Auf den Ton kommt es an. Die Geschichte der Westdeutschen Dachziegelindustrie im deutsch-niederländischen Grenzgebiet

Ina Germes-Dohmen (Kempen)

Arbeiter in einer Tongrube, vor 1900. (Fa. Gebr. Laumans, Brüggen)

1. Einführung

1885 er­folg­te im deutsch-nie­der­län­di­schen Grenz­ge­biet zwi­schen Schwalm und Net­te die An­sied­lung ei­nes neu­en Ge­wer­be­zwei­ges, der Ton­wa­ren­in­dus­trie. Ei­ne der Grund­vor­aus­set­zun­gen hier­für war das Vor­han­den­sein ei­nes gro­ßen Ton­vor­kom­mens vor al­lem in den Ge­mein­den Bracht und Brüg­gen, das in nicht all­zu gro­ßer Tie­fe gu­ten Dach­zie­gel­ton bot. Hin­ter­grund für die Ein­füh­rung der Dach­zie­gel­in­dus­trie war die Bis­marck’sche Schutz­zoll­ge­setz­ge­bung, die den Dach­zie­gel­fa­bri­kan­ten der nie­der­län­di­schen Pro­vinz Lim­burg, die teil­wei­se schon fast zwei Jahr­zehn­te in die­ser Bran­che ar­bei­te­ten, den Ab­satz ih­rer Fa­bri­ka­te auf dem deut­schen Markt er­schwer­te. Um den Zoll­satz für Fer­tig­fa­bri­ka­te zu um­ge­hen, bau­ten ei­ni­ge nie­der­län­di­schen Un­ter­neh­men auf deut­scher Sei­te der Gren­ze Fi­lia­len ih­rer Wer­ke. Dass deut­sche Un­ter­neh­mer die­sem Bei­spiel folg­ten, hat­te je­doch ein an­de­res Mo­tiv. Das frü­he­re Haupt­ge­wer­be der Grenz­re­gi­on, die Heim­we­be­rei, war durch die Er­rich­tung me­cha­ni­scher Spin­ne­rei­en und We­be­rei­en in den nie­der­rhei­ni­schen Städ­ten Vier­sen, Dül­ken (heu­te Stadt Vier­sen), Mön­chen­glad­bach, Kre­feld und Um­ge­bung ver­drängt wor­den. Da die­se Städ­te für den täg­li­chen Weg zur Ar­beit von den Grenz­ge­mein­den zu weit ent­fernt la­gen, blieb den ar­beits­lo­sen We­bern nur die Al­ter­na­ti­ve zwi­schen der Ab­wan­de­rung in die Groß­städ­te und dem Ver­har­ren am Ort, wo sie und ih­re Fa­mi­li­en nur mit Not­stands­ar­bei­ten, Ar­men­spei­sung und Al­mo­sen ihr Le­ben fris­te­ten. Das Feh­len von Ar­beits­plät­zen wirk­te sich auf die Be­völ­ke­rungs­zah­len der Grenz­ge­mein­den aus, die zwi­schen 1880 und 1900 ei­nen Ver­lust von elf bis 15 Pro­zent er­fuh­ren, da die Men­schen in Stadt­ge­mein­den ab­wan­der­ten, in de­nen man sich bes­se­ren Lohn er­hoff­te. Ar­beits­kräf­te und Roh­stoff für die neue In­dus­trie wa­ren dem­nach im Grenz­ge­biet vor­han­den.

Briefkopf der Firma Gebr. Teeuwen. (Kreisarchiv Viersen)

 

2. Erste Gründungswelle von 1885 bis 1900

Die bei­den Fir­men, die als ers­te im da­ma­li­gen Kreis Kem­pen den Schritt zur me­cha­ni­schen Fer­ti­gung von Dach­zie­geln und da­mit vom Zieg­ler­ge­wer­be zur Zie­gel­in­dus­trie ta­ten, wa­ren 1885 zwei nie­der­län­di­sche Un­ter­neh­men, die in Kal­den­kir­chen (heu­te Stadt Net­te­tal) Fi­lia­len er­rich­te­ten: die Fir­ma Gebr. Tee­uwen aus Te­ge­len und die Ak­ti­en­ge­sell­schaft Dampf­dach­zie­ge­lei Echt aus dem gleich­na­mi­gen nie­der­län­di­schen Ort. Die In­be­trieb­nah­me der Dach­zie­gel­fa­bri­ken er­folg­te im Früh­jahr 1886. Bei­de Wer­ke wa­ren mit ei­ner Dampf­ma­schi­ne aus­ge­stat­tet, die – und das war das we­sent­li­che Cha­rak­te­ris­ti­kum für den Über­gang vom hand­werk­li­chen zum in­dus­tri­el­len Be­trieb – den An­trieb der Pres­se und der Walz­wer­ke zur Tonauf­be­rei­tung me­cha­ni­sier­te. Die ers­te Dach­zie­gel­fa­brik un­ter deut­scher Füh­rung war die Rhei­ni­sche Dampf­falz­zie­ge­lei Ja­kob Schlü­ter und Cie in Brüg­gen, die im Früh­ling 1886 ge­neh­migt wur­de. Auch wenn die lo­ka­le, al­so die deut­sche Über­lie­fe­rung über lan­ge Zeit Schlü­ter als den Va­ter der Dach­zie­gel­in­dus­trie in die­sem Ge­biet fei­er­te, hat er tat­säch­lich erst die drit­te Zie­gel­fa­brik in der Re­gi­on ge­grün­det. Da­nach ging es bei der Grün­dung neu­er Dach­zie­gel­fa­bri­ken Schlag auf Schlag. Ne­ben zahl­rei­chen Fir­men, de­ren Na­men heu­te weit­ge­hend un­be­kannt sind, ge­hö­ren zu den frü­hen Grün­dun­gen auch Fir­men, de­ren Na­men lan­ge ein Mar­ken­zei­chen für die­se Re­gi­on wa­ren oder teil­wei­se noch sind. Zu nen­nen sind das schon er­wähn­te Werk der Gebr. Tee­uwen in Kal­den­kir­chen, das in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten zu ei­nem der be­deu­tends­ten Wer­ke der Re­gi­on wur­de, hin­zu kam in Kal­den­kir­chen die Fa­brik der Gebr. Lau­mans, auch ei­ne Fi­lia­le ei­nes Te­ge­le­ner Haupt­wer­kes. Ste­phan Lau­mans (1866 in Te­ge­len–1942 in Bracht) grün­de­te dann 1896 das ers­te Brach­ter Zie­gel­werk, das noch heu­te be­steht. In Brüg­gen wur­de 1889 die ers­te und ein­zi­ge Ak­ti­en­ge­sell­schaft der Ton­wa­ren­in­dus­trie die­ser Re­gi­on er­baut, die Brüg­ge­ner Ak­ti­en­ge­sell­schaft für Ton­wa­ren­in­dus­trie, kurz BAG oder im Volks­mund Ags ge­nannt. Hin­zu ka­men En­de der 1890er Jah­re die Brüg­ge­ner Dampf­falz­zie­gel­fa­brik, kurz „Brüg­ge­ner Dampf“ ge­nannt, oder die Nie­der­krüch­te­ner Dampf­falz­zie­gel­fa­brik in Heyen an der Ge­mein­de­gren­ze zu Brüg­gen ge­le­gen und das ihr ge­gen­über­lie­gen­de Werk Dampf­falz­zie­gel­fa­brik zu Laar, nach dem Ers­ten Welt­krieg bis An­fang der 1990er Jah­re un­ter dem Na­men Falz­zie­gel­werk Brim­ges & Co ge­führt. 1904 wur­den die Nie­der­krüch­te­ner Ver­blend­stein- und Dach­zie­gel­wer­ke ge­grün­det, der kom­pli­zier­te Na­me wur­de schnell in das ein­gän­gi­ge­re Bremp­ter Ton­wer­ke ge­än­dert. Hin­zu kam in der Ge­mein­de Elm­pt als ein­zi­ge gro­ße Fa­brik die Dampf­falz­zie­ge­lei zu Elm­pt. In Bracht, das nach ei­nem ver­spä­te­ten An­fang schnell zum Stand­ort für zehn Fa­bri­ken wur­de, sind als wich­ti­ge Na­men zu nen­nen ne­ben den schon er­wähn­ten Gebr. Lau­mans: die Rhei­ni­schen Ton­wer­ke, die Brach­ter Dampf­falz­zie­gel­fa­brik Schmitz und Co und zwei erst kurz vor und im Ers­ten Welt­krieg ge­grün­de­te Wer­ke, die Gebr. Naus und die Stein­zeug­röh­ren  und Dach­zie­gel­wer­ke, bes­ser be­kannt als Pe­ter van Eyk (ge­stor­ben 1947).

