Wolfgang Müller von Königswinter

Arzt und Schriftsteller (1816-1873)

Pia Heckes (Bonn)

Wolfgang Müller von Königswinter, Holzschnitt, 19. Jahrhundert.

Pe­ter Wil­helm Carl Mül­ler, der ab 1845 den Künst­ler­na­men Wolf­gang Mül­ler von Kö­nigs­win­ter führ­te, war ei­ne be­gab­te, schil­lern­de Per­sön­lich­keit. Er ge­hör­te in sei­ner Zeit zu den viel ge­le­se­nen Dich­tern der Spät­ro­man­tik in Deutsch­land.

Pe­ter Wil­helm Carl Mül­ler wur­de am 5.3.1816 als Sohn des Dr. med. Ge­org Mül­ler (1780-1842) und sei­ner aus Bo­den­dorf an der Ahr stam­men­den Ehe­frau Jo­han­na Ka­tha­ri­na (1795-1876) in Kö­nigs­win­ter ge­bo­ren. Die Fa­mi­lie war ka­tho­lisch. 1820 wur­de der Va­ter Krei­s­phy­si­kus in Berg­heim an der Erft. 1828 wech­sel­te er be­ruf­lich nach Düs­sel­dorf, wo der Sohn ei­nen wich­ti­gen Teil sei­ner Kind­heit ver­brach­te und we­sent­li­che Im­pul­se für sei­nen wei­te­ren Le­bens­weg emp­fing. Im El­tern­haus er­hielt er ei­ne rei­che mu­si­sche För­de­rung, be­such­te be­reits als Schü­ler mit den El­tern die Aus­stel­lun­gen der Düs­sel­dor­fer Aka­de­mie und ent­wi­ckel­te ein ro­man­ti­sches Kunst­ver­ständ­nis, das un­ter an­de­rem ge­prägt war von den Wer­ken Karl Sim­rocks  und Jo­seph von Ei­chen­dorffs (1788-1857). Der Ro­man­tik blieb er bis an sein Le­bens­en­de ver­bun­den. Der Ma­ler Ja­kob Leh­nen (1803-1847), der zum Freun­des­kreis der Fa­mi­lie in Düs­sel­dorf ge­hör­te, er­weck­te in ihm das In­ter­es­se an der Bil­den­den Kunst, das ihn zum be­deu­ten­den Kri­ti­ker und so­mit auch viel­fäl­ti­gen För­de­rer der Düs­sel­dor­fer Ma­ler­schu­le um die Mit­te des 19.Jahr­hun­derts wer­den ließ.

 

Als Gym­na­si­ast (1827-1835) in Düs­sel­dorf über­ließ sich Mül­ler von Kö­nigs­win­ter ei­ner en­thu­si­as­ti­schen Schwär­me­rei für ei­ne jun­ge Ade­li­ge: Ste­pha­nie von Nes­sel­ro­de-Eres­ho­ven (1818–1881), der er Ge­dich­te wid­me­te. 1835 be­gann er ein Me­di­zin­stu­di­um in Bonn. In die­ser Zeit (1837) pfleg­te er Kon­tak­te zur Fa­mi­lie Scha­dow in Düs­sel­dorf so­wie zu Karl Sim­rock in Bonn, den er zu sei­nem dich­te­ri­schen Vor­bild er­ko­ren hat­te. Ihm wid­me­te er spä­ter sei­ne Vers­dich­tung „Die Mai­kö­ni­gin“ (Stutt­gart 1852) in ge­ra­de­zu hym­ni­scher Form:

„An Karl Sim­rock...

So bring’ ich heut ein länd­lich Bild

Es spielt im son­ni­gen Ge­fild,

Den Sie­ben­ber­gen nicht gar fern,

Wo ich ent­sproß, und wo du gern

Im Som­mer wohnst. Ich web­te drein

Volks­le­ben, Sitt und Brauch vom Rhein

Aus al­ter Zeit. Wie ich’s ge­fa­ßt,

Dünkt mir, daß dei­ner Art es pa­ßt.

O nimm – sei’s bei­den uns zur Eh­re! 

