Walter Simons

Reichsgerichtspräsident (1861-1937)

Björn Thomann (Sankt Augustin)

Walter Simons, Porträt des Reichsgerichtspräsidenten, 1931. (Bundesarchiv, Bild 102-12279 / CC-BY-SA 3.0)

Wal­ter Si­mons war ein deut­scher Ju­rist, Di­plo­mat und Ver­bands­funk­tio­när. Zu Be­ginn der 1920er Jah­re fun­gier­te er kurz­zei­tig als Reichs­au­ßen­mi­nis­ter und üb­te 1925 das Amt des ge­schäfts­füh­ren­den Reichs­prä­si­den­ten aus. Ver­diens­te er­warb sich der Pro­tes­tant Si­mons auch als ein Vor­kämp­fer der öku­me­ni­schen Be­we­gung im Deut­schen Reich.

Wal­ter Si­mons wur­de am 24.9.1861 in El­ber­feld (heu­te Stadt Wup­per­tal) als äl­tes­tes von sie­ben Kin­dern des Kauf­manns und Fa­brik­be­sit­zers Louis Si­mons (1831-1905) und des­sen Ehe­frau He­le­ne Hen­ri­et­te Kyll­mann (1842-1916) ge­bo­ren. Sein Gro­ßva­ter Fried­rich Wil­helm Si­mons-Köh­ler (1802-1856) hat­te der Han­dels­kam­mer von El­ber­feld und Bar­men (heu­te Stadt Wup­per­tal) als Prä­si­dent vor­ge­stan­den. Auch die Mut­ter ent­stamm­te als Toch­ter des Kauf­manns und Land­tags­ab­ge­ord­ne­ten Gott­lieb Kyll­mann (1803-1878) ei­ner an­ge­se­he­nen und wohl­ha­ben­den pro­tes­tan­ti­schen Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie. Die pie­tis­ti­sche Le­bens­füh­rung der El­tern soll­te sich für den Le­bens­weg Si­mons als prä­gend er­wei­sen.

Nach dem Be­ste­hen des Ab­iturs am Gym­na­si­um in El­ber­feld zu Os­tern 1879 im­ma­tri­ku­lier­te sich Wal­ter Si­mons im Som­mer­se­mes­ter 1879 an der Kai­ser-Wil­helm-Uni­ver­si­tät in Straß­burg zum Stu­di­um der Rech­te so­wie der Ge­schich­te, Phi­lo­so­phie und Na­tio­nal­öko­no­mie. Hier schloss er sich dem „Straß­bur­ger Kreis“ an, ei­nem form­los or­ga­ni­sier­ten Ge­sprächs­kreis von Stu­den­ten ver­schie­de­ner Fach­rich­tun­gen. Zum Som­mer­se­mes­ter 1881 wech­sel­te Si­mons an die Uni­ver­si­tät Leip­zig und be­en­de­te sein Stu­di­um im Win­ter­se­mes­ter 1882/1883 an der Uni­ver­si­tät Bonn, wo er Mit­glied des „Phi­lo­lo­gi­schen Ver­ein­s“ wur­de. Von sei­nen aka­de­mi­schen Leh­rern wur­de er be­son­ders nach­hal­tig durch den Leip­zi­ger Pro­fes­sor für Kir­chen­recht Ru­dolf Sohm (1841-1917) ge­prägt.

Nach­dem er 1882 das Re­fe­ren­dar­ex­amen be­stan­den hat­te, ab­sol­vier­te er bis 1883 sei­nen Mi­li­tär­dienst als Ein­jäh­rig-Frei­wil­li­ger beim I. Gar­de-Dra­go­ner-Re­gi­ment in Ber­lin. 1888 er­lang­te er die Be­fä­hi­gung zum As­ses­sor und war in die­sem Rang vor­über­ge­hend am Amts­ge­richt in Bonn tä­tig. Noch im sel­ben Jahr er­folg­te die Ver­set­zung an das Amts­ge­richt in So­lin­gen. Ab 1893 fun­gier­te Si­mons als Amts­rich­ter in Vel­bert, ab 1897 als Land­rich­ter in Mei­nin­gen im Her­zog­tum Sach­sen-Mei­nin­gen. Nach­dem er 1903 in den Rang ei­nes Lan­des­ge­richts­rats er­ho­ben wor­den war, wech­sel­te er im April 1905 an das Ober­lan­des­ge­richt in Kiel. Hier er­folg­te im glei­chen Jahr die Er­nen­nung zum Ober­lan­des­ge­richts­rat. Noch im glei­chen Jahr trat er als kom­mis­sa­ri­scher Hilfs­ar­bei­ter beim Reichs­jus­tiz­amt in den Ver­wal­tungs­dienst ein und er­lang­te 1907 den Rang ei­nes Ge­hei­men Re­gie­rungs­ra­tes. 1911 wur­de er Jus­ti­zi­ar in der Rechts­ab­tei­lung des Aus­wär­ti­gen Am­tes.