Briefkopf der Brüggener Actien-Gesellschaft, um 1900. (Kreisarchiv Viersen)

Briefkopf der Rheinischen Thonwerke Bracht. (Kreisarchiv Viersen)

 

Zwi­schen 1885 und 1935 mel­de­ten an Schwalm und Net­te über 50 Un­ter­neh­men in der Ton­wa­ren­in­dus­trie ihr Ge­wer­be an. Die Aus­sicht auf gu­te Ge­win­ne ver­lock­te zahl­rei­che An­le­ger, in den neu­en In­dus­trie­zweig zu in­ves­tie­ren. Die Be­triebs­grün­dun­gen oder Be­triebs­über­nah­men, die nicht auf Ba­sis be­triebs­wis­sen­schaft­li­chen oder zie­ge­lei­tech­ni­schen Wis­sens er­folg­ten, führ­ten aber er­neut zu Fir­men­zu­sam­men­brü­chen. Die Kon­kurs­mas­se wur­de in der Re­gel auf­ge­kauft und das Werk un­ter neu­em Na­men wei­ter­ge­führt. Ein­zel­ne Fa­bri­ken wech­sel­ten in 20 Jah­ren fünf- oder sechs­mal den Be­sit­zer. Nach dem En­de der Haupt­grün­dungs­wel­le um 1900 kann man durch­schnitt­lich von 20 bis 25 Be­triebs­stät­ten in der Ton­wa­ren­in­dus­trie aus­ge­hen. Wenn auch in den ers­ten Jah­ren der Dach­zie­gel­in­dus­trie die We­ber vor der kör­per­lich an­stren­gen­den Ar­beit in den Zie­gel­fa­bri­ken zu­rück­scheu­ten – und da­mit die Rech­nung der In­dus­tri­el­len zu­nächst nicht ganz auf­ging – und vor­wie­gend jun­ge Leu­te auch aus der Land­wirt­schaft in den Dampf­zie­ge­lei­en Ar­beit such­ten, so war der Um­stel­lungs­pro­zess nach 20 Jah­ren voll­zo­gen. An­fang des 20. Jahr­hun­derts stell­te die Dach­zie­gel  und Röh­ren­in­dus­trie mit cir­ca 1.500 Stel­len mehr als ein Vier­tel der ge­werb­li­chen Ar­beits­plät­ze in der Grenz­re­gi­on und hat­te da­mit die Lü­cke, die sich beim Nie­der­gang der Heim­we­be­rei auf­ge­tan hat­te, voll­kom­men ge­füllt.

Ofenhaus mit hohen Trockenböden, 1914. (Fa. Röben, Werk BAG, Brüggen)

 

3. Stellenwert innerhalb der einzelnen Gemeinden

Die wirt­schaft­li­che Be­deu­tung der Dach­zie­gel  und Röh­ren­in­dus­trie muss für die fünf Ge­mein­den un­ter­schied­lich be­wer­tet wer­den. Da es in Kal­den­kir­chen kei­ne Ton­la­ger gab, führ­ten die nie­der­län­di­schen Un­ter­neh­mer Kal­den­kir­chens den zoll­frei­en Ton aus den Nie­der­lan­den ein. Da­mit ver­leg­ten sie al­lein die Pro­duk­ti­ons­stät­te für die Fer­tig­fa­bri­ka­te. Auch ih­re Ar­bei­ter­schaft brach­ten die nie­der­län­di­schen Un­ter­neh­mer aus den Nie­der­lan­den mit. Erst seit Mit­te der 1920er Jah­re wur­den auch in den Kal­den­kir­che­ner Dach­zie­gel­fa­bri­ken ver­stärkt deut­sche Ar­bei­ter ein­ge­stellt. Da­mit brach­te die Dach­zie­gel  und Röh­ren­in­dus­trie der Stadt Kal­den­kir­chen haupt­säch­lich Vor­tei­le bei den Steu­er­ein­nah­men. Sei­ne ur­sprüng­li­che Vor­rei­ter­rol­le ver­lor Kal­den­kir­chen schon in den ers­ten Jah­ren. Vor dem Ers­ten Welt­krieg be­stan­den hier vier Dach­zie­gel­wer­ke und ein Ton­röh­ren­werk. Die Jah­re der Welt­wirt­schafts­kri­se zwan­gen zwei wei­te­re Kal­den­kir­che­ner Dach­zie­gel­fa­bri­ken zur Auf­ga­be, so dass 1935 nur noch zwei Dach­zie­gel­wer­ke und ein Ton­röh­ren­werk be­stan­den, die bis in die 1960er be­zie­hungs­wei­se 1980er Jah­re exis­tier­ten.

Die Zie­gel­wer­ke in Brüg­gen, Bracht, Elm­pt und Nie­der­krüch­ten be­trie­ben im Ge­gen­satz zu den Kal­den­kir­che­nern Roh­stoff­ge­win­nung und Pro­duk­ti­on auf deut­schem Bo­den. Ar­bei­ter aus dem deut­schen wie aus dem nie­der­län­di­schen Hin­ter­land fan­den hier Be­schäf­ti­gung. Die Ge­mein­den pro­fi­tier­ten nicht nur von den un­ter­schied­li­chen Steu­ern und der Kauf­kraft der Be­schäf­tig­ten, son­dern auch vom Ton­ver­kauf, der sich für Ge­mein­den wie auch für Pri­vat­leu­te als be­son­ders lu­kra­tiv her­aus­stell­te. Brüg­gen war vor 1914 Stand­ort für sechs Un­ter­neh­men der Ton­wa­ren­in­dus­trie, die in sie­ben Be­triebs­stät­ten pro­du­zier­ten. Grö­ß­tes Werk nicht nur am Ort, son­dern in der Re­gi­on war die BAG mit durch­schnitt­lich 150 Ar­bei­tern. 1935 be­stan­den noch fünf Dach­zie­gel­wer­ke und ei­ne Ton­röh­ren­fa­brik in Brüg­gen. Drei der Dach­zie­gel­fa­bri­ken wa­ren noch selb­stän­dig, die bei­den an­de­ren wur­den als Fi­lia­len der Gebr. Lau­mans und der Dampf­falz­zie­ge­lei zu Elm­pt be­trie­ben. Heu­te pro­du­zie­ren noch zwei Dach­zie­gel­be­trie­be in Brüg­gen.

Produktionszahlen 1913, Grafik: Ina Germes-Dohmen.

 

Nie­der­krüch­ten war seit An­fang des Jahr­hun­derts Pro­duk­ti­ons­stät­te für drei Dach­zie­gel­wer­ke, zu de­nen sich An­fang der zwan­zi­ger Jah­re noch die Bremp­ter Stein­zeug­wer­ke, ei­ne Toch­ter der Bremp­ter Ton­wer­ke, ge­sell­te. Der kleins­te Pro­duk­ti­ons­stand­ort war Elm­pt. Hier be­stan­den als Fi­lia­le der Nie­der­krüch­te­ner Falz­zie­gel­fa­brik ei­ne nur im Som­mer pro­du­zie­ren­de Dach­zie­ge­lei und die Dampf­falz­zie­ge­lei zu Elm­pt. Sie al­le pro­du­zier­ten über vie­le Jahr­zehn­te er­folg­reich, muss­ten aber spä­tes­tens in den 1980ern und 1990ern der Kon­kur­renz wei­chen.

In Bracht wur­den zwi­schen 1896 und 1900 sie­ben Dach­zie­gel­wer­ke er­rich­tet. Vor dem Welt­krieg pro­du­zier­ten hier acht Dach­zie­gel­fa­bri­ken und ein Ton­röh­ren­werk. Der Ton für al­le Be­trie­be wur­de fast voll­stän­dig im Brach­ter Ge­mein­de­wald ge­won­nen.

Aus den Nie­der­rhei­ni­schen Stein­zeug­röh­ren­wer­ken wur­de un­ter Lei­tung von Pe­ter van Eyk (1873-1947) in den 1920er und 1930er Jah­ren das grö­ß­te Brach­ter Un­ter­neh­men, das durch Zu­kauf un­ter sei­nem Na­men vier Wer­ke ver­ei­nig­te. Als wei­te­res er­folg­rei­ches Brach­ter Un­ter­neh­men er­wies sich die Fir­ma Gebr. Lau­mans, die 1927 in die Fir­men C. Lau­mans mit Wer­ken in Kal­den­kir­chen und Te­ge­len und Gebr. Lau­mans mit den Fa­bri­ken in Bracht und Brüg­gen auf­ge­teilt wur­de. Bis auf das letzt­ge­nann­te pro­du­ziert kei­nes der ge­nann­ten Un­ter­neh­men heu­te noch Dach­zie­gel in Bracht. Nach dem Zwei­ten Welt­krieg stell­ten al­le an­ge­sichts des Struk­tur­wan­dels mehr oder we­ni­ger er­folg­reich auf neue Pro­duk­te mit neu­en Werk­stof­fen um.

Der Brüggener Bahnhof, um 1900. (Kreisarchiv Viersen)

 

4. Produktionshöhen und Absatzmärkte

Die Dach­zie­gel  und Röh­ren­wer­ke wa­ren – im Ge­gen­satz zu den in der Re­gi­on bis­lang üb­li­chen Hand­strich­zie­ge­lei­en – me­cha­ni­sche Zie­ge­lei­en, die mit Dampf­ma­schi­nen, Tonauf­be­rei­tungs  und Fer­ti­gungs­ma­schi­nen aus­ge­stat­tet wa­ren. Zahl­rei­che Öfen und zu­sätz­li­che Tro­cken­räu­me sorg­ten da­für, dass der ho­he Aus­stoß ge­press­ter Dach­zie­gel auch im Win­ter die not­wen­di­ge Vor­trock­nung er­fuhr und ge­brannt wer­den konn­te. In Spit­zen­jah­ren wur­den vor dem Ers­ten Welt­krieg über 80 Mil­lio­nen Dach­zie­gel und da­mit ein Sechs­tel der ge­samt­deut­schen Pro­duk­ti­on in den Wer­ken der West­deut­schen Dach­zie­gel­in­dus­trie ge­brannt. Zum Ver­gleich: 2007 wur­den 875 Mil­lio­nen, 2009 631 Mil­lio­nen Dach­zie­gel in ganz Deutsch­land ge­brannt.

