Karl Joseph Simrock

Germanist und Dichter (1802-1876)

Arnulf Krause (Bonn)

Karl Joseph Simrock, Porträtfoto, um 1850.

Der Bon­ner Karl Sim­rock er­hielt den ers­ten ger­ma­nis­ti­schen Lehr­stuhl der Uni­ver­si­tät Bonn. Sei­ne Über­set­zun­gen und Nach­dich­tun­gen mit­tel­hoch­deut­scher ­so­wie an­de­rer mit­tel­al­ter­li­cher Tex­te er­freu­ten sich gro­ßer Be­liebt­heit. Sei­ner Va­ter­stadt und dem Rhein­land wid­me­te er zahl­rei­che po­pu­lä­re Ver­öf­fent­li­chun­gen.

Der aus Mainz stam­men­de Va­ter Ni­co­laus Sim­rock (1751-1832) war kur­k­öl­ni­scher Hof- und Kam­mer­mu­si­ker, be­vor er sich als Mu­sik­ver­le­ger un­ter an­de­re­m ­des be­freun­de­ten Lud­wig van Beet­ho­ven ei­nen Na­men mach­te (Mu­sik­ver­lag N. Sim­rock seit 1793). Die Mut­ter Ot­ti­lie Fran­zis­ca, ge­bo­re­ne Blascheck (1756-1829) stamm­te eben­falls aus Mainz. Der am 28.8.1802 in Bonn ge­bo­re­ne Karl war das 13. und jüngs­te Kind des Paa­res. 

Seit 1834 war Sim­rock mit Ger­trud An­toi­net­te Ost­ler (1804-1872) ver­hei­ra­tet, der Toch­ter des ver­stor­be­nen Forst­meis­ters Max Fried­rich Ost­ler (1770-1827) aus Rött­gen. Das Paar hat­te vier Kin­der: Agnes (1835-1904), Do­ro­thea (1836-1911), Cas­par (1842-1897), der Arzt in Frank­furt am Main wur­de, und An­na Ma­ria (1846-1905), die sich ver­hei­ra­te­te mit Au­gust Reif­fer­scheid (1835-1887), Pro­fes­sor für klas­si­sche Phi­lo­lo­gie; ihr Sohn Hein­rich Reif­fer­scheid (1872-1945) war Ma­ler und Aka­de­mie­pro­fes­sor in Ber­lin un­d Düs­sel­dorf. Ein Ur­en­kel Sim­rocks war Walt­her Ot­ten­dorff-Sim­ro­ck (1902-1985), Ju­rist und Schrift­stel­ler. 

Nach Pri­vat­un­ter­richt und Be­such des Ly­cée be­zie­hungs­wei­se Gym­na­si­ums be­gann Sim­rock 1818 mit dem Stu­di­um der Rech­te an der neu­ge­grün­de­ten Uni­ver­si­tät Bonn. Er in­ter­es­sier­te sich je­doch auch für die Ge­schich­te der deut­schen Spra­che und Li­te­ra­tur. Dar­um hör­te er Vor­le­sun­gen Au­gust Wil­helm von Schle­gels über Li­te­ra­tur un­d Ernst Mo­ritz Arndts über Ge­schich­te. Er freun­de­te sich un­ter an­de­rem mit Hein­rich Hei­ne un­d Au­gus­t Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben (1798-1874) an. 

