Reinhard Mannesmann jun.

Erfinder und Entdecker (1856-1922)

Horst A. Wessel (Hilden)

Reinhard Mannesmann, um 1881, Porträtfoto. (Salzgitter AG-Konzernarchiv/Mannesmann-Archiv)

Rein­hard Man­nes­mann jun. hat, viel­fach in Zu­sam­men­ar­beit mit ei­nem sei­ner Brü­der, zahl­rei­che wich­ti­ge Er­fin­dun­gen ge­macht. Durch das mit sei­nem Bru­der Max  er­fun­de­ne Man­nes­mann-Ver­fah­ren zur Her­stel­lung naht­lo­ser Roh­re aus dem mas­si­ven Stahl­block al­lein durch Wal­zen hat er die tech­ni­sche Welt re­vo­lu­tio­niert. Sein er­folg­rei­cher Ver­such, Ma­rok­ko wirt­schaft­lich zu ent­wi­ckeln und des­sen Erz­vor­kom­men für die deut­sche Wirt­schaft nutz­bar zu ma­chen, ist durch den Ers­ten Welt­krieg und sei­ne Fol­gen ge­schei­tert.

Rein­hard Man­nes­mann wur­de am 13.5.1856 als äl­tes­ter Sohn der Ehe­leu­te Rein­hard Man­nes­mann sen.  und Kla­ra ge­bo­re­ne Ro­choll (1834-1910) in Rem­scheid-Blie­ding­hau­sen ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war evan­ge­lisch. Rein­hard wuchs mit bald acht Ge­schwis­tern in ei­nem ver­gleichs­wei­se be­schei­de­nen Haus in un­mit­tel­ba­rer Nä­he der vom Va­ter ge­lei­te­ten Stahl- und Fei­len­fa­brik auf. Der Va­ter, der je­den Lu­xus ab­lehn­te, stand je­den Mor­gen um 6.00 Uhr auf und ver­lang­te das auch von sei­nen Kin­dern. Sie wa­ren mit dem Le­ben in der Fa­brik, die zu den bes­ten ih­rer Art auf dem Kon­ti­nent zähl­te, von Kind­heit an ver­traut. 1870 zog die Fa­mi­lie in ein gro­ßes neu er­bau­tes Haus, wo die bei­den letz­ten Kin­der der ins­ge­samt fünf Töch­ter und sechs Söh­ne zäh­len­den Nach­kom­men zur Welt ka­men und groß wur­den. Hier gab es un­ter an­de­rem ein Mu­sik­zim­mer mit zwei Kla­vie­ren zur Aus­bil­dung der Mäd­chen so­wie ein Bil­lard­zim­mer, das spä­ter als Kon­struk­ti­ons­bü­ro ge­nutzt wur­de. Zen­tra­le Was­ser- und Gas­ver­sor­gung fehl­ten da­mals noch in Rem­scheid; der Va­ter hat­te je­doch be­reits al­le Lei­tun­gen in­stal­lie­ren las­sen, das Ba­de­zim­mer wur­de in der Zwi­schen­zeit von ei­nem von Hand auf­ge­füll­ten Be­häl­ter im obers­ten Stock­werk mit „flie­ßen­de­m“ Was­ser ver­sorgt. Schlie­ß­lich wur­de die Gas­in­stal­la­ti­on weit­ge­hend für die Elek­tri­fi­zie­rung ver­wen­det.

Bei der Aus­bil­dung sei­ner Söh­ne be­schritt der Va­ter neue, für ber­gi­sche Un­ter­neh­mer­fa­mi­li­en höchst un­ge­wöhn­li­che We­ge. Wäh­rend die­se be­son­de­ren Wert auf kauf­män­ni­sche Kennt­nis­se und die mo­der­nen Ver­kehrs­spra­chen leg­ten und da­her ih­re Söh­ne nach dem Er­werb der mitt­le­ren Rei­fe in die Leh­re, am liebs­ten bei ei­nem aus­län­di­schen Han­dels­haus, ga­ben, be­stand Va­ter Man­nes­mann auf ei­ner Fort­füh­rung der re­al-gym­na­sia­len Schul­bil­dung bis zum Er­werb der Hoch­schul­rei­fe und ei­nem an­schlie­ßen­den Stu­di­um an ei­ner Hoch­schu­le. Er tat dies in der Über­zeu­gung, dass die zur Lö­sung an­ste­hen­den Pro­ble­me nicht mehr al­lein durch Pro­bie­ren, son­dern vor­nehm­lich durch grund­le­gen­de In­ge­nieur­kennt­nis­se be­wäl­tigt wer­den könn­ten. Al­ler­dings führ­te die Rem­schei­der Bür­ger­schu­le nur bis zur Mitt­le­ren Rei­fe; an­schlie­ßend be­such­ten die äl­tes­ten Söh­ne die Hö­he­re Bür­ger­schu­le im be­nach­bar­ten Len­nep (heu­te Stadt Rem­scheid) bis zur Un­ter­pri­ma und schlie­ß­lich die Re­al­schu­le I. Ord­nung in Düs­sel­dorf , wo Rein­hard Man­nes­mann jun. 1874 mit 18 Jah­ren das Zeug­nis der Hoch­schul­rei­fe er­warb. So­weit es der Schul­un­ter­richt zu­ließ, muss­ten die Söh­ne in der Fa­brik die Stahl­er­zeu­gung und vor al­lem die Fei­len­fer­ti­gung er­ler­nen.

