Die „Jahrtausendausstellungen“ in Köln und Aachen 1925

Rüdiger Haude (Aachen)

Plakat zur Jahrtausendausstellung in Aachen, 1925. (Stadtarchiv Aachen)

1. Anlass

Zu den Be­stim­mun­gen des Ver­sailler Frie­dens­ver­tra­ges vom 28.6.1919 ge­hör­te die vor­über­ge­hen­de Be­set­zung der links­rhei­ni­schen Ge­bie­te Deutsch­lands und ei­ni­ger Brü­cken­köp­fe auf dem rech­ten Rhein­ufer durch Trup­pen Frank­reichs, Bel­gi­ens und Groß­bri­tan­ni­ens. Dass die­se Be­set­zung auf 15 Jah­re be­fris­tet wur­de, hat­te der fran­zö­si­schen Ver­hand­lungs­füh­rung von den Ver­tre­tern Groß­bri­tan­ni­ens und der USA ab­ge­trotzt wer­den müs­sen; Frank­reich hat­te ei­gent­lich die Rhein­gren­ze an­ge­strebt. Auch nach dem – in Deutsch­land oh­ne­dies als il­le­gi­tim emp­fun­de­nen – Frie­dens­ver­trag gab die fran­zö­si­sche Deutsch­land­po­li­tik auf deut­scher Sei­te An­lass zu der Be­sorg­nis, das Rhein­land sol­le vom Deut­schen Reich ab­ge­trennt und ei­ner fran­zö­si­schen Ein­fluss-Sphä­re ein­ver­leibt wer­den. Die bel­gisch-fran­zö­si­sche Be­set­zung des Ruhr­ge­biets im Ja­nu­ar 1923 we­gen aus­blei­ben­der deut­scher Re­pa­ra­ti­ons­zah­lun­gen trug eben­so zu die­sen Sor­gen bei wie die fran­zö­si­sche Kul­tur­po­li­tik ei­ner pé­né­tra­ti­on pa­ci­fi­que des be­setz­ten Ge­biets, die un­ter an­de­rem ge­schichts­po­li­tisch das ge­mein­sa­me kul­tu­rel­le Er­be der Rhein­län­der und der fran­ko­pho­nen Zi­vi­li­sa­ti­on be­ton­te, oh­ne je­doch auf brei­te Re­so­nanz zu sto­ßen.

Ne­ben dem „Ruhr­kampf“ führ­ten im Jah­re 1923 die Hy­per­in­fla­ti­on, so­wie im Herbst Se­pa­ra­tis­ten­put­sche (un­ter an­de­rem in Aa­chen) zu ei­ner Zu­spit­zung der Un­ge­wiss­heit über die po­li­ti­sche Zu­kunft des Rhein­lands. Da­bei wur­de so­wohl von der Sei­te des Reichs aus die ‚na­tio­na­le Zu­ver­läs­sig­keit‘ der Rhein­län­der mit Skep­sis be­trach­tet, als auch um­ge­kehrt im Rhein­land be­fürch­tet, die Reichs­re­gie­rung kön­ne das be­setz­te Ge­biet den fran­zö­si­schen An­ne­xi­ons­wün­schen preis­ge­ben, und sei es, um sie zehn Jah­re spä­ter mit mi­li­tä­ri­scher Ge­walt „zu­rück­zu­ho­len“, wie es der Duis­bur­ger Ober­bür­ger­meis­ter und ab No­vem­ber 1923 Reich­sin­nen­mi­nis­ter, Karl Jar­res (DVP) er­wog.

Im Span­nungs­feld zwi­schen sol­cher „Ver­sa­ckungs­po­li­ti­k“ der Reichs­re­gie­rung und der Se­pa­ra­tis­mus­ge­fahr im Rhein­land selbst er­wuch­sen die Plä­ne für ei­ne gro­ßan­ge­leg­te ge­schichts­po­li­ti­sche Ope­ra­ti­on, wel­che die „un­trenn­ba­re“ Ver­bun­den­heit der be­setz­ten Ge­bie­te mit dem deut­schen Staat zum Aus­druck brin­gen soll­te. Man griff weit in die Ge­schich­te zu­rück, um ei­ne sehr mo­der­ne Form der Iden­ti­täts­kon­struk­ti­on zu voll­brin­gen: die Er­fin­dung ei­nes völ­ki­schen Kol­lek­tivs.

Plakat zur Jahrtausendausstellung in Aachen, 1925. (Stadtarchiv Aachen)

 

2. Entstehung

Schon am 12.9.1922 hat­te der Düs­sel­dor­fer Ar­chiv­di­rek­tor Paul Went­z­cke in Aa­chen bei der Haupt­ver­samm­lung der deut­schen Ge­schichts- und Al­ter­tums­ver­ei­ne erst­mals ge­äu­ßert, es ge­be An­lass, im Jah­re 1925 ei­ne „tau­send­jäh­ri­ge Ju­bel­fei­er des Deut­schen Rei­ches“ zu be­ge­hen. Als zu fei­ern­des Ge­schichts­er­eig­nis be­trach­te­te er die im Jah­re 925 voll­ende­ten Ein­ver­lei­bung des mit­tel­frän­ki­schen Lo­tha­rin­gi­en in das ost­frän­ki­sche Reich un­ter Kö­nig Hein­rich I. (Re­gie­rungs­zeit 919-936). Auch der Bon­ner His­to­ri­ker Wil­helm Le­vi­son be­ton­te 1922 die his­to­ri­sche Be­deu­tung die­ses Er­eig­nis­ses, oh­ne je­doch dar­aus die For­de­rung nach ei­ner Ju­bel­fei­er ab­zu­lei­ten. Went­z­cke wie­der­um mach­te deut­lich, dass der ei­gent­li­che Grund für sei­ne For­de­rung nach Be­ge­hung die­ses Jahr­tau­send-Er­eig­nis­ses ein ge­schichts­po­li­ti­scher war: das Feh­len all­ge­mein­ver­bind­li­cher Fei­er­ta­ge und sons­ti­ger na­tio­na­ler Sym­bo­le in Deutsch­land.

Un­ter den His­to­ri­kern blieb die Be­deu­tung des Jah­res 925 um­strit­ten. Aber die ge­schichts­po­li­ti­schen Im­pe­ra­ti­ve ent­fal­te­ten bald dar­auf ih­re Wirk­sam­keit. An­fang 1923 be­gann man in Köln, sich mit der Pla­nung ei­ner Jahr­tau­send­fei­er zu be­schäf­ti­gen. Die­se soll­te zu­nächst in lo­ka­lem Rah­men noch im Jah­re 1923 durch­ge­führt wer­den. 923 war schlie­ß­lich die Ge­gend der spä­te­ren Rhein­pro­vinz be­reits von Hein­rich I. un­ter­wor­fen wor­den. Went­z­cke hat­te die­ses Da­tum aus­drück­lich nur des­halb ver­wor­fen, weil 923 die (ro­ma­nisch­spra­chi­ge) Stadt Metz nicht er­obert wor­den war. Die Köl­ner Pla­nun­gen wa­ren denn auch of­fen­sicht­lich un­ab­hän­gig von den Er­wä­gun­gen der His­to­ri­ker ent­stan­den; sie gin­gen aus Krei­sen der dort so­eben eta­blier­ten „Li­te­ra­tur- und Buch­wo­che“ her­vor. So konn­te der Köl­ner Ar­chiv­di­rek­tor Jo­seph Han­sen (1862-1943) dann auch die prag­ma­ti­schen Grün­den ge­schul­de­te schritt­wei­se Ver­schie­bung der Jahr­tau­send­fei­er his­to­risch be­grün­den, „da die ge­schicht­li­chen Da­ten zwi­schen den Jah­ren 923 und 925 schwan­ken“.