Am 20.5.1891 hat­te Si­mons in Ber­lin Er­na Rüh­le (1870-1954), ei­ne Toch­ter des Bon­ner Me­di­zin­pro­fes­sors Hu­go Ernst Hein­rich Rüh­le (1824-1888) ge­hei­ra­tet. Aus der Ehe gin­gen vier Söh­ne und drei Töch­ter her­vor. Der 1934 emi­grier­te Sohn Hans Si­mons (1893-1972) war Ju­rist und nahm nach dem Zwei­ten Welt­krieg als Ver­bin­dungs­of­fi­zier der US-Mi­li­tär­re­gie­rung ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Aus­ar­bei­tung des Grund­ge­set­zes ein. Die Toch­ter Tu­la Si­mons (1905-2000) war mit dem Staats­recht­ler Ernst Ru­dolf Hu­ber ver­hei­ra­tet.

Am 4.10.1918 wur­de Si­mons durch den Reichs­kanz­ler Prinz Max von Ba­den (1867-1918, Reichs­kanz­ler Ok­to­ber-No­vem­ber 1918) als Mi­nis­te­ri­al­di­rek­tor in die Reichs­kanz­lei be­ru­fen. In die­ser Funk­ti­on war er ma­ß­geb­lich an den Ver­hand­lun­gen mit Fried­rich Ebert (1871-1925) über die Be­din­gun­gen ei­nes Re­gie­rungs­ein­trit­tes der SPD be­tei­ligt. Im De­zem­ber 1918 über­nahm Si­mons die Lei­tung der Rechts­ab­tei­lung des Aus­wär­ti­gen Am­tes und wur­de im Ja­nu­ar 1919 als Ge­ne­ral­kom­mis­sar der deut­schen De­le­ga­ti­on zur Pa­ri­ser Frie­dens­kon­fe­renz ent­sandt. Nach der für ihn un­an­nehm­ba­ren Ra­ti­fi­zie­rung des Ver­sailler Ver­tra­ges trat er im Ju­li 1919 von sei­nem Amt zu­rück. Den Aus­schlag für die­se Ent­schei­dung ga­ben nicht nur die als De­mü­ti­gung emp­fun­de­nen Frie­dens­be­din­gun­gen der Sie­ger­mäch­te, son­dern auch die Dif­fe­ren­zen mit dem Chef der Waf­fen­still­stands­kom­mis­si­on Mat­thi­as Erz­ber­ger (1875-1921).

Nach­dem er 1919 in das Amt des Ge­schäfts­füh­rers des Reichs­ver­ban­des der Deut­schen In­dus­trie (RDI) ge­wählt wor­den war, kehr­te Si­mon am 25.6.1920 als par­tei­lo­ser Au­ßen­mi­nis­ter in der bür­ger­lich-kon­ser­va­ti­ve Min­der­heits­re­gie­rung des Reichs­kanz­lers Kon­stan­tin Feh­ren­bach (1852-1926, Reichs­kanz­ler 25.6.1920-4.5.1921) auf die po­li­ti­sche Büh­ne zu­rück. Auf den in­ter­na­tio­na­len Ent­waff­nungs- und Re­pa­ra­ti­ons­kon­fe­ren­zen der Jah­re 1920 und 1921 er­wies er sich als ein auch von den Sie­ger­mäch­ten an­er­kann­ter Fach­mann und Ver­hand­lungs­part­ner, der die deut­schen In­ter­es­sen mit Nach­druck und di­plo­ma­ti­schem Ge­schick ver­trat. Sein Ein­tre­ten für ei­ne ma­ß­vol­le und sach­be­zo­ge­ne Frie­dens­re­ge­lung ver­lief den­noch glück­los und war auch in der ei­ge­nen Ko­ali­ti­on um­strit­ten. Sei­ne Amts­zeit en­de­te mit dem Rück­tritt des Ka­bi­netts Feh­ren­bach am 4.5.1921, nach­dem sich die Ko­ali­ti­ons­par­tei­en zu kei­ner ein­heit­li­chen Re­ak­ti­on auf das Lon­do­ner Ul­ti­ma­tum vom 31.3.1921 hat­ten ei­ni­gen kön­nen.

