Nikolaus Becker

Dichter (1809-1845)

Lydia Becker (Bonn)

Nikolaus Becker, Brustbild, Litographie von August Kneisel. (Universitätsbibliothek Frankfurt am Main)

Ni­ko­laus Be­cker war ein deut­scher Dich­ter, der 1840 durch sein Ge­dicht „Der freie Rhein" zu ei­ner Be­rühmt­heit des Vor­märz wur­de.

Ma­ria Jo­seph Aloys Ni­ko­laus Be­cker wur­de am 8.10.1809 als jüngs­tes von 14 Kin­dern in Bonn ge­bo­ren. Sein Va­ter, Ed­mund Be­cker (1754-1830), Kauf­mann und Stadt­rat, war in drit­ter Ehe mit Ma­ria Cä­ci­lia Jo­se­pha Hen­ri­et­te Du­mont (1773-1835) ver­hei­ra­tet; aus die­ser Ehe stamm­te Sohn Ni­ko­laus. Die Mut­ter er­kann­te früh das poe­ti­sche Ta­lent ih­res Soh­nes und zeig­te sich be­strebt, es zu för­dern, wo­hin­ge­gen dem Va­ter, ei­nem kon­ser­va­ti­ven Ka­tho­li­ken, eher die re­li­giö­se Er­zie­hung am Her­zen lag. Ab 1820 be­such­te Ni­ko­laus Be­cker das Gym­na­si­um in Bonn, wech­sel­te aber 1828 nach Dü­ren. Kur­ze Zeit nach sei­nem Ab­schluss, 1830, er­eil­te ihn die Nach­richt vom Tod sei­nes Va­ters, wor­auf­hin er nach Bonn zur Mut­ter zu­rück­kehr­te.

Im Mai 1830 im­ma­tri­ku­lier­te er sich an der noch jun­gen Bon­ner Uni­ver­si­tät für ein Stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaft. Al­ler­dings be­schäf­tig­te er sich wäh­rend des Stu­di­ums weit­aus ein­ge­hen­der mit Poe­sie als mit Ju­ra. 1832 be­stand er den­noch sein ers­tes ju­ris­ti­sches Staats­ex­amen und er­füll­te an­schlie­ßend sei­ne ein­jäh­ri­ge mi­li­tä­ri­sche Dienst­pflicht. An­schlie­ßend trat er als Aus­kulta­tor in den ju­ris­ti­schen Vor­be­rei­tungs­dienst am Köl­ner Ge­richts­hof, was ihm aber, wie aus Brie­fen her­vor­geht, nur we­nig Freu­de be­rei­te­te.

Der Tod der Mut­ter 1835 war für Be­cker ein schwe­rer Schlag; er kehr­te Bonn und Um­ge­bung für ge­rau­me Zeit den Rü­cken und zog zu sei­ner Stief­schwes­ter Cä­ci­lie nach Hüns­ho­ven (Stadt Gei­len­kir­chen). Ihr Ehe­mann, der Ge­richts­schrei­ber am Frie­dens­ge­richt in Gei­len­kir­chen war, ver­schaff­te dem Schwa­ger dort ei­ne Stel­le. Das kam dem 25-Jäh­ri­gen, der un­ter ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­men litt, sehr ge­le­gen, denn die Stel­le am Frie­dens­ge­richt bot ge­nug Frei­zeit, in der er sich er­ho­len und durch die von ihm ge­lieb­te Na­tur strei­fen konn­te. In die­ser Zeit ent­stan­den die meis­ten sei­ner Ge­dich­te, in­spi­riert von der Land­schaft des Gei­len­kir­che­ner Wurm­tals.

Am 18.9.1840 er­schien in der „Trie­ri­schen Zei­tung" Ni­ko­laus Be­ckers Ge­dicht „Der freie Rhein":

 

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein,

Ob sie wie gie­ri­ge Ra­ben,

Sich hei­ser da­nach schrein,

So­lang er ru­hig wal­lend

Sein grü­nes Kleid noch trägt,

So­lang ein Ru­der schal­lend

In sei­ne Wo­gen schlägt.

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein,

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein,

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein,

So­lang sich Her­zen la­ben

An sei­ner Feu­er­wein,

So­lang in sei­nem Stro­me

Noch fest die Fel­sen stehn,

So­lang sich ho­he Do­me

In sei­nem Spie­gel sehn.

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein,

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein.

