Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer

Ansgar S. Klein (Bonn)

Blüchers Rheinübergang bei Kaub, Gemälde von Wilhelm Camphausen (1818-1885), 1860. (Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie)

1. „Teutschlands Strom…“ – Kampf um die Rheingrenze

Der Rhein als na­tür­li­che Gren­ze des ei­ge­nen Staa­tes, das ist ei­ne fran­zö­si­sche Idee, de­ren Ur­sprün­ge zu­rück in das 15. Jahr­hun­dert rei­chen. Nach dem En­de des Hun­dert­jäh­ri­gen Krie­ges hat­te das fran­zö­si­sche Kö­nig­reich zwar die Eng­län­der er­folg­reich vom Kon­ti­nent ver­trie­ben, es blieb aber die un­an­ge­neh­me Be­dro­hung be­ste­hen, durch das Haus Habs­burg zwi­schen dem spa­ni­schen Reich und dem deut­schen Reich im Zan­gen­griff ge­hal­ten zu wer­den.

 

Das Zeit­al­ter der Re­nais­sance brach­te nicht nur die Wie­der­ent­de­ckung der An­ti­ke und der an­ti­ken Schrif­ten wie et­wa „De bel­lo gal­li­co“ von Ju­li­us Cae­sar (110-44 v. Chr.); es kam auch zur Iden­ti­fi­ka­ti­on und Gleich­set­zung Frank­reichs mit dem al­ten Gal­li­en. Der Loth­rin­ger Jean le Bon ver­öf­fent­lich­te 1568 ein Pam­phlet mit dem Ti­tel „Le Rhin au Roy“, das sich mit „Der Rhein ge­hört dem Kö­ni­g“ über­set­zen lässt. In die­sem Werk for­der­te er da­her ganz deut­lich, das fran­zö­si­sche Herr­schafts­ge­biet bis zum Rhein aus­zu­deh­nen, um das gan­ze al­te Gal­li­en wie­der er­ste­hen zu las­sen: „Wenn Pa­ris den Rhein trinkt, hat ganz Gal­li­en sein En­de wie­der“.

Die­se For­de­rung spiel­te fort­an im Ver­hält­nis Frank­reichs zu der Viel­zahl von öst­li­chen Nach­barn ei­ne kei­nes­wegs un­be­deu­ten­de Rol­le. Im 17. Jahr­hun­dert ge­hör­te die fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung der rhei­ni­schen Kur­fürs­ten von Köln, Mainz und Trier zum be­lieb­ten In­stru­ment fran­zö­si­scher Po­li­tik, um das in­ne­re Mäch­te­gleich­ge­wicht des Deut­schen Rei­ches zu be­ein­flus­sen und die Habs­bur­ger nicht all­zu sehr er­star­ken zu las­sen. Frank­reich konn­te mit dem Zu­ge­winn des El­sass die Gren­zen bis an den Ober­rhein vor­schie­ben und so­gar ei­nen kurz­le­bi­gen Rhein­bund ins Le­ben ru­fen. Die fran­zö­si­sche Ex­pan­si­ons- und An­ne­xi­ons­po­li­tik wur­de ganz selbst­ver­ständ­lich als „Re­uni­on“, al­so als „Wie­der­ver­ei­ni­gun­g“ mit Frank­reich, be­zeich­net.

Am An­fang des 17. Jahr­hun­derts war auch erst­mals der Staat zu ter­ri­to­ria­len Be­sit­zun­gen am Rhein ge­kom­men, der spä­ter – no­lens vo­lens – zum gro­ßen Ge­gen­spie­ler Frank­reichs und zur Schutz­macht des Rhein­lan­des wer­den soll­te: das Kur­fürs­ten­tum Bran­den­burg-Preu­ßen. Kur­fürst Jo­hann Si­gis­mund (1572-1619) konn­te im Jü­lisch-Kle­vi­schen-Erb­fol­ge­streit nach dem Tod des kin­der­los ge­blie­be­nen Her­zogs Jo­hann Wil­helm von Jü­lich-Kle­ve-Mark (1562-1609) sei­ne An­sprü­che be­haup­ten und hat­te 1614 im Ver­trag von Xan­ten aus der Erb­mas­se das Her­zog­tum Kle­ve so­wie die Graf­schaf­ten Mark und Ra­vens­burg er­hal­ten. Die gro­ße Be­deu­tung, wel­che die preu­ßi­schen West­pro­vin­zen im 17. Jahr­hun­dert bei der Aus­wei­tung des Staa­tes ge­habt hat­ten, ver­lo­ren sie im 18. Jahr­hun­dert wie­der. Das Haupt­au­gen­merk der preu­ßi­schen Po­li­tik lag wie­der im Os­ten. Kö­nig Fried­rich II. (Re­gie­rungs­zeit 1740-1786) streb­te hier nach Zu­ge­winn und ent­riss Ös­ter­reich in drei Krie­gen ab 1740 Schle­si­en.