Im Zu­ge der Ver­schie­bung wuchs das Un­ter­neh­men sich zu ei­nem gro­ßen, all­ge­mein rhei­ni­schen Pro­jekt aus. Der Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ter Kon­rad Ade­nau­er (Zen­trum) nutz­te sei­ne ex­zel­len­ten po­li­ti­schen Be­zie­hun­gen aus, um die Pro­vin­zi­al­or­ga­ne von die­sem Pro­jekt zu über­zeu­gen. Auch Karl Jar­res, der ja noch kurz zu­vor die tem­po­rä­re Preis­ga­be des Rhein­lan­des im Rah­men der so ge­nann­ten „Ver­sa­ckungs­po­li­ti­k“ ver­foch­ten hat­te, wur­de zu ei­nem en­er­gi­schen Für­spre­cher der Jahr­tau­send­fei­ern.

3. Überblick über die Jahrtausendfeiern

Von staat­li­cher Sei­te wur­de die Jahr­tau­send­fei­er vor al­lem mit ei­ner Ket­te von Fest­ak­ten be­gan­gen, die mit ei­ner Fei­er des Pro­vin­zi­al­land­ta­ges am 18.6.1925 in Düs­sel­dorf be­gann. Die hier ver­sam­mel­ten Reichs-, Staats-, Pro­vin­zi­al- und Kom­mu­nal­po­li­ti­ker reis­ten am dar­auf fol­gen­den Tag nach Köln wei­ter, um die dor­ti­ge Jahr­tau­send­aus­stel­lung zu be­sich­ti­gen, und am 20. Ju­ni im Gür­ze­nich ei­nem wei­te­ren Fest­akt bei­zu­woh­nen. An­schlie­ßend be­ga­ben sie sich wei­ter nach Ko­blenz, wo am Sitz des Ober­prä­si­den­ten der Rhein­pro­vinz ein letz­ter Fest­akt ab­sol­viert wur­de. So wur­de die Kon­kur­renz zwi­schen der pro­vin­zia­len Selbst­ver­wal­tung (Düs­sel­dorf), der Ver­tre­tung des preu­ßi­schen Staa­tes (Ko­blenz) und der Me­tro­po­le (Köln) aus­ta­riert.

Die­ses of­fi­zi­el­le Fei­er­pro­gramm stellt je­doch nur ei­nen klei­nen Aus­schnitt aus den Ak­ti­vi­tä­ten dar, die im Rhein­land (und auch dar­über hin­aus) aus An­lass des Jahr­tau­send-Ju­bi­lä­ums ent­fal­tet wur­den. Die­se im We­sent­li­chen de­zen­tral or­ga­ni­sier­ten Fest­lich­kei­ten er­re­gen in ih­rer Viel­falt und in ih­rer Brei­te bis heu­te das Er­stau­nen der his­to­ri­schen For­schung. Bis in die kleins­ten Or­te hin­ab wur­den ehr­gei­zi­ge Fest­pro­gram­me auf­ge­stellt. Die vom 5.- 12.7.1925 durch­ge­führ­te Jahr­tau­send­fei­er der Stadt Dü­ren zum Bei­spiel be­stand aus ei­nem “Blu­men­kor­so” der Fahr­zeug-Clubs, Sport­ver­an­stal­tun­gen, Kon­zer­ten, ei­nem Ju­gend­fest mit Mu­sik und Tanz, ei­ner Stadt-Il­lu­mi­na­ti­on, ei­nem Fest­zug so­wie ei­ner re­gio­nal­ge­schicht­li­chen Aus­stel­lung.

Jahrtausendausstellung der Rheinlande in Köln auf dem Messegelände in Köln-Deutz, 1925. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

Da­mit ist das Spek­trum der Fei­er-Ak­ti­vi­tä­ten, wie es auch die Pro­gram­me der gro­ßen Städ­te präg­te, um­ris­sen. Die Fei­ern ruh­ten stets auf meh­re­ren der vier Säu­len:

  • Um­zü­ge,

  • Mu­sik­dar­bie­tun­gen,

  • Sport­wett­be­wer­be,

  • Aus­stel­lun­gen.

Da­bei muss­ten die ört­li­chen Pla­ner be­ach­ten, dass vor al­lem Ver­an­stal­tun­gen un­ter frei­em Him­mel durch Re­strik­tio­nen von Sei­ten der In­te­r­al­li­ier­ten Rhein­land­kom­mis­si­on ge­hemmt wa­ren. Ge­ra­de hier muss­te dar­auf ge­ach­tet wer­den, je­den „mi­li­tä­ri­schen An­strich“ zu ver­mei­den; das be­traf auch his­to­ri­sche Fest­um­zü­ge, die mit Mu­sik durch die Stra­ßen zo­gen. Auch war das Ab­sin­gen des „Deutsch­land­lie­des“ un­ter frei­em Him­mel ver­bo­ten. In der Pra­xis kam es aber im­mer dar­auf an, wie sich die Be­sat­zungs­be­hör­den vor Ort ver­hiel­ten. Da­bei gab es gro­ße Un­ter­schie­de zwi­schen den Be­sat­zungs­mäch­ten Groß­bri­tan­ni­en, Bel­gi­en un­d  Frank­reich.

Für die mu­si­ka­li­schen Dar­bie­tun­gen wur­den meis­tens die lo­ka­len Ge­sangs­ver­ei­ne mo­bi­li­siert. In den grö­ße­ren Städ­ten, in de­nen ei­ne Phil­har­mo­nie vor­han­den war, führ­te man Kon­zer­te auf. Es fällt auf, dass in die­sen Kon­zert­pro­gram­men zwei Stü­cke als bei­na­he ob­li­ga­to­risch be­rück­sich­tigt wur­den: Ers­tens die Neun­te Sin­fo­nie von Lud­wig van Beet­ho­ven, bei der der rhein­län­di­sche Ge­burts­ort des Kom­po­nis­ten (Bonn) und die Mo­nu­men­ta­li­tät des Werks zu­sam­men­ka­men; hier muss­te aber an der Aus­sa­ge des Chors im Fi­na­le an­ge­strengt vor­bei­ge­hört wer­den. Fried­rich Schil­lers (1759-1805) Völ­ker ver­bin­den­de Ode „An die Freu­de“ wur­de zu­min­dest von den Zei­tungs­kri­ti­kern 1925 zu ei­nem na­tio­na­lis­ti­schen Kampf­ge­dicht um­ge­bo­gen. Zwei­tens muss­ten al­ler­or­ten Ri­chard Wag­ners (1813-1883) „Meis­ter­sin­ger von Nürn­ber­g“ auf­ge­führt wer­den (meis­tens die Schluss­sze­ne auf der „Fest­wie­se“). Hier war die in­halt­li­che Aus­sa­ge, die die deut­sche Kul­tur ge­gen den „wäl­schen Tan­d“ in Stel­lung bringt, von vor­ne­her­ein mit dem An­lie­gen der Jahr­tau­send­fei­ern in De­ckung.