Am 16.10.1922 wur­de Si­mons von Reichs­prä­si­dent Fried­rich Ebert (Amts­zeit 1919-1925) zum Reichs­ge­richts­prä­si­den­ten und Vor­sit­zen­den des Staats­ge­richts­ho­fes er­nannt. Da er in die­sem Amt nicht nur der rang­höchs­te Ju­rist im Deut­schen Reich, son­dern ge­mäß der Wei­ma­rer Ver­fas­sung Stell­ver­tre­ter des Reichs­prä­si­den­ten im Rück­tritts- oder Ster­be­fal­le war, fun­gier­te er nach dem To­de Eberts im Fe­bru­ar 1925 für die Dau­er von zwei Mo­na­ten auch als ge­schäfts­füh­ren­der Reichs­prä­si­dent. Sei­ne ge­rin­ge Po­pu­la­ri­tät ließ ihn für ei­ne über die­sen Zeit­raum hin­aus­ge­hen­de Kan­di­da­tur je­doch als un­ge­eig­net er­schei­nen. Ein Streit zwi­schen der Reichs­re­gie­rung und dem Staats­ge­richts­hof über die Be­set­zung der Ver­wal­tungs­rats­stel­len der Deut­schen Reichs­bahn­ge­sell­schaft ver­an­lass­te Si­mons im De­zem­ber 1928 da­zu, sein Ab­schieds­ge­such vom Amt des Reichs­ge­richts­prä­si­den­ten ein­zu­rei­chen.   

In An­er­ken­nung sei­ner Ver­diens­te um die Recht­spre­chung wur­de ihm an­läss­lich sei­nes 70. Ge­burts­ta­ges am 24.9.1931 der Ad­ler­schild des Deut­schen Rei­ches ver­lie­hen. Er war dar­über hin­aus seit 1930 Eh­ren­mit­glied der Ame­ri­ka­ni­schen Ge­sell­schaft für in­ter­na­tio­na­les Recht, ge­hör­te dem In­sti­tut de Droit in­ter­na­tio­na­le als Mit­glied an und fun­gier­te als Se­na­tor der Deut­schen Aka­de­mie Mün­chen. Er war fer­ner Trä­ger des preu­ßi­schen Ro­ter-Ad­ler-Or­dens 3. Klas­se mit Schlei­fe, des preu­ßi­schen Kro­nen­or­dens 3. Klas­se, der Land­wehr­dienst­aus­zeich­nung 1. Klas­se, des Ei­ser­nen Kreu­zes 2. Klas­se und des rus­si­schen St.-Sta­nis­laus-Or­dens 2. Klas­se mit Stern.

1925 hat­te Si­mons in der Nach­fol­ge sei­nes Stu­di­en­freun­des Ot­to Baum­gar­ten (1858-1934) die Lei­tung des Evan­ge­lisch-So­zia­len Kon­gres­ses (ESK) über­nom­men. Er üb­te die­ses Amt bis 1936 aus und er­wies sich in die­ser Zeit vor al­lem als ein För­de­rer der öku­me­ni­schen Be­we­gung. Seit dem Som­mer­se­mes­ter 1927 lehr­te Si­mons, der Eh­ren­dok­tor der der Uni­ver­si­tä­ten Kiel, Bonn, Mar­burg, Co­lum­bia und New York war, an der Uni­ver­si­tät Leip­zig als Ho­no­rar­pro­fes­sor für Völ­ker­recht. 