Die An­tei­le der Stand­or­te an der Pro­duk­ti­on der nie­der­rhei­ni­schen Dach­zie­gel­in­dus­trie wa­ren 1913 fol­gen­der­ma­ßen: [s- Gra­phik in Mar­gi­nalspal­te]

In den we­ni­gen gu­ten Ge­schäfts­jah­ren zwi­schen 1918 und 1935 über­schritt die Pro­duk­ti­ons­zahl ei­ne Hö­he von über 100 Mil­lio­nen. Das Ab­satz­ge­biet für die Dach­zie­gel der West­deut­schen Dach­zie­gel­in­dus­trie lag in West , Nor­d  und Mit­tel­deutsch­land. Nach Ost­deutsch­land gab es vor wie nach dem Ers­ten Welt­krieg ein­zel­ne Kon­tak­te, im Sü­den wur­de bis in die Pfalz und nach Würt­tem­berg ge­lie­fert, Bay­ern hin­ge­gen be­zog kei­ne Falz­zie­gel vom Nie­der­rhein. Dem gro­ßen Ab­satz­markt ent­spre­chend war die Ver­kehrs­an­bin­dung für die nie­der­rhei­ni­schen Wer­ke von be­son­de­rer Be­deu­tung. Die Be­trie­be in Kal­den­kir­chen, Brüg­gen und Bracht, die schon früh über Schlep­p  oder Klein­bah­nen mit dem Staats­bahn­netz ver­bun­den wa­ren, hat­ten deut­li­che Wett­be­werbs­vor­tei­le vor den Nie­der­krüch­te­ner und Elm­p­ter Dach­zie­gel­fa­bri­ken, die ih­re Wa­ren – teil­wei­se bis in die 1920er Jah­re – mit Pferd und Wa­gen zum Bahn­hof brin­gen las­sen muss­ten. In Brüg­gen bau­te die Mehr­heit der Fir­men in der Nä­he des Bahn­ho­fes, der 1890 in Be­trieb ge­nom­men wur­de. Al­lein die BAG hat­te sich für ei­nen Stand­ort in Roh­stoff­nä­he ent­schie­den. Um die Zie­gel nicht mit dem Pfer­de­kar­ren durch den Ort trans­por­tie­ren zu müs­sen, ver­such­te die Fir­ma ei­ne Schmal­spur­bahn durch den Ort zu bau­en, was aber von der Kon­kur­renz und eher rück­ge­wand­ten Krei­sen ver­hin­dert wur­de. Erst beim Bau der Klein­bahn Kal­den­kir­chen Bracht 1901 konn­te die Ak­ti­en­ge­sell­schaft ei­ne Ver­län­ge­rung der Stre­cke er­wir­ken, die sie an den Bahn­hof in Kal­den­kir­chen an­band.

Absatzgebiet der Firmen Brüggener Aktiengesellschaft für Tonwarenindustrie und Gebr. Laumanns vor 1914, Entwurf: Ina Germes-Dohmen, Karte: Kreis Viersen.

 

5. Entwicklung bis zum Ersten Weltkrieg

Seit 1896 gab es in der Dach­zie­gel­in­dus­trie des mitt­le­ren Nie­der­rheins zahl­rei­che Ver­su­che, die Wer­ke in ei­nem Syn­di­kat oder Ver­band mit ge­mein­sa­mer Preis­po­li­tik zu ver­ei­ni­gen. Doch wa­ren die­se Be­mü­hun­gen auch noch in den 1920er Jah­ren nur von kurz­zei­ti­gem Er­folg ge­krönt. Der star­ke Kon­kur­renz­druck führ­te zu ste­tig sin­ken­den Dach­zie­gel­prei­sen, die nur we­nig Ge­winn üb­rig lie­ßen. Auch die Kri­sen der zwan­zi­ger Jah­re führ­ten die Un­ter­neh­mer nicht dau­er­haft zu ei­nem Ver­band zu­sam­men. Der 1920 ge­grün­de­te „Ver­band west­deut­scher Dach­zie­gel- und Röh­ren­wer­ke“ wur­de mehr­mals auf­ge­löst und neu ge­grün­det. Doch kam es in den Jah­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg durch end­gül­ti­ge Still­le­gun­gen und Be­triebs­über­nah­men durch fi­nanz­stär­ke­re Un­ter­neh­men zu ei­ner stär­ke­ren Kon­zen­tra­ti­on. So gab es im Jahr 1935 in den Grenz­ge­mein­den 16 Un­ter­neh­men der Zie­gel­in­dus­trie mit ins­ge­samt 24 Be­trie­ben, die trotz der im­mer stär­ker wer­den­den Me­cha­ni­sie­rung wei­ter 1500 Men­schen Be­schäf­ti­gung ga­ben.

Die kon­junk­tu­rel­le Ent­wick­lung der jun­gen Dach­zie­gel­in­dus­trie am mitt­le­ren Nie­der­rhein zeig­te ei­ne star­ke Über­ein­stim­mung mit der ge­samt­wirt­schaft­li­chen Ent­wick­lung im Deut­schen Reich. Wie bei al­len mit dem Bau­ge­wer­be ver­bun­de­nen In­dus­tri­en wirk­ten sich die Jah­re der ge­samt­deut­schen Re­zes­si­on um die Jahr­hun­dert­wen­de und in den Jah­ren 1907/1908 über die Ver­rin­ge­rung der Bau­tä­tig­keit auch auf die Dach­zie­gel­in­dus­trie aus.

Produktpalette der BAG in der Anzeige einer Baumaterialienhandlung. (Fa. Röben, Werk BAG, Brüggen)

 

Die Bran­che ver­such­te den sai­so­na­len Schwan­kun­gen durch ei­ne ver­mehr­te Ein­füh­rung von so­ge­nann­ten Win­ter­be­trie­ben zu be­geg­nen, in de­nen die Ab­luft der Öfen zur not­wen­di­gen Vor­trock­nung der Roh­lin­ge be­nutzt wur­de. Ge­gen Kon­junk­tur­schwan­kun­gen gab es we­ni­ger Hand­ha­be. Die Kon­junk­tur­rück­gän­ge in der Kai­ser­zeit, der Ers­te Welt­krieg, die In­fla­ti­on 1923 und vor al­lem die Welt­wirt­schafts­kri­se ver­ur­sach­ten nicht nur zeit­wei­se Still­le­gun­gen und ho­he Ver­lus­te, son­dern auch im­mer wie­der Fir­men­zu­sam­men­brü­che. Seit der Jahr­hun­dert­wen­de trat ne­ben den gro­ßen Kon­kur­renz­druck und ei­nem zu nied­ri­gen Preis­ni­veau häu­fig ein Über­an­ge­bot, das den Druck auf die Prei­se noch ver­stärk­te.

Trotz die­ser Schwie­rig­kei­ten ent­wi­ckel­te sich der neue In­dus­trie­zweig stark und er­ober­te bin­nen zwei­er Jahr­zehn­te we­gen sei­ner qua­li­tät­vol­len Pro­duk­te zwei­stel­li­ge Markt­an­tei­le im Deut­schen Reich. Die An­sied­lung der Ton­wa­ren­in­dus­trie be­wirk­te in den Dör­fern und Ge­mein­den der Grenz­re­gi­on in nur we­ni­gen Jah­ren den Wech­sel von ei­ner noch stark agra­risch und hand­werk­lich be­stimm­ten Ar­bei­ter­schaft, die ihr Ge­wer­be zu Hau­se aus­führ­te, zu ei­ner In­dus­trie­ar­bei­ter­schaft, die zum Loh­ner­werb au­ßer Haus ging. 25 Jah­re nach dem En­de der Haus­we­be­rei war die Dach­zie­gel  und Röh­ren­in­dus­trie im ge­werb­li­chen Le­ben völ­lig an die Stel­le der Tex­til­in­dus­trie ge­tre­ten und zum be­stim­men­den Wirt­schafts­fak­tor in den Ge­mein­den zwi­schen Schwalm und Net­te ge­wor­den. Die Ton­in­dus­trie wirk­te sich durch Ton­ver­kauf, durch Steu­er­ein­nah­men, aber auch we­gen der an­ge­sichts der feh­len­den Ar­beits­lo­sen ge­rin­gen So­zi­al­ab­ga­ben po­si­tiv auf die Ge­mein­de­haus­hal­te aus.

Belegschaft der Rheinischen Dampf-Dachziegelei van Boom und van Gasselt, vor 1914. (Kreisarchiv Viersen)

 

6. Geschäftsgang im Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik

Wie in fast al­len Wirt­schafts­zwei­gen Deutsch­lands, vor al­lem der Kon­sum­gü­ter­in­dus­trie, lähm­te der Ers­te Welt­krieg den bis­he­ri­gen Ge­schäfts­gang. Zahl­rei­che Zie­gel­wer­ke wur­den bei Kriegs­aus­bruch still­ge­legt und bis 1919 nicht wie­der in Be­trieb ge­nom­men. An­de­re fan­den ei­ne Ni­sche, in der sie wei­ter­pro­du­zie­ren konn­ten, in­dem sie das Be­da­chungs­ma­te­ri­al für kriegs­wich­ti­ge Fa­bri­ken, aber auch für Ka­ser­nen, Wai­sen­häu­ser usw. her­stell­ten. Die pro­du­zie­ren­den Be­trie­be stell­ten we­gen des Ar­bei­ter­man­gels Frau­en, Kin­der und Kriegs­ge­fan­ge­ne ein. Par­al­lel zum Ar­beits­kräf­te­man­gel for­der­te der mit zu­neh­men­der Kriegs­dau­er grö­ßer wer­den­de Koh­len­man­gel wei­te­re, zu­min­dest kurz­fris­ti­ge Still­le­gun­gen. Vor al­lem das Pro­blem des Koh­len­man­gels soll­te die Zie­gel­fa­bri­ken noch in die Frie­dens­jah­re be­glei­ten.

Ring-Schaukel-Transporteure, Tonindustrie-Zeitung Nr. 104/1912 vom 3.9.1912.

