Richard Thoma

Staatsrechtler (1874-1957)

Christian Waldhoff (Bonn)

Richard Thoma, Porträtfoto. (Universitätsarchiv Bonn)

Ri­chard Tho­ma, seit 1928 Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Bonn, ge­hör­te in der Wei­ma­rer Re­pu­blik zu den we­ni­gen Staats­rechts­leh­rern, die die de­mo­kra­ti­sche Re­pu­blik fach­lich wie po­li­tisch ver­tei­dig­ten. Er war Mit­her­aus­ge­ber des Stan­dard­hand­buchs zum deut­schen Staats­recht.

Ri­chard Tho­ma wur­de am 19.12.1874 in Todt­nau im Schwarz­wald als Sohn ei­nes Fa­bri­kan­ten ge­bo­ren und stu­dier­te ne­ben Na­tur­wis­sen­schaf­ten Rechts­wis­sen­schaft an den Uni­ver­si­tä­ten Frei­burg im Breis­gau, Mün­chen und Ber­lin. Pro­mo­viert wur­de er mit ei­ner zi­vil­recht­li­chen Ar­beit 1900 in Frei­burg bei Ul­rich Stutz). Die Ha­bi­li­ta­ti­on für die Fä­cher Staats- und Ver­wal­tungs­recht folg­te 1906 eben­dort mit der bis heu­te grund­le­gen­den Ar­beit „Der Po­li­zei­be­fehl im ba­di­schen Recht" un­ter der Be­treu­ung von Hein­rich Ro­sin (1855-1927), ei­nem der Pio­nie­re des So­zi­al­rechts in Deutsch­land. Es folg­te ei­ne ra­sche und stei­le aka­de­mi­sche Kar­rie­re: 1908/1909 or­dent­li­cher Pro­fes­sor für öf­fent­li­ches Recht am Ko­lo­nial­in­sti­tut Ham­burg, 1909/1911 an der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen, 1911 bis 1928 in Hei­del­berg (1921 Ab­leh­nung ei­nes Ru­fes an die Ber­li­ner Uni­ver­si­tät) und schlie­ß­lich seit 1928 in Bonn. Tho­ma wur­de 1945 in Bonn eme­ri­tiert, bot je­doch an­ge­sichts der Not der Nach­kriegs­zeit bis 1950 wei­ter Lehr­ver­an­stal­tun­gen an. Wäh­rend der Ar­beit des Par­la­men­ta­ri­schen Ra­tes am Grund­ge­setz fun­gier­te Tho­ma als Be­ra­ter durch die An­fer­ti­gung von Rechts­gut­ach­ten zu Grund­ge­setz­ent­wür­fen. Er starb am 26.6.1957 in Bonn und wur­de auf dem Süd­fried­hof be­stat­tet.

Ri­chard Tho­ma ge­hör­te vom Kai­ser­reich bis zur frü­hen Bun­des­re­pu­blik zu den füh­ren­den Ver­tre­tern der deut­schen Staats­rechts­leh­re. Be­mer­kens­wert ist sein kla­res Ein­tre­ten für die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie in der Wei­ma­rer Re­pu­blik. Im Kai­ser­reich Mit­glied der Na­tio­nal­li­be­ra­len pro­pa­gier­te er – vor­züg­lich be­legt durch die Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift – ein li­be­ra­les, an Rechts­staat­lich­keit aus­ge­rich­te­tes Staats­bild, et­wa in Fra­gen des Po­li­zei­rechts. Zwi­schen 1919 und 1933 ge­hör­te Tho­ma zu den we­ni­gen Staats­rechts­leh­rern, ja Hoch­schul­leh­rern ins­ge­samt, die sich fach­lich wie po­li­tisch für die neue Staats­ord­nung ein­setz­ten. Tho­ma en­ga­gier­te sich ab 1918 in Hei­del­berg für die Deut­sche De­mo­kra­ti­sche Par­tei, den (links-)li­be­ra­len Flü­gel der so ge­nann­ten Wei­ma­rer Ko­ali­ti­on. 1926 war er Mit­be­grün­der der „Ver­ei­ni­gung ver­fas­sungs­treu­er Hoch­schul­leh­rer", 1931 in „Wei­ma­rer Kreis" um­be­nannt. Zu­sam­men mit sei­nem Hei­del­ber­ger Fa­kul­täts­kol­le­gen Ger­hard An­schütz (1867-1948) ver­trat Tho­ma me­tho­disch die „po­si­ti­vis­ti­sche Rich­tung", die in en­ger Norm­an­leh­nung und mit spe­zi­fisch ju­ris­ti­scher Me­tho­dik An­grif­fe und Um­bil­dungs­ver­su­che in Be­zug auf die Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung ab­wehr­te. Bei Tho­ma war dies me­tho­disch durch Kon­zep­te Max We­bers (1864-1920) – mit dem er in Hei­del­berg per­sön­lich ver­bun­den war – an­ge­lei­tet. Im so ge­nann­ten Me­tho­den- und Rich­tungs­streit der Wei­ma­rer Staats­rechts­leh­re – ei­nem Hö­he­punkt der Dis­zi­plin bis heu­te – er­schien die­se Po­si­ti­on aus Sicht des Fa­ches zu­nächst kon­ven­tio­nell, ja kon­ser­va­tiv, po­li­tisch er­wie­sen sich die so er­ziel­ten Er­geb­nis­se als li­be­ral-fort­schritt­lich. Der me­tho­di­sche Ge­gen­pol war die „an­ti­po­si­ti­vis­ti­sche" Rich­tung, wel­che so un­ter­schied­li­che Per­sön­lich­kei­ten wie die Ver­tre­ter der „geis­tes­wis­sen­schaft­li­che Rich­tung", Ru­dolf Smend (1882-1975), Gün­ter Hol­stein (1892-1931), Erich Kauf­mann (1880-1972), ka­tho­lisch-kon­ser­va­ti­ve De­zi­sio­nis­ten wie Carl Schmitt oder so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Staats­recht­ler wie Her­mann Hel­ler (1891-1933) um­fass­te. Tho­ma be­fand sich 1932, als sein zu­sam­men mit An­schütz her­aus­ge­ge­be­nes und von ihm ma­ß­geb­lich mit­ver­fass­tes, bis heu­te wich­ti­ges zwei­bän­di­ges Hand­buch des Deut­schen Staats­rechts er­schien, auf der Hö­he sei­nes An­se­hens. Die Re­pu­blik, de­ren Staats­recht dort in Form des Stan­dard­werks aus­ge­brei­tet wur­de, be­fand sich zu die­ser Zeit schon im Nie­der­gang.