Dies Lied für dei­ne Lieb’ und Leh­re!“ 

Das bei Cot­ta er­schie­ne­ne, lie­be­voll aus­ge­stat­te­te Büch­lein fand wohl­ge­fäl­li­ge Auf­nah­me. Die lie­be­vol­le Schil­de­rung rhei­ni­schen Brauch­tums im Jah­res­lauf, ein­ge­bet­tet in ei­ne Lie­bes­ge­schich­te, kor­re­spon­diert mit Gen­re-Bil­dern der Düs­sel­dor­fer Ma­ler­schu­le, die ihm of­fen­sicht­lich An­re­gun­gen bo­ten für die­ses Werk, das ihn nach­hal­tig weg­führ­te von ei­nem Ka­pi­tel sei­ner Dich­tung und sei­nes Le­bens, das er in der Fol­ge nach 1852 ver­schämt zu ver­schwei­gen such­te: Es war sei­ne ak­ti­ve Hin­wen­dung zum Vor­märz und sei­ne Sym­pa­thie für die 1848er Re­vo­lu­ti­on in Düs­sel­dorf ge­we­sen, wo er als Mi­li­tär­arzt un­mit­tel­bar nach dem Stu­di­um 1840 zu­nächst als Wehr­pflich­ti­ger zu ar­bei­ten be­gon­nen hat­te. Nach dem Tod des Va­ters 1842 über­nahm er des­sen Pra­xis und war gleich­zei­tig als Ar­men­arzt tä­tig. Auch Künst­ler der Aka­de­mie be­han­del­te er; die­se zahl­ten oft mit Zeich­nun­gen oder Bil­dern, so dass er ei­ne schö­ne Samm­lung zu­sam­men be­kam. Doch sei­ne ei­gent­li­che Lei­den­schaft galt der Dich­tung.

Zu­rück zu den Stu­di­en­jah­ren Mül­lers von Kö­nigs­win­ter: 1838/1839 be­gann die bis zu sei­nem Tod wäh­ren­de Freund­schaft mit Fer­di­nand Frei­li­grath.

1839 ging Mül­ler nach Ber­lin, um dort sein Stu­di­um schnel­ler ab­schlie­ßen zu kön­nen als in Bonn. Er such­te den Kon­takt zu den Scha­dows und Ben­de­manns. Mit bei­den Fa­mi­li­en stand er be­reits in Ver­bin­dung, nicht zu­letzt über Ju­li­us Hüb­ner (1806-1882), ei­nen sei­ner bes­ten Freun­de, der mit Pau­li­ne Ben­de­mann (1809-1895) ver­hei­ra­tet war. Eben­so such­te Mül­ler von Kö­nigs­win­ter in Ber­lin Kon­takt zu Jo­seph von Ei­chen­dorff (1788-1857). Ein wei­te­rer en­ger Freund war der Dich­ter Alex­an­der Kauf­mann (1817-1893), der spä­te­re Ar­chi­var des Fürs­ten Lö­wen­stein in Wert­heim. Die Be­ga­bung zur Freund­schaft hin­der­te Mül­ler von Kö­nigs­win­ter al­ler­dings nicht dar­an, über sei­ne Zeit­ge­nos­sen ne­ga­ti­ve Ur­tei­le zu fäl­len. 1841 er­schie­nen die „Jun­gen Lie­der“, die ei­ne Art Grund­satz­er­klä­rung sei­ner Le­bens­ma­xi­me ent­hal­ten: das The­ma „Frei­heit“, das ihn über die 1848er Jah­re hin­aus be­glei­te­te. Ganz we­sent­lich da­für dürf­te auch die seit 1838/1839 be­ste­hen­de und bis zu sei­nem Tod wäh­ren­de Freund­schaft mit Fer­di­nand Frei­li­grath sein.

Titelbild: Die Maikönigin - Festzug, die Maikönigin. Eine Dorfgeschichte von Versen von Wolfgang Müller von Königswinter, J.B. Cotta'scher Verlag, 192 S., Goldschnitt, Stuttgart und Tübingen 1854, Grafiken: Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1871).

 

Am 9.1.1842 trat er sei­ne ers­te Rei­se nach Pa­ris an, wo er am 1. April zu­fäl­lig mit Hein­rich Hei­ne (1797-1856) zu­sam­men­traf. Hei­nes Werk und Tod spiel­ten für ihn spä­ter noch ei­ne wich­ti­ge Rol­le. Die Dich­tung „Höl­len­fahrt von Hein­rich Hei­ne“, die er 1856 an­onym ver­öf­fent­lich­te, wirft aber ein eher un­güns­ti­ges Licht auf ihn. Au­ßer Fra­ge steht, dass er sich zu so­zia­len Re­for­men hin­ge­zo­gen fühl­te. Er be­kann­te sei­ne Sym­pa­thie für die so­zia­lis­ti­schen Ide­en des Vor­märz und die um­stürz­le­ri­schen Plä­ne in Brie­fen und nahm An­teil am Schick­sal Hoff­manns von Fal­lers­le­ben (1798-1874), dem er nach des­sen Ent­las­sung aus dem Staats­dienst 100 Ta­ler über­wies.

