Se­kre­tär mach­te. Au­ßer­dem be­ar­bei­te­te er die Ge­heim­sa­chen so­wie die Pa­tent­an­ge­le­gen­hei­ten und ver­wal­te­te die Kas­se der Ber­li­ner Zen­tra­le.

Als 1892 mit Ju­li­us Fran­ken (1848-1899) zu­sätz­lich ein kauf­män­ni­scher Vor­stand be­ru­fen wur­de, wuss­te Eich auch die­sen rasch von sei­nen un­ge­wöhn­li­chen Fä­hig­kei­ten zu über­zeu­gen. Um­so schwe­rer fiel es Fran­ken, nach­dem die Er­fin­der Rein­hard un­d Max Man­nes­mann Mit­te 1893 aus dem Vor­stand aus­ge­schie­den wa­ren, die Ber­li­ner Zen­tra­le auf­ge­löst und die Ver­wal­tung stark ver­klei­nert nach Düs­sel­dorf ver­legt wur­de, auch Eich ent­las­sen zu müs­sen. Er brach­te ihn in Mön­chen­glad­bach, sei­ner Hei­mat, un­ter, und ver­sprach ihm, ihn so­fort wie­der ein­zu­stel­len, wenn es die wirt­schaft­li­che La­ge der Ge­sell­schaft wie­der er­lau­be.

Das Un­ter­neh­men war, weil die re­vo­lu­tio­nä­re Er­fin­dung des Schräg­wal­zens, mit dem Roh­re naht­los aus dem mas­si­ven Stahl­block ge­walzt wur­den, noch nicht in­dus­trie­reif ge­we­sen war, je­doch auch die Qua­li­tät des Vor­ma­te­ri­als kein wirt­schaft­li­ches Ar­bei­ten zu­ließ, in ei­ne schwie­ri­ge La­ge ge­ra­ten. Die­se wur­de noch da­durch ver­schlim­mert, dass die Schwei­ß­rohr- und die Guss­rohr­fa­bri­kan­ten al­les dar­an setz­ten, die sie ge­fähr­den­de Kon­kur­renz nicht zum Zu­ge kom­men zu las­sen. Sie schlos­sen sich zu Kampf­syn­di­ka­ten ge­gen Man­nes­mann zu­sam­men und droh­ten den mit Man­nes­mann zu­sam­men­ar­bei­ten­den Röh­ren­händ­lern, ih­nen die Di­men­sio­nen, die Man­nes­mann nicht be­zie­hungs­wei­se noch nicht her­stel­len konn­te, vor­zu­ent­hal­ten. Fran­ken sah sich vor die Auf­ga­be ge­stellt, die Pro­duk­ti­on ge­winn­brin­gend zu ge­stal­ten und ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­ver­lust ab­zu­tra­gen. Da­zu ge­hör­te ei­ne Be­schrän­kung der Pro­duk­ti­on auf Rohr­di­men­sio­nen, die wirt­schaft­lich zu fer­ti­gen wa­ren, und ein Per­so­nal­ab­bau, der den kauf­män­ni­schen wie den Ver­wal­tungs­be­reich be­traf.