1822 setz­te Sim­rock sein Stu­di­um in Ber­lin fort, wo er die ers­te (1823) und zwei­te Ju­ris­ti­sche Staats­prü­fung (1825) ab­leg­te. Auch dort wid­me­te er sich der alt­deut­schen Li­te­ra­tur, was der Be­such alt­germa­nis­ti­scher Vor­le­sun­gen bei Fried­rich von der Ha­gen (1780-1856) und Carl Lach­mann (1793-1851) ver­deut­licht. Wäh­rend sei­ner Dienst­zeit als Re­fe­ren­dar beim Kö­nig­li­chen Kam­mer­ge­richt ver­öf­fent­lich­te er ei­ne Über­tra­gung des Ni­be­lun­gen­lie­des ins Neu­hoch­deut­sche (1827), die Goe­thes Wohl­wol­len weck­te und bis ins 20. Jahr­hun­dert po­pu­lär war. Sim­rocks li­te­ra­ri­sche In­ter­es­sen schlu­gen sich im Be­such li­te­ra­ri­scher Zir­kel wie der „Mitt­wochs-Ge­sell­schaf­t“ nie­der und in der Ver­öf­fent­li­chung li­te­ra­ri­scher Bei­trä­ge. Dort lern­te er Ro­man­ti­ker wie Adal­bert von Cha­mis­so (1781-1838) und Fried­rich de la Mot­te-Fou­qué (1777-1843) ken­nen. Da­mals ent­wi­ckel­te sich auch ei­ne Brief­freund­schaft mit Ja­cob (1785-1863) und Wil­helm Grimm (1786-1859) so­wie mit der Fa­mi­lie des letz­te­ren. 1829 lern­te Sim­rock wäh­rend ei­ner Rei­se nach Süd­deutsch­land Lud­wig Uh­land (1787-1862) und Jus­ti­nus Ker­ner (1786-1862) ken­nen, die Haupt­ver­tre­ter der Schwä­bi­schen Dich­t­er­schu­le. 

1830 wur­de Sim­rock über­ra­schend aus dem preu­ßi­schen Staats­dienst ent­las­sen. Grund da­für bot sein Ge­dicht „Drei Ta­ge und drei Far­ben“, in dem er die zum Sturz der Bour­bo­nen füh­ren­de Pa­ri­ser Ju­li-Re­vo­lu­ti­on be­geis­tert be­grü­ß­te. Da­von ab­ge­se­hen ten­dier­ten sei­ne po­li­ti­schen Ein­stel­lun­gen zum Kon­ser­va­ti­vis­mus und wa­ren ge­gen­über Preu­ßen durch­weg po­si­tiv ge­stimmt. 1832 kehr­te Sim­rock end­gül­tig nach Bonn zu­rück. Das Er­be sei­nes ver­stor­be­nen Va­ters, dar­un­ter auch Wein­gü­ter in Men­zen­berg bei Hon­nef (heu­te Stadt Bad Hon­nef), er­laub­te es ihm, das Le­ben ei­nes ver­mö­gen­den Pri­vat­ge­lehr­ten zu füh­ren. Die Hei­rat der wohl­ha­ben­den Ger­trud An­toi­net­te Ost­ler führ­te zum Be­sitz ei­nes Hau­ses in der Acher­stra­ße 13 in Bonn, in dem das Paar seit 1834 wohn­te. 1840 wur­de der Bau des Hau­ses „Par­zi­val“ in Men­zen­berg fer­tig ge­stellt, wo Sim­rock fort­an die Som­mer­mo­na­te ver­brach­te, sei­nen ei­ge­nen Rot­wein „Ecken­blu­t“ kel­ter­te und Gäs­te aus nah und fern emp­fing. 

Sim­rock nahm am Ge­sell­schafts- und Ver­eins­le­ben Bonns so­wie des Rhein­lands re­gen An­teil – un­ter an­de­rem am Kar­ne­val (er war Eh­ren­mit­glied des All­ge­mei­nen Ver­eins der Car­ne­vals­freun­de zu Düs­sel­dorf); dem Bon­ner Stadt­rat ge­hör­te er 1842-1846 an. Vor al­lem pfleg­te er re­gen Um­gang mit jün­ge­ren Do­zen­ten der Uni­ver­si­tät, mit Stu­den­ten und Li­te­ra­ten, dar­un­ter Gott­fried Kin­kelFer­di­nand Frei­li­grathKarl Im­mer­mann, E­ma­nu­el ­Gei­bel (1815-1884), Wolf­gang Mül­ler von Kö­nigs­win­ter, Ja­cob Burck­hardt (1818-1897) und Le­vin Schü­cking (1814-1883). Be­son­ders na­he stand er de­m 1840 ge­grün­de­ten „Mai­kä­fer­bun­d“, ei­nem Dich­ter­kreis um Kin­kel und des­sen spä­te­re Frau Jo­han­na Mo­ckel. Von 1844 war er bis zum En­de des Krei­ses 1847 Mit­glied und schrieb Bei­trä­ge in der hand­schrift­li­chen Ver­eins­zei­tung „Der Mai­kä­fer“. 

