Henrik Douverman

Bildhauer (circa 1480/1485-1543)

Ulrike Wolff-Thomsen (Kiel)

Henrik Douverman, Marienaltar: Maria Himmelfahrt (oben), Anbetung der Hirten (links), und die Heiligen Drei Könige (rechts). Zentral eine thronende Madonna, 1510-1515, Ehemalige Stiftskirche, heute Katholische Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt Kleve, Foto: Michael Jeiter. (Foto Marburg)

Dou­ver­man war ei­ner der be­deu­tends­ten Holz-Bild­schnit­zer des Nie­der­rheins im ers­ten Vier­tel des 16. Jahr­hun­derts – ver­gleich­bar mit ei­nem Til­man Rie­men­schnei­der (um 1460-1531) im frän­ki­schen Raum. Bei­de Künst­ler ver­mö­gen es, ei­nem re­la­tiv sprö­den Ma­te­ri­al mit grö­ß­ter Kunst­fer­tig­keit neue Aus­drucks­for­men ab­zu­rin­gen, und fa­vo­ri­sie­ren die Holz­sich­tig­keit ih­rer Wer­ke. Im Un­ter­schied zu Rie­men­schnei­der, der nur Skulp­tu­ren schnitz­te, wird Dou­ver­man auch als Ent­wer­fer von Re­ta­bel­ar­chi­tek­tu­ren so­wie als aus­füh­ren­der Ge­stal­ter von Schrei­nen und Or­na­men­ten an­zu­spre­chen sein.

Zwar sind Dou­ver­m­ans bio­gra­phi­sche Da­ten nur un­zu­rei­chend ar­chi­va­lisch ge­si­chert, doch es darf auf­grund sti­lis­ti­scher Über­ein­stim­mun­gen an­ge­nom­men wer­den, dass der um 1480 in Dins­la­ken ge­bo­re­ne Bild­schnit­zer vor 1506 von Dries Hol­t­huis in Kle­ve aus­ge­bil­det wor­den ist. Grund­la­ge hier­für bie­ten die um 1502 ge­schaf­fe­nen Skulp­tu­ren der Hei­li­gen Jo­han­nes Evan­ge­list und An­dre­as im Apos­tel­zy­klus der ehe­ma­li­gen Mi­no­ri­ten­kir­che St. Ma­riä Emp­fäng­nis in Kle­ve. Die Fi­gu­ren zei­gen be­reits ei­ne zu­neh­men­de Ei­gen­stän­dig­keit ge­gen­über den an­de­ren Apos­teln, die von sei­nem Leh­rer Hol­t­huis und sei­nem Mit­schü­ler Hen­rick van Holt (cir­ca 1480/1490-1545/1546) aus­ge­führt wor­den sind. 2003 er­kann­te Bar­ba­ra Rom­mé in der Fi­gur der An­na in­ner­halb ei­ner An­na-Selb­dritt-Grup­pe (Mu­se­um Kur­haus Kle­ve) ein Früh­werk Dou­ver­m­ans, mög­li­cher­wei­se sein Ge­sel­len­stück.

Henrik Bernts, Marienleuchter, 1508 begonnen, Katholische Pfarrkirche St. Nikolai Kalkar, Foto: Michael Jeiter. (Foto Marburg)

 