 

Der Neu­be­ginn nach dem Ers­ten Welt­krieg war für die West­deut­schen Dach­zie­gel- und Röh­ren­wer­ke mit gro­ßen Schwie­rig­kei­ten ver­bun­den. Die Be­set­zung des Rhein­lan­des und die da­durch ent­ste­hen­de Bin­nen­gren­ze am Rhein trenn­ten die Ton­wa­ren­in­dus­trie von ih­ren frü­he­ren Ab­satz­märk­ten. Zahl­rei­che Fir­men nutz­ten des­halb neue Ge­schäfts­be­zie­hun­gen nach Nord­frank­reich und Bel­gi­en, um die Ver­lus­te in­ner­halb Deutsch­lands zu kom­pen­sie­ren. Der Ab­satz von Wa­ren ins Aus­land wur­de aber von den deut­schen Stel­len nicht ger­ne ge­se­hen und durch gro­ßen bü­ro­kra­ti­schen Auf­wand er­schwert. Die deut­schen Re­gie­run­gen woll­ten ei­nen Aus­ver­kauf des Rhein­lan­des an die Sie­ger­mäch­te ver­hin­dern, lähm­ten aber ge­ra­de da­durch das oh­ne­hin schon schwe­re Le­ben im be­setz­ten Rhein­land. Wie schon im Krieg wur­de die re­gel­mä­ßi­ge Pro­duk­ti­on durch ei­nen na­he­zu per­ma­nen­ten Koh­len­man­gel be­hin­dert, der Wa­ren­ab­satz durch Un­re­gel­mä­ßig­kei­ten beim Bahn­ver­sand ver­zö­gert. An bei­dem war un­ter an­de­rem die Re­pa­ra­ti­ons­fra­ge Mit­schuld, da gro­ße Kon­tin­gen­te Ruhr­koh­le als Re­pa­ra­ti­ons­zah­lung nach Frank­reich gin­gen und da­mit auch vie­le Ei­sen­bahn­wag­gons ge­bun­den wa­ren. Hin­zu trat 1923 als ge­samt­deut­sches Pro­blem die In­fla­ti­on, die ge­mein­sam mit der Be­set­zung des Ruhr­ge­bie­tes und dem pas­si­vem Wi­der­stand der Be­völ­ke­rung zu ei­nem völ­li­gen Er­lie­gen der rhei­ni­schen Wirt­schaft führ­te. Das Reich ver­such­te, die ar­beits­los ge­wor­de­nen Ar­bei­ter zu un­ter­stüt­zen und schmug­gel­te auf zahl­rei­chen We­gen Geld ins be­setz­te Rhein­land. Dem be­geg­ne­ten Fran­zo­sen und Bel­gier  mit Ver­haf­tun­gen bei­spiels­wei­se des Brach­ter Bür­ger­meis­ters und des Ge­schäfts­füh­rers ei­nes Ton­werks. Die Geld­ent­wer­tung führ­te wie in al­len an­de­ren Bran­chen zu ab­sur­den Prei­sen; so zahl­te man für ei­ne Ton­ne Koh­len En­de Au­gust 85 Mil­lio­nen Mark, im Sep­tem­ber lag die wö­chent­li­che Un­ter­stüt­zung für ei­nen Ar­bei­ter bei 95 Mil­lio­nen Mark.

Die we­ni­gen „ nor­ma­len“ Jah­re zwi­schen In­fla­ti­on und Welt­wirt­schafts­kri­se nutz­te die West­deut­sche Dach­zie­gel  und Röh­ren­in­dus­trie zur Ver­bes­se­rung ih­rer Pro­duk­ti­ons­be­din­gun­gen. Rin­g­ö­fen wur­den ge­baut und en­er­gie­tech­nisch un­wirt­schaft­li­che Ein­zel­kam­mer­ö­fen ab­ge­ris­sen, die Tro­cken­ein­rich­tun­gen ver­bes­sert und Trans­por­teu­re oder Fließ­bän­der ein­ge­baut. In die­ser Zeit er­reich­te das Pro­duk­ti­ons­vo­lu­men die 100-Mil­lio­nen-Gren­ze, die Be­schäf­tig­ten­zahl lag wei­ter über 1500 Ar­bei­tern. Die Wirt­schafts­kri­se führ­te ab 1928 zu zahl­rei­chen Still­le­gun­gen in der Dach­zie­gel  und Röh­ren­in­dus­trie der Grenz­re­gi­on, über 1000 Zie­ge­lei­ar­bei­ter wa­ren hier­von be­trof­fen. Ei­ni­ge Fir­men muss­ten als Fol­ge der De­pres­si­on ih­ren Be­trieb auf Dau­er ein­stel­len. Auch die bis­lang er­folg­rei­chen Un­ter­neh­men der Bran­che über­stan­den die Kri­se nur mit ho­hen Ver­lus­ten, wo­bei die Jah­re 1931 und 1932 den Tief­punkt der Ent­wick­lung dar­stell­ten.

7. Entwicklung in den 1930er Jahren und im Zweiten Weltkrieg

Erst 1933/1934 war in der Bau­wirt­schaft wie­der ei­ne Kon­junk­tur­be­le­bung fest­zu­stel­len, wo­bei die­se Ent­wick­lung eher der all­ge­mei­nen wirt­schaft­li­chen Er­ho­lung zu­zu­schrei­ben ist als den Maß­nah­men der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Re­gie­rung. In der zwei­ten Hälf­te der 1930er Jah­re pro­du­zier­ten die ver­blie­be­nen 16 Un­ter­neh­men der Dach­zie­gel  und Röh­ren­bran­che, die in 24 Wer­ken pro­du­zier­ten, wie­der Stück­zah­len von über 100 Mil­lio­nen. Das wa­ren cir­ca neun Pro­zent der Dach­zie­gel­pro­duk­ti­on des Deut­schen Rei­ches und 55 Pro­zent der Pro­duk­ti­on im Ge­biet des heu­ti­gen Nord­rhein-West­fa­lens.

Verschiffung der Ziegel auf der Maas in Venlo. (Fa. Gebr. Laumans, Brüggen)

 

Wie schon im Ers­ten Welt­krieg pro­du­zier­ten auch im Zwei­ten Welt­krieg die Wer­ke in be­schränk­tem Um­fang wei­ter, um für kriegs­wich­ti­ge Be­trie­be das Be­da­chungs­ma­te­ri­al her­zu­stel­len. Da die ge­sam­te Pri­vat­wirt­schaft weg­fiel, ver­rin­ger­te sich die Pro­duk­ti­on aber um min­des­tens 40 Pro­zent, auch Zer­stö­run­gen durch Bom­ben­tref­fer schmä­ler­ten sie. Die Lü­cke der zum Heer ein­be­ru­fe­nen Ar­bei­ter soll­ten zwangs­ver­pflich­te­te Ost­ar­bei­te­rin­nen oder Kriegs­ge­fan­ge­ne schlie­ßen. Seit Sep­tem­ber 1944 war die Pro­duk­ti­on in al­len Be­trie­ben ein­ge­stellt. Erst 1946 konn­te in den meis­ten Be­trie­ben die Fa­bri­ka­ti­on – un­ter er­schwer­ten Be­din­gun­gen – wie­der auf­ge­nom­men wer­den. Doch war die Pro­duk­ti­on von Bau­ma­te­ria­li­en an­ge­sichts der Kriegs­zer­stö­rung vor­dring­lich.

8. Nachkriegszeit bis heute

1950 er­reich­te die Jah­res­pro­duk­ti­on wie­der 100 Mil­lio­nen Dach­zie­gel, die­se Zahl blieb bis in den 1960ern kon­stant. Fast 2.000 Ar­bei­ter wa­ren in der Ke­ra­m­in­dus­trie be­schäf­tigt. Doch nach den Wirt­schafts­wun­der­jah­ren kam es zu gro­ßen Ein­brü­chen in der Zie­gel­in­dus­trie. Die Ver­wen­dung von Be­tond­ach­stei­nen auf ge­neig­ten Dach­flä­chen, die preis­wer­ter und beim Ver­le­gen we­ni­ger per­so­nal­in­ten­siv sind, und die zu­neh­men­de Ein­füh­rung von Flach­dä­chern vor al­lem, aber nicht nur im ge­werb­li­chen und in­dus­tri­el­len Be­reich sorg­ten für ei­ne star­ke Kon­kur­renz. Um sich da­ge­gen zu be­haup­ten, wur­de in den Be­trie­ben in Mo­der­ni­sie­rung und Au­to­ma­ti­sie­rung in­ves­tiert: Neue Tun­nel­öfen wur­den ge­baut, au­to­ma­ti­sier­te Tro­cken­an­la­gen er­setz­ten Gro­ß­raum-Tro­cken­an­la­gen, die Tonauf­be­rei­tung wur­de ver­bes­sert. Al­ler­dings führ­ten man­che Au­to­ma­ti­sie­rungs­pro­zes­se zu ei­nem Qua­li­täts­ver­lust bei den Zie­geln, der ho­he Re­gress­an­sprü­che, so­gar mit an­schlie­ßen­dem Kon­kurs, zur Fol­ge hat­te. Zahl­rei­che der bis­he­ri­gen Dach­zie­gel- und Röh­ren­wer­ke nah­men die Pro­duk­ti­on ei­nes wei­te­ren Pro­duk­tes aus dem ke­ra­mi­schen oder nicht­ke­ra­mi­schen Be­reich wie Po­ro­ton­zie­gel oder Kunst­stoff­roh­re auf, um auf die ver­än­der­te Markt­si­tua­ti­on bes­ser ein­ge­hen zu kön­nen. Die Kri­se des Tond­ach­zie­gels und der not­wen­di­ge Struk­tur­wan­del dau­er­ten fast drei Jahr­zehn­te, die bei den Fir­men im deutsch-nie­der­län­di­schen Grenz­ge­biet zu zahl­rei­chen Kon­kur­sen und Be­triebs­auf­ga­ben führ­ten. Erst seit Be­ginn des neu­en Jahr­tau­sends hat sich die wirt­schaft­li­che La­ge der Dach­zie­gel­her­stel­ler wie­der sta­bi­li­siert. Wenn auch die Ge­samt­pro­duk­ti­ons­men­ge an Dach­zie­gel zwi­schen 2006 und 2009 zu­rück­ging, so sind doch na­he­zu 50 Pro­zent der ge­neig­ten Dä­cher in Deutsch­land wie­der mit Dach­zie­geln ge­deckt.