 

Pu­bli­zis­tisch trug Sim­rock er­heb­lich zur Po­pu­la­ri­tät der Rhein­ro­man­tik bei. Dies gilt ins­be­son­de­re für die Samm­lung der „Rhein­sa­gen aus dem Mun­de des Vol­kes und deut­scher Dich­ter“ (1837, vie­le Auf­la­gen), in die er auch ei­ge­ne ly­ri­sche Sa­gen­ge­stal­tun­gen und Bal­la­den wie die be­rühm­te „War­nung vor dem Rhein“ auf­nahm. „Das ma­le­ri­sche und ro­man­ti­sche Rhein­lan­d“ (1838-1840, meh­re­re Auf­la­gen) schrieb er als zeit­ty­pi­sche Rei­se­be­schrei­bung in Pro­sa und mit Ge­dich­ten, die auf Land­schaft und Ge­schich­te, auf Bräu­che, Sa­gen und An­ek­do­ten ein­geht. Ge­mein­sam mit Frei­li­grath und Chris­ti­an Jo­sef Mat­z­er­ath (1815-1876) gab Sim­rock das kurz­le­bi­ge „Rhei­ni­sche Jahr­buch für Kunst und Poe­sie“ her­aus. 

Von sei­nen volks­kund­li­chen In­ter­es­sen zeu­gen fer­ner die „Bon­ner Fa­schings­lie­der“ (1844), und das „Bon­ner Idio­ti­con“, ei­ne Samm­lung von Wör­tern, Wen­dun­gen und Re­dens­ar­ten der Bon­ner Mund­art, die als Ma­nu­skript un­voll­stän­dig blieb. Auch die „Deut­schen Volks­lie­der“ (1851) be­zie­hen sich über­wie­gend auf die Bon­ner Um­ge­bung. Et­li­che Vor­la­gen über­nahm Sim­rock von der „Hei­nemöhn“ Ma­rie Cä­ci­lie Hei­ne, ei­ner Wein­berg­ar­bei­te­rin aus Men­zen­berg. 

1834 wur­de Sim­rock auf Be­trei­ben des da­ma­li­gen Rek­tors der Uni­ver­si­tät Bonn, des Phi­lo­so­phen Chris­ti­an Au­gust Bran­dis (1790-1867), und schwä­bi­scher Freun­de wie Lud­wig Uh­land von der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen der Dok­tor­ti­tel ver­lie­hen. Seit 1841 be­kun­de­te er In­ter­es­se an ei­ner in Bonn neu ein­zu­rich­ten­den Pro­fes­sur für deut­sche Li­te­ra­tur, wo­bei ihn der Ku­ra­tor Phil­ipp Jo­seph von Reh­fu­es (1775-1843) un­ter­stütz­te. Nach­dem Sim­rock ei­nen Teil sei­nes Ver­mö­gens 1848 ver­lo­ren hat­te, ver­stärk­te er die Be­mü­hun­gen um ein Or­di­na­ri­at. 1850 er­nann­te ihn die Uni­ver­si­tät Bonn schlie­ß­lich zum au­ßer­or­dent­li­chen Pro­fes­sor für Ge­schich­te der deut­schen  Li­te­ra­tur – al­ler­dings oh­ne Ge­halt. Zwei Jah­re spä­ter wur­de er zum ers­ten or­dent­li­chen Pro­fes­sor für deut­sche Spra­che und Li­te­ra­tur der Uni­ver­si­tät Bonn er­nannt. Ei­nen er­heb­lich at­trak­ti­ve­ren Ruf nach Mün­chen lehn­te er ab. Seit­dem wirk­te Sim­rock über­wie­gend als Hoch­schul­leh­rer und im aka­de­mi­schen Um­feld, so 1856/1857 als De­kan der Phi­lo­so­phi­schen Fa­kul­tät. 