Rein­hard Man­nes­mann jun. stu­dier­te an der Po­ly­tech­ni­schen Hoch­schu­le (der spä­te­ren TH) in Han­no­ver, an der Kö­nig­lich Preu­ßi­schen Berg­aka­de­mie und Uni­ver­si­tät zu Ber­lin so­wie an der Uni­ver­si­tät zu Hei­del­berg. Als 21-Jäh­ri­ger ab­sol­vier­te er 1877 an der Berg­aka­de­mie er­folg­reich sei­ne hüt­ten­män­ni­sche Prü­fung mit ei­ner Ar­beit über „Das Ver­hal­ten des rei­nen Koh­len­stof­fes zum rei­nen Ei­sen bei stei­gen­der Tem­pe­ra­tur“. Da­mit gab er die wis­sen­schaft­li­che Ant­wort auf die fort­an nicht mehr ge­stell­te Fra­ge, ob das Ein­drin­gen des Koh­len­stoffs in das Ei­sen, bei­spiels­wei­se im Hoch­ofen oder Tie­gel, durch Gas­koh­lung oder durch Mo­le­ku­lar­wan­de­rung er­folgt. Sein Er­geb­nis: durch Mo­le­ku­lar­wan­de­rung; die prak­ti­sche Aus­wir­kung: man kann je­den Koh­len­stoff­ge­halt in je­de ge­wünsch­te Tie­fe brin­gen. Das führ­te un­ter an­de­rem zur Ent­wick­lung von Com­pound­plat­ten, die au­ßen hart und in­nen weich sind.

Nach Ab­schluss des Stu­di­ums wur­de er Mit­ar­bei­ter in der vom Va­ter ge­lei­te­ten Fa­brik und be­fass­te sich mit der Lö­sung der dort auf­ge­tre­te­nen tech­ni­schen Pro­ble­me und ver­schie­de­nen Er­fin­dun­gen. Am 1.10.1881 trat er als Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­ger in das 2. Ber­gi­sche Gre­na­dier-Re­gi­ment Kai­ser Wil­helm Nr. 110 ein, um sei­ner Wehr­pflicht zu ge­nü­gen. Im Per­so­nal­bo­gen ließ er in der Ru­brik „Ci­vil-Ver­hält­nis­s“ die An­ga­be „In­ge­nieur“ strei­chen und durch „Fa­bri­kan­t“ er­set­zen. Spä­tes­tens 1882 be­gann er mit sei­nem Bru­der Max mit Ver­su­chen, die schlie­ß­lich En­de 1884 zur Ein­rei­chung des Pa­ten­t­an­trags für das Schräg­walz-Ver­fah­ren führ­ten. Be­reits 1878 hat­ten Rein­hard und Max ihr ers­tes Pa­tent für ei­nen Schall­ver­stär­ker für das neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel Te­le­fon er­hal­ten; auch ei­nen Tor­pe­do, ein schwe­res Un­ter­was­ser­ge­schoss mit ei­ge­nem An­trieb, hat­ten sie ent­wi­ckelt. Ein en­ger Mit­ar­bei­ter, selbst ein be­gna­de­ter Kon­struk­teur und Ma­schi­nen­bau­er, hat die bei­den als Men­schen be­zeich­net, die ge­bo­ren wur­den, um Pro­ble­me zu lö­sen, gleich wel­che.