Dass Mül­ler von Kö­nigs­win­ter mit den Ide­en der So­zia­lis­ten und Kom­mu­nis­ten der Zeit sym­pa­thi­sier­te, zeigt, dass Fried­rich En­gels ihn 1845 in „Ra­scher Fort­schritt des Kom­mu­nis­mus in Deutsch­lan­d“ er­wähnt. Es war die Zeit, als wich­ti­ge Gen­re­bil­der mit so­zia­lem und po­li­ti­schem In­halt in Düs­sel­dorf er­schie­nen: Carl Wil­helm Hüb­ners „We­ber“ wur­de be­reits er­wähnt, ein nicht min­der deut­li­ches Bild war sein „Jagd­rech­t“ (1846). Pe­ter Schwin­gens „Nicht ver­steu­er­tes Bro­t“ (1846), „Die Pfän­dun­g“ (1844), das „Schie­ßen um ein fet­tes Schwein“ (1844) müs­sen eben­so wie Hüb­ners Wer­ke Auf­se­hen er­regt ha­ben. Die preu­ßi­sche Re­gie­rung er­kann­te und be­ob­ach­te­te die­ses „Band zu der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on“ mit Arg­wohn.

Of­fen­sicht­lich be­wegt von den so­zia­len Ver­wer­fun­gen der Zeit, ver­fass­te Mül­ler von Kö­nigs­win­ter 1846, dem Jahr ei­ner Miss­ern­te mit dar­auf fol­gen­der Hun­gers­not, die „Bru­der­schafts­lie­der“. Sie er­schie­nen oh­ne Au­to­r­an­ga­be. Auf S. IV fin­det sich dort in der Ein­lei­tung ein ein­deu­ti­ges Be­kennt­nis zu sei­ner Sicht auf die so­zia­len Fra­gen der Zeit:

Ihr quillt aus ei­nem Her­zen,

Das für die Mensch­heit glüht,

Und das bei ih­ren Schmer­zen

Wie ei­ne Ro­se blüht,

Das tief des Hun­gers Schrei­en,

Des Jam­mers Hil­fe­ruf fühlt.[1]

Die Kon­se­quenz war, dass die „Bru­der­schafts­lie­der“ in Preu­ßen ver­bo­ten wur­den. In den „Oden an die Ge­gen­war­t“ fei­er­te Mül­ler von Kö­nigs­win­ter die 1848er Re­vo­lu­ti­on.

Spä­ter hat Mül­ler von Kö­nigs­win­ter sei­ne Re­vo­lu­ti­ons­lie­der und –dich­tun­gen ver­schwie­gen, er woll­te nur noch als ro­man­ti­scher Dich­ter wahr­ge­nom­men wer­den. Sei­ne Wand­lung zum bür­ger­li­chen Li­be­ra­len voll­zog sich auch vor dem Hin­ter­grund sei­ner Ehe­schlie­ßung am 9.11.1847 mit Emi­lie Schnitz­ler (1822-1877), der Toch­ter des Köl­ner Ban­kiers Karl Edu­ard Schnitz­ler (1792-1864) und sei­ner Ehe­frau Wil­hel­mi­ne ge­bo­re­ne Stein (1800-1869). Die wohl­ha­ben­de Schwie­ger­fa­mi­lie si­cher­te dem Poe­ten ein stan­des­ge­mä­ßes Le­ben. Die Hoch­zeits­rei­se am 16.11.1847 führ­te nach Pa­ris, wo man Hein­rich Hei­ne und Alex­an­der von Hum­boldt (1769-1859) traf. Aus der glück­li­chen Ehe mit Emi­lie gin­gen fünf Kin­der her­vor: die Söh­ne Max (1850-1908), Paul (1852-1868) und Hans (1854-1897) und die Töch­ter El­se (1856-1933) und To­ny (1857-1883).

Schon ab 1843 er­schie­nen die „Düs­sel­dor­fer Brie­fe“ in der „Köl­ni­schen Zei­tun­g“, wich­ti­ge Be­spre­chun­gen der ak­tu­el­len Kunst, die vor al­lem den Kunst­markt be­flü­gel­ten und die Düs­sel­dor­fer Ma­ler in den Blick­punkt der Kunst­kri­tik brach­ten. Mül­lers Ver­diens­te um die Düs­sel­dor­fer Aka­de­mie wür­digt sein Freund Wil­helm Kau­len (1822-1887) in der „Köl­ni­schen Zei­tung“ vom 2.8.1853. Deut­lich wird dar­in auch, dass Mül­ler wohl auch man­chen „Wid­rig­kei­ten“ in­fol­ge sei­ner Kri­tik aus­ge­setzt ge­we­sen ist. Doch be­schei­nigt Kau­len Mül­ler, dass er stets nur das Wohl der Ma­ler und der Aka­de­mie im Sinn ge­habt ha­be und man ihn des­halb doch sehr schätz­te, zu­mal er sich im­mer auch bei un­ge­recht­fer­tig­ten An­grif­fen schüt­zend vor die Aka­de­mie ge­stellt ha­be.

