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Ludwig Gall (1791-1863), Sozialkritiker, Wirtschaftstheoretiker und Erfinder

Ludwig Gall verkörperte bürgerschaftliches Engagement avant la lettre. Beruflich zunächst ein niederer Beamter ohne großen Handlungsspielraum, fühlte er sich als Christ und Bürger durch die Soziale Frage Im 19. Jahrhundert aufkommende Frage nach dem Umgang mit sozialen Missständen (etwa Pauperismus, Arbeitsbedingungen) infolge der Industrialisierung seiner Zeit herausgefordert. Er verfasste sozialkritische und wirtschaftstheoretische Schriften, versuchte aber auch durch praktische Arbeit eine Verbesserung der sozialen Zustände zu bewirken. Um die Wettbewerbsfähigkeit des Moselweins zu steigern und so die prekäre Lebenslage vieler Winzer zu heben, entwickelte er das Verfahren der Nasszuckerung, nach ihrem Erfinder auch „Gallisieren“ genannt.

Heinrich Ludwig Lambert Gall wurde am 28.12.1791 im niederrheinischen Aldenhoven als Sohn eines katholischen Landwirtehepaares geboren. Später ließ sich die Familie, zu der noch ein jüngerer Bruder gehörte, in Kleve nieder, wo die Eltern einen Weinhandel und eine Gastwirtschaft betrieben. Nach der Schule arbeitete Gall zunächst als Schreiber bei verschiedenen Anwälten, bevor er in den Staatsdienst eintrat, wobei sein Dienstherr in den Wirren der Napoleonischen Kriege mehrfach wechselte: Er war für die französische, die preußische und die russische Militärverwaltung in Kleve tätig und arbeitete als Verwaltungsbeamter in Lüttich und Luxemburg, bevor er 1816 als Sekretär in den Dienst der nach dem Wiener Kongress neu errichteten preußischen Bezirksregierung in Trier übernommen wurde. Im gleichen Jahr heiratete er seine Frau Maria Anna, die Tochter eines Trierer Arztes. Die Ehe blieb kinderlos.

Als Verwaltungsbeamter in Trier wurde Gall mit dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland herrschenden Massenpauperismus konfrontiert. Die soziale Lage weiter Bevölkerungsteile war durch Armut und existentielle Not gekennzeichnet. In Trier war die Lage besonders prekär, weil die Stadt und ihr Umland durch die territoriale Neuordnung auf dem Wiener Kongress in Grenzlage geraten waren und die neue preußische Regierung wenig Interesse an der Entwicklung der Region hatte. In der Stadt herrschte eine hohe Arbeitslosigkeit, und auf dem Land war Armut auch unter Kleinbauern und Winzern verbreitet. Besonders dramatisch war das vor allem Südwestdeutschland heimsuchende Hungerjahr 1817, das zu einem ersten Höhepunkt der Auswanderungsbewegung führte.

Gall begann, nach den Ursachen des Massenelends zu fragen und über Lösungsmöglichkeiten nachzudenken. Er las Heinrich von Gagerns (1799-1880) Schrift „Ueber die Auswanderung der Deutschen“ von 1817. Gagerns Überlegungen stehen unter der Voraussetzung der Theorie von Thomas R. Malthus (1766-1834), nach der die Bevölkerungszahl – falls deren Wachstum nicht durch Kriege oder Krankheiten gebremst werde – exponentiell wachse, die Nahrungsmittelproduktion aber nur linear zu steigern sei. Vor diesem Hintergrund war Gagern der Überzeugung, dass die Auswanderung ein notwendiges Ventil sei, um den „Bevölkerungsüberschuss“ abzubauen. Gleichzeitig kritisierte er die unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Auswanderung vonstatten ging. Aus humanitären, politischen und wirtschaftlichen Gründen sei eine staatliche Auswandererfürsorge erforderlich.