Be­reits we­ni­ge Mo­na­te spä­ter konn­ten Ge­win­ne er­wirt­schaf­tet, und es konn­te be­gon­nen wer­den, den Bi­lanz­ver­lust ab­zu­tra­gen. Ein­ein­halb Jah­re nach sei­nem Aus­schei­den in Ber­lin hol­te Fran­ken im April 1895 Eich in die Diens­te der Deutsch-Ös­ter­rei­chi­schen Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke AG zu­rück, der fort­an sei­ne Le­bens­ar­beit gel­ten soll­te. Es wa­ren erst we­ni­ge Mit­ar­bei­ter, die am Ran­de der Kern­stadt von Düs­sel­dorf in ei­nem an­ge­mie­te­ten Hau­se den Ge­ne­ral­di­rek­tor da­bei un­ter­stütz­ten, das Un­ter­neh­men wirt­schaft­lich vor­an­zu­brin­gen. Das ge­lang gut; in­ner­halb we­ni­ger Jah­re zog man mehr­fach in im­mer grö­ße­re Häu­ser um, weil zur Ver­wal­tung des rasch wach­sen­den Un­ter­neh­mens im­mer mehr Per­so­nal ein­ge­stellt wer­den muss­te; au­ßer­dem ver­lang­te der welt­wei­te Ab­satz der Pro­duk­te ei­ne ent­spre­chen­de Ab­satz­or­ga­ni­sa­ti­on. Eich wur­de Fran­kens un­ent­behr­li­cher Mit­ar­bei­ter und schlie­ß­lich so­gar sein Freund. Als Pro­ku­rist führ­te er (hand­schrift­lich) ver­trau­li­che Kor­re­spon­den­zen, ver­han­del­te mit wich­ti­gen Ge­schäfts­part­nern und kon­trol­lier­te die Wer­ke; wäh­rend der häu­fi­gen Ab­we­sen­hei­ten Fran­kens über­nahm er des­sen Ver­tre­tung – auch beim Auf­sichts­rat in Ber­lin (ein Se­kre­ta­ri­at gab es da­mals noch nicht). 

Eich scheint we­nig Rück­sicht auf sei­ne we­nig ro­bus­te Ge­sund­heit ge­nom­men zu ha­ben. Ei­nem Schrei­ben sei­nes Chefs an den Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­den von Au­gust 1899 ist zu ent­neh­men, dass er Eich we­gen Über­ar­bei­tung zur Er­ho­lung ins Sie­ben­ge­bir­ge ge­schickt hat­te. Der gu­te Mann hat ei­ne län­ge­re Ru­he nö­tig, da­mit uns ei­ne sol­che Kraft frisch er­hal­ten bleibt. Max Stein­thal, der Auf­sichts­rats­vor­sit­zen­de, gab ei­ne be­mer­kens­wer­te Ant­wort: Ich bit­te Sie, al­les zu tun, was in Ih­rer Kraft liegt, um ei­ne bal­di­ge Wie­der­her­stel­lung und Kräf­ti­gung des Herrn Eich her­bei­zu­füh­ren, denn es wä­re recht schäd­lich für uns, wenn die­ser tüch­ti­ge Ar­bei­ter, der die Ge­schich­te der Ge­sell­schaft von An­fang an kennt, ernst­lich er­kran­ken soll­te. So be­rech­tigt die Sor­gen um die an­ge­grif­fe­ne Ge­sund­heit Eichs auch wa­ren, war es Fran­ken, der nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter, am 9.12.1899, an­läss­lich ei­ner Dienst­rei­se zur Über­nah­me der bri­ti­schen Man­nes­mann-Ge­sell­schaft nach ei­ner kur­zen Krank­heit in Swan­sea/Wa­les im Al­ter von knapp 52 Jah­ren starb.

Be­reits am 2.2.1900 wur­de Ni­ko­laus Eich zum Nach­fol­ger be­stellt. Zwar er­hielt er mit dem bis­he­ri­gen Ge­schäfts­füh­rer des Röh­ren­syn­di­kats, Carl Jo­hann Sen­fft (1858-1927), ei­nen Vor­stands­kol­le­gen. Ab­ge­se­hen da­von, dass die­ser die welt­wei­te Ab­satz­or­ga­ni­sa­ti­on auf­bau­te und häu­fig mo­na­te­lang ab­we­send war, galt Eich von An­fang an un­be­strit­ten als der füh­ren­de Mann des Un­ter­neh­mens. 1908 wur­de sei­ne tat­säch­li­che Stel­lung durch die Be­ru­fung zum Ge­ne­ral­di­rek­tor in al­ler Form of­fi­zi­ell be­stä­tigt. Die öf­fent­li­che An­er­ken­nung wur­de ihm durch die Ver­lei­hung des Ti­tels ei­nes Kom­mer­zi­en­rats zu­teil. Die Leis­tung des von ihm ge­führ­ten Un­ter­neh­mens war zum ers­ten Mal be­reits 1902, an­läss­lich der gro­ßen Düs­sel­dor­fer In­dus­trie­aus­stel­lung, durch die Ver­lei­hung der Gol­de­nen Staats­me­dail­le, die die Deutsch-Ös­ter­rei­chi­schen Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke ne­ben der Gol­de­nen Aus­stel­lungs­me­dail­le er­hal­ten hat­ten, ge­wür­digt wor­den.

