Wolfgang Kluxen

Philosoph (1922-2007)

Susan Gottlöber (Maynooth)

Wolfgang Kluxen, Porträtfoto. (Wolf P. Prange, Bonn)

Der Phi­lo­soph, Me­diä­vist und Ethi­ker Wolf­gang Klu­xen präg­te wie kaum ein an­de­rer Den­ker die Scho­las­tik-Re­zep­ti­on nach dem Zwei­ten Welt­krieg und war ei­ner der In­itia­to­ren der „Re­ha­bi­li­tie­rung der prak­ti­schen Phi­lo­so­phie" im 20. Jahr­hun­dert.

Klu­xen wur­de am 31.10.1922 in Bens­berg (heu­te Stadt Ber­gisch Glad­bach) als Sohn des Leh­rers Hein­rich Klu­xen und des­sen Frau An­na Wit­ter ge­bo­ren. Er stu­dier­te – un­ter­bro­chen durch den Zwei­ten Welt­krieg – Phi­lo­so­phie und Theo­lo­gie in Köln, Bonn und an der Ka­tho­li­schen Uni­ver­si­tät Leu­ven. Als nach­hal­tig prä­gend für sei­nen phi­lo­so­phi­schen Wer­de­gang soll­te sich in die­sem Kon­text für den an­ge­hen­den Phi­lo­so­phen ein Se­mi­nar über Ni­ko­laus von Ku­es her­aus­stel­len, an dem er im kriegs­zer­stör­ten Bonn bei dem Phi­lo­so­phen und Mit­tel­al­ter­ex­per­ten Jo­sef Koch (1885-1967) teil­nahm. Nach­dem Koch 1948 als ers­ter Or­di­na­ri­us den Lehr­stuhl für mit­tel­al­ter­li­che Phi­lo­so­phie in Köln über­nom­men hat­te, bot sich Klu­xen ein Jahr spä­ter die Mög­lich­keit, die Stel­le ei­nes „Ama­nu­en­sis" (ei­ner Hilfs­kraft) an­zu­neh­men. Als Koch in Köln am 10.10.1950 das Tho­mas-In­sti­tut grün­de­te, wur­de Klu­xen des­sen Se­kre­tär. Im sel­ben Jahr wur­de er Mit­glied der ka­tho­li­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung KDStV Rhe­no Bal­tia zu Köln im Car­tell­ver­band ka­tho­li­scher deut­scher Stu­den­ten­ver­bin­dun­gen (CV). Die Ver­bin­dung, 1922 ge­grün­det und 1935 durch die Gleich­schal­tung der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zur Selbst­auf­lö­sung ge­trie­ben, re­kon­sti­tu­ier­te sich 1947 und ge­hört seit 1950 dem eben­falls wie­der ge­grün­de­ten Car­tell­ver­band an.

Es war vor al­len Din­gen die Ver­bin­dung zu Koch und dem Tho­mas-In­sti­tut, die Klu­xens phi­lo­so­phi­schen Zu­gang über die Me­diä­vis­tik ent­schei­dend form­te. 1953 wur­de er Wis­sen­schaft­li­cher As­sis­tent Kochs, ei­ne Po­si­ti­on, in der er be­son­ders für den Auf­bau der For­schungs­bi­blio­thek ver­ant­wort­lich war. In den 1950er Jah­ren setz­te auch sei­ne in­ten­si­ve For­schung über den jü­di­schen Ge­lehr­ten Mo­ses Mai­mo­ni­des (1135-1204) ein, über den er im Jahr 1951 bei Koch mit ei­ner Ar­beit mit dem Ti­tel „Un­ter­su­chun­gen und Tex­te zur Ge­schich­te des la­tei­ni­schen Mo­ses Mai­mo­ni­des" ein­schlie­ß­lich ei­ner kri­ti­schen Edi­ti­on des Li­ber de uno deo be­ne­dic­to pro­mo­viert wur­de. Das Werk be­grün­de­te sei­ne lan­ge und frucht­ba­re Lauf­bahn als For­scher und Ex­per­te auf dem Ge­biet der Phi­lo­so­phie des Mit­tel­al­ters. Es­sen­ti­ell für Klu­xen war da­bei un­ter an­de­rem die Un­ter­stüt­zung John O. Riedls (1905-1992), Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an der Mar­quet­te Uni­ver­si­ty Mil­wau­kee, den ein lei­den­schaft­li­ches In­ter­es­se an Mai­mo­ni­des mit Koch (und spä­ter Klu­xen) ver­band und des­sen Un­ter­stüt­zung Koch ganz we­sent­lich die ge­lun­ge­ne Grün­dung des Tho­mas-In­sti­tuts zu ver­dan­ken hat­te. So­mit war die Tat­sa­che, dass die phi­lo­so­phi­sche Er­for­schung des Mit­tel­al­ters nach dem gro­ßen Bruch des Zwei­ten Welt­krie­ges er­neut Welt­ruhm er­lang­te, so­wohl der Zu­sam­men­ar­beit der Spe­zia­lis­ten Koch und Riedl als auch Wolf­gang Klu­xen zu ver­dan­ken, des­sen Wer­ke über Tho­mas von Aquin (1224-1274), Jo­han­nes Duns Sco­tus und Mo­ses Mai­mo­ni­des bis heu­te zu den ma­ß­ge­ben­den Ar­bei­ten über die Phi­lo­so­phie des Mit­tel­al­ters zäh­len.

