Theodor Schieffer

Historiker (1910-1992)

Theo Kölzer (Bonn)

Theodor Schieffer, Porträtfoto.

Theo­dor Schief­fer zählt zu den be­deu­tends­ten Mit­tel­al­ter­his­to­ri­kern und Di­plo­ma­ti­kern (Ur­kun­den­for­schern) der Nach­kriegs­zeit.

Theo­dor Schief­fer wur­de am 11.7.1910 als Sohn des Volks­schul­rek­tors und spä­te­ren Stadt­schul­rats Hein­rich Schief­fer (1878-1949) und des­sen Ehe­frau Ger­trud Rieck (1883 -1953) in Bad Go­des­berg (heu­te Stadt Bonn) ge­bo­ren, stu­dier­te in Bonn, Pa­ris (Sor­bon­ne) und Ber­lin Ge­schich­te, Ro­ma­nis­tik und Klas­si­sche Phi­lo­lo­gie und wur­de 1934 in Bonn mit sei­ner Ar­beit „Die päpst­li­chen Le­ga­ten in Frank­reich vom Ver­tra­ge von Meer­sen (870) bis zum Schis­ma von 1130“ von Wil­helm Le­vi­son pro­mo­viert.

Auf des­sen Emp­feh­lung wur­de Schief­fer Mit­ar­bei­ter der Mo­nu­men­ta Ger­ma­niae His­to­ri­ca (MGH) und mit Vor­ar­bei­ten für die Edi­tio­nen der spä­ten Ka­ro­lin­ger-Ur­kun­den so­wie mit der selb­stän­di­gen Be­ar­bei­tung der Ur­kun­den Zwen­ti­bolds und Lud­wigs des Kin­des so­wie der bei­den Lo­tha­re und der bur­gun­di­schen Ru­dol­fin­ger be­traut. We­gen sei­ner rhei­nisch-ka­tho­li­schen Prä­gung oh­ne Aus­sicht auf ei­ne Uni­ver­si­täts­kar­rie­re, ab­sol­vier­te er 1937-1939 in Ber­lin-Dah­lem die Aus­bil­dung zum Ar­chi­var, ver­blieb je­doch zu­nächst bei den MGH und wur­de 1940 zur „Kom­mis­si­on für Ar­chiv­schut­z“ nach Pa­ris ver­setzt.

1942 hei­ra­te­te Schief­fer in Ber­lin An­ne­lie­se Schreib­mayr (1915-1981). Aus der Ehe gin­gen zwei Töch­ter und ein Sohn her­vor: Der 1947 ge­bo­re­ne Ru­dolf Schief­fer ist seit 1994 Prä­si­dent der Mo­nu­men­ta Ger­ma­niae His­to­ri­ca.

1942 auf Ver­mitt­lung des Ber­li­ner His­to­ri­kers Eu­gen Mey­er (1893-1972) ha­bi­li­tiert, lehr­te Schief­fer ab 1946 als Pro­fes­sor an der neu ge­grün­de­ten Uni­ver­si­tät Mainz mit­tel­al­ter­li­che Ge­schich­te und his­to­ri­sche Hilfs­wis­sen­schaf­ten (seit 1951 als Or­di­na­ri­us) und wech­sel­te 1954 an die Uni­ver­si­tät Köln, an der er trotz ei­nes Ru­fes nach Wien bis zu sei­ner Eme­ri­tie­rung 1975 ver­blieb. Am 9.4.1992 ver­starb er in sei­ner Ge­burts­stadt­ Bad Go­des­berg.