Rückseite: Der Vater willigt in die Eheschliessung ein, Die Maikönigin. Eine Dorfgeschichte in Versen von Wolfgang Müller von Königswinter, J.B. Cotta'scher Verlag, 192 S., Goldschnitt, Stuttgart und Tübingen 1852, Grafiken: Julius Schnorr von Carolsfeld (1794-1871).

 

Der en­ge­re Düs­sel­dor­fer Freun­des­kreis des Ehe­paa­res Mül­ler von Kö­nigs­win­ter be­stand aus Carl Fried­rich (1808-1880) und Ida Les­sing (1817-1880), Adolph (1805-1875) und Al­wi­ne (1820-1892) Schröd­ter, Fer­di­nand Hil­ler (1811-1885), Karl Sohn (1805-1867), Chris­ti­an Köh­ler (1809-1861), No­tar Jo­seph Eu­ler (1804-1886) - er spiel­te eben­falls ei­ne wich­ti­ge Rol­le in der 1848er Re­vo­lu­ti­on -, Ri­chard Ha­sen­cle­ver (1813–1876), Ru­dolf Jor­dan (1810-1887), Ru­dolf (1804-1865) und Ma­rie (1820-1893) Wieg­mann, Adolph Ti­de­mand (1814-1876). Ri­chard Ha­sen­cle­ver be­wog Mül­ler von Kö­nigs­win­ter kurz vor sei­nem Tod da­zu, sich - wie sein Vor­bild Karl Sim­rock - der alt­ka­tho­li­schen Kir­che zu­zu­wen­den. Un­klar ist, ob er tat­säch­lich of­fi­zi­ell kon­ver­tiert ist.

Ne­ben den re­vo­lu­tio­nä­ren, auch an­onym ver­öf­fent­lich­ten Schrif­ten Mül­lers von Kö­nigs­win­ter ent­stand im Jahr 1847 die ers­te Samm­lung von Ge­dich­ten. 1848 war Mül­ler von Kö­nigs­win­ter aber in Düs­sel­dorf tat­säch­lich bei den re­vo­lu­tio­nä­ren Kräf­ten zu fin­den. Wie Hu­go We­sen­donck (1817-1900), der seit 1842 als An­walt in Düs­sel­dorf leb­te, nahm er am Frank­fur­ter Vor­par­la­ment teil. Ge­fan­gen und be­wegt von der Auf­bruchs­stim­mung, die vom Frank­fur­ter Par­la­ment aus­ging, des­sen Se­kre­tär Mül­ler von Kö­nigs­win­ter wur­de, ver­öf­fent­lich­te er die „Oden an die Ge­gen­war­t“ und die „Ger­ma­nia – ein sa­ti­ri­sches Mär­chen“ (bei­de 1848), sehr po­li­ti­sche Schrif­ten, die aber we­der in In­halt noch in Form an die Wer­ke Hei­nes her­an­rei­chen. Die „Oden“ sind den­noch mu­ti­ge Ge­sän­ge wi­der die Fürs­ten­will­kür und für die Frei­heit des Vol­kes. Es macht noch heu­te stau­nen, dass Mül­ler von Kö­nigs­win­ter sol­che wahr­haft sys­tem­kri­ti­schen Ver­se zu schmie­den ver­stand und den Mut be­saß, die­se auch zu ver­öf­fent­li­chen. Und es macht stau­nen, dass die­se Dich­tun­gen nur ein Ver­bot in Preu­ßen nach sich zo­gen, nicht aber per­sön­li­che Kon­se­quen­zen für den Ver­fas­ser. Ins­be­son­de­re die Ka­pi­tel „Den deut­schen Fürs­ten“ und „Die Ber­li­ner März­ta­ge“ hät­ten Stoff ge­nug ge­bo­ten für staat­li­che Re­pres­sio­nen. Die „Ger­ma­ni­a“ ist ein Mär­chen um die Prin­zes­sin Ger­ma­nia Teut mit ih­ren zahl­rei­chen Lieb­schaf­ten und den dar­aus ent­spros­se­nen Söh­nen „Aris­to­kra­ti­kus“, „Pie­tis­ti­kus“, „Bü­ro­kra­ti­us“, „Bank­no­ti­kus“ und dem „Mi­chel­chen“. Der Au­tor be­dien­te dar­in skru­pel­los den Zeit­ge­schmack sei­ner oft­mals la­tent oder auch of­fen an­ti­se­mi­tisch ein­ge­stell­ten Le­ser­schaft, de­ren Welt­an­schau­ung er of­fen­bar teil­te.

