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Benno von Wiese (1903-1987), Germanist

Der Literaturwissenschaftler galt in den 1960er und 70er Jahren als herausragender Vertreter seines Faches, dessen Publikationen große Resonanz fanden. Während seines Ordinariats an der Universität Bonn war er der ebenso gefeierte wie kritisierte Kopf der Neueren Germanistik.

Der als Benno Georg Leopold von Wiese und Kaiserswaldau am 25.9.1903 in Frankfurt am Main Geborene entstammte altem schlesischem Adel. Sein Vater Leopold M. von Wiese war der führende Soziologe seiner Zeit und hatte seit 1919 die Professur für Soziologie an der Universität Köln inne. Auch die 1878 geborene Mutter Hanna Wilhelmine Elisabeth von Gersdorff stammte aus einer adligen Familie. Die Eltern ließen sich 1918 scheiden. Von Wieses jüngere Schwester Ursula (1905-2002), verheiratete Guggenheim-von Wiese, war eine bekannte Schweizer Schriftstellerin, Übersetzerin und Schauspielerin. Seit 1931 war von Wiese mit der 1907 geborenen Ilse von Gavel verheiratet. Das Paar hatte zwei Kinder: Den Sohn Peter (1932-2001) und die 1935 geborene Tochter Christiana.

Nach der frühen Trennung seiner Eltern verbrachte von Wiese Kindheit und Jugend bei seinem Vater und besuchte Gymnasien in Köln und bei Verwandten in Görlitz, wo er in Freundeskreisen die Werke moderner Schriftsteller wie Hermann Hesse (1877-1962), Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), Stefan George (1868-1933) und Rainer Maria Rilke (1875-1926) kennen lernte. Dort machte er auch 1923 sein Abitur.

Im selben Jahr nahm er in Leipzig das Studium von Germanistik, Philosophie und Geschichte auf, das 1924 von einem Gastsemester in Wien unterbrochen wurde. 1925 setzte er seine Studien an der Universität Heidelberg fort, wo er unter anderem Soziologie bei Alfred Weber (1868-1958) und Karl Mannheim (1893-1947) hörte, Deutsche Literaturgeschichte bei Friedrich Gundolf (1880-1931) und Max von Waldberg (1858-1938) und Philosophie bei Karl Jaspers (1883-1969), bei dem er schließlich 1927 mit einer religionsphilosophischen Arbeit über den Romantiker Friedrich Schlegel promovierte („Friedrich Schlegel. Ein Beitrag zur Geschichte der romantischen Konversionen“). In Heidelberg freundete er sich unter anderem mit der später im Exil Berühmtheit erlangenden Philosophin und Publizistin Hannah Arendt (1906-1975) an und mit dem Germanisten Richard Alewyn (1902-1979).

Damals entschied er sich endgültig, eine akademische Karriere als Literaturwissenschaftler anzustreben und sich zu habilitieren. Mit Hilfe eines Forschungsstipendiums setzte er 1927/1928 seine Studien an der Universität Berlin fort, wo er das Oberseminar von Julius Petersen (1878-1941) besuchte, einem der angesehensten Germanisten jener Zeit. Um sich zu habilitieren wechselte er erneut die Universität und kam 1928 erstmals nach Bonn, wo er seit dem Wintersemester 1929 als Privatdozent Habilitierter Wissenschaftler an einer Universität ohne Professorenstelle. für deutsche Literaturgeschichte unterrichtete. Hier nun habilitierte er bei Oskar Walzel (1864-1944) über „Herder und die geschichtliche Welt“. Von 1932 bis 1944 lehrte von Wiese an der Universität Erlangen Neue Deutsche Literaturgeschichte, anfangs als Privatdozent, bald darauf als Außerordentlicher Professor. Nach Hitlers Machtergreifung Bezeichnung für die Ernennung Adolf Hitlers (1889-1945) zum Reichskanzler am 30.1.1933 und die Übertragung der Regierungsgewalt auf die Nationalsozialisten. Die Machtergreifung bedeutete das endgültige Ende der demokratischen Weimarer Republik und den Beginn der Terrorherrschaft der NS-Diktatur. trat er 1933 der NSDAP bei, anschließend dem „Nationalsozialistischen Lehrerbund“. Im Lauf der 1930er-Jahre wirkte er als Lektor in der Schrifttumskommission des so genannten Amtes Rosenberg. Obwohl er 1943 zur Wehrmacht eingezogen wurde, kam er zu keinem Fronteinsatz und wurde im folgenden Jahr sogar davon freigestellt (unabkömmlich zur Ausbildung des Nachwuchses).

