Ernst Friesenhahn

Verfassungsrichter (1901-1984)

Christian Waldhoff (Bonn)

Ernst Friesenhahn, Porträtfoto. (Institut für Staatskirchenrecht der Diözesen Deutschlands)

Ernst Frie­sen­hahn war nach dem Zwei­ten Welt­krieg ei­ner der be­deu­tends­ten Staats­rechts­leh­rer an der Bon­ner Uni­ver­si­tät, zeit­wei­se auch de­ren Rek­tor. Sei­ne aka­de­mi­sche Kar­rie­re war durch sei­ne re­gime­kri­ti­sche Hal­tung in der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zu­nächst be­hin­dert wor­den. Nach dem Krieg nahm er zahl­rei­che Äm­ter in Wis­sen­schaft, Uni­ver­si­tät und Po­li­tik wahr. Von 1951 bis 1963 war er zu­gleich Rich­ter des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts.

Frie­sen­hahn wur­de am 26.12.1901 in Ober­hau­sen in ei­ne ka­tho­li­sche rhei­ni­sche Leh­rer­fa­mi­lie hin­ein­ge­bo­ren. Nach dem Ab­itur 1920 stu­dier­te er in Bonn zu­nächst Na­tio­nal­öko­no­mie, schlie­ß­lich dort und in Tü­bin­gen Rechts­wis­sen­schaft. In Bonn wur­de er auch 1928 pro­mo­viert und konn­te sich 1932 für die Fä­cher Staats­recht, Ver­wal­tungs­recht, Steu­er­recht und Völ­ker­recht ha­bi­li­tie­ren. Frie­sen­hahn war mehr­fach (Fa­kul­täts-)As­sis­tent in Bonn. Nach dem glän­zend be­stan­de­nen As­ses­sor­ex­amen war er für sechs Mo­na­te Ge­richt­s­as­ses­sor und in die­ser Ei­gen­schaft Hilfs­rich­ter am Amts­ge­richt Bonn.

Sei­ne ka­tho­li­sche Grund­prä­gung und sei­ne da­mit zu­sam­men­hän­gen­de re­gime­kri­ti­sche Hal­tung be­ein­träch­tig­ten seit Be­ginn des Jah­res 1933 das wis­sen­schaft­lich-aka­de­mi­sche Fort­kom­men Frie­sen­hahns. Sein aka­de­mi­scher Leh­rer Carl Schmitt bot ihm – die Frik­tio­nen sei­nes Schü­lers mit dem NS-Re­gime ken­nend – 1933 die Schrift­lei­tung der gleich­ge­schal­te­ten „Deut­schen Ju­ris­ten-Zei­tung" an. Frie­sen­hahn lehn­te ab – ei­ne au­ßer­or­dent­lich kon­se­quen­te Ent­schei­dung, be­deu­te­te sie doch den Ver­zicht auf ein Or­di­na­ri­at und den Bruch mit dem Men­tor. In der Fol­ge­zeit muss­te er sich mit Lehr­auf­trä­gen in Bonn und in Köln (für Steu­er­recht) so­wie an der rhei­ni­schen Ver­wal­tungs­aka­de­mie durch­schla­gen. 1937 wur­den die­se Un­ter­richts­ak­ti­vi­tä­ten in Bonn in ei­nen dau­er­haf­ten und be­sol­de­ten Lehr­auf­trag über­führt. 1938 er­folg­te die Er­nen­nung zum nicht be­am­te­ten au­ßer­or­dent­li­chen und 1939 zum au­ßer­plan­mä­ßi­gen Pro­fes­sor.

 

Von Ge­wis­sens­bis­sen an­ge­sichts der po­li­ti­schen Ent­wick­lung ge­plagt, stell­te Frie­sen­hahn den An­trag auf Zu­las­sung als An­walt. Nach Schwie­rig­kei­ten wur­de die­se schlie­ß­lich ge­währt, so dass er seit 1939 als An­walt, seit 1942 als Part­ner ei­ner re­nom­mier­ten Steu­er­rechts­kanz­lei in Köln tä­tig sein konn­te. Ein Ruf nach Kö­nigs­berg 1940 zer­schlug sich we­gen sei­ner aus Sicht des Re­gimes po­li­ti­schen Un­zu­ver­läs­sig­keit.