Eich setz­te die von sei­nem Vor­gän­ger be­trie­be­ne Ar­beit, die auf ei­ne wei­te­re wirt­schaft­li­che Ge­sun­dung des Un­ter­neh­mens und die Stär­kung sei­ner Un­ab­hän­gig­keit ge­rich­tet ge­we­sen war, zü­gig und ziel­ge­rich­tet fort. Bin­nen ei­nes Jah­res wuss­te er das vom Auf­sichts­rat, ins­be­son­de­re des­sen Vor­sit­zen­den, in ihn ge­setz­te Ver­trau­en zu recht­fer­ti­gen; er ge­wann ein Selbst­be­wusst­sein, das auch von den gro­ßen An­teil­eig­nern ak­zep­tiert wur­de. Stein­thal, der sei­ne Schrei­ben zu­nächst an die „Di­rek­ti­on“ rich­te­te, ging bald zur An­re­de Wer­ter Herr Eich und schlie­ß­lich zu Mein lie­ber Herr Eich über. Bei­de führ­ten re­gel­mä­ßig per­sön­li­che Be­spre­chun­gen in Düs­sel­dorf, in Ber­lin und an den Fe­ri­en­or­ten Steinthals. Da­bei wa­ren sie nicht im­mer gleich ei­ner Mei­nung, wo­bei Eich Stein­thal fast im­mer von sei­ner Mei­nung zu über­zeu­gen wuss­te.

Es ge­lang ihm, den ho­hen Ver­lust­vor­trag des Un­ter­neh­mens bis 1905 ab­zu­tra­gen und 1906 ei­ne an­ge­mes­se­ne Di­vi­den­de zu zah­len so­wie die Ak­ti­en mit Ge­winn an der Bör­se ein­zu­füh­ren. Ab 1907 be­haup­te­te Man­nes­mann für sei­ne ge­sam­te Pro­duk­ti­on die Kos­ten­füh­rer­schaft. Durch die Grün­dung und den Kauf von Röh­ren­wer­ken im In- und Aus­land er­wei­ter­te Eich das Un­ter­neh­men in ho­ri­zon­ta­ler Sicht und zwang nach hef­ti­gen Preis­kämp­fen die Röh­ren­kar­tel­le im Deut­schen Reich und in Ös­ter­reich zur Auf­ga­be ih­res Kamp­fes mit Man­nes­mann. Weil er fest­stel­len muss­te, dass die ge­misch­ten Wer­ke im­mer wei­ter in die Ver­ar­bei­tung dräng­ten und die Kar­tel­le zu ih­rem Vor­teil und zum Nach­teil der Spe­zia­lis­ten nutz­ten, schuf er durch den Er­werb von Stahl-, Erz- und Koh­le­berg­wer­ken so­wie ei­ner Ko­ke­rei ei­ne ei­ge­ne Roh­stoff- und Halb­zeug­ver­sor­gung. Der Aus­bau des An­fang 1914 in Huckin­gen (heu­te Stadt­teil von Duis­burg) er­wor­be­nen Stahl- und Blech­walz­werks zu ei­nem in­te­grier­ten Hüt­ten­werk konn­te we­gen des Ers­ten Welt­krie­ges erst nach sei­nem Tod rea­li­siert wer­den. Mit Er­folg be­trieb er den Aus­bau so, dass das Un­ter­neh­men auch oh­ne be­zie­hungs­wei­se ge­gen die Kar­tel­le be­ste­hen konn­te. Im Grun­de kom­pro­miss­be­reit, war ihm sehr dar­an ge­le­gen, die Ge­gen­sät­ze zwi­schen den ge­misch­ten Kon­zer­nen und den Un­ter­neh­men der ver­ar­bei­ten­den In­dus­trie zu über­win­den und zu ei­nem trag­fä­hi­gen Aus­gleich zu kom­men – al­ler­dings oh­ne staat­li­che In­itia­ti­ve und oh­ne staat­li­chen Ein­fluss, der ihm su­spekt war. Der Aus­bruch des Krie­ges ver­hin­der­te ei­nen Er­folg sei­ner Be­mü­hun­gen.