In den letzten Kriegsjahren wurden die Weichen für seine Nachkriegskarriere gestellt; denn im Sommer 1943 berief ihn die Universität Münster auf ein außerordentliches Ordinariat für Neuere deutsche Sprache und Literatur. Ein Jahr später nahm er dort seine Lehrtätigkeit auf. Mitte der 40er Jahre erfolgte der endgültige Umzug seiner Familie. 1949 erhielt er ein planmäßiges Ordinariat. Seine Lehrtätigkeit in Münster unterbrachen 1954 und 1955/1956 Gastprofessuren in den USA (Bloomington und Princeton).nach oben

1957 nahm von Wiese einen Ruf an die Universität Bonn an, wo er als Ordentlicher Professor für Neuere deutsche Sprache und Literatur Nachfolger Günther Müllers (1890-1957) wurde. Im Mai des Jahres hielt er seine Antrittsvorlesung über „Karl Immermann als Kritiker seiner Zeit“. Bis zu seiner EmeritierungLateinisch, Entbindung (1)  eines Hochschullehrers von den alltäglichen Pflichten des Lehrbetriebs, wobei der Emeritus seine akademischen Rechte behält und weiterhin Diplomanden und Doktoranden betreuen kann, (2) von Bischöfen oder Domkapitulare von Leitungsaufgabe, wobei sie alle Rechte behalten, die an ihre Weihe geknüpft sind. 1970 wirkte er hier, mit Unterbrechung einer erneuten Gastprofessur in den USA (Minneapolis). In Bonn wurde er zum bekanntesten und wirkungsmächtigsten Germanisten Westdeutschlands. Von seinen zahlreichen Schülern und Schülerinnen wurden nicht wenige ihrerseits bedeutende Hochschulgermanisten. An der Universität Bonn gilt dies insbesondere für die Professoren Peter Pütz (1935-2003) und Norbert Oellers (Jahrgang 1936). 1965/1966 war von Wiese 1. Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes. Als Hochschullehrer erfreute er sich wegen seines oftmals bezeugten liberalen Stiles großer Beliebtheit. Seine markanteste Marotte war eine unerschütterliche Astrologie-Gläubigkeit.

Bekanntheit und Einfluss des kritisch-spöttisch genannten „Großordinarius“ zeigten sich auch außerhalb der Universität. Von 1956 bis 1968 hatte er im Programmbeirat des WDR einen Sitz, 1958 bis 1960 wirkte er in der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit, 1964 wurde er Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. 1959 hielt er anlässlich der Verleihung des Bundesfilmpreises in West-Berlin eine öffentliche Rede. Außerdem war er mit Vorträgen, in Interviews und Diskussionsrunden sowie Artikeln in auflagenstarken deutschen Tageszeitungen in allen Medien präsent. An Ehrungen seien die Ehrendoktorwürde der Universität Chicago (1967) und die Verleihung des Großen Bundesverdienstkreuzes 1979 genannt.

Die dominierende Position von Wieses als Hauptvertreter der deutschen Germanistik wurde seit 1964 zunehmend in Frage gestellt, als jüngere Vertreter des Fachs seine Rolle während der Herrschaft des Nationalsozialismus zur Diskussion stellten. Der Streit um die geforderte Vergangenheitsbewältigung wurde auch auf dem Münchener Germanistentag 1966 beziehungsweise bei dessen Vorbereitung zum Thema. Er eskalierte gegen Ende der 60er Jahre, als von Wiese im Umkreis der „68er“ als herausragender Exponent des Karrieristen während der NS-Diktatur gesehen wurde. Der Etikettierung als ängstlicher, aber karrierebewusster Mitläufer hat er nicht grundsätzlich widersprochen, ihr jedoch die Befangenheit im Zeitgeist gegenübergestellt.

Seinem öffentlichen und wissenschaftlichen Ansehen tat die Diskussion letztlich keinen Abbruch. Bevor er 1984 von Bonn nach München übersiedelte, veröffentlichte er noch 1982 seine Autobiographie „Ich erzähle mein Leben“. Am 31.1.1987 verstarb er in München.

Von Wieses Popularität war nicht zuletzt seinen wissenschaftlichen Grundlagen und den darauf basierenden Publikationen geschuldet. Sein ursprünglicher Forschungsansatz beruhte vor allem auf philosophiegeschichtlichen Fragestellungen, die er als Schüler Gundolfs und Jaspers´ im Spannungsfeld zur Literatur sah. Daraus entwickelte sich sein Interesse für Geistes- und Ideengeschichte als typische Form geisteswissenschaftlichen Arbeitens. Nach 1945 galt er als Hauptvertreter der werkimmanenten Methode, in deren Mittelpunkt die mehr oder weniger theoriefreie Textinterpretation stand. Demzufolge galten ihm grundsätzliche methodische Ansätze als zweitrangig gegenüber dem unmittelbaren Textzugang. Neben den kritischen Stimmen über seine Vergangenheit im Nationalsozialismus mehrte sich unter den jüngeren Germanisten der 60er Jahre die Kritik an der vorherrschenden werkimmanenten Methode, die als willkürlich, ahistorisch und unpolitisch abgetan wurde. Die auf ihr beruhenden Interpretationssammlungen trugen allerdings neben seinen Monographien zur Tragödie und zu Schiller zu von Wieses Popularität bei, fanden sie doch im Schulfach Deutsch weite Verbreitung.

