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Heinrich Spoerl (1887-1955), Schriftsteller

Heinrich Spoerl war als Roman-, Bühnen- Drehbuchautor und Feuilletonist einer der größten Erfolgsschriftsteller der 1930er und 1940er Jahre; er hat diese Position nicht nur während des „Dritten Reiches" inne gehabt, sondern auch später den Kultstatus als humoristischer Unterhaltungsschriftsteller behalten.

Heinrich Spoerl wurde am 8.2.1887 in Düsseldorf geboren. Die Geschichte seiner Familie war keineswegs von rheinischer Unkompliziertheit, sondern eher von Wechselfällen geprägt. Sein Vater Johann Heinrich Spoerl (1862-1915) stammte aus dem bayerischen Habermannsgrün bei Hof und kam als Ingenieur im August 1884 aus Leipzig nach Düsseldorf, wo er Inhaber einer Fabrik für Druck- und Papierverarbeitungsmaschinen wurde. Hier heiratete er am 26.2.1886 Anna Frisch (1862-1910) aus Düsseldorf.

Heinrich Spoerl legte 1905 das Abitur an jener Oberrealschule in Düsseldorf-Bilk ab, die nicht nur Vorbild für die eigenen Jugenderinnerungen war, wie sie sich in der berühmten „Feuerzangenbowle" von 1933 wiederfinden, sondern auch die auflagenstarken „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers" seines Sohnes Alexander aus dem Jahre 1950 wesentlich anregte. Als Heinrichs Schulfreunde haben der ebenfalls als humoristischer Schriftsteller hervorgetretene Hans Müller-Schlösser (1884-1956) und der Schauspieler Peter Esser (1886-1970) eine immer wieder betonte Rolle gespielt.

Nach dem Jurastudium in Marburg, Berlin, Bonn und München ließ sich Spoerl in seiner Heimatstadt Düsseldorf nieder, wo er am 10.6.1911 die aus Stocknie bei Bochum stammende Emma Pratzlik (1883-1913) heiratete, die die Tochter Magdalena Pratzlik (geboren 1906) mit in die Ehe brachte. Gleichzeitig begann er als freier Journalist für die Düsseldorfer Lokalpresse zu schreiben. 1913 wurde Spoerl zum Gerichtsassessor Heute teilweise veraltete Bezeichnung für den Richter oder Staatsanwalt auf Probe vor der Einstellung auf Lebenszeit; Voraussetzung ist das zweite juristische Staatsexamen, die so genannte Befähigung zum Richteramt. ernannt.

Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau schloss er am 18.8.1915 mit der aus Berlin stammenden Konzertsängerin Gertrud Kebben (1896-1947) eine zweite, außerordentlich glückliche Ehe. Gertrud Spoerl entdeckte und förderte das schriftstellerische Talent ihres Mannes, gab seinem Leben Halt und bildete für seine literarische Laufbahn den eigentlichen Bezugspunkt. Gleiches galt später für den gemeinsamen Sohn Alexander (1917-1978), der ursprünglich in die Fußstapfen seines Großvaters getreten und Ingenieur geworden war, schließlich aber ein tatkräftiger Mitarbeiter des Vaters und ebenfalls ein erfolgreicher, wenn auch dessen Ruhm nicht erreichender humoristischer sowie manchen technischen Ratgeber publizierender Autor wurde.

Nach seiner Promotion Lateinisch, Beförderung, (1) Erlangung, Verleihung der Doktorwürde, (2) lateinisch-englisch, Absatzförderung, Werbung.  mit einer Dissertation Lateinisch (Erörterung), zur Erlangung des Doktorgrades verfasste wissenschaftliche Arbeit.  über „Die gemischten Verträge" im Jahr 1919 in Marburg wurde Spoerl als Rechtsanwalt in Düsseldorf tätig. Die praktische juristische Arbeit lag ihm jedoch wenig, seine eigentliche Berufung sah er im Schreiben. 1937 übersiedelte Heinrich Spoerl mit seiner Familie nach Berlin-Wannsee und lebte dort als freier Schriftsteller. Während der Zeit des Nationalsozialismus feierte Spoerl seinen endgültigen Durchbruch als Schriftsteller. Seine Werke enthielten zwar auch eine auf die Verhältnisse im „Dritten Reich" übertragbare gesellschaftskritische Note, erfuhren in ihrer humoristischen Form jedoch keine Beeinträchtigungen durch die Zensur. nach obenIn seiner Frühzeit als Autor arbeitete Spoerl für kurze Zeit mit dem damals bekannten satirischen Schriftsteller und Kabarettisten Hans Reimann (1889-1969) aus Leipzig zusammen. 1931 erschien ein gemeinsam verfasster Schwank in vier Akten und einem Vorspiel unter dem Titel „Der beschleunigte Personenzug". Spoerls 1936 publizierter Roman „Wenn wir alle Engel wären" führt diese heitere Linie fort. Schwer nachzuvollziehen ist jedoch das Abhängigkeitsverhältnis zu Reimann bei dem ersten und eigentlichen Erfolgsroman „Die Feuerzangenbowle. Eine Lausbüberei in der Kleinstadt" von 1933, mit dem Spoerl seinen Ruhm begründete. Vier Jahre nach Spoerls Tod erhob Reimann in seiner Autobiographie „Mein blaues Wunder" 1959 einen erheblichen Anspruch auf die Mitautorschaft an diesem Werk, an dessen Tantiemen er immer zur Hälfte partizipierte.