Es folg­te ein For­schungs­sti­pen­di­um am „Ho­ger In­sti­tuut voor Wi­js­be­ge­er­te", dem „In­sti­tut su­pe­ri­eur de la phi­lo­so­phie" an der Uni­ver­si­tät Leu­ven, das mit Na­men wie dem Psy­cho­ana­ly­ti­ker Jac­ques La­can (1901-1981), den Phi­lo­so­phen Paul Ricœur (1913-2005), Em­ma­nu­el Le­vinas (1906-1995), Jac­ques Der­ri­da (1930-2004) und Karl Pop­per (1902-1994) in Ver­bin­dung zu brin­gen ist. Gast­pro­fes­su­ren nahm Klu­xen in Vil­la­no­va, in Cor­do­ba (Ar­gen­ti­ni­en), To­kio und dann wie­der in Leu­ven wahr. 1962 wur­de Klu­xen als Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie an die Päd­ago­gi­sche Hoch­schu­le Neuss be­ru­fen und 1964 zum or­dent­li­chen Pro­fes­sor an der neu ge­grün­de­ten Ruhr-Uni­ver­si­tät Bo­chum er­nannt, wo er die Tra­di­ti­on phi­lo­so­phi­scher Me­diä­vis­tik be­grün­de­te.

In Leu­ven war Klu­xen zu­dem an der Grün­dung der „So­cié­té in­ter­na­tio­na­le pour l’étu­de de la phi­lo­so­phie mé­dié­va­le" (SIEPM) im Jahr 1958 be­tei­ligt. Nach­dem er dort zu­nächst den Pos­ten als Schatz­meis­ter in­ne­hat­te, be­klei­de­te er in den Jah­ren 1972-1982 das Amt des Prä­si­den­ten. Die spä­te­re Er­nen­nung zum Eh­ren­prä­si­den­ten soll­te nur ei­ne von vie­len Eh­run­gen sein, die be­wies, wie sehr sei­ne Leis­tun­gen auf dem Ge­biet der Me­diä­vis­tik ge­wür­digt wur­den. Zeit­gleich mit die­sen Ent­wick­lun­gen in der be­ruf­li­chen Lauf­bahn setz­te in den 1960er Jah­ren ei­ne „Re­ha­bi­li­tie­rung der prak­ti­schen Phi­lo­so­phie" im Nach­kriegs­deutsch­land ein. Es ist da­von aus­zu­ge­hen, dass sie oh­ne Klu­xen wohl kaum ei­ne der­ar­ti­ge Wirk­sam­keit ent­fal­tet hät­te. Wäh­rend noch nach dem Ers­ten Welt­krieg so­wohl phä­no­me­no­lo­gi­sche wie auch neu­scho­las­ti­sche An­sät­ze we­sent­li­che Trä­ger des phi­lo­so­phi­schen Nach­den­kens über die Ethik wa­ren, hat­ten bei­de nach der Ka­ta­stro­phe des Zwei­ten Welt­kriegs ih­re Über­zeu­gungs­kraft ver­lo­ren. We­der die Exis­tenz­ana­ly­se Mar­tin