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Andreas Hermes (1878-1964), Politiker

Der in Köln geborene Agrarökonom, Zentrumspolitiker, Reichsminister und Widerstandskämpfer sowie spätere Mitbegründer der CDU in Berlin gehört zu den vielseitigsten politischen Gestalten und Gestaltern im Bereich des bürgerlich-katholischen Milieus in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als überzeugter Demokrat und gläubiger Christ fielen ihm wichtige Positionen in der Weimarer Republik Bezeichnung des präsidialen und parlamentarischen Regierungssystems in Deutschland zwischen 1919 und 1933. Gebräuchliche Bezeichnung der gesamten Epoche deutscher Geschichte zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Benannt nach dem Tagungsort der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Weimar.   wie in der Bundesrepublik zu, doch zeigt das Schicksal seiner Familie auch die Abgründe des 20. Jahrhunderts.

Andreas Hermes wurde am 16.7.1878 als Sohn des Eisenbahnbediensteten Andreas Hermes (1832-1886) und dessen zweiter Ehefrau Maria Theresia (1839-1905), geborene Schmitz, als jüngstes von drei Kindern geboren. Aus der ersten Ehe des früh verwitweten Vaters stammten zwei ältere Halbgeschwister. Während der Vater aus einer alten rheinischen Seidenweberfamilie stammte, war es die Mutter, der Andreas Hermes seine bäuerliche Herkunft verdankte. In Vettelhofen im Kreis Ahrweiler besaß der mütterliche Großvater Johann Mathias Schmitz einen Bauernhof. Der Vater hatte zwischenzeitlich mit dem Vermögen der Mutter versucht, sich als kleiner Geschäftsmann selbständig zu machen, war damit aber gescheitert und ließ sich schließlich mit seiner Familie in Mönchengladbach nieder, wo er als Packmeister in einer Fabrik beschäftigt war.

Sowohl der Vater als auch der drei Jahre älterer Bruder Peter (1875-1896), Theologiestudent in Bonn, starben früh, so dass die Mutter und die ältere Schwester Therese (gestorben 1940) die wichtigsten Bezugspersonen des jungen Andreas Hermes waren. In Mönchengladbach, wo Hermes die Realschule 1896 nach dem Einjährigen verließ, ohne Ambitionen auf weitere Jahre in der Oberrealschule, erlebte er nicht nur durch die katholische Prägung der Mutter einen als selbstverständlich zu praktizierenden katholischen Glauben – auch der 1890 in Mönchenglabdach neu gegründete Volksverein für das katholische Deutschland  mit seinem Bildungsangebot ließen Andreas Hermes frühzeitig ein Gespür für religiös-kulturelle und soziale Fragen entwickeln.

Die bäuerliche mütterliche Großfamilie prägte den jungen Hermes zudem auf eine andere Weise: seine Aufenthalte auf dem Land in Vettelhofen ließen seine Liebe zur Landwirtschaft stetig wachsen. Gleich nach dem Verlassen der Realschule begann er 1896 eine zweijährige landwirtschaftliche Ausbildung in der Nähe von Euskirchen (Gut bei Satzvey), ehe er ab 1898 an der landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf studierte, die eine Kombination mit einem universitären Studium ermöglichte, so dass er auch Philosophie belegen konnte. 1898 trat er der katholischen Studentenverbindung K.St.V. Rheno-Borussia in Bonn im KV (Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine) 1865 gegründeter deutscher Korporationsverband nicht farbentragender Studentenverbindungen. Ihren Ursprung nahmen sowohl KV, als auch CV (farbentragend) in dem 1863 gegründeten Kartell katholischer Studentenverbindungen. Der KV widmete sich weniger der Untermauerung des studentischen Brauchtums, als der religiös-kulturellen Arbeit. bei. Im Anschluss wechselte er nach Jena, später nach Berlin und unternahm zahlreiche Reisen durch Europa und nach Südamerika, wo er sich für die Veredelung von europäischen Zuchttieren mit südamerikanischen Rassen interessierte. Zwischenzeitlich arbeitete er in Cloppenburg als Landwirtschaftslehrer und als Berater eines Tierzüchters in Bonn. Nach dem Diplom Griechisch, (1) Urkunde, (2) akademischer Grad.   und einem Examen als Tierzuchtinspektor erhielt er 1903 ein Reisestipendium des Preußischen Landwirtschaftsministers, das ihn in die Schweiz und nach Frankreich führte. Hier sammelte er das Material, dessen Auswertung in seine Dissertationsschrift mündete, die er 1905 an der Universität Jena vorlegte und die später unter dem Titel „Der Teilbau in Frankreich“ erschien.

