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Mathias Weber (1778-1803), Räuber

Mathias Weber, genannt „der Fetzer", war ein rheinischer Räuberhauptmann des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts. Als gleichermaßen verwegen wie brutal geltend, zählte er zu den meistgesuchten Kriminellen seiner Zeit.

Mathias Weber wurde 1778 in der Nähe von Grefrath geboren. Seine Mutter starb an Kindbettfieber, der Vater kam 1785 bei einem Trinkgelage ums Leben, sodass der junge Mathias Weber zunächst mit seinem Ziehonkel, einem Scherenschleifer, durch die Lande zog. Von diesem erlernte er auch die ersten räuberischen Handgriffe.

1789 arbeitete Weber als Hirtenjunge bei einem Bauern in Vorst (heute Tönisvorst), wo der aufgeweckte Junge die Aufmerksamkeit der Gräfin von Neersdonk erregte und unter ihre Obhut genommen wurde. Auf Haus Neersdonk galt Weber zwar als schlau und begabt, doch ebenso als schwierig im Umgang. Hier lernte er von einem Hausgeistlichen das Lesen und Schreiben und arbeitete zunächst als Holzknecht und später dank seiner herausragenden Schießkunst als Forsteleve Lehrling im Forst- und Jagdwesen. . Bereits 1794 musste Weber jedoch aufgrund von Differenzen mit dem Gutsverwalter und einiger von ihm begangener kleinerer Diebstähle Haus Neersdonk verlassen.

Anschließend ging Weber nach Holland, wo er der Armee beitrat. Mit seiner Desertierung kurze Zeit später begann für den gerade 16-jährigen endgültig die Räuberkarriere. Auf der Flucht geriet er an den berüchtigten Räuber Franzis Gerard, einen der Anführer der Krefelder-Bande, mit dem er seine ersten größeren Raubzüge vornahm. Bereits zwei Monate später ließ er sich erneut in Holland als Soldat verpflichten und war 1794 in Arnheim stationiert. Hier verübte Weber zusammen mit zwei anderen Soldaten einige lukrative Überfälle. Es gelang ihnen unter anderem, den Amsterdamer Postwagen zu überfallen. Da die drei ihren Unteroffizier an der Beute beteiligten, brauchten sie keine Verfolgung zu fürchten.

Anfang 1795 aus der Armee entlassen, wurde Mathias Weber in Nimwegen wegen Spionageverdachts von den Franzosen verhaftet, konnte jedoch nach Aldekerk (heute Kreis Kleve) fliehen, wo er die Tochter eines Abdeckers schwängerte und ehelichte. In Aldekerk lernte er weitere Mitglieder der Krefelder Bande, wie Adolf Weyers und Karl Heckmann, kennen, beteiligte sich jedoch zunächst nicht an deren Raubzügen.

Die Krefelder Bande zählte wie die nach ihrem jeweiligen Hauptaufenthaltsort benannte Brabänter, Holländische, Meersener, Neusser, Neuwieder und die Westfälische Bande zur Großen Niederländer Bande. Sie agierten parallel neben-, aber auch miteinander, wobei personelle Überschneidungen üblich waren. Zwischen 1790 und 1805 umfasste ihr Aktionsraum das Rheinland bis nach Mainz. Zu ihren bekanntesten Mitgliedern zählten Franz und Jan (Adrian) Bosbeck sowie Abraham Picard (1775-1807).

Erst nachdem Weber Anfang 1796 im Streit seine Frau ermordet hatte, stieß er zur Krefelder Bande, die mittlerweile ihr Wirkungsfeld in die Gegend um Köln, Düsseldorf und Neuss verlegt hatte. Hier beteiligte er sich an den Überfällen auf die Witwe Fettweis, die Kaufleute Boisserée und Peltzer sowie am Einbruch in eine Porzellanfabrik und in einige Wirtshäuser. Nach dem Einbruch in eine Einsiedelei bei Lobberich (heute Stadt Nettetal) und dem Überfall auf drei Reisende, bei dem Weber rund 700 Gulden erbeutete, wurde er im Mai in Köln festgenommen und inhaftiert, konnte jedoch schnell wieder entkommen.

Ob Weber seinen Spitznamen „Fetzer" erhielt, nachdem es ihm bei einigen Überfällen gelungen war, unbemerkt das Gepäck von den Kutschen mit einem scharfen Messer herunter zu schneiden, was in der Gaunersprache Rotwelsch Geheime "Gaunersprache". Seit dem Mittelalter vor allem von sozial Ausgegrenzten (Bettlern, Vaganten, Vertretern und Räubern) benutzte Soziolekte zur geheimen Verständigung, die neben deutschen auch jiddische Entlehnungen enthalten. als „fetzen" bezeichnet wurde, oder weil er einen grausamen Umgang mit seinen Opfern pflegte, ist ungeklärt.