Nach­fol­gend wird sich Dou­ver­man auf Wan­der­schaft be­ge­ben ha­ben, mit ho­her Wahr­schein­lich­keit in die süd­li­chen Nie­der­lan­de. Kon­trär ge­gen­über ste­hen sich in der ak­tu­el­len For­schung die An­sicht Rom­més, dass Dou­ver­man ver­mut­lich von den Ul­mer Bild­schnit­zern Jörg Syr­lin dem Äl­te­ren (um 1425-1491) und Jörg Syr­lin dem Jün­ge­ren (um 1455-1521) be­ein­flusst wor­den sei, und die­je­ni­ge Go­elt­zers, der ei­ne Aus­ein­an­der­set­zung Dou­ver­m­ans mit der Ul­mer Bild­schnitz­kunst ver­neint. Ge­si­chert ist zu­min­dest, dass Dou­ver­man 1510 den Auf­trag über­nom­men hat, das Kle­ver Ma­ri­en-Re­ta­bel, das 1944 weit­ge­hend zer­stört wur­de, für die ehe­ma­li­ge Stifts- und heu­ti­ge ka­tho­li­sche Pfarr­kir­che St. Ma­riä Him­mel­fahrt kon­zep­tio­nell zu ent­wer­fen – so­wohl die Vi­sie­rung als auch die Re­ta­bel­ar­chi­tek­tur ge­hen auf ihn zu­rück; die fi­gür­li­chen Tei­le wur­den hin­ge­gen von der Hol­t­huis-Werk­statt aus­ge­führt. Auf et­wa 1510 wer­den auch die Skulp­tu­ren der Mut­ter­got­tes und des Jo­han­nes Evan­ge­list in der Kle­ver Stifts­kir­che da­tiert. Wohl auf­grund von Schul­den – Dou­ver­man war in Kle­ve ver­trags­brü­chig ge­wor­den und hat­te ei­ne ho­he Kon­ven­tio­nal­stra­fe zu zah­len – und we­gen ei­nes „un­mo­ra­li­schen“ Le­bens­wan­dels ver­ließ er die Stadt und über­sie­del­te um 1515 nach Kal­kar, wo er seit 1517 als Bür­ger nach­weis­bar ist.

Henrik Douvermann (zugeschrieben), Johannes der Täufer, um 1530, Katholische Pfarrkirche St. Nicolai Kalkar, Foto: Michael Jeiter. (Foto Marburg)

 

In Kal­kar schuf Dou­ver­man zwi­schen 1518 und 1521 im Auf­trag der Bru­der­schaft Un­se­rer Lie­ben Frau für den nörd­li­chen Sei­ten­chor der Pfarr­kir­che St. Ni­ko­lai das im­po­san­te, über sie­ben Me­ter ho­he Al­tar­re­ta­bel der Sie­ben-Schmer­zen-Ma­ri­ens. Es bleibt sein ein­zi­ges ar­chi­va­lisch ge­si­cher­tes Werk. Die Re­ta­bel­ar­chi­tek­tur mit Ge­fach­auf­tei­lung so­wie der Schrei­num­riss zei­gen den Ein­fluss Ant­wer­pe­ner Al­tar­auf­sät­ze, das Ge­spren­ge hin­ge­gen ver­weist auf süd­deut­sche, ins­be­son­de­re Ul­mer Vor­bil­der. Aus­ge­hend von der Fi­gur des Stamm­va­ters Jes­se in der Pre­del­la rankt sich das vir­tu­os ge­stal­te­te Ast­werk um die wei­te­ren Vor­fah­ren Je­su, die gleich­sam in­halt­lich die Er­zähl­hand­lung der Ge­fa­che des Schrein­kas­tens rah­men. Das sprö­de Ei­chen­holz scheint sei­nen ei­ge­nen Be­din­gun­gen ent­bun­den, es biegt und win­det sich und gip­felt in ei­nem hoch­auf­ra­gen­den Ge­spren­ge. Um ein neu­go­ti­sches Ves­per­bild, das ein al­tes Gna­den­bild er­setzt, grup­pie­ren sich sie­ben Büh­nen­käs­ten mit den Sze­nen „Sturz der Göt­ter­bil­der bei der Flucht nach Ägyp­ten“, „Der 12-jäh­ri­ge Je­sus im Tem­pel“, „Die Kreuz­tra­gung Chris­ti“, „Volk­rei­cher Kal­va­ri­en­ber­g“, „Die Kreuz­ab­nah­me“, „Grab­le­gun­g“ und „Die Dar­brin­gung im Tem­pel“. Ne­ben dem Ran­ken­werk, das den Schrein­kas­ten rahmt und in das wei­te­re Fi­gu­ren in­te­griert sind, sind die vo­lu­ten­ar­tig ge­roll­ten Fia­len des Ge­spren­ges von be­son­de­rer Kunst­fer­tig­keit. Den krö­nen­den Ab­schluss bil­det die Skulp­tur ei­ner Ma­don­na mit Kind im Strah­len­kranz. Auf die­se weist – auf der Spit­ze der lin­ken Ach­se des ge­schweif­ten Schreins ste­hend – die Ti­bur­ti­ni­sche Sy­bil­le den vor ihr sit­zen­den Kö­nig Au­gus­tus hin. Als Pen­dant dient auf dem rech­ten Kiel­bo­gen Jo­han­nes auf Pat­mos mit dem En­gel der Apo­ka­lyp­se. Ein­zig die drei Ge­kreu­zig­ten sind far­big ge­fasst, die ge­sam­ten üb­ri­gen Tei­le sind holz­sich­tig.