Wenig ließ in diesen Jahren die spätere Karriere eines Politikers erahnen. Die nächsten Stationen des von früher Jugend an international agierenden Hermes waren Berlin und Rom. Zwischen 1906 und 1911 arbeitete er als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in der Tierzuchtabteilung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft in Berlin, ehe er danach für drei Jahre Direktor der technischen Abteilung des Internationalen Agrarinstituts in Rom wurde. In Rom konnte er internationale Kontakte aufbauen, die ihm in späteren Lebensphasen noch von Nutzen waren. Als 1914 aber der Erste Weltkrieg ausbrach, verließ er Rom, um sich freiwillig zum Militärdienst zu melden. In den ersten beiden Kriegsjahren versah er in Berlin organisatorische Tätigkeiten, die ihm stets lagen – etwa im Kriegssausschuss für Ersatzfutter. In den letzten Kriegsjahren kümmerte er sich auf dem Balkan im Auftrag der Kriegsrohstoffabteilung des preußischen Kriegsministeriums um den Ölfruchtanbau in Rumänien und Bulgarien.

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg ging der immer noch parteilose Hermes wieder nach Berlin zurück und leitete als Ministerialdirektor im Reichswirtschaftsministerium die Abteilung für Land- und Forstwirtschaft. Seine beiden großen Lebensprägungen Katholizismus und Landwirtschaft mündeten nun in einen dritten neuen Lebensbereich – die Politik, die sich im Deutschland der frühen Weimarer Jahre in einer schwierigen Auf- und Umbauphase befand. 1920 trat der rheinische Katholik Hermes erst der ihm nahestehenden Zentrumspartei bei und obwohl er eigentlich keinerlei politisch-parlamentarische Erfahrung besaß, schien er am ehesten geeignet, das neu geschaffene Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufzubauen und zu leiten.

Im ersten Kabinett des sozialdemokratischen Reichskanzler Bezeichnet (1) im alten  Deutschen Reich (bis 1806) den Reichserzkanzler (das Amt lag seit 965 beim Erzbischof von Mainz), (2) im Norddeutschen Bund 1867-1871 den vom Bundespräsidum, das der König von Preußen inne hatte,  bestimmten Bundeskanzler, (3) im Deutschen Reich 1871-1918 den Reichskanzler, den höchsten, vom Kaiser ernannten Regierungsbeamten und Vorsitzenden des Bundesrats, (3) 1919-1945 den deutschen Ministerpräsidenten, der (4) in der Bundesrepublik Deutschland seit 1949 wieder Bundeskanzler heißt.   Hermann Müller (1876-1931) wurde aus dem agrarökonomisch bestens geschulten Praktiker im März 1920 der Reichsminister und Politiker, dessen enormes organisatorisches Talent auch jetzt wieder geschätzt und gefragt war. Er blieb bis März 1922 – auch unter Reichskanzler Konstantin Fehrenbach (1852-1926) – an der Spitze dieses Ministerium. In den Folgekabinetten der Reichskanzler Joseph Wirth (1879-1956) und Wilhelm Cuno (1876-1933) bekleidete Hermes von Oktober 1921 bis August 1923 zusätzlich das Amt (1) Dienst, (2) im Territorialstaat vom Mittelalter bis zum Ende des Alten Reiches Verwaltungsbezirk, kleinste Verwaltungseinheit, (3) seit den 1920er Jahren bis zur 1975 abgeschlossenen kommunalen Neugliederung Bezeichnung für einen Gemeindezusammenschluss, (4) Bezeichnung für Zunft.   des Reichsfinanzministers – bis Anfang 1922 in Doppelfunktion. In beiden Ämtern sah sich Hermes oftmals heftiger Kritik ausgesetzt, etwa wegen des Abbaus der kriegsbedingten Zwangswirtschaft, die aus Hermes’ Sicht nur privatwirtschaftlich geregelt werden konnte. Anwürfe von Korruption gegen den Minister und seine Umgebung, die überzogen waren, wie auch die gesamte unruhige Anfangsphase der Republik mit Ruhrkampf und Inflationsproblemen machten allen politisch Handelnden das Leben schwer und Langlebigkeit in der politischen Verantwortung war kein Merkmal dieser Jahre. Im Sommer 1923 endete die Ministerkarriere von Andreas Hermes wieder.