Auch jen­seits sei­ner Lehr­tä­tig­keit ließ sich Schief­fer im­mer wie­der in die Pflicht neh­men, oh­ne dar­um Auf­he­bens zu ma­chen. Von 1952 bis 1955 war er Prä­si­dent der „Ge­sell­schaft für mit­tel­rhei­ni­sche Kir­chen­ge­schich­te“, seit 1956 Mit­glied der Zen­t­ral­di­rek­ti­on der MGH, seit 1957 Mit­glied der „His­to­ri­schen Kom­mis­si­on bei der Baye­ri­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten“, 1958 bis 1968 Vor­sit­zen­der der “Ge­sell­schaft für Rhei­ni­sche Ge­schichts­kun­de“, 1963 bis 1987 zu­dem als Se­kre­tär der Pi­us-Stif­tung Lei­ter des Re­ges­ten-Un­ter­neh­mens der „Re­ges­ta Pon­ti­fi­cum Ro­man­o­rum“, dem er mit selbst­lo­sem Ein­satz zu ei­nem be­ein­dru­cken­den Auf­schwung ver­half und nicht we­ni­ger als drei Bän­de selbst er­ar­bei­te­te; zu­dem konn­te Schief­fer die „Gal­lia Pon­ti­fi­ci­a“ als Auf­ga­be des Deut­schen His­to­ri­schen In­sti­tuts in Pa­ris eta­blie­ren, zu des­sen Grün­der­vä­tern er aus Nei­gung und his­to­ri­scher Er­fah­rung in Ver­bin­dung mit Eu­gen Ewig (1913-2006) und wei­te­ren rhei­ni­schen Freun­den zähl­te. 1968 bis 1974 war er Mit­her­aus­ge­ber der „His­to­ri­schen Zeit­schrif­t“, ei­ner der be­deu­tends­ten his­to­ri­schen Fach­zeit­schrif­ten. Sein wis­sen­schaft­li­ches und wis­sen­schafts­or­ga­ni­sa­to­ri­sches Wir­ken fand An­er­ken­nung et­wa durch die Mit­glied­schaft in den Aka­de­mi­en zu Göt­tin­gen un­d Düs­sel­dorf. Schief­fer war ein her­aus­ra­gen­der Ver­tre­ter der „klas­si­schen“ Me­diä­vis­tik, der als Ur­kun­de­ne­di­tor zu den be­deu­tends­ten Di­plo­ma­ti­kern des 20. Jahr­hun­derts zähl­te. Nicht we­ni­ger als drei vo­lu­mi­nö­se Di­plo­ma­ta-Bän­de edier­te er 1960 bis 1977 für die Mo­nu­men­ta Ger­ma­niae His­to­ri­ca, ei­ne Auf­ga­be, die ihn – kriegs­be­dingt – fast vier Jahr­zehn­te in An­spruch nahm.

An­ders als der von ihm mit kri­ti­schem Re­spekt be­trach­te­te Paul Fri­do­lin Kehr (1860-1944) emp­fand sich Schief­fer je­doch nicht als Di­plo­ma­ti­ker „stren­ger Ob­ser­van­z“ in der Tra­di­ti­on Theo­dor von Si­ckels (1826-1908), son­dern in ers­ter Li­nie als Me­diä­vist, der mit sei­nen di­plo­ma­ti­schen Er­kennt­nis­sen stets all­ge­mein-his­to­ri­sche Fra­ge­stel­lun­gen zu be­fruch­ten such­te, vor al­lem im Be­reich der po­li­ti­schen und Kir­chen­ge­schich­te, der mit ge­lehr­ten und lan­des­ge­schicht­lich ori­en­tier­ten Spe­zi­al­stu­di­en und als ge­stren­ger Re­zen­sent her­vor­ge­tre­ten ist, zu­gleich aber auch die be­wun­derns­wer­te Ga­be der sti­lis­tisch aus­ge­feil­ten his­to­ri­schen Syn­the­se be­herrsch­te. 