Die Ver­wal­tung wur­de nach den Er­for­der­nis­sen ei­nes rasch und über­sicht­lich funk­tio­nie­ren­den Be­triebs struk­tu­riert; da­bei wur­den auch mo­der­ne Bü­ro­ge­rä­te – bis hin zu Hol­le­rith­ma­schi­nen – ein­ge­setzt. Un­ter sei­ner Lei­tung kam es zu ei­ner bis da­hin un­be­kann­ten en­gen tech­ni­schen Zu­sam­men­ar­beit der Wer­ke. Au­ßer­dem wur­de ei­ne mit­tel­fris­ti­ge In­ves­ti­ti­ons- und Fi­nanz­pla­nung ein­ge­führt, die je­weils vier Jah­re um­fass­te. Als er je­doch 1912 ver­such­te, die „eng­li­sche Ar­beits­zeit“ in der Haupt­ver­wal­tung ein­zu­füh­ren, schei­ter­te er am Wi­der­stand sei­ner „Be­am­ten“, die lie­ber wie ge­wohnt zum Mit­tag­es­sen nach Hau­se gin­gen und erst nach ei­ner län­ge­ren Pau­se wie­der an ih­rem Ar­beits­platz er­schie­nen. Eich woll­te ei­ne nur kur­ze Pau­se und den Ver­bleib im Hau­se, wo­für er ei­ne Kan­ti­ne ein­rich­te­te, in der das Mit­tag­es­sen ein­ge­nom­men wer­den konn­te. Er ent­schied kei­nes­wegs über die Köp­fe sei­ner Mit­ar­bei­ter hin­weg, son­dern ließ dar­über ab­stim­men. An den für ihn ne­ga­ti­ven Be­schluss hielt er sich.

Un­ter Eichs Lei­tung ent­fal­te­te das Un­ter­neh­men erst­mals sei­ne gan­ze Kraft. Man­nes­mann be­haup­te­te die Kos­ten­füh­rer­schaft. In den Jah­ren von 1900 bis 1919 wur­de das Grund­ka­pi­tal von 34 auf 86 Mil­lio­nen Mark er­höht, der Um­satz stieg fast auf das Sieb­zehn­fa­che und der Rein­ge­winn so­gar auf das Neun­zehn­fa­che. Die Zahl der in den deut­schen Be­trie­ben der Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke be­schäf­tig­ten An­ge­stell­ten und Ar­bei­ter wuchs von 866 auf über 20.500. 1910 be­auf­trag­te Eich den be­rühm­ten Ar­chi­tek­ten und In­dus­trie­de­si­gner Pe­ter Beh­rens (1868-1940) mit der Pla­nung und dem Bau ei­nes Ver­wal­tungs­ge­bäu­des am Düs­sel­dor­fer Rhein­ufer, dem heu­ti­gen Man­nes­mann­ufer. Die­ser und sei­ne As­sis­ten­ten, Le Cor­bu­si­er (1887-1965), Mies van der Ro­he (1886-1969) und Wal­ter Gro­pi­us (1883-1969) ver­wirk­lich­ten ein Haus, das nicht al­lein den An­sprü­chen ei­nes dy­na­mi­schen Un­ter­neh­mens voll ent­sprach, son­dern auch sei­nen re­prä­sen­ta­ti­ven An­sprü­chen nach au­ßen in je­der Hin­sicht zu ge­nü­gen wuss­te. Es war der ers­te Ver­wal­tungs­bau von Pe­ter Beh­rens. Der Bau war und ist mul­ti­funk­tio­nal, ein Klein­od der Düs­sel­dor­fer Ar­chi­tek­tur und weit dar­über hin­aus.

