Von „unförmigen Giganten“ und „barbarischen Steinhaufen“ - Industriedörfer und die „Unfähigkeit zur Stadtentwicklung“ im Ruhrgebiet

Detlef Vonde (Wuppertal)

Industrie und Dorf. (WAZ-Archiv)

1. Einleitung

Wenn die so ge­nann­ten „shrin­king ci­ties“,[1]  die pro­phe­zei­ten „Schrumpf­städ­te“ das schein­bar be­droh­li­che Sze­na­rio ei­ner schon na­hen Zu­kunft als das Er­geb­nis des de­mo­gra­fi­schen Wan­dels im 21. Jahr­hun­dert dar­stel­len, dann mag es schon ver­wun­dern, wenn sich His­to­ri­ker heu­te ei­ner Ur­ba­ni­sie­rungs­va­ri­an­te er­in­nern, die im Deut­schen Kai­ser­reich ge­ra­de­zu klas­sisch war im Kon­text von In­dus­tria­li­sie­rung, Wirt­schafts- und Be­völ­ke­rungs­wachs­tum: die in­dus­tri­el­len Rie­sen­dör­fer, vor al­lem ent­lang der Em­scher, die die Ge­schich­te der Stadt­ent­wick­lung im Ruhr­ge­biet so nach­hal­tig und bis heu­te spür­bar ge­prägt ha­ben.[2] 

Was ist dran an die­sem selt­sa­men Phä­no­men?

Wie sind sie ent­stan­den, die­se Ag­glo­me­ra­tio­nen, die als Pro­to­ty­pen „de­fi­zi­en­ter Ur­ba­ni­sie­run­g“[3]  in die Ge­schich­te ein­gin­gen? 

Was lässt sich his­to­risch ler­nen, wenn man In­nen­an­sich­ten die­ser eben­so be­las­te­ten, wie die Men­schen be­las­ten­den Ver­hält­nis­se in den In­dus­trie­dör­fern ent­wi­ckelt? 

2. Industriedörfer als „Urbanisierungsvariante“

In­dus­trie­dör­fer wa­ren im Kai­ser­reich ei­ne Ur­ba­ni­sie­rungs­va­ri­an­te, die es ei­gent­lich gar nicht ge­ben durf­te, zu­min­dest wenn man der Mehr­zahl von His­to­ri­kern folgt, die die deut­sche Stadt­ge­schich­te gleich­sam als ei­ne „Er­folgs­ge­schich­te“ auf der Ein­bahn­stra­ße „Mo­der­ni­sie­run­g“ dar­stel­len: Ei­ne Ge­schich­te oh­ne Brü­che, Sta­gna­tio­nen, Wi­der­sprü­che, Um­we­ge, Ab­we­ge oder gar Ver­lie­rer. Die­se aber gab es oh­ne Zwei­fel, denn die Rie­sen­dör­fer an der Em­scher wie Al­ten­es­sen, Bor­beck, Bot­trop, Ham­born, Mei­de­rich, Os­ter­feld, Schal­ke, Sterk­ra­de, Wan­ne oder Ei­ckel, um nur die be­kann­te­ren zu nen­nen, wa­ren zu stadt­ähn­li­chen Ge­bil­den auf­ge­bläh­te Zu­sam­men­bal­lun­gen von in­dus­tri­el­len Wer­ken, Ge­men­ge­la­gen aus Ar­bei­ter­sied­lun­gen, Hal­den, Bra­chen, Schie­nen­we­gen mit mehr oder we­ni­ger pro­vi­so­ri­schen Bahn­hö­fen und un­ge­pflas­ter­ten Ver­kehrs­we­gen.[4] 

 

Die Ruhr­ge­biets­li­te­ra­tur bis zur Mit­te des 20. Jahr­hun­derts mit ih­rem Hang zu „ani­mis­ti­schen Me­ta­phern“ wähl­te gern kraft­vol­le Ver­glei­che wie „bar­ba­ri­sche Stein­hau­fen“ (Max Bart­hel 1929) oder „un­för­mi­ge Gi­gan­ten“ (Fritz Löt­te 1936).[5]   Sie mein­ten da­mit die rie­si­gen In­dus­trie­dör­fer vor al­lem an der Em­scher mit ih­ren ge­ra­de­zu ex­po­nen­ti­el­len Wachs­tums­ra­ten. Städ­ti­sche Funk­tio­nen lie­ßen die­se nur in An­sät­zen er­ken­nen, wenn­gleich die vor Ort hoff­nungs­los un­ter­re­prä­sen­tier­ten bür­ger­li­chen Zwi­schen­schich­ten im­mer wie­der gern so ta­ten „als ob“. Über ein paar Vor­zei­ge­ob­jek­te, die ei­nen Hauch von Ur­ba­ni­tät vor­gau­kel­ten, ge­lang­te der eben­so ge­quäl­te wie be­hin­der­te Pla­nungs­ei­fer kom­mu­na­ler Ver­wal­tung dann auch sel­ten hin­aus. Rings­um do­mi­nier­te ei­ne in­dus­trie­dörf­li­che Tris­tesse, die sich je­dem plan­vol­len Ver­wal­tungs­han­deln ent­zog.[6] 

  Die Re­kon­struk­ti­on ih­rer Ge­schich­te führt al­so un­wei­ger­lich auch zu Fra­gen nach

  • den Kos­ten in­dus­tri­el­len Wachs­tums, 

  • den po­li­ti­schen In­ter­es­sen, 

  • den öko­no­mi­schen Zwän­gen,

  • den bü­ro­kra­ti­schen Pan­nen und Plei­ten 

im Zu­sam­men­hang der Ge­stal­tung mensch­li­cher Le­bens­räu­me.  

3. Einige Zahlen zur „Urbanisierungsvariante“

In­dus­trie­dör­fer wa­ren vor al­lem die im schwer­in­dus­tri­el­len Boom der Hoch­in­dus­tria­li­sie­rung ex­pan­die­ren­den Land­ge­mein­den der Em­scher­zo­ne, die gleich­sam über Nacht ra­san­te Auf­stie­ge in heu­te un­vor­stell­ba­ren Wachs­tums­ra­ten er­leb­ten. Wenn heu­te von der „klas­si­schen Pha­se der Ur­ba­ni­sie­run­g“[7]  die Re­de ist - Städ­te wuch­sen in den Jah­ren nach 1870 in Deutsch­land noch schnel­ler als in den USA -, dann hat­ten die­se In­dus­trie­dör­fer dar­an ganz er­heb­li­chen An­teil: häu­fig er­reich­ten sie nach den Maß­stä­ben der Zeit re­spek­ta­ble Grö­ßen von über 10.000 Ein­woh­nern, von de­nen es 1871 - be­zo­gen auf ganz Preu­ßen - zwar erst gan­ze fünf, 40 Jah­re spä­ter aber be­reits 106 gab.[8] 