Entwicklung des Jahreslohnes in der rheinischen Baumwollindustrie und in der Tonindustrie zwischen 1888 und 1911, Grafik: Ina Germes-Dohmen.

 

In Kal­den­kir­chen, Nie­der­krüch­ten und Elm­pt hat die Zie­gel­in­dus­trie je­doch den Struk­tur­wan­del nicht über­lebt. Ei­ni­ge der al­ten Fa­bri­ken sind ei­ner an­de­ren Nut­zung zu­ge­führt wor­den, an zahl­rei­che Wer­ke er­in­nert nicht mehr als ei­ne Stra­ßen­be­zeich­nung. Nur in Bracht und Brüg­gen be­ste­hen heu­te noch drei Fir­men der Ton­wa­ren­in­dus­trie mit vier Nie­der­las­sun­gen, wo­von zwei auch noch Dach­zie­gel pro­du­zie­ren. Al­lein die Fir­ma Gebr. Lau­mans fir­miert auch auch heu­te noch un­ter dem seit über 100 Jah­ren be­ste­hen­den Na­men, auch wenn sie kein rei­nes Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men mehr ist.

9. Arbeitsablauf in den Ziegelwerken in den Anfangsjahren der Industrialisierung

Die Ar­beit in ei­ner Zie­ge­lei war kein Lehr­be­ruf. Ju­gend­li­che tra­ten als un­ge­lern­te Kräf­te in die Fa­brik ein, Qua­li­fi­ka­tio­nen konn­ten sie sich al­lein durch lang­jäh­ri­ge Ar­beit und Er­fah­rung er­wer­ben. Zahl­rei­che Ar­beits­plät­ze in den Zie­ge­lei­en stell­ten hö­he­re An­for­de­run­gen an die kör­per­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit als an schon vor­her er­wor­be­ne Kennt­nis­se. Das war auch der Haupt­grund, wes­halb die Dach­zie­gel­fa­bri­ken im We­sent­li­chen ei­ne Män­ner­do­mä­ne blie­ben. Die kör­per­lich sehr har­te Ar­beit präg­te in der Re­gi­on den dia­lek­ta­len Be­griff vom 'Pu­ja­cken in het pan­neschopp' (Hart ar­bei­ten im Pfan­nen­schup­pen), in dem aber auch ei­ne ge­wis­se Ge­ring­schät­zung mit­klang. Die Bren­ner hin­ge­gen, die oh­ne tech­ni­sche Hilfs­mit­tel den Brenn­vor­gang be­auf­sich­tig­ten und die Ofen­tem­pe­ra­tur kon­trol­lier­ten, wa­ren be­gehr­te Fach­kräf­te, de­ren Wis­sen für den rei­bungs­lo­sen Ab­lauf des Bran­des und die Qua­li­tät der Pro­duk­te von gro­ßer Be­deu­tung war.

Die Ar­bei­ten in der Ton­gru­be und am Ton­berg wur­den weit­ge­hend erst in der Zeit nach dem Ers­ten Welt­krieg me­cha­ni­siert. Bis da­hin muss­te der Ton von Hand ge­sto­chen wer­den, auf die Kipplo­ren ge­la­den und bei der Fa­brik wie­der ent­la­den und zum Ton­berg auf­ge­wor­fen wer­den. Das Ta­ges­pen­sum zwei­er Män­ner lag bei cir­ca 22 Ku­bik­me­ter Ton, das ent­sprach der La­dung von 30 Kipp­wa­gen, die zu ei­nem Ton­berg auf­ge­wor­fen wer­den muss­ten. An­schlie­ßend wur­de er durch Misch­ma­schi­nen, Walz­wer­ke oder Kol­ler­gän­ge vor­be­rei­tet und dann in ei­nem Sumpf­haus oder Ton­kel­ler, im Dia­lekt 'Klei­kel­ler' ge­nannt, zwi­schen­ge­la­gert. Da­nach wur­de er in der Re­gel durch ei­ne Strang­zie­gel­pres­se ge­presst und durch ei­nen Ton­ab­schnei­der in so gro­ße Ku­chen oder Bat­zen ge­schnit­ten, dass sie die er­for­der­li­che Grö­ße und Men­ge zum Pres­sen der Dach­zie­gel be­sa­ßen. Dann wur­de der Ku­chen durch den Pres­sen­auf  oder ein­le­ger per Hand in die Un­ter­form ge­legt und die Un­ter­form eben­falls ma­nu­ell un­ter den Stem­pel der Ober­form ge­scho­ben. Dann fuhr die ma­schi­nell be­trie­be­ne Ober­form der Pres­se nach un­ten und press­te das Ton­stück in die rich­ti­ge Form. Da­nach zog der Pres­sen­ab­neh­mer schnell die Un­ter­form über den Schlit­ten mit ge­hö­ri­ger Kraft ge­gen ei­ne run­de Stahl­fe­der zu sich her­über. Da­bei dreh­te sich die Un­ter­form um die Ach­se, und der Ab­neh­mer konn­te die ge­form­te Pfan­ne her­aus­ho­len. Wäh­rend­des­sen leg­te der Auf­le­ger ei­nen neu­en Ton­ku­chen in die Un­ter­form. Durch die Kraft des Zu­ges und der Fe­der­span­nung schob sie sich wie­der zu­rück, und er­neut konn­te die Ober­form her­un­ter­sto­ßen.

Pendlerströme der Ziegeleiarbeiter um 1900, Entwurf: Ina Germes-Dohmen, Karte: Kreis Viersen.

 

Ähn­lich funk­tio­nier­te das Auf­le­gen der Bat­zen bei ei­ner Re­vol­ver­pres­se. Hier dreh­te sich nach dem Auf­set­zen der Ober­form die Un­ter­form mit dem frisch ge­press­ten Roh­ling ro­tie­rend wei­ter, so dass ihn ein wei­te­rer Ar­bei­ter auf der an­de­ren Sei­te der Pres­se ab­neh­men konn­te. Ge­ra­de die Ar­beit des Auf­le­gers war sehr ge­fähr­lich und be­durf­te ho­her Kon­zen­tra­ti­on, weil Hän­de und Ar­me durch die her­un­ter­sto­ßen­de Ober­form ge­fähr­det wa­ren. Der durch das Pres­sen ent­stan­de­ne Roh­ling wur­de per Hand auf höl­zer­ne Tro­cken­rähm­chen ge­legt, die mit Hand­kar­ren auf die Tro­cken­bö­den ge­bracht wur­den. Die­se la­gen meist in meh­re­ren Stock­wer­ken über dem Ofen­haus und nutz­ten – auch im Win­ter – die Ab­wär­me der Öfen für den Tro­cken­pro­zess. Hier­in lag der ent­schei­den­de Un­ter­schied zu den Sai­son- oder Som­mer­be­trie­ben, die von der Wit­te­rung ab­hin­gen und ent­spre­chend nur zwi­schen April und En­de Ok­to­ber pro­du­zie­ren konn­ten. Auf dem Tro­cken­bo­den leg­te ein „Ein­rüs­ter“ die Roh­lin­ge in die Tro­cken­ge­rüs­te, nach­dem er even­tu­ell not­wen­di­ge klei­ne Schön­heits­kor­rek­tu­ren vor­ge­nom­men hat­te. Das war ei­ne ver­gleichs­wei­se leich­te Ar­beit, die vor al­lem Frau­en und Ju­gend­li­che aus­üb­ten. Mo­der­ne­re Be­trie­be ver­füg­ten seit den 1920er Jah­ren über Trans­por­teu­re und Auf­zü­ge, wo­mit sich zahl­rei­che We­ge in­ner­halb des Pro­duk­ti­ons­pro­zes­ses ver­mei­den lie­ßen und Per­so­nal ein­ge­spart wer­den konn­te. In den Tro­cken­ge­rüs­ten ver­blie­ben die Roh­lin­ge, bis sie min­des­tens zehn Pro­zent ih­res Ge­wich­tes durch Kon­den­sie­ren des Was­sers ver­lo­ren hat­ten. Dann wur­den sie "aus­ge­rüs­tet". Ein  be­zie­hungs­wei­se Aus­trä­ger und Ein  be­zie­hungs­wei­se Aus­set­zer ar­bei­te­ten Hand in Hand. Die Ein­trä­ger brach­ten die Roh­lin­ge zum Ofen, wäh­rend der Ein­set­zer sie im Ofen so auf­schich­te­te, dass die Ga­se sie von al­len Sei­ten be­strei­chen konn­ten. Der Ein­set­zer mau­er­te auch den Ofen zu und dich­te­te ihn luft­dicht ab. Beim so­ge­nann­ten Blau­dämp­fen, ei­ner be­son­de­ren Spe­zia­li­tät der West­deut­schen Dach­zie­gel­in­dus­trie, dich­te­te er auch spä­ter das Schür­loch im Ge­wöl­be ab, da­mit die Zie­gel un­ter wei­te­rer Re­duk­ti­on von Sau­er­stoff ge­brannt wur­den. Bei die­ser Art des Bren­nens wur­de der ge­sam­te Scher­ben grau­blau durch­ge­färbt, er brauch­te we­der En­go­be noch Gla­sur zur Fär­bung. Al­ler­dings be­nö­tig­te man für die­se um die Jahr­hun­dert­wen­de be­lieb­ten Zie­gel nicht nur den stark ei­sen­hal­ti­gen Ton, der im Grenz­ge­biet vor­han­den war, son­dern auch en­er­gie­tech­nisch teu­re Ein­zel­kam­mer­ö­fen. Als nach dem Krieg ro­te und en­go­bier­te Zie­gel bei den Kun­den be­lieb­ter wur­den, muss­ten die Fir­men dar­auf mit dem Bau der en­er­gie­spa­ren­de­ren Rin­g­ö­fen re­agie­ren.