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein,

So­lang noch küh­ne Kna­ben

Um schlan­ke Dir­nen frei'n,

So­lang die Flos­se he­bet

Ein Fisch auf sei­nem Grund,

So­lang ein Lied noch le­bet

In sei­ner Sän­ger Mund.

Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein,

Bis sei­ne Flut be­gra­ben

Des letz­ten Manns Ge­bein!

 

Der Ver­le­ger, Jo­seph Du­Mont (1811-1861), ein na­her Ver­wand­ter sei­ner Mut­ter, hat­te ihn zur Ver­öf­fent­li­chung be­wo­gen. Wirk­li­che Be­ach­tung fand das Ge­dicht al­ler­dings erst, nach­dem es am 8. Ok­to­ber auch in der re­nom­mier­ten „Köl­ni­schen Zei­tung" ab­ge­druckt wur­de. Be­ckers Zei­len ver­brei­te­ten sich rasch; die enor­me Po­pu­la­ri­tät des Ge­dichts, wel­ches un­ter dem Na­men „Rhein­lied" be­kannt wur­de, ist al­ler­dings nur vor dem po­li­ti­schen Hin­ter­grund der Zeit ver­ständ­lich.

Die Zeit, in der Ni­ko­laus Be­cker das Rhein­lied ver­fass­te, fällt in den so­ge­nann­ten Vor­märz, ei­nen Zeit­raum zwi­schen dem En­de des Wie­ner Kon­gres­ses 1815 und den Re­vo­lu­tio­nen der Jah­re 1848/1849, der ge­prägt war von na­tio­na­len Be­stre­bun­gen und den da­mit ver­bun­de­nen op­po­si­tio­nel­len po­li­ti­schen Strö­mun­gen. Auch Frank­reich hat­te zum Zeit­punkt der Ab­fas­sung des Rhein­lie­des in­nen­po­li­ti­sche Pro­ble­me. Die oh­ne­hin in­sta­bi­le po­li­ti­sche La­ge ge­riet mit der so­ge­nann­ten Ori­ent­kri­se (1839-1841) ins Wan­ken. Frank­reich er­litt ei­ne di­plo­ma­ti­sche Nie­der­la­ge im Ori­ent. Zum Aus­gleich da­für und zur Be­ru­hi­gung der in­nen­po­li­ti­schen Si­tua­ti­on, stell­te die fran­zö­si­sche Re­gie­rung mas­si­ve For­de­run­gen nach der Wie­der­er­rich­tung der Rhein­gren­ze als In­ter­es­sens­aus­gleich.

Auf deut­scher Sei­te stie­ßen die­se Plä­ne na­tur­ge­mäß auf we­nig Ge­gen­lie­be, und so brach ei­ne re­gel­rech­te „Schlacht" der deut­schen und fran­zö­si­schen Zei­tun­gen um den Rhein aus. In die­ses „Ge­fecht der Wor­te" fiel die Ver­öf­fent­li­chung von Be­ckers Ge­dicht. Der mehr­mals wie­der­hol­te Vers „Sie sol­len ihn nicht ha­ben, den frei­en deut­schen Rhein" traf den Zeit­geist, und über Nacht wur­de Ni­ko­laus Be­cker zum ge­fei­er­ten Pa­trio­ten. Be­cker, der sich kur­ze Zeit zu­vor auf Grund sei­ner trost­lo­sen fi­nan­zi­el­len La­ge an sei­nen Nef­fen Ed­mund Op­pen­hoff (1807-1854) ge­wandt hat­te, da­mit er ihm ei­ne bes­ser be­zahl­te Stel­le be­sor­ge, wur­de nun mit Eh­run­gen über­häuft. Kö­nig Fried­rich Wil­helm IV. (Re­gent­schaft 1840-1858) mach­te ihm ein Ge­schenk von 1.000 Ta­lern und gab ihm das Ver­spre­chen, ihm ei­ne Stel­le bei Ge­richt zu ver­schaf­fen. Kö­nig Lud­wig I. von Bay­ern (Re­gent­schaft 1825-1848) über­sand­te dem jun­gen Dich­ter mit ei­nem Dank­schrei­ben ei­nen Eh­ren­po­kal. Das Rhein­lied, wel­ches noch im sel­ben Jahr von Ro­bert Schu­mann ver­tont wur­de (wei­te­re Ver­to­nun­gen folg­ten, ins­ge­samt soll­ten es über 200 wer­den), wur­de von der „Köl­ni­schen Zei­tung" als zu­künf­ti­ges Na­tio­nal­lied vor­ge­schla­gen. Ne­ben den Eh­run­gen, die dem Lied und sei­nem Dich­ter zu­teil wur­den, wirk­te es auch in­spi­rie­rend auf an­de­re Schrift­stel­ler: Ernst Mo­ritz Arndt ant­wor­te­te mit dem Ge­dicht „Es klang ein Lied vom Rhein", Max Schne­cken­bur­ger (1819-1849) mit „Die Wacht am Rhein".