Der Dreikönigenschrein als Ausstellungsstück während der Jahrtausendausstellung in Köln, 1925. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

Mit den sport­li­chen Wett­be­wer­ben konn­te un­ter an­de­rem die Ide­en­welt des Kampfs in ei­ner von den Be­sat­zungs­be­hör­den nicht zen­sier­ba­ren Form zum Aus­druck ge­bracht wer­den. Der Rhein, des­sen my­thi­sche Auf­la­dung im Rah­men der Jahr­tau­send­fei­ern neue Hö­he­punk­te er­reich­te, wur­de (nebst sei­nen Zu­flüs­sen) ger­ne zur Are­na sol­cher Wett­kämp­fe ge­macht. So fan­den in Trier und Ko­blenz Re­gat­ten statt. In Bad Go­des­berg wur­de an­läss­lich der „Rhei­ni­schen Hei­mat­spie­le“ am 20. und 21.6.1925 ei­ne „Boots­auf­fahrt ge­wal­tigs­ten Aus­ma­ßes“ der Ru­der­boo­te, Ka­nus, Se­gel- und Mo­tor­boo­te ver­an­stal­tet. Au­ßer­dem um­fass­ten die „Rhei­ni­schen Hei­mat­spie­le“, die von der In­te­r­al­li­ier­ten Kon­troll­kom­mis­si­on als „Mons­ter-Kund­ge­bun­g“ no­tiert wur­den, Au­to- und Fahr­rad-Stern­fahr­ten, ei­ne Berg­meis­ter­schaft der Rad­renn­fah­rer, Reit-, Ho­ckey- und Hand­ball­tur­nie­re, all dies kom­bi­niert mit meh­re­ren Fest­spie­len, kam­mer­mu­si­ka­li­schen Dar­bie­tun­gen, Feu­er­werk, Fa­ckel­schwin­gen, Feld­got­tes­diens­ten, Dar­bie­tun­gen des Rhei­ni­schen Sän­ger­bun­des so­wie abend­li­chem „Bla­sen von Rhein­lie­dern“ von den Berg­spit­zen des Sie­ben­ge­bir­ges her­ab.

Ausstellungsfläche der Hugo Stinnes GmbH in Köln, 1925. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

All die­se Ver­an­stal­tun­gen er­we­cken den Ein­druck, als sei es nur in zwei­ter Li­nie um die Be­to­nung der Ver­bun­den­heit des Rhein­lands mit dem Deut­schen Reich ge­gan­gen, in ers­ter Li­nie hin­ge­gen um ei­ne re­gio­na­le Selbst­dar­stel­lung und Leis­tungs­schau. Die­ser Ein­druck ver­dich­tet sich beim Be­trach­ten der letz­ten Säu­le des Fei­er­pro­gramms: dem Aus­stel­lungs­we­sen. Ge­ra­de die Aus­stel­lun­gen mit ih­rer oft meh­re­re Mo­na­te wäh­ren­den Öff­nungs­dau­er hat­ten die Funk­ti­on, Tou­ris­ten an­zu­zie­hen und da­mit nicht nur das lo­ka­le Pres­ti­ge, son­dern auch die lo­ka­le Wirt­schaft zu för­dern. Vie­le klei­ne­re Or­te zeig­ten hei­mat­ge­schicht­li­che Aus­stel­lun­gen. Grö­ße­re über­re­gio­na­le Auf­merk­sam­keit er­weck­ten frei­lich nur die grö­ße­ren, von Reich, Staat und Pro­vinz fi­nan­zi­ell ge­för­der­ten Aus­stel­lungs­pro­jek­te der grö­ße­ren Städ­te. Duis­burg und Es­sen zeig­ten ei­ne Ab­fol­ge meh­re­rer klei­ne­rer, auf Kunst und Ge­wer­be, Ge­schich­te und so­zia­le Fra­gen be­zo­ge­ner Aus­stel­lun­gen; eben­so Düs­sel­dorf, wo je­doch an Pu­bli­kums­zu­spruch die „Jagd- und Fi­sche­rei-Aus­stel­lun­g“, an kul­tu­rel­ler Be­deu­tung die „Gros­se Kunst­aus­stel­lun­g“ über „die letz­ten 100 Jah­re rhei­ni­scher Ma­le­rei“ her­aus­rag­ten. In letz­te­rer wur­de auf ho­hem Ni­veau die künst­le­ri­sche Avant­gar­de vom deut­schen Im­pres­sio­nis­mus über den Ex­pres­sio­nis­mus bis hin zur „Neu­en Sach­lich­keit“ ge­zeigt. Das na­tio­na­le Pa­thos, das die Jahr­tau­send­fei­ern sonst präg­te, fehl­te hier weit­hin.

Ko­blenz prä­sen­tier­te ei­ne „Reichs­aus­stel­lung ‚Deut­scher Wein‘“. In ei­nem hier­für ei­gens an­ge­leg­ten „Wein­dor­f“ wur­de zu die­sem Zwe­cke für je­des deut­sche Wein­an­bau­ge­biet ein als ty­pisch gel­ten­des Haus er­rich­tet. Die­ses di­rekt an der Pfaf­fen­dor­fer Brü­cke ge­le­ge­ne „Wein­dor­f“ ist noch heu­te in Be­trieb.

Ei­ne au­ßer­or­dent­lich gro­ße his­to­ri­sche Aus­stel­lung, die sich als die zen­tra­le Aus­stel­lung der Jahr­tau­send­fei­ern ver­stand, ver­an­stal­te­te Köln. Die­se, und die da­mit in ei­nem viel­fäl­ti­gen Kon­kur­renz­ver­hält­nis ste­hen­de „His­to­ri­sche Jahr­tau­send-Aus­stel­lun­g“ in Aa­chen, sol­len nach­fol­gend et­was aus­führ­li­cher dar­ge­stellt wer­den.

Ausstellungsfläche der Firma Thyssen in Köln, 1925. (Rheinisches Bildarchiv Köln)

 

4. Kölner Jahrtausendausstellung

Wie be­reits ge­schil­dert, gin­gen die Jahr­tau­send­fei­ern ganz we­sent­lich auf ei­ne In­itia­ti­ve Köl­ner Po­li­ti­ker zu­rück; und oh­ne das po­li­ti­sche Ge­wicht des Köl­ner Ober­bür­ger­meis­ters Ade­nau­er in Ber­lin hät­ten sie wo­mög­lich nicht den be­schrie­be­nen Um­fang an­ge­nom­men. Es war für Ade­nau­er und sei­ne Mit­ar­bei­ter klar, dass Köln bei den Fei­ern die do­mi­nie­ren­de Rol­le zu spie­len hat­te. Das wich­tigs­te In­stru­ment hier­für war das Gro­ß­pro­jekt der „Jahr­tau­send­aus­stel­lung der Rhein­lan­de“. Sie fand vom 16.5. bis zum 15.8.1925 in den 1924 er­öff­ne­ten Mes­se­hal­len in Köln-Deutz statt und prä­sen­tier­te mehr als 10.000 Ob­jek­te. Für die Lei­tung die­ses gi­gan­ti­schen Pro­jekts hat­te man den Neus­ser Mu­se­ums­di­rek­tor Wil­helm Ewald (1878-1955) ge­won­nen, der sich auf ei­nen be­acht­li­chen Mit­ar­bei­ter­stab stüt­zen konn­te. Es ge­lang, ei­ne kunst- und kul­tur­ge­schicht­li­che Aus­stel­lung von bis da­hin un­vor­stell­ba­rem Um­fang zu rea­li­sie­ren und da­für zahl­rei­che Leih­ge­ber in­ner­halb und au­ßer­halb der Rhein­pro­vinz zu ge­win­nen. Als blei­ben­de Er­trä­ge gin­gen hier­aus un­ter an­de­rem das „Rhei­ni­sche Bild­ar­chi­v“ (zu­nächst als Ab­tei­lung des 1926 ge­grün­de­ten „Rhei­ni­schen Mu­se­ums in Köln“) und be­trächt­li­che Tei­le der heu­ti­gen Be­stän­de des Köl­ni­schen Stadt­mu­se­ums, so­wie die mo­nu­men­ta­le Buch­pu­bli­ka­ti­on „Tau­send Jah­re deut­scher Kunst am Rhein“ von Fritz Wit­te (1876-1937) her­vor.