In der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­sieg­te die Pu­bli­ka­ti­ons­tä­tig­keit Tho­mas zu­nächst weit­ge­hend. Von sei­nen bis­her ver­tre­te­nen Po­si­tio­nen konn­te er das Re­gime nur in kri­ti­scher Dis­tanz be­ob­ach­ten – für ei­nen Staats­recht­ler ei­ne heik­le Si­tua­ti­on. Sein 1937 er­schie­ne­nes Werk „Die Staats­fi­nan­zen in der Volks­ge­mein­schaft" stellt letzt­lich ei­ne volks­wirt­schaft­lich-po­li­ti­sche Pro­gramm­schrift dar, die zu Zu­ge­ständ­nis­sen an die herr­schen­de Ideo­lo­gie be­reit war, fach­lich wie in­halt­lich ver­un­glückt er­scheint und we­der bei Tho­ma noch in der Staats­rechts­leh­re oder Na­tio­nal­öko­no­mie Fol­gen ge­zei­tigt hat. Es kann nicht mehr ein­deu­tig fest­ge­stellt wer­den, ob die­ses Werk ei­ne Re­ak­ti­on Tho­mas auf par­ti­el­le Lehr­ver­bo­te aus dem Jahr 1936 dar­stellt.

Erst in der For­mie­rungs­pha­se des ent­ste­hen­den west­deut­schen Teil­staa­tes trat Tho­ma als ei­ner der we­ni­gen un­be­las­te­ten Fach­ver­tre­ter wie­der ein­fluss­reich her­vor. Sein An­se­hen do­ku­men­tier­te sich nicht zu­letzt dar­in, dass er 1949 als Eh­ren­vor­sit­zen­der die Ta­gun­gen der an­ge­se­he­nen, 1921 von ihm mit ge­grün­de­ten Ver­ei­ni­gung der deut­schen Staats­rechts­leh­rer wie­der er­öff­nen durf­te. Sein un­mit­tel­bar vor sei­nem Tod voll­zo­ge­ner und pu­blik ge­mach­ter Aus­tritt aus der Ka­tho­li­schen Kir­che ist bis heu­te rät­sel­haft.

Schriften (Auswahl)

An­schütz, Ger­hard, Tho­ma, Ri­chard (Hg.), Hand­buch des deut­schen Staats­rechts, 2 Bän­de, Tü­bin­gen 1930/1932.
__Der Po­li­zei­be­fehl im ba­di­schen Recht, Tü­bin­gen 1906.
Die Staats­fi­nan­zen in der Volks­ge­mein­schaft. Ein Bei­trag zur Ge­stal­tung des deut­schen So­zia­lis­mus, Tü­bin­gen 1937.
Grund­riss der all­ge­mei­nen Staats­leh­re, Bonn 1948.
Über We­sen und Er­schei­nungs­for­men der mo­der­nen De­mo­kra­tie, Bonn 1948.

Literatur

Bü­low, Bir­git von, Die Staats­rechts­leh­re der Nach­kriegs­zeit (1945-1952), Ber­lin 1996.
Rath, Hans-Die­ter, Po­si­ti­vis­mus und De­mo­kra­tie. Ri­chard Tho­ma 1874-1957, Ber­lin 1981.
Schü­le, Adolf, Ri­chard Tho­ma zum Ge­dächt­nis, in: Ar­chiv des öf­fent­li­chen Rechts 82 (1957), S. 153-156.
Sö­se­mann, Fa­bi­an, Ri­chard Tho­ma, in: Schmoeckel, Ma­thi­as (Hg.), Die Ju­ris­ten der Uni­ver­si­tät Bonn im „Drit­ten Reich", Köln u.a. 2004, S. 555-580.

 
Zitationshinweis

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Waldhoff, Christian, Richard Thoma, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/richard-thoma/DE-2086/lido/57c93e046d4ef6.99929913 (26.04.2018)