Hei­deg­gers (1989-1976) noch die eben­falls ein­fluss­rei­che und die in­tel­lek­tu­el­len Dis­kus­sio­nen do­mi­nie­ren­de ne­ga­ti­ve Dia­lek­tik von Max Hork­hei­mer (1895-1973) und Theo­dor W. Ador­no (1903-1969) schu­fen Raum für ein Ethik­ver­ständ­nis als lei­ten­de Dis­zi­plin. In die­sem Kon­text ver­weist ge­wis­ser­ma­ßen schon der Ti­tel sei­nes 1964 er­schie­ne­nen Wer­kes „Die phi­lo­so­phi­sche Ethik bei Tho­mas von Aquin", das bis heu­te als Stan­dard­werk auf die­sem Ge­biet gilt, auf die zwei­te gro­ße phi­lo­so­phi­sche Pas­si­on Klu­xens: die Ethik. In sei­ner 1974 pu­bli­zier­ten Ar­beit „Ethik des Ethos" ent­wi­ckelt Klu­xen die The­se, dass „das Ethos […] die je­weils be­son­de­re und be­grenz­te Ge­stalt [ist], in wel­cher al­lein die prak­ti­sche Ver­nunft kon­kret und wirk­lich sein kann". Es ist die­se we­sen­haf­te Ge­stalt, die zum Ob­jekt ethi­scher Re­fle­xi­on wird. Das Sitt­li­che wird al­so ge­schicht­lich kon­kret – ei­ne The­se, die Klu­xen sei­nem Leh­rer Wer­ner Ma­ria Schöll­gen (1883-1985) ver­dankt. Den Men­schen als mo­ra­li­sches Sub­jekt, das auf Frei­heit und Ver­nunft hin an­ge­legt ist, aus­le­gend, öff­net Klu­xen dann den mög­li­chen Über­stieg zu ei­nem gleich­sam rah­men­ge­ben­den (und da­mit von ge­schicht­li­chen Vor­ga­ben un­ab­hän­gi­gen) „of­fe­nen Ge­samte­thos" wei­ter. Es sind die­se Kern­ge­dan­ken, die Klu­xen auch auf dem Ge­biet der an­ge­wand­ten Ethik zu ei­nem Vor­rei­ter ma­chen und in sei­nem 2006 er­schie­ne­nen Werk „Grund­pro­ble­me ei­ner af­fir­ma­ti­ven Ethik: uni­ver­sa­lis­ti­sche Re­fle­xi­on und Er­fah­rung des Ethos" noch ein­mal meis­ter­lich zu­sam­men­ge­fasst und an­ge­wandt wer­den.

1969 wech­sel­te Klu­xen an die Rhei­ni­sche Fried­richs-Wil­helm-Uni­ver­si­tät Bonn, wo er ei­ne Pro­fes­sur für Phi­lo­so­phie über­nahm, in den Jah­ren 1976/1977 De­kan der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät war und wo er nach sei­ner Eme­ri­tie­rung im Jahr 1988 wei­ter­hin lehr­te.