Mül­ler von Kö­nigs­win­ter schloss sich eng an den 1848 ge­grün­de­ten Düs­sel­dor­fer Künst­ler­ver­ein „Mal­kas­ten“ an, wie er auch dem Düs­sel­dor­fer „Ver­ein für De­mo­kra­ti­sche Mon­ar­chie“ an­ge­hör­te, den Hu­go We­sen­donck lei­te­te. Er scheint in­mit­ten der bro­deln­den rhei­ni­schen Po­lit­kü­che in Düs­sel­dorf eif­rig in den Töp­fen ge­rührt zu ha­ben. Um­so mehr er­staunt sei­ne Hin­wen­dung zur Re­ak­ti­on, was sei­ne chi­mä­ren­haf­te Stel­lung im po­li­ti­schen Spek­trum su­spekt er­schei­nen lässt.

Ab 1850 wird die Flucht Mül­lers von Kö­nigs­win­ter in die vor­der­grün­dig „un­po­li­ti­sche“ Rhein­ro­man­tik über­deut­lich. In ra­scher Fol­ge er­schei­nen: 1850 „Kin­der­le­ben in Lie­dern und Bil­dern“, mit Bil­dern von Theo­dor Min­trop, 1851 „Düs­sel­dor­fer Künst­ler-Al­bum Düs­sel­dor­f“, Jahr­gang 1-2 (1851-1852) und 10-16 (1860-66), 1851 au­ßer­dem „Nor­we­gi­sches Bau­ern­le­ben“. Ein Cy­clus in 10 Bil­dern von Adolph Ti­de­mand, li­tho­gra­phiert von J. B. Son­der­lan­d“, Düs­sel­dorf (vier Auf­la­gen), „Lo­re­lei“, Rhei­ni­sche Sa­gen, Köln, 1852 „Die Mai­kö­ni­gin - Ei­ne Dorf­ge­schich­te in Ver­sen“, Stutt­gart.

„Die Mai­kö­ni­gin“ ist ei­ne höchst ro­man­ti­sche Lie­bes­ge­schich­te mit glück­li­chem Aus­gang, die aber durch­aus an­knüpft an die so­zia­len The­men, die dem Au­tor am Her­zen la­gen. In der „Mai­kö­ni­gin“ er­obert ein Knecht des Her­ren­bau­ers Töch­ter­lein, das die­ser ihm letzt­lich auch zur Frau gibt. Dem Knecht ist das Glück des wahr­haft Tüch­ti­gen hold. Der Klas­sen­un­ter­schied wird the­ma­ti­siert in wört­li­cher Re­de des Her­ren­bau­ern. Auf­ge­ho­ben wird er durch die Hand­lung. Ein hüb­sches Stück rhei­ni­scher Ro­man­tik, mit dem der Schritt weg von der po­li­ti­schen Dich­tung der Re­vo­lu­ti­ons­zeit hin zur rei­nen Spät­ro­man­tik pla­ka­tiv voll­zo­gen wur­de. Als klei­ner Hin­weis und Sei­ten­hieb auf die Mit­glie­der des Mai­kä­fer­bun­des, des­sen Eh­ren­mit­glied Mül­ler von Kö­nigs­win­ter ehe­dem war, fin­det sich auf dem Rück­ti­tel des Büch­leins, der das glück­li­che En­de der Hand­lung il­lus­triert, zu Fü­ßen des Lie­bes­paa­res ein to­ter Mai­kä­fer, im Hin­ter­grund die rau­chen­den Trüm­mer des im Feu­er un­ter­ge­gan­ge­nen Her­ren­bau­ern­ho­fes. Das Büch­lein hat ge­ra­de­zu pro­gram­ma­ti­schen Cha­rak­ter für die zu­künf­ti­gen Ar­bei­ten Mül­lers von Kö­nigs­win­ters. Es muss de­nen, die die Bar­ri­ka­den­kämp­fe in Düs­sel­dorf im Mai 1849 mit 16 To­ten er­lebt hat­ten, wie blan­ker Hohn er­schie­nen sein, als hoh­le Phra­se ei­nes Re­ak­tio­närs, der die Schil­de­rung des Land­le­bens be­nutzt als Fo­lie für sei­ne Phan­ta­si­en von aus­glei­chen­der „hö­he­rer“ Ge­rech­tig­keit. Für die Mit­glie­der des „Mai­kä­fer­bun­des“ muss die Um­schlag­gra­fik be­son­ders schmerz­haft ge­we­sen sein, hat­te sich der „Mai­kä­fer­bun­d“ doch schon 1846 auf­ge­löst. Der to­te Mai­kä­fer war wie ein spä­tes Nach­tre­ten.