Wäh­rend Max die kon­struk­ti­ven Lö­sun­gen fand, ka­men von sei­nem Bru­der Rein­hard man­che der ziel­füh­ren­den Ide­en; auch an den prak­ti­schen Ver­su­chen war er di­rekt be­tei­ligt. Vor al­lem war er der­je­ni­ge, der mit In­ves­to­ren wie Eu­gen Lan­gen , Wer­ner von Sie­mens (1816-1892) so­wie Fried­rich Sie­mens (1826-1904) er­folg­reich ver­han­del­te. Sei­ne Über­zeu­gungs­kraft war so groß, dass es kei­ne Schwie­rig­kei­ten be­rei­te­te, be­reits Mo­na­te vor Ab­schluss der Ver­su­che das Ka­pi­tal zur Grün­dung von nach dem Man­nes­mann-Ver­fah­ren ar­bei­ten­den Ge­sell­schaf­ten in Deutsch­land, Ös­ter­reich und Groß­bri­tan­ni­en zu er­hal­ten und da­bei auch noch durch Über­las­sung der Pa­tent­rech­te der Fa­mi­lie die Hälf­te der Ge­sell­schafts­an­tei­le zu si­chern.

Als 1890 die kon­ti­nen­ta­len Ge­sell­schaf­ten zur Deutsch-Ös­ter­rei­chi­schen Man­nes­mann­röh­ren-Wer­ke AG, Ber­lin, ei­nem der grö­ß­ten Un­ter­neh­men über­haupt, zu­sam­men­ge­fasst wur­den, über­nah­men Rein­hard und Max die Ge­ne­ral­di­rek­ti­on, wäh­rend ihr Va­ter ne­ben Eu­gen Lan­gen den stell­ver­tre­ten­den Vor­sitz im Auf­sichts­rat führ­te (Vor­sit­zen­der war Wer­ner von Sie­mens). Als die In­ves­to­ren auf ein En­de der Ver­su­che dräng­ten und ei­ne wirt­schaft­li­che Fer­ti­gung an­mahn­ten so­wie zur Kon­trol­le der Ge­ne­ral­di­rek­to­ren die Ein­stel­lung ei­nes kauf­män­ni­schen Vor­stands for­der­ten, schie­den die Brü­der 1893 aus dem Vor­stand aus und wech­sel­ten in den Auf­sichts­rat; nach ei­ni­gen Jah­ren ver­lie­ßen sie das Un­ter­neh­men ganz.

Rein­hard reis­te in die USA, um dort das Ver­fah­ren un­ter an­de­rem auf der Welt­aus­stel­lung von 1893 in Chi­ca­go vor­zu­stel­len – der ers­te Gast, der sich ins Be­su­cher­buch ein­ge­tra­gen hat, war der be­rühm­te Er­fin­der Tho­mas A. Edi­son (1847-1939). Als die­ser beim Ver­las­sen der Aus­stel­lung von Re­por­tern be­fragt wur­de, was ihn am meis­ten be­ein­druckt ha­be, soll er ge­ant­wor­tet ha­ben: „The Man­nes­mann-Tu­be – a Mas­ter­pie­ce of Men as Men should be“[1]. Ob­wohl ins­be­son­de­re die Fahr­rad- und Mu­ni­ti­ons­fa­bri­ken gro­ßes In­ter­es­se an ei­ner Zu­sam­men­ar­beit be­kun­de­ten, Rein­hard mit sei­nen Brü­dern Al­fred (1859-1944) und Ro­bert (1865-1913) so­gar im Wei­ßen Haus ver­kehr­te und in die Se­na­to­ren­lo­ge des Kon­gres­ses ein­ge­la­den wur­de, war ih­nen in den USA kein dau­er­haf­ter Er­folg be­schie­den. Mit zwei Röh­ren­werks­grün­dun­gen schei­ter­ten sie eben­so wie mit gi­gan­ti­schen Was­ser­ver­sor­gungs­pro­jek­ten und dem Plan, die Was­ser­kräf­te der Nia­ga­ra­fäl­le für die Strom­er­zeu­gung zu nut­zen; für die Rea­li­sie­rung der ih­nen über­tra­ge­nen Gro­ßauf­trä­ge für Mu­ni­ti­on fehl­ten ih­nen die Mit­tel. 1899 kehr­te Rein­hard nach Rem­scheid zu­rück.