Tradition trifft Moderne: Schule an der Emscher. (Stadtarchiv Herne)

 

Wenn sol­che Rie­sen­dör­fer schlie­ß­lich – wie das rhei­ni­sche Ham­born - die 100.000 Ein­woh­ner-Gren­ze über­schrit­ten, quan­ti­ta­tiv al­so im Prin­zip Groß­stadt­ni­veau er­reich­ten, dann war dies für die Zeit­ge­nos­sen we­ni­ger ein spek­ta­ku­lä­rer An­lass zum Fei­ern als viel­mehr ein öf­fent­li­cher Skan­dal, der sol­che Ge­mein­den auch über­re­gio­nal in die Schlag­zei­len brach­te: die kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung, das hei­ßt die Stadt­rech­te, wur­den ih­nen näm­lich vor­ent­hal­ten. Was blieb ih­nen an­de­res üb­rig als der Wett­streit um das eher zwei­fel­haf­te Eti­kett, „Preu­ßens grö­ß­tes Dor­f“ zu sein. 

„Re­vier der gro­ßen Dör­fer“, dies ist ei­ne po­pu­lä­re Um­schrei­bung für die Ei­gen­tüm­lich­keit, die sich der schwer­in­dus­tri­el­le Bal­lungs­raum bis in die heu­ti­ge Zeit be­wahrt hat.[9]  Dies meint zum ei­nem „Po­ly­zen­tra­li­tät“, aber auch „Un­fä­hig­keit zur Stadt­ent­wick­lun­g“ und bringt da­mit die­se Ei­gen­tüm­lich­keit auf den Punkt: Jen­seits sei­ner wirt­schaft­li­chen Be­deu­tung konn­te das Re­vier zu kei­ner Zeit Me­tro­po­len­cha­rak­ter ge­win­nen,[10]  wur­den dort er­wirt­schaf­te­te Ge­win­ne viel­mehr an des­sen Rän­dern ver­zehrt. Die gro­ßen In­dus­trie­dör­fer – vor­nehm­lich ent­lang der Em­scher - bil­de­ten bis ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein mehr als ein Drit­tel des Ur­ba­ni­sie­rungs­kon­glo­me­ra­tes „Ruhr­ge­bie­t“. So wohn­ten 1910 im Deut­schen Reich 2,47 Mil­lio­nen Men­schen in nicht­städ­ti­schen Ge­mein­den von über 10.000 Ein­woh­nern. Von den 121 Ge­mein­den die­ses Typs ent­fie­len auf das Ruhr­ge­biet 31 mit zu­sam­men 861.829 Ein­woh­nern.[11] 

Zeche Osterfeld, 1904.

 

Kurz vor dem Ers­ten Welt­krieg war die ra­san­te Auf­bau­pha­se des Ruhr­ge­biets weit­ge­hend ab­ge­schlos­sen, die räum­li­che Aus­deh­nung stand in ih­ren Um­ris­sen fest. Aber es han­del­te sich, so Jür­gen Reule­cke, um ei­ne „gi­gan­ti­sche(n) Ag­glo­me­ra­ti­on mit höchst krank­haf­ten und auf Dau­er selbst zer­stö­re­ri­schen Zü­gen“.[12]  Oder mit den Wor­ten des Stadt­his­to­ri­kers Le­wis Mum­ford: „Das Zeit­al­ter, das sich sei­ner ma­schi­nel­len Tri­um­phe und sei­ner wis­sen­schaft­li­chen Weit­sicht rühm­te, über­ließ sei­ne ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung dem Zu­fall. (…). Die In­dus­trie­dör­fer, die­se Zu­sam­men­bal­lun­gen von Fa­bri­ken wa­ren in so­zia­ler Hin­sicht pri­mi­ti­ver als die Dör­fer un­ter dem früh­mit­tel­al­ter­li­chen Feu­dal­sys­tem. (…) Ih­re vor­herr­schen­de Far­be war schwarz. Schwar­ze Rauch­wol­ken quol­len aus den Fa­brik­schorn­stei­nen, und die Ei­sen­bahn­an­la­gen, die oft tief in die Stadt hin­ein schnit­ten, ver­brei­te­ten Ruß und Asche. Shef­field, Bir­ming­ham, Pitts­burgh, Es­sen, Lil­le: In die­ser neu­en Um­welt war schwar­ze Klei­dung nur ei­ne Schutz­far­be, kein Zei­chen von Trau­er. Un­ter sol­chen Ver­hält­nis­sen muss­te man al­le Sin­ne ab­stump­fen, um le­ben zu kön­nen. Dun­kel, farb­los, bei­ßend und übel rie­chend war die­se neue Um­welt…“.[13] 

Kloake außer Kontrolle: Emscherüberflutung bei Karnap, 1909. (Emschergenossenschaft)

 

4. Innenansichten

Schau­en wir et­was ge­nau­er auf die in­ne­ren Struk­tu­ren ei­nes In­dus­trie­dor­fes. Qua­li­ta­tiv drück­te sich der Ur­ba­ni­sie­rungs­pro­zess dort, wo wahl­los Ar­beits­kräf­te und Pro­duk­ti­ons­an­la­gen zu­sam­men­ge­zo­gen wor­den wa­ren, aus durch

  •  frag­men­ta­ri­sche In­fra­struk­tur, 

  •  chro­ni­sche Un­ter­ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung, 

  •  öko­lo­gi­sche Ver­wüs­tung, 

  •  ur­ba­ne De­fi­zi­te.[14]   

Dem Pro­zess per­so­nel­ler und räum­li­cher Ver­dich­tung folg­te erst sehr viel spä­ter die Ent­wick­lung ei­nes Sys­tems pro­fes­sio­nel­ler Da­seins­vor­sor­ge.[15]  Die In­fra­struk­tur­för­de­rung der öf­fent­li­chen Hand hat­te da­bei vor al­lem die In­dus­trie im Au­ge, die Mög­lich­kei­ten der Ver­kehrs- und Trans­port­we­ge wa­ren für die Fir­men­an­sied­lung von ent­schei­den­der Be­deu­tung.

Kruppsche Gussstahlfabrik, 1912. (Historisches Archiv Krupp)

 

Bes­ten­falls nach­ran­gig war da­ge­gen die Ver­sor­gung der Neu­be­völ­ke­rung. Weit­aus vor­teil­haf­ter muss­te es da­bei sein, wenn sich nicht die Kom­mu­nen, son­dern die Un­ter­neh­men selbst sich in die Pflicht ge­nom­men fühl­ten und im Werks­woh­nungs­bau ver­gleichs­wei­se at­trak­ti­ve Sied­lun­gen er­stell­ten, die meh­re­re Vor­tei­le ver­ein­ten: sie stärk­ten die Loya­li­tät zum Be­trieb und zur neu­en Le­bens­um­welt der Zu­wan­de­rer.