Die Köl­ner Jahr­tau­send­aus­stel­lung war in zwei gro­ße Ab­tei­lun­gen ge­glie­dert, wo­bei die Ab­tei­lung A. in 52 Räu­men die „ge­schicht­li­che, po­li­ti­sche und künst­le­ri­sche Ent­wick­lun­g“ des ge­sam­ten Rhein­lands, die Ab­tei­lung B. in wei­te­ren 91 Räu­men die „kom­mu­nal­po­li­ti­schen, wirt­schaft­li­chen und so­zia­len Tat­sa­chen“ der Ge­gen­wart do­ku­men­tier­te. In die­ser Ab­tei­lung B. wa­ren un­ter an­de­rem Selbst­dar­stel­lun­gen gro­ßer rhei­ni­scher Städ­te ent­hal­ten, wo­bei mit Mann­heim und Mainz der Rah­men der preu­ßi­schen Rhein­pro­vinz über­schrit­ten wur­de, gleich­zei­tig aber wich­ti­ge Städ­te der Rhein­pro­vinz fehl­ten, vor al­lem Trier, Ko­blenz und Aa­chen. In wei­te­ren Räu­men prä­sen­tier­ten sich Gro­ß­kon­zer­ne wie Krupp, Stin­nes, Thys­sen und die RWE, fer­ner auch Ge­werk­schafts- und So­zi­al­ver­bän­de. Die his­to­ri­sche Ab­tei­lung A. wur­de von kost­ba­ren mit­tel­al­ter­li­chen Ex­po­na­ten do­mi­niert, be­gin­nend mit Zeug­nis­sen welt­li­cher Herr­schaft und gip­felnd in der Prä­sen­ta­ti­on kirch­li­cher Schät­ze. Un­ter an­de­rem wa­ren aus dem Köl­ner Dom der Drei­kö­nigs­schrein und der Al­tar der Stadt­pa­tro­ne von Ste­fan Loch­ner ent­lie­hen wor­den. Hier fan­den sich fer­ner al­le Fa­cet­ten kunst­ge­werb­li­chen Kön­nens, wie es in ver­schie­de­nen Re­gio­nen der Rhein­pro­vinz eta­bliert war. Gro­ßes Ge­wicht wur­de auf Zeug­nis­se der Ka­tho­li­schen Kir­che ge­legt, aber auch die Evan­ge­li­sche Kir­che und das Ju­den­tum wa­ren mit je­weils meh­re­ren Räu­men ver­tre­ten. Über­dies wur­den As­pek­te des bür­ger­li­chen Le­bens, der Bil­dung und schlie­ß­lich auch der Volks­kul­tur (Kar­ne­val) be­han­delt.

Der von Köln be­haup­te­te Ge­samt­ver­tre­tungs­an­spruch als „Jahr­tau­send­aus­stel­lung der Rhein­lan­de“ wur­de durch die über­wäl­ti­gen­de Wir­kung der schie­ren Zahl, aber auch des teil­wei­se her­aus­ra­gen­den kunst­ge­schicht­li­chen Ran­ges der Ex­po­na­te be­glau­bigt, auch wenn die Aus­stel­lung die ei­ne oder an­de­re cha­rak­te­ris­ti­sche Lü­cke auf­wies. Ei­ne der auf­fal­lends­ten Lü­cken be­stand dar­in, dass fast kei­ner­lei Zeug­nis­se aus der Stadt Aa­chen in Köln ge­zeigt wur­den. Dies hing da­mit zu­sam­men, dass in Aa­chen gleich­zei­tig ei­ne ei­ge­ne his­to­ri­sche Jahr­tau­send­aus­stel­lung ge­zeigt wur­de, und dass es hier­über zu ei­ner hef­ti­gen Städ­te­kon­kur­renz zwi­schen Aa­chen und Köln kam. Wen­den wir uns zu­nächst der Aa­che­ner Aus­stel­lung zu.

Blick in die Aachener Jahrtausendausstellung, 1925, Foto: Gerhard Mertens. (Stadtarchiv Aachen)

 

5. Aachener Jahrtausendausstellung

Die vom Aa­che­ner Ar­chiv­di­rek­tor Al­bert Huys­kens (1879-1956) ge­lei­te­te Aa­che­ner Jahr­tau­send­aus­stel­lung ist von den Zeit­ge­nos­sen häu­fig als „Krö­nungs­aus­stel­lun­g“ an­ge­spro­chen wor­den. Tat­säch­lich stell­ten die vom 9. bis zum 16. Jahr­hun­dert in Aa­chen voll­zo­ge­nen Kö­nigs­krö­nun­gen den the­ma­ti­schen Kern die­ser Aus­stel­lung dar. Hier­bei konn­te an die für 1915 ge­plan­te und we­gen des Ers­ten Welt­kriegs aus­ge­fal­le­ne Krö­nungs­aus­stel­lung an­ge­knüpft wer­den, mit der das hun­dert­jäh­ri­ge Ju­bi­lä­um der Zu­ge­hö­rig­keit der Rhein­pro­vinz zu Preu­ßen hat­te be­gan­gen wer­den sol­len. Da­mals wa­ren für 168.721 Mark ori­gi­nal­ge­treue Ko­pi­en der in Wien la­gern­den Reichs­klein­odi­en des „Hei­li­gen rö­mi­schen Reichs deut­scher Na­ti­on“ her­ge­stellt wor­den, die nun erst­mals ei­ner brei­te­ren Öf­fent­lich­keit prä­sen­tiert wer­den konn­ten. Dies ge­schah vom 3.5. bis zum 6.9.1925 in den Räu­men des Aa­che­ner Rat­hau­ses, wor­in im Spät­mit­tel­al­ter das Krö­nungs­mahl statt­zu­fin­den ge­pflegt hat­te.

Im „Krö­nungs­saal“ des Rat­hau­ses wur­den nun al­so die Nach­bil­dun­gen der Reichs­klein­odi­en aus­ge­stellt, au­ßer­dem wei­te­re Zeug­nis­se mit Be­zug auf die Kö­nigs­krö­nun­gen, fer­ner ei­ne Ab­tei­lung für Gold­schmie­de­kunst so­wie ei­ne über das Schüt­zen­we­sen. In den Räu­men des Un­ter­ge­schos­ses wa­ren un­ter an­de­rem Ex­po­na­te über den Aa­che­ner Schöf­fen­stuhl, die Aa­che­ner Wall­fahrt und die in Aa­chen ab­ge­hal­te­nen Frie­dens­kon­gres­se ver­sam­melt. Das Rat­haus als Aus­stel­lungs­ort wur­de sei­ner­seits als Aus­stel­lungs­stück ver­stan­den: Nicht nur hat­te hier ein Teil des Krö­nungs­ri­tu­als statt­ge­fun­den, son­dern man konn­te hier auch noch die Spu­ren des Se­pa­ra­tis­ten­put­sches von 1923 be­trach­ten, als es im Rat­haus zu Schie­ße­rei­en ge­kom­men war.