Wenn der Ofen nach­mit­tags ge­gen vier Uhr ge­füllt und ge­schlos­sen war, be­gann der Bren­ner mit dem so­ge­nann­ten Klein­feu­er. Nach cir­ca sechs Stun­den wur­de durch den Nacht­bren­ner, der dann die Auf­sicht über­nom­men hat­te, stär­ker ge­heizt. Mor­gens muss­te das Feu­er ei­ne sol­che Stär­ke be­kom­men ha­ben, dass man durch das Schür­loch über dem Ofen die Glut se­hen konn­te. Zwei „Dicht­ma­cher" füll­ten auf Ge­heiß des Bren­ners den Rost mit Fet­t  oder Flamm­koh­len und ga­ben beim Blau­dämp­fen zu­sätz­li­ches Holz hin­zu. Dies muss­te sehr schnell ge­sche­hen. Da­nach wur­de die Feu­er­tür mit Lehm be­stri­chen, ei­ne Plat­te da­vor ge­las­sen, wel­che ei­nen Zwi­schen­raum von 20 Zen­ti­me­ter ließ, und die­ser mit feuch­tem Sand auf­ge­füllt. Das­sel­be ge­schah am Schür­loch im Ge­wöl­be. Schlie­ß­lich wur­de der Schorn­stein durch ei­nen Schie­ber ge­schlos­sen und eben­falls mit Sand ab­ge­deckt. Um das Dämpf­er­geb­nis nicht zu be­ein­träch­ti­gen, durf­te der Ofen erst nach drei Ta­gen, in de­nen der Ein­satz ab­küh­len konn­te, auf­ge­bro­chen und aus­ge­räumt wer­den. Die Ein  und Aus­set­zer muss­ten nicht nur die Roh­lin­ge zu den Öfen brin­gen und die fer­ti­gen Zie­gel her­aus­tra­gen, son­dern auch den Ofen sau­ber­ma­chen, Schla­cke weg­räu­men, die Holz­koh­le durch­sie­ben und zum Holz­koh­len­schup­pen brin­gen. Die fer­ti­gen Dach­zie­gel wur­den nach Qua­li­tä­ten sor­tiert und ent­we­der auf ei­nem La­ger­platz zwi­schen­ge­la­gert oder di­rekt für den Trans­port zum Kun­den auf Wa­gen oder Wag­gons mit Stroh ver­packt.

Die Ak­kord­ar­beit an den Ma­schi­nen war ähn­lich hart wie die Hand­ar­beit, stan­den die Ma­schi­nen­ar­bei­ter doch un­ter dem Druck, den Rhyth­mus der Ma­schi­ne zum Bei­spiel der Pres­se ein­hal­ten zu müs­sen, wenn sie sich nicht ernst­lich ver­let­zen woll­ten. Zwar wur­de durch den Ein­satz von Ma­schi­nen – et­wa Ele­va­to­ren, Trans­por­teu­re oder Pres­sen – mensch­li­che Mus­kel­kraft er­setzt und die Ar­beits­pro­duk­ti­vi­tät er­höht, doch be­durf­te es auch zur Be­die­nung der Ma­schi­nen in die­ser Pha­se der In­dus­tria­li­sie­rung wei­ter der mensch­li­chen Ar­beits­kraft, wo­mit die An­stren­gung nicht ab­ge­stellt, son­dern nur ver­la­gert war. Zum Trock­nen wur­den die Roh­lin­ge oh­ne den Ein­satz von Ma­schi­nen per Hand auf die Tro­cken­rähm­chen ge­legt und dann auf Schub­kar­ren in den Tro­cken­schup­pen ge­bracht. In den stär­ker me­cha­ni­sier­ten Zie­gel­fa­bri­ken leg­te der Pres­sen­ab­neh­mer den Roh­ling auf das Rähm­chen, das mit ei­nem Trans­por­teur in die Tro­cken­räu­me ge­bracht wur­de. Da­mit ent­fiel der Trans­port mit der Schub­kar­re, aber auch die dem Ar­bei­ter durch den Rück­weg mit lee­rer Kar­re ge­währ­te Ver­schnauf­pau­se. Ein­rüs­ter in ei­ner Zie­gel­fa­brik mit Trans­por­teu­ren muss­ten die Zie­gel aber den­noch per Hand in die Tro­cken­ge­rüs­te le­gen, aber da­bei mit dem Rhyth­mus des Trans­por­teurs Schritt hal­ten. Da­mit ho­ben sie im Lau­fe ei­nes Ar­beits­ta­ges mit bis zu 30.000 Ki­lo­gramm mehr Ge­wicht als die Kol­le­gen aus we­ni­ger me­cha­ni­sier­ten Be­trie­ben. Die Me­cha­ni­sie­rung führ­te al­so nicht un­be­dingt zu ei­ner Er­leich­te­rung für die Be­schäf­tig­ten. Ne­ben der Schwe­re der Ar­beit ka­men als wei­te­re Be­las­tun­gen die ex­tre­men Hit­ze, die vor al­lem die Ofen­ar­bei­ter er­tra­gen muss­ten, und der er­höh­te Lärm­pe­gel hin­zu, der von den zahl­rei­chen Ma­schi­nen aus­ging und dem ge­gen­über die Ar­bei­ter in der Re­gel schutz­los wa­ren.

10. Arbeiterschaft

Vor dem Ers­ten Welt­krieg stell­te die Dach­zie­gel­in­dus­trie rein rech­ne­risch für 30 bis 35 Pro­zent der männ­li­chen Be­völ­ke­rung der Re­gi­on zwi­schen Bracht und Nie­der­krüch­ten die Ar­beits­plät­ze be­reit und war da­mit vom Pro­zent­satz her in nur zwan­zig Jah­ren voll­stän­dig an die Stel­le des Tex­til­ge­wer­bes ge­tre­ten. Die Be­leg­schaft der Zie­gel­wer­ke be­stand zu 90 Pro­zent aus ein­hei­mi­schen, männ­li­chen Ar­beits­kräf­ten. Die üb­ri­gen 10 Pro­zent stell­ten weib­li­che Ar­beits­kräf­te aus der preu­ßi­schen Pro­vinz Po­sen. Die Mehr­heit der Ar­bei­ter war nicht nur in den Be­triebs­ge­mein­den, son­dern auch in den um­lie­gen­den Dör­fern und Ge­mein­den zu Hau­se, in de­nen kei­ne Ton­in­dus­trie an­säs­sig war. Auch pen­del­ten sie aus dem be­nach­bar­ten Lim­burg ein. Der An­teil der Nie­der­län­der war in Kal­den­kir­chen am höchs­ten und er­reich­te fast 100 Pro­zent, in Elm­pt und Nie­der­krüch­ten war er ver­schwin­dend ge­ring, wo­hin­ge­gen sich in Brüg­gen und Bracht die Nie­der­län­der und Deut­schen un­ge­fähr die Waa­ge hiel­ten. Ein Blick auf die Land­kar­te ge­nügt, um die­se un­ter­schied­li­che Ver­tei­lung zu er­klä­ren, liegt doch Kal­den­kir­chen di­rekt an der Gren­ze und war für nie­der­län­di­sche Ar­bei­ter aus Te­ge­len leicht zu er­rei­chen, wo­hin­ge­gen man nach Über­schrei­ten der Gren­ze im Elm­p­ter Wald, in Brüg­gen-Oe­bel und auch am Wei­ßen Stein im Brach­ter Wald noch min­des­tens vier, bis Nie­der­krüch­ten zehn Ki­lo­me­ter bis zu den Dach­zie­gel­wer­ken ge­hen muss­te.

Durch­schnitt­lich leg­ten die Zie­ge­lei­ar­bei­ter drei bis vier Ki­lo­me­ter zur Ar­beit zu­rück und wa­ren da­mit am Tag mit Hin- und Rück­weg ei­ne bis ein­ein­halb Stun­den un­ter­wegs. Den we­nigs­ten blieb die Zeit, in der ein­stün­di­gen Mit­tags­pau­se nach Hau­se zu ge­hen.

Da die Haupt­sai­son der Zie­gel­in­dus­trie im Som­mer und Früh­herbst auch gleich­zei­tig die ar­beits­in­ten­sivs­te Zeit in der Land­wirt­schaft war, fehl­te es in die­ser Zeit häu­fig an Ar­beits­kräf­ten. Schon vor der Jahr­hun­dert­wen­de wur­den des­halb jun­ge Mäd­chen und Frau­en aus den da­ma­li­gen deut­schen Ost­ge­bie­ten, den preu­ßi­schen Pro­vin­zen Schle­si­en und vor al­lem Po­sen, an­ge­heu­ert, die für die Zeit von April bis Ok­to­ber an den Nie­der­rhein ka­men. Der Ein­satz von ein­hei­mi­schen Frau­en war eher sel­ten. Hier hat­te ein kon­ser­va­ti­ves Rol­len­ver­ständ­nis ei­ne gro­ße Be­deu­tung. Fa­brik­ar­beit von Frau­en, erst recht von ver­hei­ra­te­ten, fand auf dem Land kei­ne Bil­li­gung. Die Fa­mi­li­en in Po­sen da­hin­ge­gen wa­ren meist aus wirt­schaft­li­chen Grün­den da­zu ge­zwun­gen, ih­re Töch­ter ei­ni­ge Mo­na­te im Wes­ten des Rei­ches ar­bei­ten zu las­sen. Die jun­gen Frau­en wur­den teil­wei­se in ei­gens für sie ein­ge­rich­te­ten Häu­sern und Woh­nun­gen un­ter­ge­bracht. Ein­ge­setzt wur­den sie meis­tens wie ju­gend­li­che Ar­bei­ter, um die ge­form­ten, aber noch nicht ge­brann­ten Ton­roh­lin­ge auf die Tro­cken­ge­rüs­te zum Vor­trock­nen zu brin­gen. Die Be­schäf­ti­gung der jun­gen Frau­en aus Po­sen brach­te auch so­zia­le Pro­ble­me mit sich. Die Un­ter­brin­gung in Ar­bei­te­rin­nen­wohn­häu­sern sorg­te in den Dör­fern für so­zia­len Spreng­stoff, denn die jun­gen Män­ner der Um­ge­bung ver­such­ten, Kon­takt zu den – nicht un­ter el­ter­li­cher Auf­sicht ste­hen­den – Mäd­chen und Frau­en zu knüp­fen. Die Ge­schäfts­füh­run­gen ver­such­ten durch die Be­schäf­ti­gung von Haus­meis­ter­paa­ren oder an­de­re We­ge der Be­auf­sich­ti­gung dem Pro­blem, wel­ches auch teil­wei­se Po­li­zei­ein­satz er­for­der­te, Herr zu wer­den. Erst im Ers­ten Welt­krieg wur­den not­ge­drun­gen mehr ein­hei­mi­sche Frau­en in den Dach­zie­gel­fa­bri­ken be­schäf­tigt, um den Man­gel an Män­nern durch die Ein­be­ru­fun­gen zu kom­pen­sie­ren. So kam man in den Kriegs­jah­ren auf 20 und mehr Pro­zent Be­schäf­tig­ten­an­teil von weib­li­chen Per­so­nen. In den Jah­ren nach dem Ers­ten Welt­krieg wur­den die Zie­ge­lei­en wie­der ei­ne Män­ner­do­mä­ne. Die Zie­ge­lei­ar­bei­ter­schaft re­kru­tier­te sich mehr und mehr al­lein aus dem deut­schen Um­land der Be­triebs­or­te, ei­ne Ent­wick­lung, an der die deut­schen Be­hör­den, vor al­lem das Lan­des­ar­beits­amt, we­gen der zu­neh­men­den Ar­beits­lo­sig­keit durch plan­mä­ßi­ges Ein­wir­ken auf die Ge­schäfts­lei­tung star­ken An­teil hat­te.