Durch die Quellenlage, zum Beispiel durch das Verlagsarchiv Droste sowie die Nachlässe Reimanns im Deutschen Literaturarchiv Marbach und Spoerls im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf, lassen sich die Zusammenhänge wohl eher nur zu Gunsten Spoerls betrachten. Angemerkt sei, dass der Emigrant Carl Zuckmayer (1896-1977) in seinem 1943/1944 für den amerikanischen Geheimdienst verfassten „Geheimreport" über die deutschen Künstler im „Dritten Reich" Spoerl überhaupt nicht erwähnt, während Reimann vernichtend charakterisiert wird.

Gerade mit der „Feuerzangenbowle" war Spoerl unter seinem Namen durch einen Abdruck als Fortsetzungsroman in der Düsseldorfer Zeitung „Der Mittag" bekannt geworden. Deren Verleger Heinrich Droste eröffnete unter Zureden seiner Frau Trude, die wie Spoerls Frau ausgebildete Sängerin war, seinen 1933 neu gegründeten Verlag mit der Buchfassung der „Lausbüberei in der Kleinstadt", wobei Frau Spoerl als Vermittlerin auftrat. Drostes Schwager, der bald nach Ausbruch des „Dritten Reiches" mit Arbeitsverbot belegte Künstler Otto Pankok, schuf den Umschlag der Erstauflage.

Diese noch in Odernitz an der Oder spielende Fassung weicht von den späteren, ein wenig gekürzten Auflagen mit dem neuen Ortsnamen Babenberg ab, ist aber ansonsten bereits jener phantasievolle und der Zeit enthobene Hort einer ebenso harmlos lockeren wie hintersinnig verklärten Schulerinnerung, die ihrerseits noch erfunden und sich am Ende nur als Folge des Genusses einer Feuerzangenbowle herausstellt. Besonders die Verfilmung von 1944 mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle macht den Stoff bis in die Gegenwart zu einem Dauerbrenner.

Auch mit dem Roman „Der Maulkorb" von 1936 verstand es Spoerl, mit lustig-kritischer Note über die wilhelminische Ära zu schreiben. Eine Übertragung auf die Gegenwart war nicht ausgeschlossen, aufgrund des rheinisch-karnevalesken Tons aber ungefährlich. Während seines ersten Berliner Jahres 1937 veröffentlichte Spoerl die humoristische Kleinprosa „Man kann ruhig darüber sprechen". Sie zeigt, dass er von einigen zeitgenössischen Ressentiments, beispielsweise gegenüber dem amerikanischen Jazz, nicht unbeeinflusst war. Harmlose Unterhaltung bietet auch sein 1940 erschienener Roman „Der Gasmann".

1941 zog Spoerl nach Rottach-Egern. Dort verfasste der inzwischen mit dem Filmgeschäft vertraute Autor im gleichen Jahr das Drehbuch für Wolfgang Liebeneiners (1905-1987) Film „Das andere Ich". Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er wieder als Rechtsanwalt tätig, gab aber seinen Beruf nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1947 auf. Er starb am 28.8.1955 in Rottach-Egern und wurde auf dem dortigen Friedhof begraben.

 

Werke

Gesammelte Werke, München 1963.

Die Feuerzangenbowle. Eine Lausbüberei in der Kleinstadt. [Originalausgabe von 1933]. Mit einem Nachwort von Joseph Anton Kruse, Düsseldorf 2008.

 

Literatur

Kruse, Joseph A. (Hg.), Heinrich Spoerl: Buch, Bühne Leinwand, Düsseldorf 2004.

Kruse, Joseph A., Artikel „Heinrich Spoerl". In: Neue Deutsche Biographie 24 (2010), S. 732-733.

 

30.9.2010

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Joseph A. Kruse (Berlin) 
 

       
 

       
 
 Heinrich Spoerl (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 143KB)

Heinrich Spoerl, Porträtfoto. (Stadtarchiv Düsseldorf)