Die Ein­schuss­lö­cher wa­ren die­je­ni­gen „Ex­po­na­te“, die am ehes­ten die na­tio­na­lis­ti­sche Ziel­rich­tung der Aus­stel­lung ver­kör­per­ten. Die Zen­tral­stü­cke der Aus­stel­lung hin­ge­gen, vor al­lem die Nach­bil­dun­gen der Reichs­klein­odi­en, ver­wie­sen viel­fach auf ein Herr­schafts­ge­bil­de, das nun ein­mal kei­ner na­tio­na­len Lo­gik ge­folgt war. Auf der Kai­ser­kro­ne zeig­ten die Email­len bib­li­sche Kö­ni­ge so­wie Chris­tus als „Kö­nig der Kö­ni­ge“, er­gänzt durch la­tei­ni­sche In­schrif­ten. Der Krö­nungs­man­tel wies gar ei­ne ara­bi­sche In­schrift auf. Und hin­zu kam nun, dass fast al­les, was Aa­chen zur ei­ge­nen his­to­ri­schen Gel­tung vor­zu­brin­gen hat­te, die The­se zu wi­der­le­gen schien, der po­li­ti­sche Blick der Rhein­län­der sei von je­her „der auf­ge­hen­den, nicht der sin­ken­den Son­ne zu­ge­wand­t“, wie Aa­chens Ober­bür­ger­meis­ter Wil­helm Far­wick (1863-1941) (Zen­trum) es bei der Er­öff­nung der Aus­stel­lung aus­drück­te. Die ar­chi­tek­to­ni­sche Aus­strah­lung der Aa­che­ner Pfalz­ka­pel­le und der Zu­stän­dig­keits­kreis des Aa­che­ner Schöf­fen­stuhls wa­ren ten­den­zi­ell eher nach Wes­ten hin ge­rich­tet und über­schrit­ten im Os­ten den Rhein kaum. Als Wall­fahrts- und Ba­de­ort und als Aus­rich­te­rin von Frie­dens­kon­gres­sen hat­te Aa­chen ei­ne de­zi­diert in­ter­na­tio­na­le Per­spek­ti­ve in­ne­ge­habt. Am pro­ble­ma­tischs­ten er­wies sich aber das grö­ß­te Pfund, mit dem Aa­chen wu­chern konn­te: sei­ne pri­vi­le­gier­te Ver­knüp­fung mit Karl dem Gro­ßen. Wäh­rend der Jahr­tau­send­fei­ern ver­such­te man, die­sen als „deut­schen Re­cken“ zu sti­li­sie­ren. Aber wenn 925 der deut­sche Na­tio­nal­staat ent­stan­den sein soll­te, dann muss­te Karls Reich mehr als ein Jahr­hun­dert vor­her lo­gisch not­wen­dig ein nicht-na­tio­na­les Ge­bil­de ge­we­sen sein. Die Ei­gen­lo­gik der Ex­po­na­te mach­te die Aa­che­ner Jahr­tau­send­aus­stel­lung (und min­des­tens ten­den­zi­ell dürf­te dies für ihr gro­ßes Köl­ner Ge­gen­stück eben­falls ge­gol­ten ha­ben) für die Zweck­set­zung der Jahr­tau­send­fei­ern ei­gent­lich ziem­lich un­ge­eig­net.

Ge­gen­über 1915 hat­ten sich eben die Rah­men­be­din­gun­gen für ei­ne Krö­nungs­aus­stel­lung deut­lich ge­wan­delt. Wenn da­mals die „Kai­se­r­ide­e“ zum Aus­druck ge­bracht wer­den soll­te, dann dien­te dies zu­gleich der Stif­tung kol­lek­ti­ver Iden­ti­tät: der Un­ter­ta­nen un­ter dem je­wei­li­gen Kai­ser, da­mals al­so Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918). Zehn Jah­re spä­ter war die Mon­ar­chie je­doch Ver­gan­gen­heit, und auch im Re­den über die Na­ti­on spiel­te der Un­ter­ta­nen­sta­tus kei­ne ent­schei­den­de Rol­le mehr. Nun ging es um ei­ne ver­meint­li­che bluts­mä­ßi­ge „Schick­sals­ge­mein­schaf­t“, der man schlech­ter­dings nicht ent­rin­nen kön­ne. Die­ser Wech­sel in der Lo­gik na­tio­na­ler Iden­ti­täts­stif­tung war durch ei­ne Krö­nungs­aus­stel­lung nicht gut dar­stell­bar, und auch die er­gän­zen­den Aus­stel­lungs-Ab­tei­lun­gen schu­fen hier, wie wir sa­hen, nur we­nig Ab­hil­fe.

Be­mer­kens­wert ist nun, dass die Aus­stel­lung den­noch durch­ge­hend als kon­ge­nia­le Ver­kör­pe­rung der Ide­en der Jahr­tau­send­fei­ern wahr­ge­nom­men wur­de. „Deut­sches We­sen tut sich da­bei kun­d“, schrieb Rein­hold Zim­mer­mann in der „Rhei­ni­schen Ta­ges­zei­tun­g“, „kein char­le­man­ni­sches“. Die Samm­lung der Pres­se­be­rich­te über die Aus­stel­lung im Aa­che­ner Stadt­ar­chiv be­legt, dass dies der durch­gän­gi­ge Te­nor der Kri­ti­ken war: In „denk­bar ein­dring­li­cher Wei­se“ wer­de hier die „un­lös­ba­re Ver­bun­den­heit von Rhein und Reich be­zeug­t“. Oder, wie das „Ham­bur­ger Frem­den­blat­t“ in ei­ner Son­der­num­mer zur Jahr­tau­send­fei­er druck­te: “Es gibt Na­tur­ge­wal­ten, die sich nicht be­schwich­ti­gen las­sen, na­tür­li­che Bin­dun­gen, die sich ele­men­tar kund­tun, ge­führt von der Stim­me des Blu­tes.” Dem­entspre­chend äu­ßer­te sich an­läss­lich der Er­öff­nung der Aa­che­ner Aus­stel­lung auch Paul Went­z­cke in ei­nem ka­tho­li­schen Aa­che­ner Blatt über die „völ­ki­schen Zu­sam­men­hän­ge“, die un­ter an­de­rem in der „Blut­mi­schun­g“ zum Aus­druck kä­men. Went­z­cke re­sü­mier­te hier: „Auf un­trenn­ba­rem Bünd­nis von Rhein­lan­den und Reich be­ruht auch uns die deut­sche Zu­kunft. Die Krö­nungs­aus­stel­lung, die Aa­chen ver­an­stal­tet, wird ge­ra­de die­sen Ge­dan­ken, daß sie auf Ge­deih und Ver­derb ver­bun­den wa­ren und blei­ben, aufs stärks­te zum Aus­druck brin­gen.“