Angeregt durch diese Lektüre und wohl auch getrieben von Abenteuerlust, gab Gall im Jahr 1819 seine Stellung als Beamter auf und schloss sich einem Schweizer Auswanderungsverein an, in dem er zunächst die Aufgabe übernahm, die Übersiedlung einer Gruppe von etwa 170 Personen in die USA zu organisieren und anzuführen. In Amerika sollte er nach geeigneten Siedlungsgebieten für zukünftige Einwanderer suchen. Im Juli 1819 landete die Gruppe in New York. Der Elan des Aufbruchs wich allerdings schnell der Ernüchterung. Bereits ein gutes Jahr später, im Oktober 1820, traten Gall und seine Frau die Rückreise nach Europa an. Bevor er 1822 in den Staatsdienst zurückkehrte, verfasste er einen zweibändigen Bericht über sein Amerika-Abenteuer, in dem er sich von der malthusianischen Analyse des Pauperismus Bezeichnung für das ab den 1830er Jahren aufkommende Phänomen der vorindustriellen Massenverarmung, hervorgerufen durch einen drastischen Bevölkerungsanstieg sowie die Auflösung traditioneller Gesellschaftsstrukturen und sozialer Sicherungssysteme. distanzierte und Auswanderung als Konzept zur Lösung der Sozialen Frage zurückwies.

1825 erschien Galls sozial- und wirtschaftstheoretisches Hauptwerk „Was könnte helfen?“ Hier äußert er unverhohlene Kritik an den sozialen Verhältnissen. Als Ursache sieht er die Interessengegensätze und Machtungleichgewichte zwischen den „Geldprivilegierten“ und den „arbeitenden Klassen“. Der einzige Ausweg ist für ihn die Aufwertung der menschlichen Arbeit gegenüber dem Kapital. Für Gall gibt es ein moralisches Recht auf Arbeit und ebenso den moralischen Anspruch darauf, dass der Arbeiter von seinem Erwerb eine menschenwürdige Existenz führen kann. Das zu erreichen, ist für ihn eine politische Aufgabe.

Konkret schlägt er die steuerfinanzierte öffentliche Beschäftigungs- und Investitionsprogramme in großem Umfang vor, um die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen und die Wirtschaftstätigkeit anzuregen, wodurch auch im privaten Sektor neue Arbeitsplätze generiert werden sollen. Damit zeigt sich Gall in seiner Wirtschaftstheorie als einer der ersten Vertreter der Theorie des Staatsinterventionismus. Seine Ideen zeigen dabei in zentralen Grundzügen eine überraschende Ähnlichkeit mit dem Konzept der Nachfragepolitik, das John Maynard Keynes (1883-1846) in den 1930er Jahren entwickelt hat (siehe hierzu Greten und Zinn).nach obenAb 1826 war Gall bei der Regierung in Koblenz mit der Verwaltung der staatlichen Domänen betraut. Durch diese Aufgabe gewann er Einblick in die Arbeit und das Leben der Moselwinzer.

Unter seinen Zeitgenossen machte Gall sich auch als Erfinder einen Namen. Jahrelang beschäftigte er sich etwa mit dem Verfahren der Dampfdestillation. 1830 ließ er sich einen Dampfbrennapparat patentieren, dessen abgewandeltes Modell in den dreißiger Jahren erfolgreich bei der Bekämpfung der Cholera angewendet wurde. Gall erhielt Sonderurlaub, um seine Methode auch in anderen europäischen Ländern bekannt zu machen. 1831 nutzte er seine Aufenthalte in Paris und London zu Treffen mit den Frühsozialisten Charles Fourier (1772-1837) und Robert Owen (1771-1859). Er selbst hat sich allerdings nicht als Sozialist verstanden. Auch wenn er sozialistische Autoren gelesen und einige ihrer Ideen rezipiert hat, wie zum Beispiel Owens Genossenschaftsidee, lehnte er doch den Utopismus und das sozio-technische Denken des Sozialismus ab. Gall vertrat den Primat Lateinisch, (1) Vorrang, bevorzugte Stellung, (2) Stellung des Papstes als oberste Kirchengewalt, (3) Herrentier  (Halbaffe,  Affen und Menschen umfassende Ordnung der Säugetiere). der Politik gegenüber der Wirtschaft. Die sozialistischen Angriffe auf Religion und bürgerliche Moral waren für ihn „Abgeschmacktheiten“.

1836 schied Gall aus dem Staatsdienst aus und widmete sich der Verwaltung landwirtschaftlicher Güter in Ungarn. Wegen seiner Verbindungen zu dem ungarischen Unabhängigkeitskämpfer Lajos Kossuth (1802-1894) mussten er und seine Frau nach der Niederschlagung der Revolution und des Unabhängigkeitskrieges Ungarn verlassen.