Hier stu­dier­te er die Fach­li­te­ra­tur zum Berg- und Hüt­ten­we­sen, be­tei­lig­te sich an der ge­mein­sa­men Er­fin­dungs­ar­beit so­wie am Be­trieb von Erz­gru­ben; au­ßer­dem half er bei den Vor­be­rei­tun­gen zur Er­rich­tung wei­te­rer Röh­ren­wer­ke im Aus­land, ins­be­son­de­re in Russ­land. Die Fa­mi­li­en Roth­schild und No­bel, die un­ter an­de­rem Öl­quel­len im Kau­ka­sus be­trie­ben, wa­ren an ei­ner Pipe­line­ver­bin­dung zwi­schen dem Kas­pi­schen und dem Schwar­zen Meer in­ter­es­siert. Mit den No­bels, die in St. Pe­ters­burg wohn­ten, un­ter­nahm Rein­hard meh­re­re aus­ge­dehn­te Jagd­aus­flü­ge, bei­spiels­wei­se im Win­ter 1904 nach Si­bi­ri­en. Durch die dem jüngs­ten Bru­der Dr. rer. nat. Ot­to Man­nes­mann (1874-1916) zu­ge­schrie­be­ne Er­fin­dung des hän­gen­den Gas­glüh­lichts, das ei­ne Ga­ser­spar­nis von 60 Pro­zent brach­te und das elek­tri­sche Glüh­licht ent­schei­dend zu­rück­warf, er­hielt die Fa­mi­lie wei­te­re um­fang­rei­che Geld­mit­tel.

 

In Rem­scheid-Blie­ding­hau­sen er­rich­te­te Rein­hard ei­ne präch­ti­ge Vil­la mit ei­ner von gro­ßen stei­ner­nen Lö­wen ge­säum­ten Auf­fahrt und ei­ner Park­an­la­ge mit Schwimm­bad und Ten­nis­plät­zen; hier be­such­te ihn 1908 auf der Fahrt nach Ber­lin der ma­rok­ka­ni­sche Au­ßen­mi­nis­ter Ben Asus. Das Haus war vol­ler Er­in­ne­run­gen an die Rei­sen und die Auf­ent­hal­te in fer­nen Län­dern: im Trep­pen­haus stand ein aus­ge­stopf­ter rie­si­ger Braun­bär aus Si­bi­ri­en; in an­de­ren Räu­men hin­gen oder stan­den Jagd­tro­phä­en aus dem Wil­den Wes­ten, dem Bal­kan und dem Kau­ka­sus so­wie aus Afri­ka und Süd­ame­ri­ka, fer­ner kost­ba­re Sei­den­tep­pi­che und Gar­di­nen aus Asi­en und Nord­afri­ka, des­glei­chen Sil­ber­schmuck und kost­ba­re Waf­fen.

Rein­hard hei­ra­te­te im Ja­nu­ar 1906 - er war in­zwi­schen fast 50 Jah­re alt - Ma­rie Lui­se Ei­gen, die 23-jäh­ri­ge ein­zi­ge Toch­ter ei­nes früh ver­stor­be­nen Arz­tes, ei­ne eben­so at­trak­ti­ve wie wohl­ha­ben­de Frau. Das Paar mach­te sei­ne Hoch­zeits­rei­se über Al­ge­ri­en nach Ma­rok­ko. Rein­hard hat­te näm­lich die be­grün­de­te Hoff­nung, dass sich die Vor­kom­men gu­ter spa­ni­scher Er­ze auf der an­de­ren Sei­te der Stra­ße von Gi­bral­tar fort­set­zen wür­den, ei­ne Ver­mu­tung, die sich be­stä­ti­gen soll­te. Mit Hil­fe ein­hei­mi­scher und ins­be­son­de­re deut­scher Fach­leu­te ent­deck­te er Tau­sen­de von Fund­stel­len, de­ren Be­sitz er sich durch di­plo­ma­ti­sches Ge­schick und be­mer­kens­wer­tes Ver­ständ­nis für die ört­li­chen Be­son­der­hei­ten zu si­chern wuss­te. Von Vor­teil war auch sei­ne aus­ge­spro­che­ne Sprach­be­ga­bung; er sprach aus­ge­zeich­net Eng­lisch und Fran­zö­sisch, ver­moch­te sich gut in der spa­ni­schen und ita­lie­ni­schen Spra­che zu un­ter­hal­ten und ver­füg­te über Grund­kennt­nis­se des Ara­bi­schen, so dass er sich auch mit der ein­fa­chen Be­völ­ke­rung oh­ne Dol­met­scher zu ver­stän­di­gen ver­moch­te.