Privat brachten die frühen 1920er Jahre eine andere Veränderung mit sich: der 42-Jährige heiratete 1920 die 16 Jahre jüngere Anna Schaller (1894-1976), die ebenfalls aus dem Rheinland stammte. Zwischen 1921 und 1931 wurden erst drei Söhne und schließlich zwei Töchter geboren.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Ministeramt bereiste Hermes die USA, ehe er 1924 für eine Legislaturperiode in den Preußischen Landtag gewählt wurde. Vier Jahre später zog er als Abgeordneter für die Zentrumspartei in den Reichstag Bezeichnung für (1) seit 1495 für die Versammlung der deutschen Reichsstände,  (2)  das deutsche Parlament 1871-1933,  (3) die Legislativen in Finnland, Schweden und Japan, (4) als Kurzform für das 1894 bezogene Reichstagsgebäude in Berlin, seit 1999 Sitz des Deutschen Bundestags.  ein. In zahlreichen Positionen engagierte er sich zudem in landwirtschaftlichen Organisationen, etwa gehörte er seit 1926 dem Aufsichtsrat der Raiffeisenbank an. Von 1930 bis 1933 war er Präsident des „Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften – Raiffeisen e.V.“. 1928 trat er an die Spitze der „Vereinigung der deutschen Bauernvereine“, die 1931 umbenannt wurde in die „Vereinigung der deutschen christlichen Bauernvereine“. Hier spielte Hermes christliche Grundprägung eine entscheidende Rolle, fanden sich doch bei dieser Vereinigung die katholischen Bauernvereine vor allem aus Bayern, Württemberg, dem Rheinland und Westfalen zusammen. Es handelte sich um das mittlere Bauerntum, ferner bestanden als weitere Vereinigungen vor 1933 noch der „Reichslandbund“, der die Großgrundbesitzer des Ostens integrierte und die „Deutsche Bauernschaft“ unter der Geschäftsführung Heinrich Lübkes (1894-1972), die kleinbäuerliche Interessen verstärkt in den Blick nahm.

Die schwere Wirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre forcierte Überlegungen eines Zusammenwirkens der drei bäuerlichen Vereinigungen und im März 1929 einigten sich die Spitzen dieser drei Organisationen auf die Bildung der sogenannten „Grünen Front“. Dieser neue, aber recht lockere Dachverband bestimmte Andreas Hermes zu seinem Präsidenten, da er längst der mit Abstand einflussreichste Lobbyist der deutschen Bauernschaft geworden war und er blieb es bis 1933.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gehörte Andreas Hermes augenblicklich zu den exponierten Repräsentanten des aus deren Sicht verhaßten Weimarer „Systems“ und war sogleich als Gegner des neuen Regimes gebranntmarkt. Eine Kooperation mit den neuen Machthabern lehnte er strikt ab. So nahm er auch nicht an der umstrittenen Abstimmung über das ErmächtigungsgesetzAm 23.3.1933 als „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Reich“ beschlossenes und am 24.3.1933 in Kraft getretenes Reichsgesetz, das der Reichsregierung die Befugnis gab, Gesetze ohne Bestätigung des Reichstages, des Reichsrates und des Reichspräsidenten zu erlassen. Das zunächst bis zum 1.4.1937 befristete, 1937 und 1939 durch Reichstagsbeschluss, 1943 durch Führererlass verlängerte Ermächtigungsgesetz setzte grundlegende Prinzipien des demokratischen Rechtsstaates und der Weimarer Verfassung außer Kraft. Zusammen mit der „Reichstagsbrandverordnung“ vom 28.2.1933 bildete es die gesetzlichen Grundlagen für die Errichtung des NS-Diktatur. am 21.3.1933 teil, da er an diesem Tag bereits Opfer einer ersten Welle von Verhaftungen missliebiger politischer Gegner des Regimes wurde. Sein Reichstagsmandat hatte er schon am 18.3.1933 aus Protest gegen das NS-Regime niedergelegt, das er zuvor öffentlich kritisiert hatte. Im Juli verurteilte man ihn dann zu einer viermonatigen Gefängnisstrafe, die aber durch die Untersuchungshaft als verbüßt galt.