Die ört­li­che In­fra­struk­tur der „ver­hin­der­ten Städ­te“ konn­te nicht nur auf dem Ge­biet des Woh­nungs­baus, son­dern auch bei der hy­gie­ni­schen, me­di­zi­ni­schen und en­er­ge­ti­schen Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung in den Quar­tie­ren, der Ent­sor­gung und Ka­na­li­sa­ti­on, der kom­mer­zi­el­len und kul­tu­rel­len Ver­sor­gung nicht mit dem Be­völ­ke­rungs­wachs­tum Schritt hal­ten. Man­gel­haf­te hy­gie­ni­sche Ver­hält­nis­se bei der Trink­was­ser­ver- und Ab­was­ser­ent­sor­gung führ­ten häu­fig zu Seu­chen und Epi­de­mi­en. Die Pro­fit­ori­en­tie­rung pri­va­ter Ver­sor­gungs­ein­rich­tun­gen, die in den In­dus­trie­dör­fern do­mi­nier­ten, über­ließ die Ent­sor­gungs­pro­ble­me den fi­nanz­schwa­chen Kom­mu­nen, de­ren Un­wil­le oder Un­fä­hig­keit zu Grund­la­gen­in­ves­ti­tio­nen die Em­scher­zo­ne schlie­ß­lich bis an den Rand ei­ner öko­lo­gi­schen Ka­ta­stro­phe brach­te, wie noch 1901 im Raum Gel­sen­kir­chen, wo ein auf­stre­ben­der In­dus­trie­ort wie Schal­ke da­mals über kei­ner­lei ge­schlos­se­ne Ka­na­li­sa­ti­on ver­füg­te.[16] 

Es wa­ren die gro­ßen In­dus­trie­wer­ke, die mit der Wahl ih­res Stand­orts, mit der Schub­kraft ih­rer räum­li­chen Ex­pan­si­on und der Sog­wir­kung ih­res Ar­beits­kräf­te­be­darfs das Sied­lungs­ge­fü­ge an Ruhr und Em­scher dik­tiert ha­ben.[17]  So bil­de­ten sich na­he­zu über­all zu­fäl­li­ge Ge­men­ge­la­gen von Ar­beits- und Wohn­stät­ten her­aus, und da­mit ei­ne Fül­le von mit­ein­an­der un­ver­bun­de­nen (Klein)Zen­tren.[18]  Auf die­se Wei­se ent­stan­den al­so die rie­si­gen In­dus­trie­dör­fer mit ih­ren ex­po­nen­ti­el­len Wachs­tums­ra­ten, oh­ne da­bei ein wirk­lich städ­ti­sches Le­ben zu ent­fal­ten.

Ver­stärkt seit der Jahr­hun­dert­wen­de rea­li­sier­te sich in­fra­struk­tu­rel­le Mo­der­ni­sie­rung dann doch als öf­fent­lich be­grif­fe­ne Auf­ga­be in ein­zel­nen Re­nom­mier­pro­jek­ten wie der elek­tri­schen Be­leuch­tung der Haupt­ver­kehrs­we­ge und ge­werb­li­chen Tran­sit­stra­ßen, in kom­mu­na­len Stra­ßen­bahn­li­ni­en oder in äs­the­ti­sier­ter Vier­tel­bil­dung der phy­sisch un­ter­re­prä­sen­tier­ten, bür­ger­li­chen Ge­sell­schaft in den Dör­fern. Die­se stan­den re­gel­mä­ßig vor dem fi­nan­zi­el­len Kol­laps, wenn ih­re auf­wen­digs­ten In­ves­ti­tio­nen in Tief­bau und Schul­we­sen die „Selbst­hei­lungs­kräf­te“ der ge­beu­tel­ten und kri­sen­an­fäl­li­gen, ge­werb­lich und so­zi­al mo­no­struk­tu­rier­ten Kom­mu­nen über­zo­gen.[19]  Was moch­te es nut­zen, wenn Zeit­ge­nos­sen noch um 1912 wie in der Zei­tung von Wan­ne fest­stell­ten: „Ein merk­wür­dig nüch­ter­nes Aus­se­hen ha­ben un­se­re Ge­mein­den be­hal­ten. Leu­te, die zum Ver­gnü­gen hier im In­dus­trie­ge­biet woh­nen, gibt es wohl nicht.“.[20] 

Moderne Zeiten: Gas- & Wasserwerker Essen, 1898. (Stadtwerke Essen AG, Fotoarchiv Ruhrlandmuseum Essen)

 

5. Machtstrukturen

Ge­mein­den wie zum Bei­spiel Wan­ne, Ei­ckel und vie­le an­de­re ver­folg­ten ei­ne den Grund­be­sitz und die In­dus­trie scho­nen­de Steu­er­po­li­tik, die sie zu ech­ten Steu­er­pa­ra­die­sen wer­den ließ, so­dass man noch 1911 auf jed­we­de Ka­na­li­sa­ti­on, Stra­ßen­pflas­te­rung oder Be­leuch­tung ver­zich­ten muss­te, ge­schwei­ge denn aus­rei­chen­de so­zia­le Für­sor­ge- oder Schul­sys­te­me ent­wi­ckeln konn­te.[21]  Än­de­rung war kaum in Sicht, wur­den die­se knap­pen fi­nan­zi­el­len Res­sour­cen doch in ei­nem Spek­trum sich ge­gen­sei­tig über­la­gern­der In­ter­es­sens­grup­pen und Macht­blö­cke ver­wal­tet, die der schwach aus­ge­bil­de­ten ört­li­chen Bü­ro­kra­tie nur en­ge Spiel­räu­me bo­ten für plan­vol­le Ge­stal­tung, zwin­gend not­wen­di­ge In­ves­ti­tio­nen, kul­tu­rel­le An­ge­bo­te oder gar so­zia­le Für­sor­ge. Mit an­de­ren Wor­ten: Die Un­fä­hig­keit zur Stadt­ent­wick­lung lag vor al­lem an der ei­gen­tüm­li­chen Macht­struk­tur im Dorf.