Al­ler­dings ern­te­te Be­cker nicht nur Lob für sein frank­reich­feind­li­ches Ge­dicht, son­dern auch schar­fe Kri­tik, wie die von Hein­rich Hei­ne; mit sei­nem Vers­epos „Deutsch­land. Ein Win­ter­mär­chen" von 1844 re­agier­te er un­ter an­de­rem auf das Rhein­lied, und ließ „Va­ter Rhein" per­sön­lich Stel­lung be­zie­hen mit den Wor­ten: „Zu Bi­be­rich hab ich Stei­ne ver­schluckt, wahr­haf­tig sie schmeck­ten nicht le­cker! Doch schwe­rer lie­gen im Ma­gen mir die Ver­se von Ni­k­las Be­cker." Auch in Frank­reich blie­ben Re­ak­tio­nen nicht aus.

1841 er­schien ein Ge­dicht­bänd­chen mit 72 Ge­dich­ten Be­ckers. Mit­te des Jah­res zog es ihn in sei­ne Bon­ner Hei­mat zu­rück. Am 29.7.1841 wur­de er zum Eh­ren­mit­glied des „Mai­kä­fer­bun­des" er­nannt, der kur­ze Zeit zu­vor durch Jo­han­na Kin­kel ins Le­ben ge­ru­fen wor­den war. Auch trat Be­cker im Ju­li 1841 ei­ne neue Stel­le als Ge­richts­schrei­ber beim Frie­dens­ge­richt in Köln an.

So schnell wie sein Ruhm ge­kom­men war, so schnell ver­blass­te er auch wie­der. Kei­nes sei­ner üb­ri­gen Ge­dich­te war auch nur an­nä­hernd so er­folg­reich wie das Rhein­lied. Zwar wur­den ge­le­gent­lich noch Ge­dich­te Be­ckers in der „Köl­ni­schen Zei­tung" ver­öf­fent­licht, doch fan­den sie nur noch we­nig Be­ach­tung. Auch Be­ckers Ge­sund­heit ver­schlech­ter­te sich zu­neh­mend. An­fang Ju­li 1845 zog er wie­der nach Hüns­ho­ven zu sei­ner Stief­schwes­ter, wo er nach knapp ei­nem Mo­nat, in der Nacht zum 28.8.1845, im Al­ter von 35 Jah­ren ver­starb.

Ni­ko­laus Be­cker ist weit­ge­hend in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten, auch wenn an der ka­tho­li­schen Pfarr­kir­che in Gei­len­kir­chen ei­ne Ge­denk­ta­fel an ihn er­in­nert und in meh­re­ren Städ­ten (Bonn, Gei­len­kir­chen, Mainz, Übach-Pa­len­berg) Stra­ßen nach ihm be­nannt sind.

Werke (Auswahl)

Der deut­sche Rhein, 1840.

Ge­dich­te, 1841.

Literatur

Cepl-Kauf­mann, Ger­tru­de/Jo­han­ning, Ant­je, My­thos R­hein. Zur Kul­tur­ge­schich­te ei­nes Stro­mes, Darm­stadt 2003. Nie­sen, Jo­sef, Bon­ner Per­so­nen­le­xi­kon, 3. Auf­la­ge, Bonn 2011, S. 38. Wae­les, Louis, Ni­ko­laus Be­cker, „Der Dich­ter des Rhein­lie­des", Bonn 1896.

Online

Mo­te­kat, Hel­mut, „Be­cker, Ni­ko­laus", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 1 (1953), S. 720-721. [On­line]

Gedenktafel für Nikolaus Becker an der katholischen Pfarrkirche St. Johann Baptist in Geilenkirchen-Hünshoven. (Norbert Schnitzler)

 
Zitationshinweis

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Becker, Lydia, Nikolaus Becker, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/nikolaus-becker-/DE-2086/lido/57c577157dc4b1.94865755 (10.12.2018)