Die über­aus ro­man­ti­schen Wer­ke er­schie­nen in so dich­ter Fol­ge, dass man ge­neigt ist, sie als Re­ak­ti­on auf sei­ne Re­vo­lu­ti­ons­dich­tun­gen zu se­hen. An­schei­nend woll­te er sei­ne re­vo­lu­tio­nä­ren Auf­wal­lun­gen ver­ges­sen ma­chen und mit die­sen ro­man­ti­schen Dich­tun­gen das ge­bil­de­te Rhein­land, das in rei­chem Ma­ße von der Struk­tur­po­li­tik der Preu­ßen pro­fi­tier­te, mit der preu­ßi­schen Po­li­tik ver­söh­nen. Es war ge­ra­de Düs­sel­dorf, die Re­si­denz­stadt am Rhein, die ei­nen Mo­der­ni­sie­rungs­schub er­fah­ren hat­te.

Wie Fer­di­nand Las­sal­le (1825-1869) nach 1848 letzt­lich staats­tra­gend preu­ßisch agier­te, schwenk­te Mül­ler von Kö­nigs­win­ter auf die ver­meint­lich un­po­li­ti­sche Rhein­ro­man­tik um. Die Rhein­ro­man­tik wur­de zum iden­ti­täts­stif­ten­den Mo­ment in der rhei­nisch-preu­ßi­schen Ge­schich­te. Da­mit war die ro­man­ti­sche Dich­tung des Mül­ler von Kö­nigs­win­ter ein emi­nent po­li­ti­sches In­stru­ment, des­sen Wir­kun­gen aber in über­schau­ba­rem Rah­men blie­ben.

In den Jah­ren nach 1850 pfleg­te der Dich­ter Kon­takt zur Fa­mi­lie Ro­bert Schu­manns. Bei der Tau­fe von Cla­ra un­d Ro­bert Schu­manns vier­ter Toch­ter Eu­ge­nie am 31.1.1852 war er Tauf­pa­te und zeit­wei­lig 1852 auch Arzt von Ro­bert Schu­mann. 1853 er­folg­te der Um­zug von Düs­sel­dorf nach Köln, wo er 1864 am Apos­teln­klos­ter 27 ein gro­ßzü­gi­ges Haus im neo­go­ti­schen Stil er­warb. Mül­ler von Kö­nigs­win­ter war im Zen­trum der rhei­ni­schen Künst­ler­schaft an­ge­kom­men. 1854 ver­öf­fent­licht er „Düs­sel­dor­fer Künst­ler aus den letz­ten fünf­und­zwan­zig Jah­ren“, heu­te ein wich­ti­ges Quel­len­werk für die Düs­sel­dor­fer Ma­ler­schu­le. Er hat sich vor al­lem mit die­sem Buch Ver­diens­te um die Düs­sel­dor­fer Aka­de­mie er­wor­ben. Am Bei­spiel des kri­ti­schen Tex­tes zu Pe­ter Schwin­gens Bil­dern wird aber auch deut­lich, dass er in ge­wis­sem Ma­ße nach­tra­gend war. Er be­schei­nig­te Schwin­gen zwar Be­ga­bung und Ta­lent, doch die so­zia­len Su­jets sei­ner Bil­der lehn­te er rund­weg ab. Er hat Schwin­gen mit die­sem Text für lan­ge Zeit aus der Kunst­ge­schich­te her­aus­ge­schrie­ben, weil bis zu Be­ginn des 20. Jahr­hun­derts sein Wert­ur­teil un­kri­tisch über­nom­men wur­de. Was mag zwi­schen den bei­den Rhein­län­dern in Düs­sel­dorf vor­ge­fal­len sein? Bei­de ka­men ja aus der en­ge­ren Um­ge­bung Bonns, was sie durch­aus hät­te ver­bin­den kön­nen. Bei­de wa­ren ak­tiv rund um den Mal­kas­ten. Bei­de wa­ren zu­min­dest zeit­wei­lig be­wegt von der so­zia­len Fra­ge. Wahr­schein­lich hat es ein­mal ei­nen Dis­sens ge­ge­ben, den Mül­ler von Kö­nigs­win­ter nicht be­reit war zu ver­ges­sen. Mög­li­cher­wei­se hing das mit den Un­stim­mig­kei­ten der Jah­re nach 1848 im Mal­kas­ten zu­sam­men. Denn noch 1847 be­schei­nig­te Mül­ler von Kö­nigs­win­ter ge­ra­de der Düs­sel­dor­fer Gen­re­ma­le­rei, die „ei­gent­li­che Kraft der Düs­sel­dor­fer Schu­le“ zu sein, „die Düs­sel­dor­fer Ma­ler sei­en ‚die Ma­ler des Vol­kes und sei­ner Lei­den und Freu­den’.[2] Und ge­nau dies war ja die Stär­ke der Ma­le­rei Schwin­gens. Dass Mül­ler von Kö­nigs­win­ter ihn, die­sem vor­re­vo­lu­tio­nä­ren Ur­teil zu­wi­der, 1854 so sehr ge­de­mü­tigt hat, scheint durch sei­nen per­sön­li­chen Sin­nes­wan­del be­grün­det und zeigt, wie sehr der Dich­ter sich den Zeit­um­stän­den an­ge­passt hat­te. Vom Re­vo­lu­tio­när zum Re­ak­tio­när.