Dass Ethik als an­ge­wand­te Ver­ant­wor­tung funk­tio­niert, hat Wolf­gang Klu­xen selbst vor­bild­lich de­mons­triert: Seit 1975 war er Mit­glied der Nord­rhein-West­fä­li­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten, über­nahm den Vor­sitz der Aver­roes La­ti­nus-Kom­mis­si­on, war 1978 bis 1984 für zwei Amts­zei­ten die Prä­si­dent der „All­ge­mei­nen Ge­sell­schaft für Phi­lo­so­phie in Deutsch­land" (AGPD), der heu­ti­gen „Deut­schen Ge­sell­schaft für Phi­lo­so­phie", (DGPhil), wur­de 1984 de­ren Eh­ren­mit­glied und ge­hör­te von 1988 bis 1998 dem „Co­mité Di­rec­teur der Fédé­ra­ti­on In­ter­na­tio­na­le des So­cié­tés de Phi­lo­so­phie" an, dem Welt­ver­ban­des der Phi­lo­so­phie. Die na­he­zu ein­stim­mi­ge Wahl Wolf­gang Klu­xens zum Prä­si­den­ten der „All­ge­mei­nen Ge­sell­schaft für Phi­lo­so­phie in Deutsch­land" wäh­rend des Welt­kon­gres­ses der Phi­lo­so­phie in Düs­sel­dorf vom 27.8.-2.9.1978 be­stä­tig­te eben­so die An­er­ken­nung sei­ner phi­lo­so­phi­scher Ana­ly­sen und ori­gi­nä­ren Leis­tun­gen wie die Ver­lei­hung des Gros­sen Bun­des­ver­dienst­kreu­zes und der Eh­ren­dok­tor­wür­den der Uni­ver­si­dad Na­cio­nal de Cor­do­ba (Ar­gen­ti­ni­en) (1973), der Lud­wig-Ma­xi­mi­li­ans-Uni­ver­si­tät Mün­chen (1983) und der ka­tho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt (1987).

Wolf­gang Klu­xen ver­starb nach kur­zer schwe­rer Krank­heit am 12.5.2007 in Bonn, wo er auf dem Al­ten Fried­hof bei­ge­setzt wur­de.

Werke (Auswahl)

Ethi­k ­des­ E­thos, Mün­chen 1974.

Grund­pro­ble­me ei­ner af­fir­ma­ti­ven E­thik: uni­ver­sa­lis­ti­sche Re­fle­xi­on und Er­fah­rung de­s­ E­thos, Frei­burg/Mün­chen 2006.

Phi­lo­so­phi­sche E­thi­k bei Tho­mas von Aquin, Darm­stadt 1998 (1964).

Un­ter­su­chun­gen und Tex­te zur Ge­schich­te des la­tei­ni­schen Mo­ses Mai­mo­ni­des, Dis­ser­ta­ti­on, Köln 1951.

Literatur (Auswahl)

Beck­mann, Jan P. (Hg.), Phi­lo­so­phie im Mit­tel­al­ter. Ent­wick­lungs­li­ni­en und Pa­ra­dig­men. Wolf­gang Klu­xen zum 65. Ge­burts­tag, 2. durch­ge­se­he­ne Auf­la­ge, Ham­burg 1996.

Korff, Wil­helm, Wolf­gang Klu­xen, Phi­lo­so­phi­sche E­thi­k bei Tho­mas von Aquin und die E­thi­k ­des­ E­thos, in: Phi­lo­so­phi­sches Jahr­buch, 89 (1982), S. 411-422. 

Nachruf

Fohr­mann, Jür­gen (Hg.), In Me­mo­ri­am Wolf­gang Klu­xen: (31.10.1922 - 12.05.2007). Re­den ge­hal­ten bei der aka­de­mi­schen Ge­denk­fei­er am 11. Ju­li 2008 im Fest­saal der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn, Bonn 2009.

Hon­ne­fel­der, Lud­ger, Nach­wort auf Wolf­gang Klu­xen, in: Jahr­buch der Nord­rhein-West­fä­li­schen Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten 2008, S. 138-143.

Online

Wie­land, Ge­org, Ver­nunft, Na­tur, Ge­schich­te. Wolf­gang Klu­xen zum 80. Ge­burts­tag, in: Die Po­li­ti­sche Mei­nung 395 (2002), S. 83-85. (Text als PDF-Do­ku­ment auf der Web­site der Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung). [On­line]

Speer, An­dre­as, In Me­mo­ri­am Wolf­gang Klu­xen, in: Bul­le­tin de phi­lo­so­phie mé­dié­va­le 49 (2007), S. VII-XI. (Text als PDF-Do­ku­ment auf der Web­site Bre­pols Jour­nals On­line). [On­line]

 
Zitationshinweis

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Gottlöber, Susan, Wolfgang Kluxen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wolfgang-kluxen-/DE-2086/lido/57c935fced8ea7.90580012 (23.06.2018)