Dort ver­such­te ei­ne klei­ne, aber alt ein­ge­ses­se­ne Be­völ­ke­rungs­schicht sich den als be­droh­lich emp­fun­de­nen Ent­wick­lun­gen ent­ge­gen­zu­stel­len und in vie­len Ein­zel­kämp­fen ih­re ge­wohn­ten Rech­te zu ver­tei­di­gen. Wo aber we­der In­dus­tria­li­sie­rung noch Be­sie­de­lung auf­zu­hal­ten wa­ren, setz­ten schlie­ß­lich ge­wal­ti­ge Bo­den­spe­ku­la­tio­nen ein. Da­durch fan­den sich ehe­mals noch ge­nüg­sa­me bo­den­stän­di­ge Bau­ern rei­hen­wei­se als ra­sant ver­bür­ger­lich­te Ren­tiers und „Schlot­ba­ro­ne“ in Ge­mein­de- oder Stadt­rä­ten wie­der. Und fan­den of­fen­sicht­lich auch Ge­fal­len an ei­ner Po­li­tik, die den Ver­wal­tun­gen Stei­ne in den Weg leg­te, wenn die­se – an­fangs oft­mals in den Hin­ter­zim­mern von Gast­stät­ten - be­müht wa­ren, we­nigs­tens die gröbs­ten Fehl­ent­wick­lun­gen noch ir­gend­wie in den Griff ei­ner städ­ti­schen Ord­nung zu be­kom­men.[22] 

Ein Re­vier-Bür­ger­meis­ter wie­der­um - wenn er mit sei­nen Ge­mein­de­rä­ten ei­ne ver­nünf­ti­ge Sied­lungs- und So­zi­al­po­li­tik ver­fol­gen woll­te - hat­te al­so ne­ben den ge­ra­de­zu er­drü­cken­den In­ter­es­sen der In­dus­trie auch mit den in­ne­ren Que­re­len der Füh­rungs­schicht, de­ren oft­mals ir­ra­tio­na­ler Be­har­rungs­kraft und der ei­ge­nen Ver­wal­tung zu rech­nen.

Im Rhein­land wur­den die Ge­mein­de­rä­te un­ter den Be­din­gun­gen ei­nes zu­ge­spitz­ten Drei­klas­sen­wahl­rech­tes von al­ten und neu­en Grund­be­sit­zern do­mi­niert, de­ren In­ter­es­sen sich vor­nehm­lich in dem Punk­te tra­fen, die öf­fent­li­che Ver­wal­tung kurz zu hal­ten. Nach dem „Meist­be­gü­ter­ten-Rech­t“ sa­ßen 1908 bei­spiels­wei­se im Al­ten­es­se­ner Ge­mein­de­rat 20 Meist­be­gü­ter­te, aber nur zwölf ge­wähl­te Mit­glie­der, Ten­denz stei­gend.[23]  In West­fa­len be­güns­tig­te das Ge­mein­de­wahl­recht die Un­ter­neh­men, so­dass die Ver­tre­ter der In­dus­trie und ih­re An­hän­ger bald das alt­hei­mi­sche Ele­ment aus der Dorf­po­li­tik ver­dräng­ten, ei­ne la­ten­te Kon­flikt­si­tua­ti­on zwi­schen In­dus­tri­ein­ter­es­sen und Bo­den­be­sitz aber wei­ter be­stand.[24] 

Vor die­sem Hin­ter­grund wa­ren die In­ter­es­sen der Be­völ­ke­rung ei­nes In­dus­trie­dor­fes zu­nächst ge­ra­de­zu mar­gi­nal. Die Mas­se der Be­völ­ke­rung trug zu den di­rek­ten Steu­ern und über die Kom­mu­nal­zu­schlä­ge zum Ge­mein­de­haus­halt we­nig oder nichts bei und hat­te so meist kei­ne hör­ba­re Stim­me im Ge­mein­de­rat. Zu­dem war die­se Be­völ­ke­rung über­wie­gend jung und da­bei ex­trem mo­bil. „Al­len­falls bei Um­zü­gen, Kir­mes­sen, durch Sau­fe­rei­en und Rau­fe­rei­en, in de­nen sich all­ge­gen­wär­ti­ge Frus­tra­ti­on in ei­ner Un­zahl von mehr oder min­der or­ga­ni­sier­ten Ge­le­gen­hei­ten ent­lud, wur­den sie als Po­li­zei­pro­blem ak­ten­kun­di­g“.[25]  Vor al­lem aber konn­ten sich neue, zwi­schen­bür­ger­li­che Schich­ten aus klei­nen und mitt­le­ren Ge­wer­be­trei­ben­den, frei­en Dienst­leis­tungs­be­ru­fen und An­ge­stell­ten au­ßer­halb der gro­ßen In­dus­trie­wer­ke nur zö­gernd eta­blie­ren, wa­ren ge­gen­über der Ar­bei­ter­be­völ­ke­rung ge­ra­de­zu hoff­nungs­los un­ter­re­prä­sen­tiert.

Dort wo al­so die Bür­ger­stei­ge fehl­ten, war die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft selbst im Hin­ter­tref­fen. Und ge­ra­de auf die­se hät­ten sich kom­mu­na­le Ver­wal­tun­gen noch am ehes­ten stüt­zen kön­nen - ge­gen die ei­ge­ne „Selbst­ver­wal­tun­g“, die von In­dus­trie und Bo­den­spe­ku­la­ti­on be­herrscht wur­de und die Mas­se der Be­völ­ke­rung drau­ßen ließ. Um dies zu än­dern be­durf­te es be­son­de­rer Stra­te­gi­en, wenn sich ei­ne rand­stän­di­ge bür­ger­li­che Ge­sell­schaft in Al­li­anz mit den kom­mu­na­len Ver­wal­tun­gen zu Trä­gern der Pla­nung im Diens­te des „All­ge­mein­wohl­s“ auf­schwin­gen woll­te. Im­mer­hin wur­de die „de­fi­zi­en­te Ur­ba­ni­sie­run­g“ der gi­gan­tisch wu­chern­den In­dus­trie­dör­fer durch­aus als Ge­fahr für den so­zia­len Frie­den, vor al­lem aber als Hemm­schuh für die freie Ent­fal­tung des Kom­mer­zes er­kannt. Was war zu tun?

6. Auswege und Abwege: Die Stadtrechtskampagnen

In die­ses in­dus­trie­dörf­li­che Di­lem­ma aus be­grenz­ten fi­nan­zi­el­len Res­sour­cen, man­gel­haf­ter Pla­nung und blo­ckier­ten po­li­ti­schen Hand­lungs­spiel­räu­men kam et­wa ab den 1890er Jah­ren Be­we­gung durch die De­bat­te um den Er­werb von Stadt­rech­ten.[26]  An kaum ei­ner an­de­ren Stel­le ih­rer Ge­schich­te wird das Macht­ge­fü­ge der In­dus­trie­dör­fer von in­nen her bes­ser trans­pa­rent als beim Vor­gang der um die Jahr­hun­dert­wen­de ku­mu­lie­ren­den Stadt­er­he­bungs­ge­su­che. Als or­ga­ni­sa­ti­ons­ar­me Ge­bil­de ha­ben sie der Nach­welt hier sel­te­ne Quel­len hin­ter­las­sen und ge­stat­ten da­mit ex­em­pla­ri­sche Ein­bli­cke in die po­li­ti­schen Kon­zep­te im Ur­ba­ni­sie­rungs­pro­zess.[27] 