Henrik Douverman, Sieben-Schmerzen-Altar, 1518-21, Katholische Pfarrkirche St. Nikolai Kalkar, Foto: Andreas Lechtape. (Foto Marburg)

 

Aus der Kalka­rer Do­mi­ni­ka­ner­kir­che in die dor­ti­ge Ni­ko­lai­kir­che wur­de die mo­nu­men­ta­le, um 1530 ge­schaf­fe­ne, 165 Zen­ti­me­ter ho­he Sta­tue der Hei­li­gen Ma­ria Mag­da­le­na über­führt. Ihr be­leb­tes üp­pi­ges Fal­ten­ge­fü­ge, ganz Aus­drucks­trä­ger, kon­tras­tiert zu ih­rer zar­ten Phy­sio­gno­mie. Sehr dif­fe­ren­ziert sind die Haa­re, die gro­ße Hau­be so­wie Hals­be­satz und Schmuck aus­ge­ar­bei­tet. Ei­ner an­de­ren Stil­stu­fe hin­ge­gen ist die 89 Zen­ti­me­ter ho­he Sta­tue von Jo­han­nes dem Täu­fer ver­pflich­tet, der in sei­ner ge­dreh­ten Kör­per­hal­tung und mit über­läng­ten Glie­dern ma­nie­riert wirkt.

Ei­ne wei­te­re Tä­tig­keit für die Kalka­rer Ni­ko­lai­kir­che über­nahm Dou­ver­man 1528/1529 mit der ‚Mo­der­ni­sie­rung’ des 1508 von Hen­rik Bernts (um 1450-1509) be­gon­ne­nen und von Kerst­ken van Rin­gen­berg (seit 1508 Kalka­rer Bür­ger, ge­stor­ben vor 1532) fort­ge­führ­ten Ma­ri­en­leuch­ters.

Henrik Douvermann, Sieben-Schmerzen-Altar, Detail: Die Sieben Schmerzen Mariä - Christi Darbringung im Tempel, 1518-21, Katholische Pfarrkirche St. Nicolai Kalkar, Foto: Andreas Lechtape. (Foto Marburg)

 

Des Wei­te­ren ist Dou­ver­m­ans kon­zep­tio­nel­le Ar­beit an dem nach 1530 ge­schaf­fe­nen Ma­ri­en­re­ta­bel im Xan­te­ner Dom nach­weis­bar. In der Pre­del­la wird in glei­cher Wei­se wie im Kalka­rer Re­ta­bel ein Wur­zel-Jes­se-Pro­gramm ent­wi­ckelt, das Dou­ver­man er­neut vir­tu­os in­sze­niert. Die Aus­füh­rung der fi­gür­li­chen Tei­le, des Mit­tel­schreins so­wie des Ge­spren­ges darf hin­ge­gen Dou­ver­m­ans Kon­kur­ren­ten Hen­rik van Holt und des­sen Schü­ler Arnt van Tricht zu­ge­schrie­ben wer­den. Die Xan­te­ner Pre­del­la prä­sen­tiert sich als Über­gangs­werk zu Dou­ver­m­ans Spät­stil, in dem die Kör­per­haf­tig­keit der Skulp­tu­ren stär­ker be­tont wird und die Ge­sich­ter na­tu­ra­lis­ti­sche­re Zü­ge er­hal­ten.