Da Andreas Hermes seine Betätigungsmöglichkeiten in Deutschland als aussichtslos ansah, verließ er mit seiner Frau, aber ohne seine Kinder 1936 Europa und ging als Wirtschaftsberater für agrarökonomische Belange der Regierung in Bogotá nach Kolumbien ins Exil. Die fünf Kinder nahm Hermes` ältere Schwester Therese in Osnabrück in ihre Obhut. Als das Ehepaar Hermes 1939 nach Deutschland zurückkam, um auch die Kinder nach Kolumbien nachzuholen, durchkreuzte der Beginn des Zweiten Weltkrieges diesen Plan, eine abermalige Ausreise gelang nicht. Die Familie Hermes ließ sich in Bad Godesberg (heute Stadt Bonn) nieder, wohin die Schwester Therese mit den Kindern bereits 1937 gezogen war. Andreas Hermes nahm über seine zahlreichen rheinischen Freunde schon Anfang der 1940er Jahre Kontakt zu Widerstandskreisen auf.

Über einige katholische Widerständler im Westen des Reiches wie Präses Otto Müller, Bernhard Letterhaus, Nikolaus Groß (1898-1945) oder Heinrich Körner und Jakob Kaiser (1888-1961), die sich als Gegner des Hitler-Regimes im „Kölner Kreis Unter der NS-Diktatur aus der katholischen Arbeiterbewegung gebildetes Widerstandsnetzwerk rheinischer und westfälischer Katholiken, dessen Zentrale sich im Kölner Kettler-Haus, der Verbandszentrale des Westdeutschen Arbeiterverbandes, befand. Bedeutende Mitglieder waren unter anderem Otto Müller (1870-1944), Nikolaus Groß (1848-1945) und Bernhard Letterhaus (1894-1944). Ziel der auch mit anderen Widerstandszirkeln zusammen arbeitenden Gruppe war eine demokratische Neuordnung nach dem Ende des Nationalsozialismus. Nach dem missglückten Attentat vom 20.7.1944 geriet auch der Kölner Kreis ins Blickfeld der NS-Justiz. Zahlreiche Mitglieder wurden ermordet oder in den Konzentrationslagern interniert. “ zusammenfanden, kam er in Kontakt zu Widerstandskämpfern wie Carl Friedrich Goerdeler (1884-1945), Wilhelm Leuschner (1890-1944) und dem Berliner Rechtsanwalt Josef Wirmer (1901-1944) sowie zu dem sogenannten „Kreisauer Kreis Bezeichnet eine oppositionelle Widerstandsgruppe um Helmut Graf James von Moltke (1907-1945) und Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904-1944) während des Zweiten Weltkriegs. Die etwa 20 aktiven Mitgliedern und ebenso viele Sympathisanten stammten aus allen gesellschaftlichen Schichten und trafen sich regelmäßig in kleineren Gruppen auf dem Familengut Kreisau der Grafen Moltke. Ziel des Kreises war es, den Nationalsozialismus durch ein auf den Menschenrechten beruhendes Staats- und Regierungskonzept zu verdrängen und die Bevölkerung zu eigenverantwortlichem politischem Handeln zu erziehen. Nach der Verhaftung Moltkes im Januar 1944 schlossen sich Teile des Kreisauer Kreises dem militärischen Widerstand um Claus Graf Schenk von Stauffenberg (1907-1944) an. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20.7.1944 gelang es der Gestapo, die Arbeit der Gruppe aufzudecken, zahlreiche Mitglieder wurden in der Folge verhaftet und zum Tode oder zu langjährigen Zuchthausstrafen verurteilt. “.

Als es am 20.7.1944 zu dem Attentat auf Adolf Hitler (1889-1945) kam, das zum Ziel hatte, Hitler durch Carl Friedrich Goerdeler als neuen Reichskanzler zu ersetzen, stand auch Andreas Hermes auf einer Liste möglicher neuer Reichsminister mit dem Zuständigkeitsbereich für die Landwirtschaft. Das Scheitern des Attentats und die Aufdeckung der beteiligten Namen führten am 22.7.1944 zur Verhaftung von Hermes und zur Einweisung in das Gefängnis Berlin-Moabit. Bei dem sich anschließenden SchauprozessÖffentliche Gerichtsverhandlung in Diktaturen zumeist gegen politische Gegner unter Missachtung aller rechststaatlichen Prinzipien, bei der die Verurteilung bereits feststeht. Ein Schauprozess soll der Abschreckung dienen. wurde Andreas Hermes am 11.1.1945 durch den Präsidenten des Volksgerichtshofs, Roland Freisler (1893-1945), als Hoch- und Landesverräter zum Tode verurteilt.