Er war so be­liebt und an­ge­se­hen, dass der Sul­tan ihn nicht nur mit his­to­ri­schen Waf­fen und Schmuck be­schenk­te, son­dern ein Berg­ge­setz nach deut­schem Vor­bild er­ließ und den von ihm er­wor­be­nen Be­sitz le­ga­li­sier­te. Die Rif­ka­by­len, die sich ge­gen Spa­ni­en er­ho­ben hat­ten, wähl­ten Rein­hard Man­nes­mann zum Ver­mitt­ler. Zwar wur­de er bei Ho­fe emp­fan­gen, aber die spa­ni­sche Re­gie­rung und ins­be­son­de­re die Pres­se lehn­ten es em­pört ab, mit ei­nem Deut­schen über von ih­nen be­an­spruch­tes Ge­biet zu ver­han­deln. In all den Jah­ren, in de­nen Rein­hard Man­nes­mann und sei­ne Frau in Ma­rok­ko weil­ten und oft oh­ne Be­gleit­schutz selbst in un­si­che­ren Re­gio­nen un­ter­wegs wa­ren, ist ih­nen kein Un­heil wi­der­fah­ren. Er hat es so­gar ge­schafft, sei­nen im In­nern des Lan­des in Ge­fan­gen­schaft ge­ra­te­nen Bru­der Al­fred zu be­frei­en.

Der gu­te Ruf des „Edel­man­nes aus Preu­ßen“ war weit ver­brei­tet; man ach­te­te und man schätz­te ihn. Er trat nicht als for­dern­der Ko­lo­ni­al­herr auf, son­dern han­del­te zum Bes­ten des Lan­des und sei­ner Ein­woh­ner. Er ließ Stra­ßen an­le­gen, Häu­ser und Han­dels­nie­der­las­sun­gen und Müh­len er­rich­ten, grün­de­te Berg­bau- und Han­dels­ge­sell­schaf­ten. Sein Plan, die deut­sche Re­gie­rung zu be­we­gen, sich stär­ker für die deut­schen In­ter­es­sen ein­zu­set­zen, schei­ter­te. Ob­wohl der ma­rok­ka­ni­sche Au­ßen­mi­nis­ter und ein wei­te­rer ho­her Wür­den­trä­ger 1908 nach Ber­lin reis­ten, um dar­zu­le­gen, dass dies auch der Wunsch des Sul­tans sei, hielt sich die deut­sche Re­gie­rung mit Rück­sicht auf Frank­reich, das Ma­rok­ko als sein Man­dats­ge­biet be­trach­te­te und das En­ga­ge­ment von Rein­hard Man­nes­mann und sei­ner Brü­der Al­fred, Ro­bert und Ot­to, die sich als Groß­far­mer in Ma­rok­ko be­tä­tig­ten, mit Arg­wohn be­trach­te­ten, be­wusst zu­rück. Al­ler­dings er­laub­te das deutsch-fran­zö­si­sche Ab­kom­men vom Fe­bru­ar 1909 das wirt­schaft­li­che En­ga­ge­ment deut­scher Un­ter­neh­mer in Ma­rok­ko, wäh­rend Deutsch­land die „be­son­de­ren po­li­ti­schen In­ter­es­sen Frank­reichs“ in Ma­rok­ko an­er­kann­te. Der Reichs­tag hat sich 1910 mit den Man­nes­mann-An­sprü­chen be­fasst; da­bei ha­ben ins­be­son­de­re Ab­ge­ord­ne­te von Zen­trum, Na­tio­nal-Li­be­ra­len und SPD hef­tig mit­ein­an­der de­bat­tiert.

Ob die Man­nes­män­ner 1911 Ein­fluss auf die Ent­schei­dung Kai­ser Wil­helms II. (Re­gent­schaft 1888-1918) ge­nom­men ha­ben, das Ka­no­nen­boot „Pan­ther“ nach Aga­dir zu ent­sen­den und da­mit die zwei­te Ma­rok­ko­kri­se aus­zu­lö­sen, ist nicht wahr­schein­lich, zu­min­dest um­strit­ten. In der öf­fent­li­chen deut­schen Dis­kus­si­on war das An­se­hen der Brü­der Man­nes­mann nicht so ein­deu­tig po­si­tiv – im Üb­ri­gen stell­te die Be­set­zung der Haupt­stadt Fez durch fran­zö­si­sche Trup­pen ei­ne Ver­let­zung des Ver­trags von 1909 dar; au­ßer­dem hiel­ten sich wei­te­re deut­sche Un­ter­neh­mer, vor al­lem im Sü­den Ma­rok­kos, auf, de­ren Schutz in An­be­tracht der ge­walt­sa­men Aus­ein­an­der­set­zung zu ge­währ­leis­ten war. Weil Eng­land, dem an ei­ner wei­te­ren Ver­bes­se­rung der Be­zie­hun­gen zu Frank­reich („En­tente Cor­di­ale“) und an von der deut­schen Ma­ri­ne un­ge­stör­ten Schiff­fahrts­li­ni­en ge­le­gen war, das Vor­ge­hen Frank­reichs un­ter­stütz­te, ver­zich­te­te Deutsch­land im Ma­rok­ko-Kon­go-Ab­kom­men ge­gen ei­ne ter­ri­to­ria­le Ent­schä­di­gung in Äqua­to­ri­al­afri­ka auf sei­ne An­sprü­che in Ma­rok­ko und er­kann­te die­ses als fran­zö­si­sches Pro­tek­to­rat an.