Dass dies – ge­gen die Ex­po­na­te – so ein­hel­li­ger Kon­sens war, ist ei­ne wahr­neh­mungs­psy­cho­lo­gisch höchst be­deut­sa­me Be­ob­ach­tung. Wie ge­sagt, ge­schah die­sel­be Ge­walt ja auch bei der Wahr­neh­mung des 1925 im Rhein­land im­mer wie­der auf­ge­führ­ten Fi­na­les von Beet­ho­vens 9. Sin­fo­nie. Es war eben so, dass die Ziel­rich­tung der Jahr­tau­send­fei­ern nicht hin­ter­fragt wer­den konn­te. Hier­zu trug vor al­lem die weit­ge­hend gleich­ge­rich­te­te ge­schichts­po­li­ti­sche Per­spek­ti­ve der Ak­teu­re bei, von den Deutsch­na­tio­na­len und Li­be­ra­len über die Zen­trums­po­li­ti­ker bis hin zu den rhei­ni­schen So­zi­al­de­mo­kra­ten. Dis­kurs­po­li­tisch wur­de die­se Ziel­set­zung über­dies durch die zwei wich­tigs­ten Mit­tel ab­ge­si­chert, mit de­nen ein um­kämpf­ter Sach­ver­halt je­dem Hin­ter­fra­gen ent­zo­gen wer­den kann, näm­lich in­dem die Zu­ge­hö­rig­keit des Rhein­lands zum deut­schen Reich im­mer wie­der als „hei­li­g“ oder (noch häu­fi­ger) als „na­tür­li­ch“ er­klärt wur­de, ge­le­gent­lich auch bei­des zu­gleich. Der Glanz der zen­tra­len Ex­po­na­te be­glau­big­te sol­che Ope­ra­tio­nen eben­so wie die Zahl tau­send, die zu­gleich ei­ne un­über­seh­bar gro­ße Men­ge und ei­ne Voll­endung sym­bo­li­sier­te. Es gab je­doch ei­ne ‚un­dich­te Stel­le‘ in die­ser her­me­ti­schen Kon­stel­la­ti­on. Die­se er­wuchs aus der Ri­va­li­tät zwi­schen den Städ­ten Köln und Aa­chen.

6. Die Rivalität zwischen Köln und Aachen

Es han­delt sich da­bei um ei­nen Teil­as­pekt der Kon­kur­renz zwi­schen den rhei­ni­schen Städ­ten ins­ge­samt. Schon im Au­gust 1924 hat­te der „Rhei­ni­sche Hei­mat­bun­d“ ein Me­mo­ran­dum an die Städ­te im Rhein­land ge­schickt, in dem vor­ge­schla­gen wur­de, ei­ne gro­ße Jahr­tau­send­aus­stel­lung auf die Be­zirks­haupt­städ­te der Rhein­pro­vinz – Trier, Ko­blenz, Aa­chen, Düs­sel­dorf und Köln – the­ma­tisch zu ver­tei­len, um ei­ne „Zer­split­te­run­g“ der Ver­an­stal­tun­gen zu ver­mei­den. Die Köl­ner Pla­nun­gen lie­fen aber dar­auf hin­aus, die­se Aus­stel­lung mög­lichst kom­plett nach Köln zu ho­len und die üb­ri­gen Städ­te auf al­len­falls pro­vin­zi­el­le Ver­an­stal­tun­gen zu be­schrän­ken. Der „Rhei­ni­sche Hei­mat­bun­d“ wur­de schlie­ß­lich da­durch neu­tra­li­siert, dass sein Ge­schäfts­füh­rer Her­mann Bart­mann als Mit­ar­bei­ter der Köl­ner Jahr­tau­send­aus­stel­lung ko­op­tiert wur­de. Düs­sel­dor­fer Plä­ne, un­ter an­de­rem die nie­der­rhei­ni­sche Kunst- und Kul­tur­ge­schich­te aus­stel­le­risch zu prä­sen­tie­ren, schei­ter­ten dar­an, dass die Köl­ner Aus­stel­lungs­pla­ner schnel­ler wa­ren und sich die ge­eig­ne­ten Aus­stel­lungs­stü­cke vor Ort be­reits ge­si­chert hat­ten. Ade­nau­er selbst setz­te sich über­dies mas­siv da­für ein, sei­nen Düs­sel­dor­fer Kol­le­gen Ro­bert Lehr nicht in den Pla­nungs­aus­schuss des Pro­vin­zi­al­aus­schus­ses zur Vor­be­rei­tung der Tau­send­jahr­fei­er zu be­ru­fen.

Que­re­len gab es auch zwi­schen den Mo­sel­städ­ten Ko­blenz und Trier. Hier war Ko­blenz die agi­le­re Stadt, die sich die „Reichs­aus­stel­lung Deut­scher Wein“ si­cher­te, be­vor Trier über­haupt mit ei­ge­nen Pla­nun­gen für sei­ne Jahr­tau­send­fei­er be­gann. Trier ver­zich­te­te schlie­ß­lich ganz auf ei­ge­ne Aus­stel­lun­gen an­läss­lich der Jahr­tau­send­fei­ern.

Am 19.1.1925 wur­de auf Ein­la­dung des preu­ßi­schen Mi­nis­te­ri­ums für Kunst, Wis­sen­schaft und Volks­bil­dung in Ber­lin über die Ver­tei­lung der staat­li­chen Zu­schüs­se für die Jahr­tau­send­fei­ern be­ra­ten, die ins­ge­samt 1,2 Mil­lio­nen Reichs­mark be­tru­gen und zu glei­chen Tei­len vom Reich, dem Staat Preu­ßen und der Rhein­pro­vinz auf­zu­brin­gen wa­ren. Man ei­nig­te sich auf fol­gen­den Ver­tei­lungs­schlüs­sel:

Köln           570.000 Mark

Ko­blen­z      250.000 Mark

Düs­sel­dor­f  100.000 Mark

Aa­chen        60.000 Mark

Es­sen          60.000 Mark

Duis­bur­g      60.000 Mark

Trier            50.000 Mark

Saar­ge­bie­t   30.000 Mark.

Mit der zu­ge­teil­ten Sum­me von 60.000 Mark konn­ten die Aa­che­ner ei­gent­lich zu­frie­den sein, denn sie hat­ten nur die Hälf­te die­ser Sum­me be­an­tragt. Die Ver­tei­lungs­ver­hält­nis­se je­doch wä­ren von den Aa­che­ner Ver­tre­tern bei dem Tref­fen si­cher hin­ter­fragt wor­den – wenn die Ein­la­dung zu dem Tref­fen, die durch die Hand Ade­nau­ers ging, nicht erst am 20. Ja­nu­ar, ei­nen Tag nach dem Tref­fen, in Aa­chen ein­ge­gan­gen wä­re, was ei­ne Aa­che­ner Be­tei­li­gung an der Sit­zung ver­ei­tel­te.