11. Arbeitsbedingungen

Die Ar­beits­zeit be­trug vor dem Ers­ten Welt­krieg für Er­wach­se­ne elf bis zwölf, für Ju­gend­li­che zehn Stun­den, Kin­der zwi­schen zwölf und 14 wur­den sechs Stun­den be­schäf­tigt – und das an sechs Ta­gen in der Wo­che. Frau­en, die ei­nen Haus­halt füh­ren muss­ten, durf­ten sams­tags ei­ne Stun­de eher ge­hen. Ins­ge­samt hat­ten Ar­bei­ter am Tag zwei Stun­den Pau­se. Der Ar­beits­tag dau­er­te da­mit von sechs Uhr mor­gens bis 20 Uhr abends. Im Jah­res­mit­tel ar­bei­te­te der Dach­zie­ge­lei­ar­bei­ter mit 3.290 Stun­den dop­pelt so viel wie heu­ti­ge In­dus­trie­ar­bei­ter. Nach dem Ers­ten Welt­krieg wirk­te sich die Ver­rin­ge­rung der Ar­beits­zeit auf acht bis neun Stun­den täg­lich für die Ar­bei­ter sehr ent­las­tend aus.

Zu den bis­he­ri­gen So­zi­al­ver­si­che­run­gen, die den Ar­bei­ter bei Krank­heit, Un­fall, Al­ter oder In­va­li­di­tät, wenn auch in be­schei­de­nem Um­fang, un­ter­stütz­ten, trat in den 1920ern die Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung.

Trotz der An­for­de­run­gen der Ge­wer­be­auf­sicht und der Zie­ge­lei­be­rufs­ge­nos­sen­schaft, die auch aus heu­ti­ger Sicht den Ar­bei­ter­schutz theo­re­tisch durch­aus ge­währ­leis­te­ten, führ­ten die star­ke kör­per­li­che Be­las­tung wie auch der Ein­satz von Ma­schi­nen de fac­to zu zahl­rei­chen Un­fäl­len. Denn die In­dus­trie setz­te vor al­lem vor dem Ers­ten Welt­krieg die An­for­de­run­gen der Ge­wer­bein­spek­ti­on in punc­to Un­fall­ver­hü­tung nicht oder nicht in der nö­ti­gen Schnel­lig­keit um, die Sank­ti­ons­mög­lich­kei­ten der Ge­wer­be­auf­sicht wa­ren zu ge­ring. Es gab zahl­rei­che, meist schwe­re Un­fäl­le, auch To­des­fäl­le an den Pres­sen, an den Trans­por­teu­ren, an den Trans­mis­si­ons­rie­men, weil die not­wen­di­gen Schutz­ein­rich­tun­gen ent­we­der nicht vor­han­den oder man­gel­haft wa­ren. Auch die Ar­beit in den Ton­gru­ben war nicht un­ge­fähr­lich: Durch das Un­ter­höh­len der Wand ei­ner Gru­be konn­ten Erd­rut­sche ver­ur­sacht wer­den, feh­len­de oder man­gel­haf­te Brems­vor­rich­tun­gen an den Kipplo­ren führ­ten eben­falls häu­fig zu Un­fäl­len. Die Schuld sah man meist bei den Ar­bei­tern, die nicht vor­sich­tig ge­nug ge­we­sen sei­en.

Die Ent­loh­nung in der Dach­zie­gel­in­dus­trie ent­sprach den un­te­ren Lohn­grup­pen in der Tex­til  oder Nah­rungs­mit­tel­in­dus­trie. Al­ler­dings konn­te ein Ar­bei­ter durch Ak­kord­ar­beit die durch­schnitt­li­che Lohn­hö­he um bis zu 25 Pro­zent er­hö­hen und er­reich­te dann auch Hö­hen, die qua­li­fi­zier­te Ar­bei­ter in an­de­ren Bran­chen wie der Tex­til­in­dus­trie be­ka­men. Für die Be­woh­ner der klei­nen Land­ge­mein­den und Bau­ern­schaf­ten zwi­schen Schwalm, Net­te und Maas, de­nen we­der vom Ar­beits­platz­an­ge­bot noch von der Vor­bil­dung her an­de­re In­dus­trie­zwei­ge of­fen­stan­den, war die Ar­beit in den Ton­wa­ren­fa­bri­ken die ein­zi­ge Mög­lich­keit, ei­ner in­dus­tri­el­len Tä­tig­keit nach­zu­ge­hen und da­mit ei­nen re­la­tiv si­che­ren Lohn nach Hau­se zu brin­gen. Lohn­ver­glei­che mit Knech­ten in der Land­wirt­schaft oder Ge­mein­de­ar­bei­tern er­klä­ren auch die At­trak­ti­vi­tät, die die har­te Ar­beit im Zie­gel­werk auf un­ge­lern­te Kräf­te aus­üb­te, denn Ar­beits­kräf­te im agra­ri­schen Be­reich er­hiel­ten be­deu­tend we­ni­ger. Man­che Ar­beit­ge­ber ver­such­ten, die Ar­bei­ter durch den Bau von Ar­bei­ter­wohn­häu­sern, aber auch durch Gra­ti­fi­ka­tio­nen an sich zu bin­den. In den An­fangs­jah­ren der Zie­gel­in­dus­trie und auch spä­ter bei har­tem Frost kam es im Win­ter häu­fig zu Ent­las­sun­gen, nur die wich­tigs­ten Funk­tio­nen wie die Fa­brik­meis­ter, die Bren­ner und ei­ni­ge we­ni­ge Ar­bei­ter wur­den dann noch wei­ter­be­schäf­tigt. Das be­deu­te­te für die Ent­las­se­nen, dass sie und ih­re Fa­mi­li­en ei­ni­ge Wo­chen oh­ne Lohn, oh­ne Schlecht­wet­ter­geld, oh­ne Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung durch­kom­men muss­ten. Vie­le Ar­bei­ter be­sa­ßen im Grenz­land ein Stück Klein­gar­ten und hiel­ten auch Klein­vieh, durch des­sen Nut­zung die Ar­bei­ter­fa­mi­lie ei­nen Teil der Le­bens­mit­tel selbst er­wirt­schaf­te­te. Hier­mit so­wie mit Hil­fe des agra­ri­schen Um­fel­des muss­ten die Wo­chen der Er­werbs­lo­sig­keit be­wäl­tigt wer­den. Wenn der Wirt­schafts­gang Pro­duk­ti­on über­haupt zu­ließ, er­reich­ten die Zie­ge­lei­ar­bei­ter in den 1920er Jah­ren ein mitt­le­res Lohn­ni­veau. Der rea­le Ein­kom­mens­zu­wachs blieb in der Zeit von 1904 bis 1927 je­doch im ein­stel­li­gen Be­reich. Ei­ne ent­schei­den­de Ver­bes­se­rung der so­zia­len La­ge der Zie­ge­lei­ar­bei­ter im Grenz­land war da­mit nicht ein­ge­tre­ten. Um 1904/05 lag der Durch­schnitts­lohn der Dach­zie­ge­lei­ar­bei­ter zwi­schen 750 und 950 Mark. Hier­mit war in den Haus­hal­ten der Dach­zieg­ler zwar kein Hun­ger an­ge­sagt, aber das Geld reich­te nur aus, um ein­fa­che, we­nig ab­wechs­lungs­rei­che Spei­sen auf den Tisch zu brin­gen. Doch wa­ren die Le­bens­mit­tel­prei­se deut­lich ge­rin­ger als in der Stadt. Den­noch konn­ten Zie­ge­lei­ar­bei­ter kei­ne Spar­be­trä­ge von ih­rem Lohn zur Sei­te le­gen. Auch für Klei­dung und Mo­bi­li­ar wa­ren kei­ne grö­ße­ren Aus­ga­ben mög­lich. Miet­prei­se la­gen in der Grenz­re­gi­on bei acht bis zehn Pro­zent des Loh­nes und da­mit deut­lich nied­ri­ger als in den in­dus­tri­el­len Bal­lungs­zen­tren wie dem Ruhr­ge­biet, wo man ein Vier­tel des Loh­nes für Miet­aus­ga­ben ein­pla­nen muss­te. Kom­mu­na­le Bau­ver­ei­ne ver­such­ten seit 1896 in Kal­den­kir­chen, in den an­de­ren Ge­mein­den erst in den 1920er Jah­ren die Wohn­si­tua­ti­on der Be­völ­ke­rung zu ver­bes­sern. Mit Hil­fe güns­ti­ger Dar­le­hen wur­de es auch Ar­bei­tern er­mög­licht, Ei­gen­tum zu er­wer­ben. Bis auf Ein­zel­fäl­le, in de­nen die Wohn­si­tua­ti­on von Zie­ge­lei­ar­bei­tern völ­lig un­zu­rei­chend war, lässt sich al­so von be­schei­de­nen, aber aus­rei­chen­den Woh­nun­gen aus­ge­hen.