Rein­hard Man­nes­mann und sei­ne Brü­der blie­ben bis zum Aus­bruch des Ers­ten Welt­kriegs in Nord­afri­ka. Rein­hard ver­lor sei­nen ge­sam­ten Be­sitz in Ma­rok­ko. Zwar wur­den nach den Er­fol­gen von Ge­ne­ral Er­win Rom­mel (1891-1944) im Zwei­ten Welt­krieg noch ein­mal Vor­be­rei­tun­gen zur Nut­zung der al­ten Berg­bau­kon­zes­sio­nen ge­trof­fen, aber die wei­te­re mi­li­tä­ri­sche Ent­wick­lung mach­te die Pla­nun­gen zu­nich­te.

1910/1911, als die Man­nes­mann-Berg­bau­rech­te in Ma­rok­ko Ge­gen­stand di­plo­ma­ti­scher und recht­li­cher Aus­ein­an­der­set­zun­gen wa­ren, dach­te Rein­hard Man­nes­mann dar­an, sich in Süd­ame­ri­ka ei­ne neue be­zie­hungs­wei­se wei­te­re wirt­schaft­li­che Grund­la­ge zu schaf­fen. Auf die Zu­sa­ge der pe­rua­ni­schen Re­gie­rung hin, dass sie den Auf­wand für den Bau ei­ner Stra­ße durch den Re­gen­wald zum obe­ren Ama­zo­nas, wo sich ein noch un­zu­gäng­li­ches Ge­biet mit Kau­tschuk­bäu­men, wil­der Baum­wol­le und Ka­kao be­fand und au­ßer­dem rei­che Erz­vor­kom­men ver­mu­tet wur­den, durch üp­pi­ge Land­zu­wei­sun­gen ver­gü­ten wer­de, grün­de­te er im Herbst 1910 die Ma­rañon Land-Ge­sell­schaft GmbH, Rem­scheid. Nach­dem Fach­leu­te die Wirt­schaft­lich­keit des Pro­jekts und auch zwei Ex­pe­di­tio­nen an die Quell­flüs­se des Ama­zo­nas die er­hoff­ten Be­fun­de be­stä­tigt hat­ten, wur­den Vor­be­rei­tun­gen für die Ge­win­nung von Roh­kau­tschuk, die An­la­ge und den Be­trieb von Plan­ta­gen mit et­wa 3.000 Ar­beits­kräf­ten so­wie den Bau von Spe­zi­al­boo­ten zur Be­fah­rung der Strom­schnel­len ge­trof­fen.

1911 reis­te Rein­hard Man­nes­mann selbst nach Pe­ru, stieg über die bei­den Kor­dil­le­ren­ket­ten und durch­quer­te den Re­gen­wald, um am Rio Ma­rañon und Rio San­tia­go die Pflan­zun­gen zu be­sich­ti­gen und die Erz­vor­kom­men zu un­ter­su­chen. Trotz der Trans­port­schwie­rig­kei­ten sah er loh­nen­de Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten, zu­mal die kli­ma­ti­schen Ver­hält­nis­se ein Le­ben und Ar­bei­ten auch für eu­ro­päi­sche und asia­ti­sche Ar­beits­kräf­te be­güns­tig­ten. Als je­doch der Kau­tschuk­preis we­gen des auf den Markt drän­gen­den Plan­ta­gen­kau­tschuks, vor al­lem aus Nie­der­län­disch In­di­en, ins Bo­den­lo­se fiel, fand er we­der in Deutsch­land noch in Groß­bri­tan­ni­en In­ves­to­ren, die be­reit wa­ren, sich zu be­tei­li­gen. So blieb Rein­hard Man­nes­mann au­ßer ei­nem er­leb­nis­rei­chen Aben­teu­er und ei­ner Ket­te aus Nuss­scha­len, die er sei­ner Frau mit­ge­bracht hat­te, ein Ver­lust von et­wa 100.000 Mark.