Zu die­ser Zeit hat­te Ade­nau­er längst er­kannt, dass die Köl­ner Wün­sche nach He­ge­mo­nie bei den Jahr­tau­send­fei­ern nicht so sehr von Düs­sel­dorf ge­fähr­det wa­ren, son­dern eher von Aa­chen. An­fang Fe­bru­ar schrieb er an sei­nen Stell­ver­tre­ter, den So­zi­al­de­mo­kra­ten Jo­han­nes Meer­feld (1871-1956), “dass sehr en­er­gi­sche Schrit­te ge­tan wer­den müs­sen, um die Quer­trei­be­rei­en Aa­chen’s zu­nich­te zu ma­chen”. Dies be­zog sich vor al­lem auf die Ver­su­che der Aa­che­ner Aus­stel­lungs­pla­ner, Leih­ga­ben für ih­re Aus­stel­lung zu ge­win­nen, um die sich auch Köln be­müh­te. Ins­be­son­de­re um Ex­po­na­te aus Wien, die mit den mit­tel­al­ter­li­chen Kö­nigs­krö­nun­gen im Zu­sam­men­hang stan­den, ent­spann sich ein hef­ti­ges In­tri­gen­spiel. Meer­feld schrieb an den deut­schen Ge­sand­ten in Wien, Max Pfeif­fer (1875-1926) (Zen­trum), die Aa­che­ner Aus­stel­lung sei „lo­kal be­grenz­t“ und ste­he „in gar kei­nem Ver­hält­nis zu der gros­sen Köl­ner Schau“. Aber Far­wick hat­te das Köl­ner Pro­jekt in ei­nem ei­ge­nen Brief an Pfeif­fer schon vor­her als gro­ßen „Rum­mel“ de­le­gi­ti­miert: „Ei­ne Aus­stel­lung im Mes­se­pa­last, wo heu­te in Tex­til­wa­ren, mor­gen in land­wirt­schaft­li­chen Pro­duk­ten u.s.w. ge­han­delt wird, kann ihr Ni­veau nicht gut sehr hoch ins Jdea­le schrau­ben. Es ist und bleibt ei­ne Mes­se­ge­schich­te. Aber in Aa­chen im al­ten Kai­ser­pa­last, im Krö­nungs­saa­le (denn nur die­ser soll für die Aus­stel­lung in Fra­ge kom­men) weht denn doch ein an­de­rer Hauch.“ Die ver­ant­wort­li­chen Wie­ner Stel­len ka­men schlie­ß­lich auf die sa­lo­mo­ni­sche Lö­sung, den Krö­nungs­or­nat Kai­ser Franz I. - ei­ne im 18. Jahr­hun­dert an­ge­fer­tig­te Ko­pie des ka­ro­lin­gi­schen Ori­gi­nals - un­ter der Be­din­gung aus­zu­lei­hen, dass bei­de kon­kur­rie­ren­de Städ­te ihn zu glei­chen Zeit­an­tei­len zei­gen wür­den. Die­se erst En­de April 1925 zu­stan­de ge­kom­me­ne Ver­ab­re­dung wur­de dann auch in­fol­ge der Ver­län­ge­rung der Dau­er bei­der Jahr­tau­send­aus­stel­lun­gen nach­jus­tiert, so dass der Or­nat ins­ge­samt vier­mal zwi­schen Köln und Aa­chen trans­por­tiert wer­den muss­te. Im Hin­blick auf an­de­re Leih­ga­ben trug man den po­li­ti­schen Macht­ver­hält­nis­sen im Rhein­land Rech­nung und ent­lieh bei­spiels­wei­se das „Main­zer Ex­em­plar“ der Gol­de­nen Bul­le Karls IV. von 1356 ex­klu­siv nach Köln. Aber es blieb der grö­ß­te Er­folg der Aa­che­ner Di­plo­ma­tie in Wien, die Her­lei­hung der Ori­gi­na­le der Reichs­klein­odi­en an Köln ver­hin­dert zu ha­ben. Ei­ne sol­che Aus­lei­hung hät­te die Aa­che­ner Jahr­tau­send­aus­stel­lung, die ja um die Ko­pi­en die­ser Klein­odi­en zen­triert war, voll­ends ent­wer­tet.

Die Köl­ner „Jahr­tau­send­aus­stel­lung der Rhein­lan­de“ wur­de von Aa­chen aus fast voll­stän­dig boy­kot­tiert. Le­dig­lich zur Her­lei­hung ei­ni­ger Stü­cke re­li­giö­ser Kunst konn­te sich der Aa­che­ner Mu­se­ums­di­rek­tor Fe­lix Ku­et­gens (1890-1976) be­reit­fin­den. Ei­ne Be­tei­li­gung Aa­chens an der Städ­te-Ab­tei­lung der Köl­ner Aus­stel­lung kam ge­mäß ei­ner Mit­tei­lung Far­wicks an Ade­nau­er „nicht in Fra­ge“. Aber auch ei­ne Re­kla­me für die „Jahr­tau­send­aus­stel­lung der Rhein­lan­de“ wur­de in Aa­chen ver­hin­dert. So wei­ger­te sich die Aa­che­ner Klein­bahn-Ge­sell­schaft „aus Lo­kal­pa­trio­tis­mus und aus ei­ge­nem Jn­ter­es­se”, in ih­ren Wa­gen Fens­ter­trans­pa­ren­te an­zu­brin­gen, die auf die Köl­ner Aus­stel­lung hin­wie­sen. Die­ser Boy­kott konn­te selbst­ver­ständ­lich nicht ver­hin­dern, dass am En­de den 147.219 Be­su­chern der Aa­che­ner Jahr­tau­send­aus­stel­lung fast zehn mal so­vie­le Be­su­cher der Köl­ner „Jahr­tau­send­aus­stel­lung der Rhein­lan­de“ (et­wa 1,4 Mil­lio­nen Be­su­cher) ge­gen­über­stan­den.

Die Köl­ner Kon­flikt­stra­te­gie war sub­ti­ler als die Aa­che­ner. Ei­ner­seits wur­de das Aa­che­ner Kon­kur­renz­un­ter­neh­men kon­se­quent dem Ver­dikt über al­le au­ßer­k­öl­ni­schen Aus­stel­lun­gen im Zu­sam­men­hang mit den Jahr­tau­send­fei­ern sub­su­miert, es han­de­le sich um klei­ne, lo­kal be­grenz­te Pro­jek­te. An­de­rer­seits zog man die de­li­ka­te Rol­le des pla­ka­ti­ven „Aa­chen­er­s“, Karls des Gro­ßen, ins Ram­pen­licht. In ei­nem Rund­schrei­ben des Städ­ti­schen Ver­kehrs­amts von Köln hieß es im März 1925 hin­ter­sin­nig: „Das Reich Karls des Gro­ßen ver­kör­per­te ei­ne Ein­heits­idee, Kö­nig Hein­rich I. aber schuf 925 den deut­schen Na­tio­nal­staat.“ Der li­be­ra­len „Köl­ni­schen Zei­tun­g“ blieb es vor­be­hal­ten, zu­guns­ten der Köl­ner Jahr­tau­send­aus­stel­lung auch den christ­li­chen Karl zu de­le­gi­ti­mie­ren. Der auf dem Köl­ner Aus­stel­lungs­pla­kat in den Wel­len des Rheins ab­ge­bil­de­te sti­li­sier­te Rit­ter er­schien die­sem Blatt näm­lich als „ei­ne Art Ir­min­su­l“. Da­mit wur­de für das al­te heid­ni­sche Hei­lig­tum der Sach­sen Par­tei ge­nom­men, das Karl der Gro­ße im Zu­ge sei­ner Un­ter­wer­fungs- und Chris­tia­ni­sie­rungs-Feld­zü­ge ge­gen die­sen ger­ma­ni­schen Stamm zer­stört hat­te. Hier über­schnit­ten sich voll­ends lo­kal­pa­trio­ti­sche, kon­fes­sio­nel­le und par­tei­po­li­ti­sche Kon­flikt­la­gen, je­doch in sub­ti­ler Wei­se.