Die Raubzüge führten den „Fetzer" bis nach Holland und an den Mittelrhein. Einer der spektakulärsten Überfälle wurde im September 1796 in Neuss begangen, wo die Bande in das Rathaus einbrach. Mittlerweile von den Räubern wegen seiner Klugheit, Tapferkeit, Stärke und eines Geschicks beim Aufbrechen von Schlössern als Hauptmann akzeptiert und geachtet, gelang es ihm und der Bande, das gut gesicherte Rathaus zu plündern. Den Räubern fielen unter anderem eine Figur des heiligen Quirinus, einige silberne Kruzifixe und eine silberne Weltkugel in die Hände.nach obenAm 19.10.1796 gelang es den Behörden, den mittlerweile steckbrieflich gesuchten Mathias Weber festzunehmen: er wurde in einem Wirtshaus, wo er mit einigen seiner Kumpane beim Kartenspiel saß, von Soldaten aufgetrieben und mit drei seiner Komplizen in den als Gefängnis dienenden Windmühlenturm an der Neusser Stadtmauer gesperrt. Obwohl der Turm als ausbruchsicher galt, gelang es Weber und einem Komplizen Anfang November 1796 durch einen waghalsigen Sprung aus sieben Metern Höhe zu entkommen.

Mitte November kam es zu einer Konfrontation mit zwei Gendarmen, bei der Weber und zwei weitere Räuber einen der Gesetzeshüter erschlugen. Das Trio zog daraufhin weiter nach Rosellen (heute Stadt Neuss) und verübte einige kleinere Überfälle, wurde aber erneut verhaftet und nach Neuss zurück gebracht. Doch auch diesmal gelang ihnen eine spektakuläre Flucht. Nachdem sie kurze Zeit später in Hülchrath (heute Stadt Grevenbroich) von einer französischen Militärpatrouille aufgegriffen und nach Köln ins Gefängnis gebracht worden waren, glückte Mathias Weber erneut der Ausbruch und die Rückkehr zur Krefelder Bande.

Bis zum April 1797 folgten Diebstähle und Raubüberfälle in Düsseldorf, Rheydt (heute Stadt Mönchengladbach), Duisburg, Ratingen, Venlo, Zülpich sowie im Bergischen. Vielfach wurden die Verbrechen von Köln oder Neuss aus ausgeführt. Im Frühjahr 1797 überfielen Weber und die Krefelder zusammen mit Teilen der Meersener Bande unter der Führung von Jan Bosbeck einen Pfarrer in Mülheim an der Ruhr. Weber unterstellte sich dabei wie andere Hauptleute der Krefelder Bande dem älteren Bosbeck. Dieser Überfall und der nächste im Juni 1797, diesmal unter der Führung von Weber, schlugen fehl.

Zu den Misserfolgen der Bande kamen vermehrt Streifzüge des französischen Militärs, um die ansteigende Kriminalität im Raum Neuss, Krefeld und Köln einzudämmen. Daneben begannen die französischen Behörden auf dem linken Rheinufer mit dem Aufbau neuer Verwaltungsstrukturen, die auch Konsequenzen für Polizei und Justiz nach sich zogen. Daher setzten sich Mathias Weber und ein Teil der Krefelder Bande 1797/ 1798 ins rechtsrheinische Neuwied ab, wo sie zunächst vor Verfolgung sicher schienen. Die territoriale Zersplitterung des Deutschen Reiches und die Besetzung des linken Rheinufers durch französische Revolutionstruppen machte es ihnen leicht, sich nach ihren Raubzügen durch Flucht über die Landesgrenzen in Sicherheit zu bringen.

Die neue „Neuwieder Bande" agierte nun vornehmlich unter Webers Führung und führte einige kleinere Raubüberfälle auf meist jüdische Kaufleute durch. Im Mai 1798 wurde ein großer Teil der Bandenmitglieder bei einem missglückten Einbruch in Daaden verhaftet. Weber gehörte nicht zu den Festgenommenen, da er eine Krankheit auskurieren musste. Die Verhaftung Weyers, der bisher neben Weber als Hauptmann für die Neuwieder Bande fungiert hatte, ermöglichte dem Fetzer nun die alleinige Führung der Räuberbande.

Im Frühjahr 1799 traf Mathias Weber Johann Müller, ein ehemaliges Mitglied der Meersener Bande, mit dem er einige Überfälle unternahm. Im Sommer 1799 überfielen sie einen Bauernhof, wo die bewährte Rammbaumtechnik, bei der mit Hilfe eines Rammbocks ein Loch in die Hauswand gestemmt wurde, versagte. Mathias Weber wurde von den Bewohnern gefangen genommen und verprügelt, bevor er und seine Kameraden mit geringer Beute fliehen konnten. Im Oktober 1799 gelang Weber schließlich der berühmte Überfall auf den Köln-Elberfelder Postwagen, bei dem unter seiner und Müllers Führung 20 Räuber verschiedener Banden teilnahmen und bei dem sie mehr als 13.000 Reichstaler Beute machten.