Henrik Douvermann, Sieben-Schmerzen-Altar, Detail: Die Wurzel Jesse, 1518-21, Katholische Pfarrkirche St. Nicolai Kalkar, Foto: Michael Jeiter. (Foto Marburg)

 

Sein Ge­samto­eu­vre be­rei­chern dar­über hin­aus Ein­zel­skulp­tu­ren be­zie­hungs­wei­se Fi­gu­ren­grup­pen, so un­ter an­de­rem ei­ne Mut­ter­got­tes und ei­ne um 1518/1520 ge­schaf­fe­ne Hei­li­ge Ur­su­la im Ams­ter­da­mer Ri­jks­mu­se­um, ei­ne zeit­gleich ent­stan­de­ne Hei­li­ge Mar­ga­re­tha im Ber­li­ner Bo­de­mu­se­um, ein um 1521 ge­schaf­fe­nes Kru­zi­fix im Aa­che­ner{#2172} Su­er­mondt-Lud­wig-Mu­se­um so­wie ei­ne Heim­su­chungs­grup­pe im Köl­ner{#2173} Diö­ze­san-Mu­se­um. Chro­no­lo­gisch zwi­schen dem Sie­ben-Schmer­zen-Ma­ri­en-Re­ta­bel in Kal­kar und der Xan­te­ner Pre­del­la wer­den un­ter an­de­rem ein kreuz­tra­gen­der Chris­tus in Pfalz­dorf (heu­te Stadt Goch), ein Chris­to­pho­rus in Ut­recht, ein Kru­zi­fix in Kem­pen, der Hei­li­ge Ja­co­bus in Grieth (heu­te Stadt Kal­kar), der Hei­li­ge An­t­ho­ni­us in Cui­jk so­wie ei­ne Ver­kün­di­gungs­grup­pe (heu­te Ko­lum­ba. Kunst­mu­se­um des Erz­bis­tums Köln{#2174}) ent­stan­den sein.

Hen­rik Dou­ver­man starb 1543/1544 in Kal­kar.

Literatur

Go­elt­zer, Wolf Go­elt­zer, Dou­ver­man, Hen­rik, in: All­ge­mei­nes Künst­ler­le­xi­kon, Band 29, Ber­lin 2001, S. 225.
Kir­schel, Ro­land, Me­di­en­syn­the­sen in der spät­mit­tel­al­ter­li­chen Sa­kral­kunst. Das Al­tar­bild als Ku­lis­se für lit­ur­gi­sche Ge­gen­stän­de und Hand­lun­gen, in: Wall­raf-Ri­ch­artz-Jahr­buch 69 (2008), S. 73-168.
Rom­mé, Bar­ba­ra (Be­arb.), Ge­gen den Strom, Meis­ter­wer­ke nie­der­rhei­ni­scher Skulp­tur in Zei­ten der Re­for­ma­ti­on 1500-1550, Ka­ta­log, Su­er­mondt-Lud­wig-Mu­se­um, Ber­lin 1997.
Rom­mé, Bar­ba­ra, Dries Hol­t­huys. Ein Meis­ter des Mit­tel­al­ters aus Kle­ve. An­mer­kung zu Aus­stel­lung und Ka­ta­log, Mu­se­um Kur­haus Kle­ve, und zu ei­nem neu­ent­deck­ten Früh­werk des Hen­rick Dou­ver­man, in: Kunst­chro­nik 56 (2003), S. 415-422.
Rom­mé, Bar­ba­ra, Hen­rick Dou­wer­man und die nie­der­rhei­ni­sche Bild­schnitz­kunst an der Wen­de zur Neu­zeit, Bie­le­feld 1997 [mit Werk­ver­zeich­nis].
Schul­ze-Sen­ger, Chris­ta, Die spät­go­ti­sche Al­tar­aus­stat­tung der St. Ni­co­lai­kir­che zu Kal­kar. As­pek­te ei­ner Ent­wick­lung zur mo­no­chro­men Fas­sung der ­Spät­go­ti­k am Nie­der­rhein, in: Krohm, Hart­mut/Oel­ler­mann, El­ke (Hg.), Flü­gel­al­tä­re des spä­ten Mit­tel­al­ters, Ber­lin 1992, S. 23-36.

Henrik Douvermann (zugeschrieben), Maria Magdalena, um 1520, Katholische Pfarrkirche St. Nicolai Kalkar, Foto: Michael Jeiter. (Foto Marburg)

 
Zitationshinweis

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Wolff-Thomsen, Ulrike, Henrik Douverman, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/henrik-douverman-/DE-2086/lido/57c69763aa3520.12150348 (11.12.2018)