Auch in der Per­so­nal­füh­rung und in der be­trieb­li­chen So­zi­al­po­li­tik schuf Eich Ein­rich­tun­gen, die Maß­stä­be setz­ten. Sein be­son­de­res In­ter­es­se galt der so­zia­len La­ge der An­ge­stell­ten. Ei­nen Pa­ter­na­lis­mus krupp­scher Prä­gung und je­de Be­vor­mun­dung lehn­te er je­doch eben­so ab wie den „Herr-im-Hau­se-Stand­punk­t“, wie er von Emil Kir­dorf, Au­gust Thys­sen un­d Hu­go Stin­nes ver­tre­ten und prak­ti­ziert wur­de. Er hielt die­se Ein­stel­lung für über­holt und schäd­lich für die In­dus­trie­un­ter­neh­men wie für die ge­sam­te Wirt­schaft. 1914 äu­ßer­te er in ei­nem Schrei­ben an Stein­thal: Wenn mir 42cm Krupp­sche Mör­ser zur Ver­fü­gung stän­den, dann wür­de ich, dar­auf kön­nen Sie sich ver­las­sen, mit den al­ten Zöp­fen gründ­lich auf­räu­men. Er pfleg­te mit sei­nen Mit­ar­bei­tern ei­nen kol­le­gi­al ge­präg­ten Füh­rungs­stil, ließ je­doch kei­ne Zwei­fel dar­an, wer die Zü­gel in der Hand hielt und die Ver­ant­wor­tung trug.

Er führ­te den be­zahl­ten Ur­laub ein und ge­währ­te Al­ters­zu­la­gen; au­ßer­dem wur­den Woh­nun­gen für Ar­bei­ter und An­ge­stell­te er­rich­tet. Es gab ei­ne preis­güns­ti­ge Ver­sor­gung mit Le­bens­mit­teln und ei­ne Un­ter­stüt­zung in­va­li­der Mit­ar­bei­ter, be­dürf­ti­ger Wit­wen und Wai­sen. Es wur­den über­durch­schnitt­lich ho­he Löh­ne und Ge­häl­ter ge­zahlt so­wie Son­der­zu­la­gen bei gu­ten Ge­schäfts­er­geb­nis­sen. Al­ler­dings war er ge­gen ei­ne fest ver­ein­bar­te Ge­winn­be­tei­li­gung; sie grenz­te für ihn an „Staats­so­zia­lis­mus“. Nach Aus­bruch des Krie­ges gab es Zu­wen­dun­gen und an­de­re Er­leich­te­run­gen für die Fa­mi­li­en ein­ge­zo­ge­ner Mit­ar­bei­ter. Bei den Kom­mu­nen und den zu­stän­di­gen staat­li­chen In­sti­tu­tio­nen setz­te er sich für wei­te­re Un­ter­stüt­zun­gen ein. Die Ar­beit­ge­ber­ver­bän­de be­schwor er, wie die Ge­werk­schaf­ten die für Streik­fäl­le zu­rück­ge­leg­ten fi­nan­zi­el­len Mit­tel zu­guns­ten der­ar­ti­ger Un­ter­stüt­zun­gen zu ver­wen­den.

An­läss­lich sei­ner 20- be­zie­hungs­wei­se - je nach Zähl­wei­se - 25-jäh­ri­gen Un­ter­neh­mens­zu­ge­hö­rig­keit er­freu­te ihn die Be­leg­schaft mit ei­ner Me­tall­plas­tik, die zwei Ar­bei­ter an ei­nem Man­nes­mann-Schräg­walz­werk zei­gen. Die­se fand Auf­stel­lung in sei­nem Frei­zeit­do­mi­zil, dem „Eich­hof“ im Bröl­tal, in der Ge­mein­de Much, un­weit des Sie­ben­ge­bir­ges, das Eich seit sei­nem Er­ho­lungs­auf­ent­halt im Jah­re 1899 ver­traut war. Hier emp­fing er wäh­rend sei­ner Ur­laub­s­auf­ent­hal­te, manch­mal auch an Wo­chen­en­den, sei­ne lei­ten­den Mit­ar­bei­ter zu Be­spre­chun­gen. Heu­te wird die Hof­an­la­ge als so­zia­le Ein­rich­tung ge­nutzt.