1854 ver­öf­fent­lich­te er auch den „Prinz Min­ne­win. Ein Mit­te­som­mer­abend­mär­chen“. Für Mül­ler von Kö­nigs­win­ter be­gann ei­ne li­te­ra­risch frucht­ba­re Zeit, die be­kann­tes­ten Wer­ke, die in der Fol­ge­zeit ent­ste­hen, sind: „Ge­dich­te“ (1857), „Jo­hann von Wer­t­h“ (1858), „Das Haus der Bren­ta­no“ (1859), „Er­zäh­lun­gen ei­nes rhei­ni­schen Chro­nis­ten“, „Aus Ja­co­bi’s Gar­ten“ (1861), „Vier Bur­gen“ (1862). Da­nach wid­met er sich vor al­lem dem Ver­fas­sen von Schau­spie­len, wo­mit ihm aber we­nig Er­folg be­schie­den war. Sei­ne Mär­chen ent­nahm er häu­fig ent­fern­te­ren Land­schaf­ten und schrieb sie um in die rhei­ni­sche Land­schaft, was nicht im­mer über­zeu­gend ge­lang, und was auch schon die Zeit­ge­nos­sen kri­tisch an­ge­merk­ten.

1856, nach dem Tod Hei­nes, ver­öf­fent­lich­te er an­onym die „Höl­len­fahrt von Hein­rich Hei­ne“. Es ist nicht über­trie­ben, das Werk ei­nen Sün­den­fall zu nen­nen, ein Ab­ge­sang, der üb­ler und dümm­li­cher nicht hät­te aus­fal­len kön­nen, ei­ne Ab­rech­nung mit Hei­ne als Per­son und mit dem „Win­ter­mähr­chen“ (1844), die er gleich die­sem, von Ca­put I bis Ca­put XXIV struk­tu­rier­te. Es war we­der wirk­lich sa­ti­risch, noch hu­mor­voll, noch klug, ein­fach nur ei­ne voll­kom­men ver­un­glück­te Aus­ein­an­der­set­zung mit ei­nem To­ten - ein dunk­les Ka­pi­tel im Werk des Dich­ters, das mit Recht in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten ist.

1856, nach dem Tod Hei­nes, ver­öf­fent­lich­te er an­onym die „Höl­len­fahrt von Hein­rich Hei­ne“. Es ist nicht über­trie­ben, das Werk ei­nen Sün­den­fall zu nen­nen, ein Ab­ge­sang, der üb­ler und dümm­li­cher nicht hät­te aus­fal­len kön­nen, ei­ne Ab­rech­nung mit Hei­ne als Per­son und mit dem „Win­ter­mähr­chen“ (1844), die er gleich die­sem, von Ca­put I bis Ca­put XXIV struk­tu­rier­te. Es war we­der wirk­lich sa­ti­risch, noch hu­mor­voll, noch klug, ein­fach nur ei­ne voll­kom­men ver­un­glück­te Aus­ein­an­der­set­zung mit ei­nem To­ten - ein dunk­les Ka­pi­tel im Werk des Dich­ters, das mit Recht in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten ist.

Im Jahr 1870 er­wach­te sein al­ter Kamp­fes­geist noch­mals. Durch den Deutsch-Fran­zö­si­schen Krieg an­ge­regt, schrieb er: „Durch Kampf zum Sie­g“ – ei­ne Pa­ro­le, die in den 1930er Jah­ren durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten un­gu­te Kar­rie­re ma­chen soll­te. Er half frei­wil­lig beim Sa­ni­täts­dienst und wur­de durch den Sieg und die Ei­ni­gung des Rei­ches wie­der po­li­ti­siert. Er kan­di­dier­te bei den Reichs­tags­wah­len am 3.3.1871, doch es ge­wann sein dem Ul­tra­mon­ta­nis­mus zu­nei­gen­der Kon­tra­hent. In der Fol­ge fand sich Mül­ler von Kö­nigs­win­ter mit sei­nen Dich­tun­gen aus der per­sön­li­chen „Sturm- und Drang­zeit“ öf­fent­lich ge­schmäht, was ihm Bit­ter­keit be­scher­te. Er er­krank­te schwer und starb am 27.6.1873 wäh­rend der Kur in Neue­nahr (heu­te Stadt Bad-Neue­nahr-Ahr­wei­ler). Be­gra­ben wur­de er auf dem Me­la­ten­fried­hof in Köln.