Dies zeigt sich am deut­lichs­ten in dem von ihm her­aus­ge­ge­be­nen und zu gro­ßen Tei­len selbst ver­fass­ten zwei­ten Band des „Hand­buchs der eu­ro­päi­schen Ge­schich­te“ (1976), der nach wie vor zu dem Bes­ten ge­hört, was zu dem viel­dis­ku­tier­ten Pro­blem­kreis des Über­gangs von der An­ti­ke zum frü­hen Mit­tel­al­ter ge­schrie­ben wur­de. Die­sel­be Bril­li­anz spie­gel­te schon sein Buch über das fol­gen­rei­che Wir­ken des Bo­ni­fa­ti­us, des „Apos­tels der Deut­schen“, das zu den „Klas­si­kern“ der me­diä­vis­ti­schen Li­te­ra­tur zählt. Kenn­zeich­nend für Schief­fers Ar­bei­ten sind die Lie­be zum De­tail, ge­paart mit me­tho­di­scher und sach­li­cher Stren­ge und as­ke­ti­scher Ar­beits­dis­zi­plin, ei­nem „fast re­li­giö­sen Ar­beits­ern­s­t“ (Horst Fuhr­mann), zu­gleich aber auch die Be­fä­hi­gung zur treff­si­che­ren Ein­ord­nung der Be­fun­de. 

Jün­ge­ren Ten­den­zen ei­ner so­zi­al­wis­sen­schaft­lich ori­en­tier­ten Me­diä­vis­tik und der Ge­schichts­mäch­tig­keit an­ony­mer so­zio­öko­no­mi­scher Struk­tu­ren ge­gen­über be­wahr­te er sich ei­ne kri­ti­sche Dis­tanz, be­harr­te viel­mehr auf der ge­schicht­li­chen Rol­le des In­di­vi­du­ums und der prin­zi­pi­el­len Of­fen­heit his­to­ri­scher Ent­wick­lun­gen. Kenn­zeich­nend für den Cha­rak­ter Schief­fers war ei­ne aus­ge­präg­te per­sön­li­che Zu­rück­hal­tung und Be­schei­den­heit, die jeg­li­cher Gel­tungs­sucht ab­hold war. Und nicht zu­letzt war er ein be­gna­de­ter, er­folg­rei­cher und in glei­cher Wei­se for­dern­der wie för­dern­der aka­de­mi­scher Leh­rer, aus des­sen be­acht­li­cher Schü­ler­schaft zahl­rei­che be­kann­te Fach­ver­tre­ter und Ar­chi­va­re her­vor­ge­gan­gen sind. 

Schriften (Auswahl)

An­gel­sach­sen und Fran­ken. Zwei Stu­di­en zur Kir­chen­ge­schich­te des 8. Jahr­hun­derts, Wies­ba­den 1951.

Win­frid – Bo­ni­fa­ti­us und die christ­li­che Grund­le­gung Eu­ro­pas, Frei­burg 1954, Nach­druck Darm­stadt 1972.

Die päpst­li­chen Le­ga­ten in Frank­reich vom Ver­trag von Meers­sen (870) bis zum Schis­ma von 1130, Ber­lin 1935, Nach­druck Va­duz 1965.

Die Ur­kun­den Zwen­ti­bolds und Lud­wigs des Kin­des (MGH Di­plo­ma­ta re­gum Ger­ma­niae ex stir­pe Ka­ro­li­n­o­rum 4), Ber­lin 1960, Nach­druck Ber­lin 1963, Mün­chen 1982.

Die Ur­kun­den Lo­thars I. und Lo­thars II. (MGH Di­plo­ma­ta Ka­ro­li­n­o­rum 3), Ber­lin / Zü­rich 1966, Nach­druck Mün­chen 1979.

Die deut­sche Kai­ser­zeit (900-1250), Frank­furt a. M. / Ber­lin / Wien 1973, 2. Auf­la­ge 1981.

Eu­ro­pa im Wan­del von der An­ti­ke zum Mit­tel­al­ter, Stutt­gart 1976, Nach­druck 1992, S. 22-94, 107-163, 178-212, 287-296, 313-322, 504-664, 1034-1067.