Eich war in zahl­rei­chen Ver­bän­den der In­dus­trie und des Han­dels eh­ren­amt­lich tä­tig. In den Jah­ren vor und wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs ge­hör­te er dem Rat der Stadt Düs­sel­dorf an; er war Mit­glied der In­dus­trie- und Han­dels­kam­mer und zahl­rei­cher Wohl­fahrts­ver­ei­ni­gun­gen. Ak­ti­ves Mit­glied war er im 1909 ge­grün­de­ten Hansa­bund für Ge­wer­be, Han­del und In­dus­trie, der ei­ne Ko­ali­ti­on der Mit­te ge­gen die Rech­te, nicht zu­letzt ge­gen die An­hän­ger des kon­ser­va­ti­ven und pro­tek­tio­nis­ti­schen Bun­des der Land­wir­te und der Schwer­in­dus­trie, von de­nen man sich be­vor­mun­det fühl­te, zu bil­den ver­such­te und zeit­wei­se so­gar ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit lin­ken Kräf­ten to­le­rier­te. Kon­se­quen­ter­wei­se trat er 1909 aus dem Cen­tral­ver­ein deut­scher In­dus­tri­el­ler (CV­DI) aus. Be­reits vor­her hat­te er die Er­fül­lung der von Gus­tav Stre­se­mann ge­äu­ßer­ten Bit­te, die ört­li­che Or­ga­ni­sa­ti­on des Bun­des der In­dus­tri­el­len im Raum Düs­sel­dorf auf­zu­bau­en, eben­so ab­ge­lehnt wie den Wunsch Walt­her Ra­then­aus, er mö­ge den stell­ver­tre­ten­den Vor­sitz des Cen­tral­ver­eins über­neh­men.

Eich war zu­nächst über­zeug­ter Mon­ar­chist ge­we­sen, je­doch mehr und mehr zu der Über­zeu­gung ge­langt, dass das Wil­hel­mi­ni­sche Deutsch­land „ab­ge­wirt­schaf­te­t“ hat­te. In po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen An­ge­le­gen­hei­ten hat­te er von An­fang an li­be­ra­les Ge­dan­ken­gut ver­tre­ten. Da­zu ge­hör­te auch die For­de­rung ei­ner kon­se­quen­ten Tren­nung von Staat und Wirt­schaft – selbst in Kriegs­zei­ten, die sei­ner Auf­fas­sung nach nicht ein­mal ei­ne staat­lich ge­lenk­te Kriegs­wirt­schaft recht­fer­tig­ten. Al­len­falls war er für ei­ne Mit­tel­stands­po­li­tik, weil er die Exis­tenz von klei­nen Un­ter­neh­men, vor al­lem aus so­zi­al­po­li­ti­schen Grün­den, für wich­tig er­ach­te­te. Den Aus­gleich mit den Ar­bei­tern und ih­ren po­li­ti­schen Ver­tre­tern hat­te er schon lan­ge an­ge­strebt, und er hat­te sich wie­der­holt ent­rüs­tet ge­zeigt über den „star­ren Ego­is­mus der Gro­ß­in­dus­trie“. Al­ler­dings lehn­te er nicht al­lein die „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“ ab, son­dern auch mit­be­stim­men­de Be­triebs­rä­te. Er war Rea­list auf dem Bo­den der neu­en De­mo­kra­tie. Bei den Wah­len zur Na­tio­nal­ver­samm­lung im Früh­jahr 1919 kan­di­dier­te er – al­ler­dings er­folg­los – auf der Lis­te der De­mo­kra­ti­schen Par­tei. 