Die meis­ten der ge­schil­der­ten Kon­flik­te voll­zo­gen sich im Ver­bor­ge­nen. Zwar ap­pel­lier­ten die lo­ka­len Zei­tun­gen im Rhein­land zu­wei­len of­fen an den Lo­kal­pa­trio­tis­mus und das Kon­kur­renz­ge­fühl, doch wur­de dies dem do­mi­nan­ten ideo­lo­gi­schen Ziel, die schick­sal­haf­te Ein­heit von Rhein­land und Reich zu pos­tu­lie­ren, un­ter­ge­ord­net. So konn­te man in der Zeit­schrift „Ver­kehr und Bä­der“ im April 1925 le­sen: “Aus An­laß der Fei­er gibt das Rhein­land sich die grö­ß­te Mü­he, um durch be­deu­ten­de Ver­an­stal­tun­gen [...] das Ju­bi­lä­ums­jahr be­son­ders zu be­to­nen. [...] Je­de Stadt gibt aus ih­rer Ei­gen­art, Kon­kur­renz­neid gibt es Gott sei Dank! nicht.”

7. Fazit

Un­ter der Ober­flä­che der pro­kla­mier­ten un­trenn­ba­ren Ei­nig­keit al­ler Deut­schen „auf Ge­deih und Ver­der­b“ zeig­te sich bei den Jahr­tau­send­fei­ern ei­ne Lo­gik der Par­ti­ku­la­ris­men und der Kon­kur­renz; auch ei­ne Lo­gik der Wi­der­stän­dig­keit der Fak­ten (wenn zum Bei­spiel Aus­stel­lungs-Ex­po­na­te ein­fach kei­ne deutsch­na­tio­na­le Bot­schaft tra­gen moch­ten). Das Be­mer­kens­wer­te ist, dass all dies dem Er­folg der Ver­an­stal­tun­gen im Sin­ne der In­itia­to­ren der Jahr­tau­send­fei­ern über­haupt kei­nen Ab­bruch tat. Al­les die­ses Wi­der­stän­di­ge wur­de durch Fest­re­den, Zei­tungs- und auch schon Rund­funk-Re­por­ta­gen aus­ge­blen­det oder um­ge­deu­tet.

Dies lag in ers­ter Li­nie an der un­an­ge­foch­te­nen ge­schichts­po­li­ti­schen He­ge­mo­nie der ma­ß­geb­li­chen rhei­ni­schen His­to­ri­ker und Po­li­ti­ker. Die­ser Sach­ver­halt ist er­klä­rungs­be­dürf­tig. Dass ka­tho­li­sche und li­be­ra­le His­to­ri­ker, deutsch­na­tio­na­le und so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Po­li­ti­ker, bei al­len Un­ter­schie­den in den Nu­an­cen, 1925 ei­ne ein­heit­li­che Er­zäh­lung re­pro­du­zier­ten, hängt mit der de­fen­si­ven au­ßen­po­li­ti­schen Kon­stel­la­ti­on im be­setz­ten Rhein­land zu­sam­men, die nach der Kon­struk­ti­on kol­lek­ti­ver Iden­ti­tät in Ab­gren­zung von den Be­sat­zungs­mäch­ten, vor al­lem Frank­reich, zu ver­lan­gen schien. Die ana­chro­nis­ti­sche Rück­pro­jek­ti­on des Na­ti­on-Kon­zepts ins Mit­tel­al­ter war da­mals Stand der Kunst. Aber 1925 hät­te man auch an ei­ne be­reits jahr­zehn­te­lan­ge Tra­di­ti­on des Nach­den­kens über in­ter­na­tio­na­lis­ti­sche oder völ­ker­ver­bin­den­de Uto­pi­en an­knüp­fen kön­nen. So­wohl die so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche als auch die ka­tho­li­sche Ide­en­welt leg­ten das ei­gent­lich na­he.

Am meis­ten ver­blüfft, dass je­ne Min­der­heit, die die Jahr­tau­send­fei­ern ab­lehn­te, die his­to­ri­sche Di­men­si­on der De­bat­te ganz ver­fehl­te. Es gab ja fun­da­men­ta­le Kri­tik an den Jahr­tau­send­fei­ern; zum Bei­spiel ver­öf­fent­lich­te Kurt Tuchol­s­ky (un­ter sei­nem Pseud­onym Theo­bald Ti­ger) in der „Welt­büh­ne“ das bis­si­ge Ge­dicht „Tau­send Wor­te Rhein­lan­d“, wor­in er die ei­gent­li­chen, ka­pi­ta­lis­ti­schen Hin­ter­grün­de der Fei­ern aufs Korn nahm. Das Skan­da­lon an den Fei­ern war laut die­sem Ge­dicht, dass ei­ne ex­zes­si­ve Prun­k­ent­fal­tung in Deutsch­land statt­fand, wäh­rend zur glei­chen Zeit mas­si­ve Not herrsch­te. Auf der­sel­ben Li­nie lag durch­gän­gig die Kri­tik an den Jahr­tau­send­fei­ern von Sei­ten der KPD, und ge­le­gent­lich auch von Tei­len der SPD, wenn die Fei­ern der Frack­trä­ger all­zu opu­lent aus­fie­len. Kris­tal­li­sa­ti­ons­punkt all die­ser Kri­ti­ken wa­ren die „Fest­es­sen“. Was auf der Sei­te der po­li­ti­schen Lin­ken je­doch voll­stän­dig fehl­te, war ein Ein­stieg in die ge­schichts­po­li­ti­sche De­bat­te selbst. Hät­te man nicht auf die Ge­walt­sam­keit der Ein­ver­lei­bung Lo­tha­rin­gi­ens im 10. Jahr­hun­dert und auf die Kos­ten mon­ar­chi­scher Herr­schafts­ent­fal­tung für die Un­ter­ta­nen im All­ge­mei­nen hin­wei­sen kön­nen? Wä­re nicht ge­ra­de 1925 Ge­le­gen­heit ge­we­sen, an den ge­nau 400 Jah­re zu­rück­lie­gen­den Deut­schen Bau­ern­krieg zu er­in­nern, über den Fried­rich En­gels 75 Jah­re zu­vor ei­ne his­to­ri­sche Un­ter­su­chung vor­ge­legt hat­te, be­gin­nend mit den Wor­ten: „Auch das deut­sche Volk hat sei­ne re­vo­lu­tio­nä­re Tra­di­ti­on“?

Auch we­gen die­ser ge­schichts­po­li­ti­schen Ab­sti­nenz der Lin­ken in der Wei­ma­rer Re­pu­blik konn­ten die  Jahr­tau­send­fei­ern je­ne be­denk­li­che kul­tur­po­li­ti­sche Wir­kung ent­fal­ten, die man für sie re­sü­mie­ren kann: Sie wa­ren ei­ne gro­ßan­ge­leg­te Ein­übung in völ­ki­sches Den­ken, ei­ne Ka­pi­tu­la­ti­on der Stim­me der Ver­nunft vor der „Stim­me des Blu­tes“.

Quellen

Hau­de, Rü­di­ger,„Kai­se­r­ide­e“ oder „Schick­sals­ge­mein­schaf­t“. Ge­schichts­po­li­tik beim Pro­jekt „Aa­che­ner Krö­nungs­aus­stel­lung 1915“ und bei der „Jahr­tau­send­aus­stel­lung 1925“. Neu­stadt a.d. Aisch 2000.

Literatur

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Eingangsbereich des Aachener Rathauses während der Jahrtausendausstellung, 1925, Foto: Albert Huyskens. (Stadtarchiv Aachen)

 
Zitationshinweis

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Haude, Rüdiger, Die „Jahrtausendausstellungen“ in Köln und Aachen 1925, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/die-jahrtausendausstellungen-in-koeln-und-aachen-1925/DE-2086/lido/57d1357ad31239.21169195 (15.07.2018)