Kri­sen­punk­te des Hoch­mit­tel­al­ters, Op­la­den 1976.

Die Ur­kun­den der bur­gun­di­schen Ru­dol­fin­ger, un­ter Mit­wir­kung von Hans Eber­hard May­er (MGH Die Ur­kun­den der bur­gun­di­schen Ru­dol­fin­ger), Mün­chen 1977, Nach­druck 1983.

Re­ges­ta Pon­ti­fi­cum Ro­man­o­rum. Ger­ma­nia Pon­ti­fi­cia 6: Pro­vin­cia Hamma­bur­go-Bre­men­sis, zu­sam­men mit Wolf­gang See­grün, Göt­tin­gen 1981.

Re­ges­ta Pon­ti­fi­cum Ro­man­o­rum. Ger­ma­nia Pon­ti­fi­cia 7: Pro­vin­cia Co­lo­ni­en­sis, Pars I: Ar­ch­idio­ece­sis Co­lo­ni­en­sis, Göt­tin­gen 1986.

Re­ges­ta Pon­ti­fi­cum Ro­man­o­rum. Ger­ma­nia Pon­ti­fi­cia 9: Pro­vin­cia Co­lo­ni­en­sis, Pars III: Dio­ece­ses Traiec­ten­sis, Mo­nas­te­ri­en­sis, Os­nabru­gen­sis et Min­den­sis, Göt­tin­gen 2003.

Nachrufe

Theo­dor Schief­fer 1910-1992 (Pri­vat­druck der MGH), Mün­chen 1994 [mit Schrif­ten­ver­zeich­nis].

Ap­pelt, Hein­rich, in: Deut­sches Ar­chiv 48 (1992), S. 417-419.

Fle­cken­stein, Jo­sef, in: Jahr­buch der Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten in Göt­tin­gen 1992, S. 253-263.

Fuhr­mann, Horst, in: Frak­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung vom 11.4 1992.

Mül­ler, He­ri­bert, in: Ge­schich­te in Köln 31 (1992), S. 117-127.

Mül­ler, He­ri­bert, in: Ar­chiv für mit­tel­rhei­ni­sche Kir­chen­ge­schich­te 44 (1992), S. 487-492.

Ja­kobs, Her­mann, in: His­to­ri­sches Jahr­buch 113 (1993), S. 1-20.

Meu­then, Erich, in: His­to­ri­sche Zeit­schrift 256 (1993), S. 241-248.

Literatur

Fuchs, Kon­rad, "Schief­fer, Theo­dor", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 16 (1999), Sp. 1420-1426.

Gro­ße, Rolf, Theo­dor Schief­fer. Ein rhei­ni­scher His­to­ri­ker und sei­ne „Be­geg­nung mit der ro­ma­nisch-fran­zö­si­schen Welt“, in: Pfeil, Ul­rich (Hg.), Das Deut­sche His­to­ri­sche In­sti­tut Pa­ris und sei­ne Grün­dungs­vä­ter, Mün­chen 2007, S. 119-137.

Kni­chel, Mar­ti­na, Die Ge­sell­schaft für mit­tel­rhei­ni­sche Kir­chen­ge­schich­te, Mainz 1998, S. 173-186.

Na­gel, An­ne Chris­ti­ne, Im Schat­ten des Drit­ten Reichs. Mit­tel­alt­er­for­schung in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land 1945-1970, Göt­tin­gen 2005.

Wo­j­ty­now­ski, Kat­ja, Das Fach Ge­schich­te an der Jo­han­nes Gu­ten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz 1946-1961, Stutt­gart 2006.

Online

Mül­ler, He­ri­bert, Theo­dor Schief­fer, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 22 (2005), S. 735-737. [On­line]

 
Zitationshinweis

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Kölzer, Theo, Theodor Schieffer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/theodor-schieffer/DE-2086/lido/57c946eddb5098.87795508 (12.12.2018)