Die au­ßen­po­li­ti­sche La­ge hat Eich mehr­fach nicht rich­tig ein­ge­schätzt. Noch im Ju­li 1914 hat­te er ei­ne Kriegs­teil­nah­me Deutsch­lands aus­ge­schlos­sen. Und selbst am 28. Ju­li war er nicht da­von über­zeugt, dass Russ­lands Ein­grei­fen in den ös­ter­rei­chisch-ser­bi­schen Kon­flikt zum gro­ßen Krieg füh­ren wür­de. Eich setz­te sei­ne Tä­tig­kei­ten im In- und Aus­land un­be­irrt fort und zeig­te sich dann un­glück­lich über den Kriegs­aus­bruch und den plötz­li­chen Ab­bruch der seit Mai „flot­ten Be­schäf­ti­gun­g“. Selbst mit sei­ner im No­vem­ber 1918 ge­trof­fe­nen Fest­stel­lung: Nach der heu­ti­gen Welt­la­ge kann ich nicht dar­an glau­ben, dass in­ner­halb ei­nes Men­schen­al­ters ir­gend­ein Staat als An­grei­fer aufs neue die Waf­fen er­grei­fen kann, soll­te er ir­ren. An die Dolch­sto­ß­le­gen­de hat Eich nie ge­glaubt. Schuld an der Nie­der­la­ge wa­ren sei­ner Auf­fas­sung nach vor al­lem die er­lah­men­de deut­sche Tech­nik so­wie die beu­t­e­gie­ri­gen und in so­zia­len Fra­gen un­be­weg­li­chen Ma­na­ger der Stahl­in­dus­trie. 

Die Sor­ge um das Un­ter­neh­men und sei­ne Be­schäf­tig­ten hat­ten Eich, der ja nicht zu den ge­sund­heit­lich Ro­bus­ten ge­hör­te, von An­fang an sehr in An­spruch ge­nom­men; wäh­rend des Krie­ges hat­te die­se noch zu­ge­nom­men. Die letz­ten Mo­na­te des Jah­res 1918 und die ers­ten des Fol­ge­jah­res mit dem mi­li­tä­ri­schen Zu­sam­men­bruch, der Spar­ta­kus­herr­schaft in Düs­sel­dorf und den Frie­dens­ver­hand­lun­gen mit den Al­li­ier­ten, der Wie­der­ein­glie­de­rung der heim­ge­kehr­ten Sol­da­ten und den Be­mü­hun­gen, die Wer­ke trotz der äu­ßerst wid­ri­gen Um­stän­de in Ar­beit zu hal­ten, hat­ten sei­ne Ge­sund­heit ent­schei­dend ge­schwächt. Des­halb bat ihn Stein­thal ein­mal mehr in­stän­dig, sich mehr zu scho­nen und mehr für sich zu sor­gen. Eich war phy­sisch und psy­chisch to­tal er­schöpft; sein Selbst­ver­ständ­nis als Un­ter­neh­mer und sein Selbst­ver­trau­en wa­ren er­schüt­tert. Ni­ko­laus Eich ist am 16. 9. 1919 nach kur­zer Krank­heit im Al­ter von nur 53 Jah­ren ver­stor­ben, ist am 18.9.1919 in Ha­gen ein­ge­äschert und auf dem Düs­sel­dor­fer Nord­fried­hof bei­ge­setzt wor­den.

Ni­ko­laus Eich war mit Eli­sa­beth Gürt­ler (ge­bo­ren am 15.1.1865 in Köln-Kalk) ver­hei­ra­tet ge­we­sen. Das Paar hat­te vier Söh­ne: Sieg­bert (1893), Ger­hard Ri­chard (1895-1918), Wer­ner Franz (ge­bo­ren 1898) und Hel­muth Franz (1899-1920).

Quellen

Salz­git­ter AG-Kon­zernar­chiv/Man­nes­mann-Ar­chiv, Mül­heim an der Ruhr (Schrift- und Bild­do­ku­men­te).

Literatur

Strand­mann, Hart­mut Pog­ge von, Un­ter­neh­mens­po­li­tik und Un­ter­neh­mens­füh­rung. Der Dia­log zwi­schen Auf­sichts­rat und Vor­stand bei Man­nes­mann 1900 bis 1919, Düs­sel­dorf 1978.
 
Diet­rich, Yorck, Die Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke 1888 bis 1920, Stutt­gart 1991.
 
Wes­sel, Horst A., Kon­ti­nui­tät im Wan­del. 100 Jah­re Man­nes­mann 1890 – 1990, Düs­sel­dorf 1990. 

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Wessel, Horst A., Nikolaus Eich, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/nikolaus-eich/DE-2086/lido/5df28fff3e86b0.08950039 (abgerufen am 10.07.2020)