Das Todesurteil gegen Andreas Hermes war der unheilvolle Höhepunkt im Leben der Familie Hermes, deren christliche Weltanschauung ein Hauptmotiv ihres Widerstandes war. Tief verwurzelt im Glauben und ebenso treu einer aufrechten patriotisch-demokratischen Gesinnung verpflichtet, hatte die Familie seit 1933 politische Verfolgung, die langjährige Trennung von Eltern und Kindern, Strafprozesse und schwere Schicksalsschläge ertragen müssen. Der älteste Sohn Otto fiel 22-jährig im August 1943 und wenige Tage später Anfang September der drittälteste Sohn Bruno 19-jährig an der Ostfront im Süden der SowjetunionKurzbezeichnung für die Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR), gegründet 1922  nach dem Ende des russischen Reiches (1917). Bis zu  ihrer Auflösung 1991 war sie das politische Zentrum des Ostblocks und des real existierenden Sozialismus. Sie umfasste in etwa das Gebiet der heutigen Gemeinschaft unabhängiger Staaten (GUS), dazu Estland, Lettland und Litauen. Völkerrechtlicher Nachfolgestaat ist die Russische Föderation (Russland )..

Die Dramatik der Januartage 1945 sind den Erinnerungen des zweitältesten Sohnes von Andreas Hermes zu entnehmen. Nicht wissend, ob der Vater seinen letzten lebenden Sohn Peter (geboren 1922) noch einmal sehen würde, schrieb er ihm aus der Todeszelle im Berliner Gefängnis in der Lehrter Straße einen beeindruckenden Abschiedsbrief. Als der Sohn am 23.1.1945 doch noch Fronturlaub erhielt, um sich vom Vater in der Todeszelle zu verabschieden, wurden am selben Tag zehn Mitangeklagte aus dem Umfeld des 20. Juli gehängt, selbst Hermes’ Zellennachbar Eugen Bolz (1881-1945) war darunter. Während aber die sowjetischen Truppen immer weiter nach Berlin vorrückten und Anna Hermes sich in den Tagen und Wochen der drohenden Vollstreckung des Todesurteils recht geschickt im Umgang mit den Behörden verhielt und einige Beamte im Reichsjustizministerium die Vollstreckung des Urteils aufhalten konnten, geriet der Sohn Peter auf dem Weg zurück an die Front schließlich nach Mai 1945 in russische Kriegsgefangenschaft.

Mit dem Einmarsch der Roten Armee in Berlin am 24.4.1945 endete die quälend ungewisse Zeit in der Todeszelle und der politisch völlig unbelastete Hermes wurde schon am 7.5.1945 vom sowjetischen Stadtkommandanten Nikolai Bersarin (1904-1945) zum Ernährungskommissar von Berlin ernannt. Kurz darauf folgte seine Berufung zu einem der vier Stellvertreter des neu eingesetzten Berliner Oberbürgermeisters Arthur Werner (1877-1967). Als einziger bürgerlicher Politiker gehörte er dem ersten Magistrat von Groß-Berlin nach der Kapitulation an. Sein Wunsch von Berlin aus ein neues Reichsernährungsministerium aufbauen zu können, blieb allerdings Illusion und scheiterte in erster Linie an der sowjetischen Besatzungsmacht.

Ein zweiter wichtiger Vorstoß von Andreas Hermes in den Sommerwochen 1945 erzielte ebenfalls nicht die damit verbundene Hoffnung: der Wunsch eine bürgerliche neue Partei mit christlichem, aber überkonfessionellem Wertefundament zu etablieren, mündete in die Gründung der Christlich Demokratischen Union in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ), an der neben Hermes unter anderem noch Jakob Kaiser, Ferdinand Friedensburg (1886-1972) und Walther Schreiber (1884-1958) beteiligt waren. Der Berliner CDU-Gründungsvorsitzende Hermes richtete eine Reichsgeschäftsstelle für die Berliner CDU ein und sah diese als Keimzelle für eine reichsweite Parteigründung. Das sahen die neugegründeten westdeutschen Parteiverbände anders. Grundsätzlich glaubte Hermes noch an den Fortbestand des Reiches, doch wurden seine Spielräume in Berlin in der SBZ immer schmaler.

nach obenEinen gravierenden Streitpunkt löste im Sommer 1945 die Frage der Bodenreform in der SBZ aus, die Andreas Hermes nicht anders gelöst sehen wollte als bereits nach dem Ersten Weltkrieg, das heißt er legte Wert auf die Wahrung der Rechte des Privateigentums und die Förderung von Bauerntum und Mittelstand, eine Vergesellschaftung der Bodenschätze konnte er sich dagegen vorstellen. Die Enteignung im Sinne der sowjetischen Besatzer lehnte er aber strikt ab. Diese wiederum waren auf die Familie Hermes und die politischen Aktivitäten von Andreas Hermes nun noch aufmerksamer geworden und nahmen seinen Sohn Peter gewissermaßen in Sippenhaft: Freiheit für den Sohn aus der Kriegsgefangenschaft, wenn der Vater den Grundsätzen der sowjetischen Bodenreform zustimmte und sich künftig kooperativ gegenüber den Kommunisten verhielte. Für Vater und Sohn war dies keine Option, für Peter Hermes folgten jedoch noch fünf weitere Jahre in russischen Kriegsgefangenenlagern.