Werke (Auswahl)
Friedrich Schlegel. Ein Beitrag zur Geschichte der romantischen Konversionen, Berlin 1927.
Herder. Grundzüge seines Weltbildes, Leipzig 1939.
Die deutsche Tragödie von Lessing bis Hebbel, 2 Bände, Hamburg 1948.
Eduard Mörike, Tübingen [u.a.] 1950.
Die deutsche Novelle von Goethe bis Kafka. Interpretationen, Düsseldorf 1956.
Der Mensch in der Dichtung. Studien zur deutschen und europäischen Literatur, Düsseldorf 1958.
Friedrich Schiller, Stuttgart 1959.
Zwischen Utopie und Wirklichkeit. Studien zur deutschen Literatur, Düsseldorf 1963.
Novelle, Stuttgart 1963.
Von Lessing bis Grabbe. Studien zur deutschen Klassik und Romantik, Düsseldorf 1968.
Karl Immermann. Sein Leben und sein Werk, Bad Homburg v.d. H. [u.a.] 1969.
Signaturen. Zu Heinrich Heine und seinem Werk, Berlin 1976.
Ich erzähle mein Leben. Erinnerungen, Frankfurt am Main 1982.

Herausgeberschaft (Auswahl)
Deutsche Gedichte von den Anfängen bis zur Gegenwart, Düsseldorf 1954.
Die deutsche Lyrik. Form und Geschichte. Interpretationen, 2 Bände, Düsseldorf 1956.
Das deutsche Drama. Vom Barock Stilbegriff der neueren Kunst- und Literaturgeschichte, in etwa die Epoche 1600 bis 1750 umfassend. Die Bezeichung ist abgeleitet von portugiesisch barocco = unregelmäßig, sonderbar. Der Barock entstand in Italien, besonders in Rom. Die geschichtlichen Wurzeln liegen in der Gegenreformation und im Absolutismus. bis zur Gegenwart. Interpretationen, 2 Bände, Düsseldorf 1958.
Der deutsche Roman. Vom Barock bis zur Gegenwart. Struktur und Geschichte, 2 Bände, Düsseldorf 1963.
19. Jahrhundert. Texte und Zeugnisse, München 1965 (Die deutsche Literatur. Texte und Zeugnisse, Band 6).
Deutsche Dichter der Moderne. Ihr Leben und Werk, Berlin 1965.
Deutsche Dichter der Romantik. Ihr Leben und Werk, Berlin 1971.
Benno von Wiese [u.a.]. Schillers Werke. Nationalausgabe, Weimar 1943ff.
Benno von Wiese [u.a.]. Zeitschrift für deutsche Philologie, 1968ff.

Literatur (Auswahl)
Lauer, Gerhard, Benno von Wiese (1903-1987), in: König, Christoph/Müller, Hans-Harald/Röcke, Werner (Hg.), Wissenschaftsgeschichte der Germanistik in Porträts, Berlin/New York 2000, S. 221-227.
Rossade, Klaus-Dieter, „Dem Zeitgeist erlegen“: Benno von Wiese und der Nationalsozialismus, Heidelberg 2007.

Festschriften
Literatur und Gesellschaft vom neunzehnten ins zwanzigste Jahrhundert. Festgabe für Benno von Wiese zu seinem 60. Geburtstag am 25. September 1963, hg. v. Hans Joachim Schrimpf, Bonn 1963.
Untersuchungen zur Literatur als Geschichte. Festschrift für Benno von Wiese, hg. v. Vincent J. Günther Schmidt, Berlin 1973.

Nachruf
In memoriam Benno von Wiese: Reden gehalten am 25. Juni 1987 bei der akademischen Gedenkfeier der Philosophischen Fakultät Lateinisch, bezeichnet fachlich nach den Hauptwissenschaften gegliederte Lehr- und Verwaltungseinheiten einer Hochschule. der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Bonn 1987.

22.10.2014

 



Arnulf  Krause  (Bonn) 
 

       
 

       
 

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Universität zu Bonn, Foto: Thomas Wolf. (CC-BY-SA)