In den An­fangs­jah­ren des 20. Jahr­hun­derts schlos­sen sich vie­le Zie­ge­lei­ar­bei­ter dem christ­li­chen Keramar­bei­ter­ver­band an, doch war das In­ter­es­se an ge­sell­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Fra­gen vor dem Ers­ten Welt­krieg nur ge­ring ent­wi­ckelt. Auch nach dem Krieg wa­ren die meis­ten Zie­ge­lei­ar­bei­ter in ei­ner christ­li­chen Ge­werk­schaft or­ga­ni­siert. Doch tra­ten freie Ge­werk­schaf­ten und die So­zi­al­de­mo­kra­tie als wei­te­re po­li­ti­schen Kräf­te auf, wenn sie sich auch in der stark vom Ka­tho­li­zis­mus ge­präg­ten Re­gi­on schwer ta­ten. Ne­ben den Ge­werk­schaf­ten war der erst An­fang des 20. Jahr­hun­derts in der Grenz­re­gi­on ge­bil­de­te Ka­tho­li­sche Ar­bei­ter­ver­ein ei­ne ge­sell­schafts­po­li­ti­sche, aber auch ge­sell­schaft­li­che Kraft.

12. Die Unternehmer

An den Fir­men­grün­dun­gen in der Bran­che wa­ren bis 1914 nie­der­län­di­sche Ge­schäfts­leu­te als Ge­schäfts­füh­rer oder Teil­ha­ber un­ge­fähr zur Hälf­te be­tei­ligt. In den ers­ten Jah­ren der noch jun­gen In­dus­trie war der An­teil der Nie­der­län­der be­son­ders hoch. Al­le fünf Kal­den­kir­che­ner Be­trie­be wur­den bei­spiels­wei­se von Nie­der­län­dern ge­führt. Die meis­ten der Nie­der­län­der ka­men auch aus der Zie­gelbran­che, was bei den Deut­schen nicht der Fall war. Die­se wa­ren in der Re­gel Kauf­leu­te und kauf­ten sich das zie­ge­lei­tech­ni­sche Know­how ein.

Ei­ni­ge Teil­ha­ber und Ak­tio­nä­re wa­ren im Wirt­schafts­le­ben der Re­gi­on be­kann­te Män­ner wie Kom­mer­zi­en­rat Ju­li­us Nie­dieck (ge­stor­ben 1895) aus Lob­be­rich oder der Rit­ter­guts­be­sit­zer Alex­an­der von Hei­men­dahl aus Kem­pen. Be­kannt wur­de auch ein Teil­ha­ber der Fir­ma Hom­men und Co, der die Fa­brik spä­ter un­ter ei­ge­nem Na­men als Kai­sers Ton­wer­ke be­trieb. Das Haupt­un­ter­neh­men des Kom­mer­zi­en­rats Ja­kob Kai­ser (1862–1950) aus Vier­sen ist bes­ser be­kannt: das Kai­sers Kaf­fee­ge­schäft, die Na­men­s­ähn­lich­keit ist al­so nicht zu­fäl­lig.

Der Schritt der zu­künf­ti­gen Dach­zie­gel­fa­bri­kan­ten in die Selb­stän­dig­keit und die Be­schäf­ti­gung von 20, 30 und mehr Ar­beit­neh­mern war für das Grenz­ge­biet am mitt­le­ren Nie­der­rhein En­de des 19. Jahr­hun­derts der ent­schei­den­de Bei­trag auf dem Weg zur In­dus­tria­li­sie­rung. Die meis­ten Un­ter­neh­mer zeig­ten sich da­bei in Be­triebs  und Le­bens­füh­rung über Jah­re hin­weg von ih­rer Her­kunft aus dem Hand­werk oder dem Kauf­manns­stand ge­prägt. Ne­ben dem not­wen­di­gen Mut, der ne­ben dem Ka­pi­tal ein we­sent­li­ches Merk­mal bei ei­ner Exis­tenz­grün­dung sein muss, ver­füg­ten vie­le von ih­nen über ei­nen ho­hen Grad an Fle­xi­bi­li­tät und En­ga­ge­ment. Das zeig­te sich zum Bei­spiel beim Be­trei­ben meh­re­rer für die da­ma­li­ge Zeit re­la­tiv weit ent­fern­ten Be­triebs­stät­ten, die nur in mehr­stün­di­gen Fahr­ten mit Pferd und Wa­gen oder durch lan­ge Fu­ß­mär­sche zu er­rei­chen wa­ren. Un­ter­neh­mer­geist, Mut zur In­no­va­ti­on – das sind nor­ma­ler­wei­se Ei­gen­schaf­ten, die die Ge­schichts­wis­sen­schaft häu­fig Pro­tes­tan­ten zu­schreibt und da­mit Ge­wer­be  und In­dus­trie­an­sied­lun­gen in stark pro­tes­tan­tisch ge­präg­ten Städ­ten er­klärt. In der Ton­bran­che ist die­ser häu­fig ge­nutz­te Schluss falsch, die Un­ter­neh­mer wa­ren – so­weit dies be­kannt ist – ka­tho­li­scher Kon­fes­si­on, was ih­re Un­ter­neh­mungs­lust nicht be­hin­der­te.

20 und mehr Jah­re nach der Grün­dung der Dach­zie­gel  und Röh­ren­wer­ke wur­de in den meis­ten Wer­ken die Ein­bin­dung ei­nes oder meh­re­rer Nach­fol­ger in die Ge­schäfts­lei­tung vor­be­rei­tet. An­ders als ih­re Vä­ter durch­lief die nach­fol­gen­de Ge­ne­ra­ti­on meist ei­ne zie­ge­lei­tech­ni­sche oder be­triebs­wirt­schaft­li­che Aus­bil­dung zum Bei­spiel auf der Zie­ge­lei In­ge­nieur-Schu­le in Zwi­ckau oder der Han­dels­hoch­schu­le in Köln und wur­de dann Schritt für Schritt in die Fir­men­lei­tung ein­ge­bun­den. Mit zu­neh­men­der Dau­er ih­res Be­ste­hens hat­ten sich in­ner­halb der Bran­che so­gar per­sön­li­che Be­zie­hun­gen un­ter den Un­ter­neh­mer­fa­mi­li­en ge­bil­det, die auch zu Ehe­schlie­ßun­gen führ­ten. Die meis­ten der nie­der­län­di­schen Un­ter­neh­mer zeig­ten zu­dem ei­ne zu­neh­men­de Nä­he zum Be­triebs­stand­ort, die sich auch in der An­nah­me der deut­schen Staats­bür­ger­schaft aus­drück­te.

13. Resumee

Ne­ben der Leis­tung, die die "West­deut­sche Dach­zie­gel  und Röh­ren­in­dus­trie" zu ih­rer Blü­te­zeit er­bracht hat, und der Be­deu­tung, die sie für die tau­sen­den, im Lau­fe der Jahr­zehn­te bei ihr be­schäf­tig­ten Men­schen und ih­re Fa­mi­li­en hat­te, wird es ihr Ver­dienst blei­ben, der Grenz­re­gi­on zwi­schen Nider­krüch­ten und Kal­den­kir­chen den An­schluss an die In­dus­tria­li­sie­rung ge­bracht und da­mit den Schritt ins In­dus­trie­zeit­al­ter ge­för­dert zu ha­ben.

Quellen

Grund­la­ge für die­sen Bei­trag ist die Mo­no­gra­phie von Ina Ger­mes-Doh­men, Auf den Ton kommt es an. Ge­schich­te der West­deut­schen Dach­zie­gel- und Röh­ren­in­dus­trie, Vier­sen 1999. - Da es zu­vor kei­ne wis­sen­schaft­li­chen Ar­bei­ten zu die­sem In­dus­trie­zweig gab, ba­sier­te die Un­ter­su­chung un­ter an­de­rem auf der Aus­wer­tung der Ar­chi­ve der Ge­mein­den Brüg­gen, Bracht, Nie­der­krüch­ten und Elm­pt und des Ar­chivs der frü­he­ren Stadt Kal­den­kir­chen wie der Be­stän­de über Han­del und Ge­wer­be der Be­zirks­re­gie­run­gen Düs­sel­dorf und Aa­chen und die Be­stän­de der Land­rats­äm­ter Kem­pen und Er­kelenz im Lan­des­ar­chiv NRW Ab­tei­lung Rhein­land in Düs­sel­dorf. Wei­ter wur­den zahl­rei­che Ver­bands- wie auch Fir­men­samm­lun­gen ge­nutzt.

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Modernes Dachziegelwerk: Die Ziegel werden energieeffizient freistehend und berührungslos gebrannt und vollautomatisch gesetzt und entladen. (Fa. Gebr. Laumans, Brüggen)

 
Zitationshinweis

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Germes-Dohmen, Ina, Auf den Ton kommt es an. Die Geschichte der Westdeutschen Dachziegelindustrie im deutsch-niederländischen Grenzgebiet, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/auf-den-ton-kommt-es-an.-die-geschichte-der-westdeutschen-dachziegelindustrie-im-deutsch-niederlaendischen-grenzgebiet/DE-2086/lido/57d1294cc8e3a6.86174246 (12.12.2018)