1945 ge­hör­te Frie­sen­hahn zu den her­aus­ra­gen­den un­be­las­te­ten Ju­ris­ten. Fol­ge­rich­tig be­schleu­nig­te sich nun sei­ne ver­zö­ger­te Kar­rie­re: Seit dem 1.4.1946 er­hielt er nach Ab­leh­nung ei­nes Ru­fes an die Uni­ver­si­tät zu Köln ein öf­fent­lich-recht­li­ches Or­di­na­ri­at an der Rechts- und Staats­wis­sen­schaft­li­chen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn, de­ren De­kan er in den Fol­ge­jah­ren mehr­fach war. 1950 wur­de er zum Pro­rek­tor, 1951 zum Rek­tor der Uni­ver­si­tät Bonn ge­wählt (1951 bis 1953 er­neut Pro­rek­tor). Eben­falls 1951 zog er als ei­ner von 24 Rich­tern in den Zwei­ten Se­nat des sei­ne Ar­beit auf­neh­men­den Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Karls­ru­he ein. Sei­ne Richter­zeit en­de­te nach der Wie­der­wahl von 1956 im Jahr 1961. Seit 1950 Mit­glied der Stän­di­gen De­pu­ta­ti­on war Frie­sen­hahn von 1962 bis 1967 Prä­si­dent des Deut­schen Ju­ris­ten­ta­ges. Frie­sen­hahn wur­de 1969/1970 eme­ri­tiert. 1951 er­hielt er das Eh­ren­dok­to­rat der Uni­ver­si­tät von Ma­ry­land (USA), 1960 das­je­ni­ge der Uni­ver­si­tät Ba­sel. Ernst Frie­sen­hahn starb am 5.8.1984 in Bonn. Frie­sen­hahns Dis­ser­ta­ti­on aus dem Jahr 1928 „Der po­li­ti­sche Eid" wur­de un­ter der Be­treu­ung von Carl Schmitt an­ge­fer­tigt, der ihn für das öf­fent­li­che Recht be­geis­ter­te. Die Ha­bi­li­ta­ti­ons­schrift zu „Grund­fra­gen der Staats­ge­richts­bar­keit" un­ter der Be­treu­ung von Ri­chard Tho­ma von 1932 war ins­ge­samt wohl un­voll­endet und wur­de nie voll­stän­dig ver­öf­fent­licht (ein Aus­zug fand Ein­gang in das von Ger­hard An­schütz (1867-1948) und Tho­ma her­aus­ge­ge­be­ne Hand­buch des Deut­schen Staats­rechts, 1932). Die Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit in Theo­rie und Pra­xis blieb sein zen­tra­les fach­li­ches Le­bens­the­ma. Der Um­fang des wei­te­ren Schrift­tums ist eher be­grenzt; Frie­sen­hahn pu­bli­zier­te ne­ben staats- und ver­wal­tungs­recht­li­chen Auf­sät­zen auch Ar­bei­ten zum Steu­er­recht und zum Staats­kir­chen­recht. Me­tho­disch sind sei­ne Ar­bei­ten – eher Tho­ma als Schmitt fol­gend – dem staats­recht­li­chen Po­si­ti­vis­mus zu­zu­ord­nen.

Schriften

Der po­li­ti­sche Eid, Bonn 1928.

Die Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Köln 1963.

Ju­ris­ten an der Uni­ver­si­tät Bonn, Bonn 1970.

Frie­sen­hahn, Ernst/ Scheu­ner, Ul­rich (Hg.), Hand­buch des Staats­kir­chen­rechts der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, 2 Bän­de, Ber­lin 1974-1975.

Literatur

Bü­low, Bir­git von, Die Staats­rechts­leh­re der Nach­kriegs­zeit (1945-1952), Ber­lin 1996.

Fro­wein, Jo­chen Abr., Ernst Frie­sen­hahn 1901-1984, in: Ar­chiv des öf­fent­li­chen Rechts 110 (1985), S. 99-102.

Knü­tel, Rolf / Salz­we­del, Jür­gen, In me­mo­ri­am Ernst Frie­sen­hahn, Bonn 1985.

Scheu­ner, Ul­rich, Re­de zur Fei­er der Er­neue­rung des Dok­tor­di­ploms für Pro­fes­sor Dr. Dr. h.c. Ernst Frie­sen­hahn durch die Rechts- und Staats­wis­sen­schaft­li­che ­Fa­kul­tät ­der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn am 24. Mai 1978, in: Rechts- und Staats­wis­sen­schaft­li­che ­Fa­kul­tät ­der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät zu Bonn, Fei­er zum fünf­zig­jäh­ri­gen Dok­tor-Ju­bi­lä­um von Pro­fes­sor Dr. Dr. h.c. Ernst Frie­sen­hahn am 24. Mai 1978 im Fest­saal der Uni­ver­si­tät, Bonn o.J. (1978).

Stol­te, Ste­fan, Ernst Frie­sen­hahn. Wis­sen und Ge­wis­sen ma­chen den Ju­ris­ten, in: Schmoeckel, Ma­thi­as (Hg.), Die Ju­ris­ten der Uni­ver­si­tät Bonn im „Drit­ten Reich", Köln 2004, S. 185-231.  

Ernst Friesenhahn (1.v.r.) auf dem Festakt anlässlich der Eröffnung des Parlamentarischen Rates, Bonn, 1.9.1948, Foto: Erna Wagner-Hehmke. (Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland)

 
Zitationshinweis

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Waldhoff, Christian, Ernst Friesenhahn, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/ernst-friesenhahn/DE-2086/lido/57c6c07a2c68b3.04131812 (24.04.2018)