Im Februar 1800 folgten Einbrüche in (Köln-)Deutz, Niederselheim bei Marburg, Vallendar und Niederpleis (heute Stadt Sankt Augustin) und in der Gegend um Montabaur. Nach einem Einbruch in (Bonn-)Beuel und einem Überfall auf einen Juwelier in Niederbreisig (heute Bad Breisig) versteckte sich der Fetzer in einem Bordell in Frankfurt am Main. Im Januar 1801 überfielen Mathias Weber und seine Komplizen zusammen mit Mitgliedern der Bande des Johannes Bückler, genannt Schinderhannes, eine Poststation in Würges. Dies war der Auslöser für Vertreter der rechtsrheinischen Territorien, sich am 28.1.1801 in Wetzlar auf ein gemeinsames Vorgehen gegen die Räuber zu einigen. Frankreich schloss sich an und entsandte im Mai 1801 Anton Keil, den Öffentlichen Ankläger des Roerdepartements nach Neuwied, um besonders nach Mathias Weber und Karl Heckmann zu fahnden. Wiederum konnten der „Fetzer" und fünf seiner Kumpane entkommen. Bereits Anfang Juli überfiel die Fetzer-Bande ein Wirtshaus bei Vallendar.

Nach Fehlschlägen in Deutz und Montabaur im Herbst 1801 wurden Weber und Picard in Salmünster bei Bad Sobernheim verhaftet. Weber ließ sich erneut für die Armee verpflichten, desertierte jedoch im Februar 1802 in Prag und wurde nach einem missglückten Überfall in Frankfurt am Main zusammen mit Johannes Bückler verhaftet. In dem Glauben, die Behörden könnten ihm nichts nachweisen, leistete er weder Widerstand noch unternahm er einen Fluchtversuch. Jedoch stammten die beiden Pistolen, die er mit sich führte aus einem Überfall im Hessischen, sodass Weber nach Bergen-Enkheim ausgeliefert und dort von Anton Keil identifiziert wurde.

Weber und Bückler wurden in Mainz an die französischen Behörden übergeben. 1802 wurde in Köln das Verfahren gegen ihn und weitere Mitglieder seiner Bande eröffnet. Ihm konnten mehr als 180 Einbrüche und Raubüberfälle sowie zwei Morde nachgewiesen werden, sodass er am 19.2.1803 zum Tod durch die Guillotine Französisch, seit 1792 als Hinrichtungsgerät der Französischen Revolution verwendet, zunächst nach ihrem Erfinder, dem Arzt Louis (1723-1792) "Louisette" oder "Petite Louison" benannt, später nach dem Arzt Joseph-Ignace Guillotin (1738-1814), von dem der Vorschlag, die Todesstrafe durch eine Köpfmaschine vollziehen zu lassen, stammte. Mit dem französischen Strafrecht wurde die Guillotine als Fallbeil auch in den meisten deutschen Ländern links der Elbe eingeführt. verurteilt wurde. Das Urteil wurde zwei Tage später in Köln auf dem Altermarkt öffentlich vollstreckt. Acht Jahre lang hatte er das Rheinland zwischen Neuss und Frankfurt am Main unsicher gemacht.

 nach obenQuellen

Becker, Johannes Nikolaus, Actenmäßige Geschichte der Räuberbanden an beyden Ufern des Rheins, Cöln 1804.

 

Literatur

Boehncke, Heiner (Hg.), Die rheinischen Räuberbanden. Schinderhannes, Fetzer und Co, Frankfurt a. M. 1993.

Finzsch, Norbert, Obrigkeit und Unterschichten. Zur Geschichte der rheinischen Unterschichten gegen Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Stuttgart 1990.

Fleck, Udo, „Diebe-Räuber-Mörder". Studie zur kollektiven Delinquenz rheinischer Räuberbanden an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, Trier 2003, S. 35-47.

Jung, Hermann, Der Fetzer. Die Geschichte eines Räuberlebens am Niederrhein zur Zeit Napoleons nach historischen Quellen, Duisburg 1966.

Röhrig, Tilman, Die Ballade vom Fetzer, Bergisch Gladbach 2005.

Röhrig, Tilman, Mathias Weber, genannt der Fetzer, Würzburg 1987.

 

Online

Becker, Lydia, Artikel Johannes Bückler (Onlineartikel im Internetportal Rheinische Geschichte)

Fleck, Udo, "Diebes-Räuber-Mörder" Studie zur kollektiven Delinquenz rheinischer Räuberbanden an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, (PDF-Datei der Dissertation von 2003 auf dem Hochschulschriftenserver der Universität Trier).

Wagner, R., Die Hinrichtung des Fetzers (Information auf der Website MuseenKöln).

 

20.3.2013

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Jennifer Striewski (Bonn) 
 

       
 

       
 
 Mathias Weber (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 331KB)

Mathias Weber, Holzschnitt auf einem  Druck zur Hinrichtung von Mathias Weber am 19.2.1803, Originalvorlage in der Graphischen Sammlung des Kölnischen Stadtmuseums. (Rheinisches Bildarchiv)