Als der Ers­te Welt­krieg aus­brach, war Rein­hard Man­nes­mann 58 Jah­re alt. Der Re­ser­ve-Of­fi­zier fand we­gen sei­ner Aus­lands­er­fah­rung und sei­ner Sprach­kennt­nis­se im Auf­trag des Reichs­ko­lo­ni­al­amts Ver­wen­dung auf dem Bal­kan, wo er ei­ni­ge Zeit mit sei­nem Freund Lud­wig Ro­se­li­us (1874-1943), dem Be­sit­zer von Kaf­fee Haag, zu­sam­men­ar­bei­te­te. Das Man­nes­mann-Ro­se­li­us-Bü­ro und ab 1916 das un­ter ma­ß­geb­li­cher Be­tei­li­gung von Rein­hard Man­nes­mann ge­grün­de­te In­sti­tut für den Wirt­schafts­ver­kehr mit Bul­ga­ri­en be­schaff­ten in Ru­mä­ni­en und Bul­ga­ri­en Ge­trei­de und in­dus­tri­el­le Roh­stof­fe. Au­ßer­dem be­müh­te man sich um ei­ne deutsch­freund­li­che Stim­mung. Da­bei griff man auch zu un­ge­wöhn­li­chen Mit­teln: So kauf­te man die Fa­bri­ken für die Her­stel­lung von Dru­cker­schwär­ze auf und teil­te die­se nur den Ver­la­gen zu, de­ren Be­richt­er­stat­tung ent­spre­chend war. Die Ak­ti­vi­tä­ten des ge­nann­ten In­sti­tuts bil­de­ten nach dem Krieg die Grund­la­ge für die Man­nes­mann-Han­dels­ge­sell­schaft in So­fia, die der Fa­mi­lie Man­nes­mann bis 1945 ein wirt­schaft­li­ches Aus­kom­men si­cher­te.

Fer­ner er­rich­te­te Rein­hard Man­nes­mann in Rem­scheid-Blie­ding­hau­sen die Man­nes­mann Waf­fen- und Mu­ni­ti­ons-Wer­ke, wo meh­re­re 1.000 Ar­beits­kräf­te Mi­nen­zün­der, je­doch auch An­la­gen für Gas- und elek­tri­sches Glüh­licht her­stell­ten. Nach­dem sein Bru­der Max auf ei­ner Er­pro­bungs­fahrt an die Front ver­stor­ben war, über­nahm er die tech­ni­sche Lei­tung der Last­wa­gen­wer­ke von Man­nes­mann-Mu­lag in Aa­chen  und Porz bei Köln. Auch ent­wi­ckel­te er des­sen Er­fin­dun­gen wei­ter. Da­zu ge­hör­ten Spar­mo­to­ren, Spe­zi­al­waf­fen, ein Flug­zeug mit trans­kon­ti­nen­ta­ler Reich­wei­te und Häu­ser aus in­dus­tri­ell vor­ge­fer­tig­ten Tei­len; zu den selb­stän­di­gen Er­fin­dun­gen zähl­ten un­ter an­de­rem ge­fe­der­te Last­wa­gen­rä­der oh­ne Gum­mi­be­rei­fung.

Nach dem Krieg flüch­te­te er in Sor­ge um ei­ne Ver­haf­tung durch fran­zö­si­sches Mi­li­tär mit­samt ei­nem gro­ßen Mö­bel­wa­gen vol­ler tech­ni­scher Zeich­nun­gen, Mo­del­le und an­de­rer Do­ku­men­te ins Lan­des­in­ne­re, kehr­te je­doch bald zu­rück und be­gann mit dem Neu­an­fang. In Aa­chen und Porz wur­den wei­ter Last­wa­gen und au­ßer­dem Acker­schlep­per so­wie wei­te­re land­wirt­schaft­li­che Ma­schi­nen ge­baut. Die Waf­fen- und Mu­ni­ti­ons­wer­ke fer­tig­ten ne­ben den Licht­an­la­gen elek­tri­sche Kühl­schrän­ke und Per­so­nen­kraft­wa­gen; in un­mit­tel­ba­rer Nä­he ent­stand ei­ne Fa­brik zur Her­stel­lung von Tei­len für den Fer­tig­haus­bau, in der 1921 die Mas­sen­fa­bri­ka­ti­on auf­ge­nom­men wur­de.