Be­gin­nend mit sei­ner Zu­ge­hö­rig­keit zum „Straß­bur­ger Kreis“ hat­te er sich im Ver­lauf sei­nes Le­bens meh­re­ren po­li­ti­schen und kul­tu­rel­len Ver­ei­ni­gun­gen an­ge­schlos­sen. Un­ter an­de­rem war er be­reits vor dem Ers­ten Welt­krieg dem All­deut­schen Ver­band bei­ge­tre­ten und ge­hör­te zwi­schen 1903 und 1907 auch des­sen ge­schäfts­füh­ren­dem Aus­schuss an. Am 2.1.1922 grün­de­te er mit dem Chef der Hee­res­lei­tung Ge­ne­ral Hans von Seeckt (1866-1936) und dem Di­plo­ma­ten Wil­helm Solf (1862-1936) die eli­tä­re „Se-Si-So“ Ge­sell­schaft, an de­ren pe­ri­odi­schen Ge­sprächs­run­den im Ber­li­ner Kai­ser­hof füh­ren­de Kräf­te aus Wirt­schaft, Po­li­tik und Reichs­wehr teil­nah­men.

Die Er­nen­nung Adolf Hit­lers (1889-1945) zum Reichs­kanz­ler am 30.1.1933 be­grü­ß­te Si­mons aus­drück­lich, wenn­gleich er die Rass­ei­deo­lo­gie der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zu­nächst ab­lehn­te. Je­doch schien ihm von sämt­li­chen Par­tei­en nur die NS­DAP in der La­ge zu sein, Staat und Ge­sell­schaft vor dem „Bol­sche­wis­mus“ zu schüt­zen und die von ihm er­streb­te Re­vi­si­on des Ver­sailler Ver­tra­ges um­zu­set­zen. Aus die­ser Sicht­wei­se her­aus be­für­wor­te­te er letzt­lich auch die Be­sei­ti­gung der li­be­ra­len Rechts­ord­nung der Wei­ma­rer Re­pu­blik zu­guns­ten ei­nes au­to­ri­tä­ren Rechts­sys­tems. 

Wal­ter Si­mons starb am 14.7.1937 in sei­nem Haus in Neu­ba­bels­berg (heu­te Stadt Pots­dam). Sein Grab be­fin­det sich auf dem Wil­mers­dor­fer Wald­fried­hof in Stahns­dorf. Seit 1993 er­in­nert an ihn der Wal­ter-Si­mons-Platz in Vel­bert, wo er 1893 ers­ter Amts­rich­ter ge­wor­den war.

Schriften (Auswahl)

Die Be­las­tung der deut­schen Sou­ve­rä­ni­tät durch die frem­den Kom­mis­sio­nen, Ber­lin 1920.
Kir­chen­volk und Staats­volk, Leip­zig 1937.
Der Rechts­ge­dan­ke in der Po­li­tik, Ber­lin 1925.
Re­li­gi­on und Recht, Ber­lin 1936.
Chris­ten­tum und Ver­bre­chen. Vor­trag ge­hal­ten auf der Welt­kon­fe­renz für Prak­ti­sches Chris­ten­tum zu Stock­holm am 22.8.1925, Leip­zig 1925. 

Literatur

Fried­rich, Nor­bert/Jähni­chen, Trau­gott (Hg.), So­zia­ler Pro­tes­tan­tis­mus im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Dia­ko­ni­sche und christ­lich-so­zia­le Ver­bän­de un­ter der Herr­schaft des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Müns­ter 2003.
Grün­der, Horst, Wal­ter Si­mons als Staats­mann, Ju­rist und Kir­chen­po­li­ti­ker, Neu­stadt an der Aisch 1975.
Grün­der, Horst, Wal­ter Si­mons, die Öku­me­ne und der Evan­ge­lisch-So­zia­le Kon­greß. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te des po­li­ti­schen Pro­tes­tan­tis­mus im 20. Jahr­hun­dert, Soest 1974. 

Online

Prof. Dr. h. c. Wal­ter Si­mons (Ta­bel­la­ri­sche Bio­gra­phie im Pro­fes­so­ren­ka­ta­log der Uni­ver­si­tät Leip­zig). [on­line
Ot­to, Mar­tin, Si­mons, Wal­ter, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 24 (2010), S. 441-443. [on­line]

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Walter Simons, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/walter-simons/DE-2086/lido/5db6e9fa0143d6.64435435 (abgerufen am 16.11.2019)