Gall kehrte nach Trier zurück, wo er feststellen musste, dass sich die Situation im Moselweinbau rapide verschlechtert hatte. Durch die preußische Zollgesetzgebung von 1818 mit einer Quasi-Monopolstellung auf dem preußischen Markt versehen, hatten die Moselwinzer die fatale Fehlentscheidung getroffen, von Qualitäts- auf Quantitätsproduktion umzustellen. Das führte zu einem dramatischen Preisverfall des Moselweins, als durch neue Zollverträge Weine aus anderen Regionen wieder Zutritt zum preußischen Markt bekamen. Die Situation spitzte sich dramatisch zu, als um 1850 mehrere schlechte Ernten aufeinander folgten, die den Moselwein nahezu unverkäuflich machten.

Um den Winzern zu helfen, experimentierte Gall mit verschiedenen Methoden der Weinverbesserung. In den schlechten Jahrgängen wies der Moselwein zu viel Säure und zu wenig Zucker auf. In dem von Gall entwickelten Verfahren der Nasszuckerung, dem Gallisieren, wird dieser Mangel dadurch beseitigt, dass dem Most vor der Gärung Zuckerwasser zugesetzt wird. Dem Vorwurf der Weinverfälschung widersprach Gall damit, dass Wein nie ein bloß natürliches, sondern immer ein von Menschen gemachtes Kunstprodukt sei. Während sich Galls Methode an der Mosel verbreitete, wurde sie in den Weinbauregionen, wo bessere klimatische Bedingungen herrschen, entschieden bekämpft. Noch heute gehen die Meinungen auseinander, ob Galls Verfahren der Nasszuckerung den Weinbau an der Mosel gerettet oder aber den Ruf des Moselweins nachhaltig beschädigt hat.

In seinen letzten Lebensjahren wirkte Gall als Publizist und Herausgeber mehrerer Periodika. Er starb am 31.1.1863 in Trier.


Werke (Auswahl)

Meine Auswanderung nach den Vereinigten-Staaten in Nord-Amerika im Frühjahr 1819 und meine Rückkehr nach der Heimath im Winter 1820, 2 Bände, Trier 1822.

Was könnte helfen? Immerwährende Getraidelagerung, um jeder Noth des Mangels und des Ueberflusses auf immer zu begegnen und Credit-Scheine, durch die Getraidevorräthe verbürgt, um der Alleinherrschaft des Geldes ein Ende zu machen, Tier 1825, Reprint Glashütten i.T. 1974.

Praktische Anleitung, sehr gute Mittelweine selbst aus unreifen Trauben, und vortrefflichen Nachwein aus den Trestern zu erzeugen, als Mittel, durch Vor- und Auslesen und Sortiren alljährlich auch werthvolle Desertweine zu gewinnen; nebst Nachrichten von meinem Verfahren, allenthalben und zu jeder Jahreszeit geringe Gewächse zu guten Mittelweinen umzubilden, 3. Auflage Trier 1854.


Literatur

Greten, Verena, Ludwig Gall - moderner Ökonom seiner Zeit. Eine Untersuchung der ökonomischen Ansätze in den Arbeiten Heinrich Ludwig Lambert Galls (1791-1863), Hamburg 2005.

Monz, Heinz, Ludwig Gall – Leben und Werk, Trier 1979.

Monz, Heinz, Ludwig Gall. Retter der Moselwinzer oder Weinfälscher?, Wiesbaden 1980.

Monz, Heinz, Ludwig Gall (1791-1863), in: Rheinische Lebensbilder 10 (1985), S. 67-80.

Zinn, Karl Georg, Heinrich Ludwig Lambert Gall – der unbekannte Frühkeynesianer des 19. Jahrhunderts, in: Zinn, Karl Georg, Die Keynessche Alternative. Beiträge zur Keynesschen Stagnationstheorie, zur Geschichtsvergessenheit der Ökonomik und zur Frage einer linken Wirtschaftsethik, Hamburg 2008, S. 165-174.

Zinn, Karl Georg, Zur Frühgeschichte des „theoretischen Interventionismus“. Zugleich eine Erinnerung an Heinrich Ludwig Lambert Gall, in: Zeitschrift für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften 106 (1986), S. 139-165.

 

14.6.2011
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Arnd Küppers (Mönchengladbach) 
 

       
 

       
 
 Ludwig Gall (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 50KB)

Ludwig Gall, Porträt, Holzschnitt, 1858.

 Ludwig-Gall-Haus (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 148KB)

Ludwig-Gall-Haus in Aldenhoven, Foto: Norbert Schnitzler / CC-BY-SA.