1920 ver­lieh ihm die TH (heu­te RWTH) Aa­chen den Ti­tel ei­nes Dr.-Ing. h.c. In den letz­ten Le­bens­jah­ren war er ein fa­na­ti­scher Ar­bei­ter; er starb am 22.2.1922 in Rem­scheid im Al­ter von 66 Jah­ren an den Fol­gen der Ma­la­ria, die er sich wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts in Nord­afri­ka zu­ge­zo­gen hat­te. Er fand sei­ne letz­te Ru­he im Fa­mi­li­en­grab auf dem Süd­fried­hof in Rem­scheid-Blie­ding­hau­sen. Die jüngs­te sei­ner ins­ge­samt vier Töch­ter wur­de am Sarg des Va­ters ge­tauft; sie war vier Jah­re alt. Sei­ne Frau starb 1936 im Al­ter von 54 Jah­ren an ei­nem Herz­schlag.

Quellen

Salz­git­ter AG-Kon­zernar­chiv/Man­nes­mann-Ar­chiv, Be­stän­de M 20, 40 und 68.

Son­der­samm­lun­gen des Deut­schen Mu­se­ums in Mün­chen, Nach­lass Man­nes­mann.

Literatur

Brandt-Man­nes­mann, Rut­hilt, Do­ku­men­te der Er­fin­der, Rem­scheid 1965.

Wes­sel, Horst A., Die Fa­mi­lie Man­nes­mann, die Fei­len­fa­brik und die Er­fin­dung des Schräg­walz-Ver­fah­rens (1772-1887), in: Wes­sel, Horst A., Die Ge­burts­stät­te des naht­los ge­walz­ten Stahl­roh­res. Das Man­nes­mann­röh­ren-Werk in Rem­scheid, die Er­fin­der und die Me­cha­ni­sche Werk­statt, Es­sen 2012, S. 13-52, bes. S. 29-44, 53-60.

Wes­sel, Horst A., Die Fa­mi­lie Man­nes­mann in Ma­rok­ko 1907-1914. Ein Bei­spiel part­ner­schaft­li­cher Wirt­schafts­ent­wick­lung, Düs­sel­dorf 1996.

Wes­sel, Horst A., Glo­ba­le Un­ter­neh­mens­ak­ti­vi­tä­ten im Span­nungs­feld von un­ter­neh­me­ri­schem Ge­stal­tungs­wil­len und (wirt­schafts-) po­li­ti­schen Rea­li­tä­ten. Das Bei­spiel der Fa­mi­lie Man­nes­mann aus Rem­scheid, in: Hil­ger, Su­san­ne/Soé­ni­us, Ul­rich (Hg.) Netz­wer­ke – Nach­fol­ge – So­zia­les Ka­pi­tal. Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men im Rhein­land im 19. und 20. Jahr­hun­dert, Köln 2009, S. 66-102, bes. S. 67-70, 76-80, 83-102.

Wes­sel, Horst A., Die Tech­ni­ker der Fa­mi­lie Man­nes­mann, in: We­ber, Wolf­hard (Hg.), In­ge­nieu­re im Ruhr­ge­biet, Müns­ter 1999, S. 123-148, hier bes. S. 128-136, 139-144.

Wes­sel, Horst A., 100.000 Gold­mark für ei­ne Hals­ket­te aus Nuss­ker­nen. Der ko­lo­nia­le Blü­ten­t­raum ei­ner Rem­schei­der Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie, in: Fel­den­kir­chen, Wil­fried/Röhlk, Frau­ke/Schulz, Gün­ther (Hg.), Wirt­schaft, Ge­sell­schaft, Un­ter­neh­men. Fest­schrift für Hans Pohl zum 60. Ge­burts­tag, Stutt­gart 1995, S. 1193-1208.

Online

Hatz­feld, Lutz, „Man­nes­mann, Rein­har­d“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 16 (1990), S. 62 f. [On­line]

Familie Mannesmann, um 1885, Porträtfoto. (Salzgitter AG-Konzernarchiv/Mannesmann-Archiv)

 
Anmerkungen
  • 1: Brandt-Mannesmann, Dokumente aus dem Leben der Erfinder, S. 78; das Besucherbuch befindet sich im Salzgitter AG-Konzernarchiv/Mannesmann-Archiv
Zitationshinweis

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Wessel, Horst A., Reinhard Mannesmann jun., in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/reinhard-mannesmann-jun./DE-2086/lido/57c9476bb00302.12395509 (13.11.2018)