Die Möglichkeit der politischen Betätigung in der SBZ war für Andreas Hermes nicht mehr gegeben und er trat gezwungenermaßen vom Parteivorsitz der CDU in der SBZ zurück und siedelte sich mit seiner Frau und den beiden Töchtern wieder in Bad Godesberg an. Dort trat er der CDU in der westlichen Besatzungszone bei, traf aber auf einen anderen führenden Kopf der neugegründeten Partei, der sich mehr zu seinem Gegenspieler entwickelte – auf Konrad Adenauer.

Hermes’ Vorstellungen bezüglich der wirtschaftspolitischen Programmatik der CDU wie auch des Kurses der Politik der Bundesrepublik entsprachen nicht den Vorstellungen Adenauers. Der von Hermes gegründete „Godesberger Kreis“, der die Wiedervereinigung Deutschlands und verbesserte Beziehungen nach Osteuropa verfolgte, war mehr umstritten als akzeptiert. Auch die spätere Westintegration der frühen Adenauerjahre lehnte er ab.

1947/1948 gehörte Hermes noch dem Wirtschaftsrat und dem Parlament der Bi- und späteren Trizone in Frankfurt a.M. an und wurde wieder Vorsitzender des Ernährungsausschusses. Doch die Differenzen zu Adenauer führten dazu, dass er 1949 nicht erster deutscher Landwirtschaftsminister wurde. Stattdessen widmete er sich dem Aufbau der landwirtschaftlichen Organisationen in der Bundesrepublik Deutschland und deren Integration und Vernetzung im europäischen Raum.

Von 1948 bis 1955 war Hermes der erste Präsident des Deutschen Bauernverbandes und von 1948 bis 1961 auch des Deutschen Raiffeisen-Verbandes. Von 1954 bis 1958 bekleidete er das Amt des Präsidenten des Verbands der europäischen Landwirtschaft, ehe er sich aus Altersgründen danach mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurückzog. Hochbetagt starb Andreas Hermes am 4.1.1964 in seinem Landhaus in Krälingen in der Eifel. Zur Erinnerung an Andreas Hermes verleiht der Deutsche Bauernverband die Andreas-Hermes-Medaille. Auch die Andreas-Hermes-Akademie in Bonn trägt seinen Namen. 2003 wurde anlässlich des 125. Geburtstags das Lebenswerk mit einer Sonderbriefmarke gewürdigt.

 

Literatur

Buchstab, Günter, Andreas Hermes (1878-1964), in: Aretz, Jürgen/Morsey, Rudolf/Rauscher, Anton, Zeitgeschichte in Lebensbildern, Band 6, Mainz 1984, S. 102-114.

Buchstab, Günter, Politische Mitte und nationale Einheit. Andreas Hermes 1878-1964, Sankt Augustin 1994.

Hermes, Andreas, „Mit unerschütterlichem Gottvertrauen und zähem Kämpfergeist”. Konrad-Adenauer-Stiftung, 2012, [Onlinefassung].

Hermes, Anna, Und setzet ihr nicht das Leben ein. Andreas Hermes, Leben und Wirken, Stuttgart 1971.

Hermes, Peter, Meine Zeitgeschichte 1922-1987, 2. Auflage, Paderborn [u. a.] 2008.

Morsey, Rudolf, Andreas Hermes. „Ein christlicher Demokrat in der ersten und zweiten deutschen Demokratie“, in: Historisch Politische Mitteilungen 10 (2003), S. 129-149 [Onlinefassung]

Reichardt, Fritz, Andreas Hermes, Neuwied a. Rhein 1953.

 

Online

Rudolf Morsey über "Andreas Hermes (1878–1964). Vorsitzender der CDU" auf der Hompage des Konrad-Adenauer-Stiftung.

Scriba, Arnulf: Andreas Hermes; in: Lebendiges Museum Online.

 

26.9.2014

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Andreas Burtscheidt (Bonn) 
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