Stadterhebungsantrag Altenessen, 1899. (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz)

 

Ver­all­ge­mei­nernd lässt sich dar­aus fol­gen­de Per­spek­ti­ve be­schrei­ben:

Zu­meist han­del­te es sich bei den Stadt­er­he­bungs­an­trä­gen der in­dus­tri­el­len Land­ge­mein­den im Ruhr­ge­biet zwi­schen 1870 und 1914 um die mehr oder we­ni­ger ver­krampf­ten Ver­su­che ei­ner Al­li­anz aus Ver­wal­tungs­spit­zen und zah­len­mä­ßig un­be­deu­ten­dem Klein­bür­ger­tum, die er­starr­ten lo­ka­len Macht­ver­hält­nis­se durch ei­nen kom­mu­nal­recht­li­chen Sta­tus­wech­sel auf­zu­bre­chen, durch die Ein­füh­rung des rei­nen Drei­klas­sen­wahl­rech­tes die po­li­ti­sche Ba­sis der Selbst­ver­wal­tung zu ver­än­dern und da­mit für grö­ße­re Un­ab­hän­gig­keit von Grund­be­sitz und In­dus­trie zu sor­gen. 

Die Idee da­bei war: Über Steu­er­re­vi­sio­nen woll­te man neue Fi­nanz­quel­len er­schlie­ßen zum Woh­le ei­ner gleich­sam nach­träg­li­chen Stadt­pla­nung, die die Ar­bei­ter­ge­mein­den ins­ge­samt „ur­ba­ner“ ge­stal­ten soll­te. Die At­trak­ti­vi­tät ei­nes selb­stän­di­gen städ­ti­schen Ge­mein­we­sens soll­te die bür­ger­li­chen Zwi­schen­schich­ten stär­ken, ge­werb­li­che und ad­mi­nis­tra­ti­ve Funk­tio­nen an­zie­hen, Kul­tur zen­tral in­sze­nie­ren und da­mit wei­te­ren Mit­tel­stand an­lo­cken, der sei­ne Ge­schäfts­ge­win­ne dann am Ort ver­zeh­ren und Steu­ern zah­len wür­de. Der Traum vom Stadt­recht wur­de ge­ra­de­zu zur Zau­ber­for­mel bür­ger­li­cher Ur­ba­ni­täts­phan­ta­si­en im In­dus­trie­dorf und sorg­te für all­ge­mei­ne Be­geis­te­rung. 

Tat­säch­lich ha­ben et­li­che der Dör­fer zwi­schen Ober­hau­sen und Hamm vor dem Ers­ten Welt­krieg jahr­zehn­te­lan­ge Kam­pa­gnen für die Er­lan­gung kom­mu­na­ler Selb­stän­dig­keit ge­führt, An­trä­ge ge­stellt, die aber häu­fig auf ei­nem lan­gen, zu­meist dor­nen­rei­chen Marsch durch die In­sti­tu­tio­nen auf den Schreib­ti­schen der preu­ßi­schen Bü­ro­kra­tie oder be­reits weit im Vor­feld lo­kal­po­li­ti­scher Ani­mo­si­tä­ten und Que­re­len ver­en­de­ten. Wenn­gleich ei­ni­ge In­dus­trie­dör­fer vom preu­ßi­schen In­nen­mi­nis­te­ri­um zu Städ­ten er­ho­ben wur­den, die Mehr­zahl die­ser Ge­su­che blieb er­folg­los, auch weil die Er­geb­nis­se sprung­haft un­kon­trol­lier­ten Wachs­tums die po­li­tisch Ver­ant­wort­li­chen in Preu­ßen erst er­staun­ten, dann er­schreck­ten und schlie­ß­lich so­gar mi­li­tä­risch mo­bi­li­sier­ten.[28] 

7. Urbanisierung und soziale Kontrolle

Die Stadt­rechts­kam­pa­gnen hat­ten in der Re­gel ih­re Rech­nun­gen oh­ne ei­ne gan­ze Rei­he von Wir­ten ge­macht, ins­be­son­de­re oh­ne die Per­spek­ti­ve der staat­li­chen Zen­tral­in­stan­zen, wo die Städ­te­bil­dung in der Pha­se ei­nes for­cier­ten Ur­ba­ni­sie­rungs­pro­zes­ses vor­ran­gig den Stel­len­wert ei­nes Me­cha­nis­mus so­zia­ler Kon­trol­le ge­wann. Der preu­ßi­sche In­nen­mi­nis­ter als letz­te Ent­schei­dungs­in­stanz für die Ver­ga­be von Stadt­rech­ten wur­de sei­ner­zeit bes­tens über die La­ge in den Land­krei­sen von den zu­stän­di­gen Land­rä­ten un­ter­rich­tet; per­sön­lich war die Mi­nis­te­ri­al­bü­ro­kra­tie seit der Jahr­hun­dert­wen­de nur sel­ten zum Orts­ter­min im Re­vier zu be­we­gen. Die Land­rä­te wirk­te als ver­län­ger­ter Arm des fer­nen Mi­nis­te­ri­ums. Häu­fig ge­lang es die­sen, die ehr­gei­zi­gen Pro­jek­te ih­rer Land­ge­mein­den er­folg­reich zu hin­ter­trei­ben. Ih­re Ein­las­sun­gen zur Sa­che wa­ren in der Re­gel ne­ga­tiv, aus na­he lie­gen­den Grün­den, führ­ten sie doch in­di­rekt auf die­se Wei­se ei­nen bis­wei­len trick­rei­chen Ab­wehr­kampf ge­gen die dro­hen­de Auf­lö­sung ih­rer Ein­fluss­be­rei­che, in­dem sie den Mi­nis­ter durch dra­ma­ti­sche La­ge­be­rich­te zur Vor­sicht ge­gen­über al­len Selbst­ver­wal­tungs­am­bi­tio­nen mahn­ten.[29] 

Tat­säch­lich la­vier­te die Ruhr­ge­biets­po­li­tik des preu­ßi­schen Staa­tes seit den gro­ßen Streiks am En­de der 1880er Jah­re zwi­schen 

  • Ra­di­ka­len­pho­bie, 

  • De­sta­bi­li­sie­rungs­ängs­ten 

  • und eben­so re­pres­si­ver wie straf­fer Po­li­zei­auf­sich­t 

über die wu­chern­den Dör­fer in Preu­ßens „wil­dem Wes­ten“. 