Er blieb der Nach­welt in Er­in­ne­rung als der Dich­ter der Rhein­ro­man­tik. In Kö­nigs­win­ter wid­me­te man ihm 1896 ein Denk­mal in der Nä­he der Rhein­pro­me­na­de, das Ot­to Les­sing (1846-1912), ein Sohn Carl Fried­rich Les­sings, des lang­jäh­ri­gen Freun­des, schuf. Die Ori­gi­nal­aus­ga­ben der Dich­tun­gen Wolf­gang Mül­ler von Kö­nigs­win­ters ge­hö­ren heu­te zu den be­gehr­ten Samm­ler­stü­cken der Bü­cher­lieb­ha­ber, auch wenn die Dich­tun­gen selbst nicht zum wert­volls­ten Be­stand der rhei­ni­schen Poe­sie ge­hö­ren und kaum noch ge­le­sen wer­den.

Werke (Auswahl)

Bal­la­den und Ro­man­zen, Düs­sel­dorf 1842.

Bru­der­schafts­lie­der, Darm­stadt 1846.

Ge­dich­te, Frank­furt a.M. 1847.

Ger­ma­nia, Frank­furt a.M. 1848.

Oden der Ge­gen­wart, Düs­sel­dorf 1848.

Kin­der­le­ben in Lie­dern und Bil­dern, Düs­sel­dorf 1850.

Düs­sel­dor­fer Künst­ler-Al­bum, Düs­sel­dorf 1851.

Die Mai­kö­ni­gin. Ei­ne Dorf­ge­schich­te in Ver­sen, Stutt­gart und Tü­bin­gen 1852.

Düs­sel­dor­fer Künst­ler aus den letz­ten fünf­und­zwan­zig Jah­ren, Leip­zig 1854.

Das Rhein­buch, Brüs­sel, Gent und Leip­zig 1855.

Höl­len­fahrt von Hein­rich Hei­ne, Han­no­ver 1856.

Ta­fel­lie­der, Bonn 1857.

Jo­hann von Werth, Köln 1858.

Ihr Völ­ker aus Ger­ma­nen­blut, Köln 1859.

Er­zäh­lun­gen ei­nes rhei­ni­schen Chro­nis­ten, Leip­zig 1861.

Vier Bur­gen, Leip­zig 1862.

Sie hat ihr Herz ent­deckt. Lust­spiel, EA 1863.

Kei­ne Fal­te in der See­le. Schau­spiel, Ber­lin 1864.

Die sie­ben Schwa­ben. Ein neu­es Mär­lein von der deut­schen Ein­heit, Köln 1866.

Dorn­rös­chen. Lust­spiel, Köln 1867.

Um des Kai­sers Bart. Lust­spiel, Wies­ba­den 1868.

Mein Herz ist am Rhein! Lie­der­buch, Han­no­ver 1868.

Durch Kampf zum Sieg, Ber­lin 1870.

Der Zau­be­rer Mer­lin, Ber­lin 1871.

Dich­tun­gen ei­nes rhei­ni­schen Poe­ten, Leip­zig 1871-76, 6 Bde.

Dra­ma­ti­sche Wer­ke, Ber­lin 1872, 6 Bde.

Kur­hut und Kö­nigs­kro­ne. Schau­spiel, Köln 1873.

Das Haus der Bren­ta­no, 1874.

Literatur

Luch­ten­berg, Paul, Wolf­gang Mül­ler von Kö­nigs­win­ter, 2 Bän­de, Köln 1959.

Online

Hütt, Wolf­gang, „Mül­ler, Wolf­gan­g“, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 18 (1997), S. 486-487. [On­line]

Wolfgang Müller von Königswinter, Büste von Otto Lessing (1846-1912) an der Rheinallee in Königswinter, Foto: Tohma. (Tohma)

 
Anmerkungen
  • 1: Luchtenberg, Band I , S. 211.
  • 2: Zitiert nach Schambach, Karin: Wetterleuchten der Revolution, in: Katalog 1848 Aufbruch zur Freiheit, Frankfurt 1998, S. 39- 43., hier S. 43.
Zitationshinweis

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Heckes, Pia, Wolfgang Müller von Königswinter, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/wolfgang-mueller-von-koenigswinter/DE-2086/lido/57c9516754ab31.17301722 (23.06.2018)