Grab Karl Joseph Simrocks auf dem Alten Friedhof in Bonn, Foto: Rainer Henkel.

 

Sein Werk um­fasst Aus­ga­ben (et­wa Walt­her von der Vo­gel­wei­de 1870), Über­set­zun­gen (Die Ed­da 1851), Be­ar­bei­tun­gen und Nach­dich­tun­gen mit­tel­al­ter­li­cher Li­te­ra­tur (Das Ame­lun­gen­lied 1843-1849) so­wie Tex­te ver­meint­li­cher Volks­über­lie­fe­run­gen (Die deut­schen Volks­bü­cher seit 1839), für die er un­ter den Zeit­ge­nos­sen gro­ße Po­pu­la­ri­tät ge­noss. Als Wis­sen­schaft­ler tat sich Sim­rock kaum her­vor, in sei­nen Edi­tio­nen folgt er we­ni­ger stren­gen phi­lo­lo­gi­schen Grund­sät­zen als sei­nen poe­ti­schen Nei­gun­gen, die ro­man­tisch und pa­trio­tisch ge­prägt wa­ren. 

Als Geg­ner des päpst­li­chen Un­fehl­bar­keits­dog­mas schloss er sich 1871 der alt­ka­tho­li­schen Be­we­gung an und trug zu de­ren Stär­kung in Bonn bei. Drei Ta­ge nach sei­nem Tod am 18.7.1876 wur­de Sim­rock auf dem Al­ten Fried­hof in Bonn be­er­digt. Ein 1903 im Bon­ner Hof­gar­ten ein­ge­weih­tes Sim­rock-Denk­mal von Al­bert Her­mann Küp­pers (1842-1929) wur­de ge­gen En­de des Zwei­ten Welt­krie­ges de­mon­tiert und teil­wei­se ein­ge­schmol­zen. 

Werke

Das Ni­be­lun­gen­lied (Über­set­zung), 1827.
Rhein­sa­gen aus dem Mun­de des Vol­kes und deut­scher Dich­ter 1837.
Das ma­le­ri­sche und ro­man­ti­sche Rhein­land, 1838-1840.
Die deut­schen Volks­bü­cher, 1839-1867.
Die Le­gen­de von den hei­li­gen drei Kö­ni­gen, 1842.
Das Ame­lun­gen­lied,1843-1849 (in: Das Hel­den­buch 6, 1849).
Die Ed­da (Über­set­zung), 1851.
Die deut­sche Volks­lie­der (Hg.), 1851.
Hand­buch der deut­schen My­tho­lo­gie mit Ein­schluß der nor­di­schen, 1853.
Walt­her von der Vo­gel­wei­de (Hg.), 1870.

Literatur

Barth, Jo­han­nes, Sim­rock, Karl Jo­seph, in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 24, 2010, S. 447-449.
Karl-Sim­rock-For­schung Bonn (Hg.), Karl Sim­rock 1802-1876. Ein­bli­cke in Le­ben und Werk, Bonn 2002.
Mo­ser, Hu­go, Karl Sim­rock. Uni­ver­si­täts­leh­rer und Po­et. Ger­ma­nist und Er­neue­rer von „Volks­poe­sie“ und äl­te­rer „Na­tio­nal­li­te­ra­tur“. Ein Stück Li­te­ra­tur-, Bil­dungs- und Wis­sen­schafts­ge­schich­te des 19. Jahr­hun­derts, Bonn 1976.
Pink­wart, Do­ris, Karl Sim­rock (1802-1876). Bon­ner Bür­ger, Dich­ter und Pro­fes­sor. Do­ku­men­ta­ti­on ei­ner Aus­stel­lung, Bonn 1979.

Simrock-Denkmal von Albert Küppers (1842-1929) im Bonner Hofgarten, 1903, Postkarte, 1940 demontiert.

 
Zitationshinweis

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Krause, Arnulf, Karl Joseph Simrock, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/karl-joseph-simrock/DE-2086/lido/57c95239dd2181.20455648 (22.04.2018)