Spä­tes­tens seit den blu­ti­gen Kra­wal­len in Her­ne 1898, das zwei Jah­re zu­vor mit städ­ti­schen Selbst­ver­wal­tungs­rech­ten aus­ge­stat­tet wor­den war, hat­te sich die an­fangs noch li­be­ra­le und durch­aus wohl­wol­len­de Be­hand­lung die­ser Ge­su­che durch das Preu­ßi­sche In­nen­mi­nis­te­ri­um end­gül­tig ver­braucht. Denn die­se Ge­su­che be­rühr­ten auch das ört­li­che Po­li­zei­sys­tem - und das war in ob­rig­keits­staat­li­cher Per­spek­ti­ve ein ech­tes Pro­blem. 1906 wur­de den Dör­fern ent­lang der Em­scher durch Er­lass des In­nen­mi­nis­te­ri­ums pau­schal je­de Aus­sicht auf den Er­werb von Stadt­rech­ten ge­nom­men.[30]  War­um? Die Ver­ga­be von Stadt­rech­ten an „pro­ble­ma­ti­sche“ Ar­bei­ter­ge­mein­den hät­te zu­gleich die Selbst­ver­wal­tung der Po­li­zei­auf­ga­ben be­deu­tet, sie wä­re „städ­ti­sch“ ge­wor­den. Und ge­nau dem galt es in ob­rig­keits­staat­li­cher Per­spek­ti­ve ge­gen­zu­steu­ern. Land­krei­se si­cher­ten die Po­li­zei­prä­senz des Staa­tes in Per­son der Land­rä­te, die als vor­ge­scho­be­ne Pos­ten der Staats­auf­sicht ge­ra­de im so­zio-po­li­tisch bri­san­ten Bal­lungs­ge­biet stra­te­gisch plat­ziert schie­nen.[31]  Das Haupt­ar­gu­ment der land­rät­li­chen Gut­ach­ten lau­te­te: An­ge­sichts der stür­mi­schen Be­völ­ke­rungs­ent­wick­lung und der stän­di­gen Fluk­tua­ti­on hoch­mo­bi­ler, fremd­län­di­scher Ar­bei­ter sei an die Ge­wäh­rung der Städ­te­ord­nung vor­erst nicht zu den­ken. Über die Re­gie­rungs­prä­si­den­ten ge­lang­ten die La­ge­be­rich­te iins Mi­nis­te­ri­um. Dort konn­te man bei­spiels­wei­se in der Stel­lung­nah­me zum An­trag der Land­ge­mein­de Al­ten­es­sen von 1898 Fol­gen­des le­sen: 

“Von den 22384 Ein­woh­nern ge­hö­ren 29 zu den Ge­wer­be­trei­ben­den in Groß­be­trie­ben, 2101 zu Ge­wer­be­trei­ben­den in Klein­be­trie­ben, 112 zum Stan­de der selb­stän­di­gen Land­wir­te, 1670 zu den Staats-, Ge­mein­de- und Pri­vat­be­am­ten aber 18157 zu den stark fluk­tu­ie­ren­den Berg­leu­ten und an­de­ren ge­werb­li­chen Ar­bei­tern, die al­so 81,1% der gan­zen Be­völ­ke­rung aus­ma­chen, wäh­rend ein Haupt­kri­te­ri­um städ­ti­schen Le­bens, der sess­haf­te Bür­ger­stand, über­haupt fehlt. (…) Zu dem Nach­teil ul­tra­mon­ta­ner pp Stadt­ver­ord­ne­ten Mehr­hei­ten und der durch sie be­ein­fluss­ten Bür­ger­meis­ter­wah­len wür­den al­so städ­ti­sche, und zwar von der Auf­sicht des Land­ra­tes ganz los­ge­lös­te Po­li­zei­ver­wal­tun­gen tre­ten. Zu wel­che Fol­gen die­ser ei­ne straf­fe Staats­auf­sicht aus­schlie­ßen­de Zu­stand in Zei­ten wirt­schaft­li­cher Kri­sen oder po­li­ti­scher Gä­rung im dich­test be­völ­ker­ten In­dus­trie­ge­biet des Preu­ßi­schen Staa­tes füh­ren könn­te, liegt auf der Hand, so dass ich mich mit dem Land­rat von Es­sen auch aus die­sen po­li­ti­schen Grün­den grund­sätz­lich ge­gen die Ver­lei­hung der Städ­te-Ord­nung an die frag­li­chen Ar­bei­ter­ge­mein­den, in die­sem Fal­le Al­ten­es­sen, aus­spre­chen(..) muss.“.[32]  

Ge­gen­über sol­chen Per­spek­ti­ven trat die Fra­ge nach dem wirk­li­chen Le­ben in den Ge­mein­den mit all sei­nen Be­las­tun­gen, De­fi­zi­ten und Ver­sor­gungs­eng­päs­sen in den Hin­ter­grund. Mit hoch­flie­gen­den Ur­ba­ni­sie­rungs­phan­ta­si­en des kauf­män­ni­schen Bür­ger­tums hat­te die Mas­se der Ar­bei­ter­be­völ­ke­rung im In­dus­trie­dorf we­nig im Sinn. Für sie mach­te es auch we­nig Un­ter­schied, von wel­cher Art Ge­mein­de­wahl­recht sie von der po­li­ti­schen Mit­be­stim­mung aus­ge­schlos­sen blieb, von wel­cher Po­li­zei sie über­wacht oder schi­ka­niert wur­de. Die Lö­sung au­ßer­be­trieb­li­cher Pro­blem­la­gen wur­den noch am ehes­ten von der So­zi­al­po­li­tik der Ar­beit­ge­ber er­war­tet.[33]  Dem­ge­gen­über stand die Fra­ge nach der Stadt­ent­wick­lung von In­dus­trie­dör­fern in ei­nem ab­ge­ho­be­nen Zu­sam­men­hang, der sich voll­stän­dig der Par­ti­zi­pa­ti­on ent­zog. Kol­lek­tiv ge­äu­ßert ha­ben sich die Ar­bei­ter – so weit er­kenn­bar – zu sol­chen Fra­gen je­den­falls kaum.[34] 

Die Stadt­ent­wür­fe des in­dus­trie­pro­vin­zi­el­len Bür­ger­tums sa­hen ih­re Trä­ger im Zen­trum der Macht, im Ge­nuss kul­tu­rel­ler An­ge­bo­te und öf­fent­li­cher Dienst­leis­tun­gen, ab­ge­schlos­sen ge­gen In­dus­trie und Ar­bei­ter­schaft. Sie ori­en­tier­ten sich an der Pro­duk­ti­on von Raf­fi­ne­ment in den Me­tro­po­len, de­ren bür­ger­li­che Zwi­schen­schich­ten die gan­ze Am­bi­va­lenz der Ur­ba­ni­sie­rungs­er­fah­run­gen nicht nur the­ma­ti­sier­ten, son­dern, aus­ge­stat­tet mit tech­ni­schen „know how“, Macht- und Fi­nanz­mit­teln, sich die Sub­li­mie­rung ih­rer Alp­träu­me auch et­was kos­ten las­sen konn­ten. Im Re­vier aber, wo sich das Reich sei­ne Waf­fen schmie­den ließ, ver­küm­mer­ten sol­che Ent­wür­fe ex­klu­si­ver Auf­brü­che aus der Pro­vin­zia­li­tät auf dem Pa­pier: ur­ba­ne Phan­ta­si­en lie­ßen sich in In­dus­trie­dör­fern, wo es an wirk­li­chen Macht- und Gel­de­li­ten fehl­te, nicht rea­li­sie­ren. So schlicht die­se Kon­zep­te im Prin­zip ge­strickt wa­ren, so er­folg­los blie­ben sie. 

Und die wei­te­re Ent­wick­lung?

Die Ein­ge­mein­dungs­wel­len vor dem Ers­ten Welt­krieg, de­nen die ge­beu­tel­ten In­dus­trie­dör­fer dann so­zu­sa­gen „zum Op­fer fie­len“, än­der­te nur we­nig an der Geo­gra­phie der so­zia­len Klas­sen. In­fra­struk­tur­leis­tun­gen wur­den al­len­falls zö­gernd in die neu­en Vor­or­te ex­por­tiert. Dies trug zu dem spe­zi­fi­schen Ko­lo­nie­cha­rak­ter vie­ler Sied­lungs­zu­sam­men­hän­ge bei und war mit da­für ver­ant­wort­lich, dass die Iden­ti­fi­ka­ti­on der Be­völ­ke­rung des Ruhr­ge­biets sich bis heu­te we­ni­ger auf „die Stadt als sol­che“, als viel­mehr auf ein­zel­ne ih­rer Tei­le rich­tet.[35]  

Was al­so lässt sich aus der Ge­schich­te der In­dus­trie­dör­fer im Ruhr­ge­biet his­to­risch ler­nen? Lutz Nietham­mer hat ein­mal ge­sagt: „Be­reits die ober­fläch­li­che Kennt­nis ei­nes gro­ßen In­dus­trie­dor­fes legt die Ein­sicht na­he, dass Ur­ba­ni­sie­rung nicht zwangs­läu­fig aus In­dus­tria­li­sie­rung folgt.“.[36]  Ich möch­te hin­zu­fü­gen, dass in der klas­si­schen Pha­se der Ur­ba­ni­sie­rung die Ent­wick­lungs­mus­ter des Re­viers lang­fris­tig fest­ge­legt wur­den. Sie brach­te qua­si als „Nach­ge­bur­t“ auch die Fik­ti­on ei­ner ur­ba­nen Zu­kunft der in­dus­tri­el­len Pro­vinz, der aber selbst als Ent­wurf wirk­lich hu­ma­ne Qua­li­tä­ten fehl­ten.[37]  Von der Rea­li­tät des Le­bens­um­fel­des der Be­völ­ke­rung ganz zu schwei­gen.

Doch zu­rück zu den schrump­fen­den Städ­ten in Ge­gen­wart und Zu­kunft. Über 150 Jah­re war Stadt­ent­wick­lung als Ur­ba­ni­sie­rung un­ter in­dus­tri­el­len Be­din­gun­gen an die Per­spek­ti­ve schein­bar un­be­grenz­ten Wachs­tums ge­bun­den. Die­se Zei­ten sind vor­bei. Ei­ne Ge­le­gen­heit, über die Chan­cen des Schrump­fens nach­zu­den­ken? 

Literatur

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Von­de 2009: Von­de, Det­lef, Wenn Dör­fer Städ­te wer­den (wol­len), in: Bra­ßel, Frank/Clar­ke, Mi­cha­el/Ob­jar­tel-Bar­tel, Cor­ne­lia (Hg.), „Nichts ist so schön wie…“ Ge­schich­te und Ge­schich­ten aus Her­ne und Wan­ne-Ei­ckel, 2. Auf­la­ge, Es­sen 2009.
Wehling 2002: Wehling, Hans-Wer­ner, Die in­dus­tri­el­le Kul­tur­land­schaft des Ruhr­ge­biets. His­to­ri­sche Ent­wick­lungs­pha­sen und zu­künf­ti­ge Per­spek­ti­ven, in: Um­welt Ruhr, Es­se­ner Uni­ka­te 19, Es­sen 2002, S. 111-119.

Inszenierungsversuche: Kaiserpassage Wanne, 1904. (Stadtarchiv Herne)

 
Anmerkungen
  • 1: Sassen 2000; Atlas der schrumpfenden Städte 2006.
  • 2: Niethammer 1979.
  • 3: Niethammer 1979, S. 16.
  • 4: Vonde 1989; dort auch alle Quellenangaben und weiterführende Literatur zum Thema.
  • 5: Fritz Lötte 1936: „Die kleinen Städte an der Ruhr und die Dörfer an der Emscher blähen sich zu unförmigen Giganten. Straßen und Häuser wuchsen aus der Erde.“ Zitiert nach Van Laak 2001.
  • 6: Brepohl 1958, S.80-82, Brepohl 1957, S.19-22.
  • 7: Reulecke 1985, S. 9.
  • 8: Vgl. Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel 1978, S.32-35 mit einer prägnanten Typologie der „Industriedörfer“; vgl. Vonde 1989, S. 16.
  • 9: Aber auch „Reich der Riesenschlote und Hochöfen, Reich des schwarzen Diamanten, Regional-Stadt, Provinz, Metropole, Megalopolis, Motopia, Bandstadt, Stadtschaft, Profitopolis, Stadtlandschaft, multipliziertes Dorf, Vorortstadt, schwarze Metropolis, Werkstatt für Europa, Schwarze Sphinx, ein in Permanenz erklärter Stammtisch, Ruhrstadt, Ruhr-Emscherstadt, massierte Kapitalansammlung, Ruhrrevier, altindustrieller Ballungsraum, Gigant im Westen, Waffenschmiede des Reiches, Kohlenpott, Ruß-Land, Land der Autobahnen, Rauchstadt, Versuchsfeld Europas, Sonderfall der Sozialgeschichte, der schwarze Baal, Industrieland, graues Revier, rußige Werktagswelt, Raubbaulandschaft, Ruhrland, Häuserhaufen, Ruhrgau, Verbundstadt, Regionalstadt, Städteverbund, Ruhr-Lippestadt, Riesenmontanstadt, steingewordene Hoffnungslosigkeit, Kohlenrevier, Schlotenland, Gigant an der Ruhr, Stadt der Städte. Ruhrprovinz, Ein lausiger Pelz von Häusern und Fabriken mit riesigen Mottenflecken dazwischen, eines Bettlers zerlumpter Mantel, Kohlenland, Rheinisch-Westfälisches Industriegebiet, Revierland, Land der tausend Feuer, Land an der Ruhr, Land ohne Grenzen.“ Vgl. Van Laak 2001, S. 19.
  • 10: Reulecke 1981, S. 13.
  • 11: Matzerath 1985, S. 257-258.
  • 12: Reulecke 1985, S. 86.
  • 13: Mumford 1979, S. 547.
  • 14: Vgl. Vonde 1989, S. 127-141.
  • 15: Krabbe 1997; vgl. auch Reulecke 1985, S. 118-131.
  • 16: 1901 kam es im Bereich Gelsenkirchen zu einer Typhus-Epidemie mit 3.200 Erkrankten und 350 Todesfällen. Das fragliche Gebiet wurde von Grillos privatem „Wasserwerk für das nördliche Kohlenrevier“ mit zum Teil ungeklärtem Flusswasser aus der Ruhr versorgt. In der Essener Gerichtsverhandlung 1904 wurde die Firma für schuldig befunden, das Trinkwasser lebensgefährlich verunreinigt zu haben. Vgl. Frank/Gandy 2006, S. 79 sowie Kluge/Schramm 1986, S.122-125.
  • 17: Vgl. Reif 1993.
  • 18: Günter 2000, S. 22 ff.
  • 19: Vonde 2000.
  • 20: Wanner Zeitung Nr. 175, 1912.
  • 21: Vonde 2009, S. 66-67.
  • 22: Und dieses Unterfangen konnte seltsame Blüten treiben, wie das Beispiel des Borbecker „Communalbaumeisters“ Voßkühler zeigt. Der hatte 1893 für sein aufstrebendes Industriedorf eine Straße geplant: „Noch als Feldweg erhielt sie den Namen Kaiserallee, war hier doch eine “Prunkstraße“ mit vielfachen Baumreihen und 6m tiefen Vorgärten vorgesehen. Die Planungsunterlagen des Konsortiums lassen die beiden Opponenten erkennen, an denen sich Voßkühlers letzter Versuch brach, eine städtebauliche Kontur in das verwinkelte Dorf und seine Streusiedlungen zu bringen. Auf der Karte, mit der die Anlage der Kaiserallee beantragt wurde, finden sich an der Stelle, wo ihre Trasse den Garten der Dienstvilla des Bürgermeisters kürzte, erregte Durchstreichungen mit Blaustift und daneben von dessen Hand: „kommt derzeit überhaupt nicht in Frage.“ Um sicher zu gehen, erteilte er auch in diesem Fall alsbald eine Genehmigung, mitten in die Verlängerung des Straßendurchbruchs zur Ortsmitte hin ein Haus bauen. Damit war die Kaiserallee eine Sackgasse und wurde bald zur Fürstenstraße degradiert, später sogar nach dem angesehensten Dorfpastor erneut umbenannt“, Niethammer 1979, S. 34.
  • 23: Vonde 1997, S. 223.
  • 24: Croon 1960; Croon 1955.
  • 25: Niethammer 1979, S. 26.
  • 26: Vonde 1989, S. 146-147.
  • 27: Vgl. dazu die umfangreichen Aktenbestände im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz Berlin, vor allem Geheimes Zivilkabinett, Rep.2.2.1, Inneres Städte und Ministerium des Innern, Rep. 77.
  • 28: Reulecke 1990, S. 85-86; Vonde 1989, S.166-176.
  • 29: So bezeichnete etwa 1908 der Landrat des Kreises Dinslaken, Wülfing, das aufstrebende Industriedorf Hamborn mit seinerzeit über 100.000 Einwohnern als „ungesund vergrößerte Gemeinde“, die dringend unter Kreisaufsicht verbleiben solle, da insbesondere Bürgermeister Schrecker „bei aller Anerkennung seiner Rührigkeit und seiner persönlichen Tüchtigkeit infolge seiner mangelhaften Vorbildung ebenfalls besser noch einige Jahre unter örtlicher Aufsicht“ bleiben solle. Und zwei Jahre später denunzierte er Schrecker noch immer als dilettantischen Dorfbürokraten mit einer „an Schlappheit grenzenden Gutmütigkeit“, den Gemeinderat als dessen willfähriges Werkzeug und die Industrie als Vertreter von gemeindefernen Sonderinteressen. Vor allem aber sei Hamborn „der gegebene Mittelpunkt und Ausgangsort für alle Arbeiterbewegung an der unteren Ruhr.“ Dieser Umstand verlange nach einer straffen Polizeiaufsicht, da sich jeder Aufstand von hier aus zum Flächenbrand entwickeln könne. Der Landrat hatte offensichtlich ein sicheres Gespür für wirksame Argumente in obrigkeitsstaatlicher Perspektive, Vonde 1989, S. 95.
  • 30: Vonde 1989, S. 174.
  • 31: Vgl. Kommunale Praxis. Wochenschrift für Kommunalpolitik und Gemeindesozialismus. 8. Jahrgang 1908, Heft 1: „Die staatliche Polizei im Ruhrgebiet“.
  • 32: Zitiert bei Niethammer 1979, S. 86.
  • 33: Brüggemeier 1983.
  • 34: „Was die von der Unfähigkeit zur Planung Betroffenen litten blieb weitgehend stumm. Ihre Erfahrungen hat die Zeit verwischt, ihre Lebensläufe sind nur noch in der Strichliste einer Volkszählung zu greifen.“ (Lutz Niethammer, 1979, S. 70).
  • 35: Wehling 2002.
  • 36: Niethammer 1979, S. 9.
  • 37: „Jede Vision braucht jemanden, der an sie glaubt,“ hieß es im Kontext des medialen Wirbels um die „RUHR.2010“, jenes großangelegten Versuches der „Kulturhauptstadt Ruhrgebiet“, gleichsam im Nachgang die alte Beschwörungsformel von der „Metropole Ruhr“ für den weiteren Strukturwandel zu reaktivieren. Ob es wirklich gelungen ist, die Realität urbaner Metropolen nicht bloß zu imitieren und die Region nur kurzfristig mit Kultur zu möblieren, sondern einen nachhaltigen Ausbau kultureller und sozialer Infrastruktur einzuleiten und dabei diesmal die gesamte Bevölkerung mit zu nehmen, wird noch nachzuweisen sein.
Zitationshinweis

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Vonde, Detlef, Von „unförmigen Giganten“ und „barbarischen Steinhaufen“ - Industriedörfer und die „Unfähigkeit zur Stadtentwicklung“ im Ruhrgebiet, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/von-unfoermigen-giganten-und-barbarischen-steinhaufen---industriedoerfer-und-die-unfaehigkeit-zur-stadtentwicklung-im-ruhrgebiet/DE-2086/lido/57d12eecdcfe43.34909795 (16.07.2018)