In den ers­ten bei­den Krie­gen wa­ren Preu­ßen und Frank­reich noch Ver­bün­de­te ge­gen Ös­ter­reich ge­we­sen. Bei­de hat­te das Be­mü­hen, die Vor­herr­schaft der Habs­bur­ger im Deut­schen Reich zu schwä­chen, ge­eint. Doch der bri­tisch-fran­zö­si­sche Ge­gen­satz in den Ko­lo­ni­en be­wirk­te ab 1754 in Eu­ro­pa ei­ne „Um­keh­rung der Al­li­an­zen“ (Jean-Charles-Léo­nard Si­mon­de de Sis­mon­di - 1773-1842 - be­zie­hungs­wei­se Ri­chard Wad­ding­ton, 1838-1913). Das mit Russ­land in Ab­spra­chen ver­bun­de­ne Groß­bri­tan­ni­en ver­bün­de­te sich mit Preu­ßen, um sein Kur­fürs­ten­tum Han­no­ver zu schüt­zen. Preu­ßen durch­brach da­mit die von Ös­ter­reich zur Rück­ge­win­nung Schle­si­ens an­ge­streb­te au­ßen­po­li­ti­sche Iso­lie­rung. Frank­reich nä­her­te sich Ös­ter­reich an, um den fran­zö­sisch-habs­bur­gi­schen Ge­gen­satz zu ent­schär­fen und ei­nen Zwei­fron­ten­krieg zu ver­mei­den.

Im Sie­ben­jäh­ri­gen Krieg (1756-1763) kämpf­te Frank­reich da­her erst­mals als Ver­bün­de­ter zu­sam­men mit Ös­ter­reich. Als Fol­ge die­ser neu­en Al­li­anz griff es nach den preu­ßi­schen Pro­vin­zen am Rhein und be­setz­te sie wäh­rend des ge­sam­ten Krie­ges. Preu­ßen hat­te we­der die Macht noch den Wil­len, ei­ne Rück­erobe­rung zu ver­su­chen. Der preu­ßi­sche Kö­nig Fried­rich II. zeig­te so­gar Ver­ständ­nis für die fran­zö­si­sche For­de­rung nach der Rhein­gren­ze, den preu­ßi­schen Ge­bie­ten am Rhein maß er kei­ne gro­ße Be­deu­tung bei.

Als die fran­zö­si­sche Mon­ar­chie un­ter­ging, bra­chen die Prot­ago­nis­ten der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on von 1789 zwar mit vie­len Tra­di­tio­nen, aber bei­lei­be nicht mit al­len. Die au­ßen­po­li­ti­schen In­ter­es­sen Frank­reichs wie­sen ei­ne er­staun­li­che Kon­ti­nui­tät auf: die füh­ren­den Per­sön­lich­kei­ten über­nah­men die al­te For­de­rung nach der Rhein­gren­ze. In der Na­tio­nal­ver­samm­lung leg­ten sich die Ab­ge­ord­ne­ten im De­zem­ber 1791 auf die Gren­zen Frank­reichs fest: „Vom Rhein bis zu den Py­re­nä­en, von den Al­pen bis zum Oze­an“. Da­mit ver­fes­tig­te sich die Rhein­gren­ze als Be­stim­mung und Schick­sal Frank­reichs. Jetzt war es nicht mehr die Idee ei­nes Mon­ar­chen, son­dern des Vol­kes. 1794 be­setz­ten die Re­vo­lu­ti­ons­trup­pen das links­rhei­ni­sche Ge­biet und er­rich­te­ten zu­nächst ei­ne pro­vi­so­ri­sche Ver­wal­tung, die we­ni­ge Jah­re spä­ter in die fran­zö­si­sche Staats­ver­wal­tung über­ging. Die Um­ge­stal­tung der Ver­wal­tung des neu ge­won­nen Ge­bie­tes ging ein­her mit der wirt­schaft­li­chen Um­ver­tei­lung des Be­sit­zes der durch die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on seit 1802 ent­eig­ne­ten Stif­te, Klös­ter und Kon­ven­te.

Er­mög­licht wor­den war dies durch den zu­nächst heim­li­chen Ver­zicht auf die links­rhei­ni­schen Ge­bie­te des Deut­schen Rei­ches durch Preu­ßen im Frie­den von Ba­sel 1795 und Ös­ter­reich im Frie­den von Cam­po For­mio 1797. Schlie­ß­lich folg­te die öf­fent­li­che Ab­tre­tung an Frank­reich im Frie­den von Lun­é­vil­le 1801. Tat­säch­lich lag von 1794 bis 1814 die Gren­ze des fran­zö­si­schen Staats­ge­bie­tes am Rhein.

Dar­über hin­aus form­te der fran­zö­si­sche Kai­ser Na­po­le­on Bo­na­par­te (1769-1821) mit dem 1806 ins Le­ben ge­ru­fe­nen „Rhein­bun­d“ ei­nen Gür­tel von deut­schen Sa­tel­li­ten­staa­ten, die nicht nur als fran­zö­si­sches Vor­feld dien­ten, son­dern auch noch Sol­da­ten für sei­ne zahl­rei­chen Feld­zü­ge stell­ten. Zu­dem wa­ren ei­ni­ge eng mit der Fa­mi­lie Na­po­le­ons ver­bun­den: Gro­ßher­zog des neu ge­schaf­fe­nen Gro­ßher­zog­tums Berg war zu­nächst bis 1808 Na­po­le­ons Schwa­ger Joa­chim Mu­rat (1767-1815), dann Na­po­le­ons vier­jäh­ri­ger Nef­fe Na­po­le­on Louis Bo­na­par­te (1803-1831). Für die­sen über­nahm Na­po­le­on selbst die Re­gent­schaft.

In das eben­falls neu er­rich­te­te Kö­nig­reich West­fa­len setz­te Na­po­le­on als Kö­nig sei­nen jüngs­ten Bru­der Jé­rô­me Bo­na­par­te (1784-1860) ein. Bei­de Staa­ten er­hiel­ten ei­ne mo­der­ne Ver­wal­tung und ver­staat­lich­ten die geist­li­chen Be­sitz­tü­mer. Auch Ba­den, Würt­tem­berg und Bay­ern konn­ten sich den Re­form­ide­en nicht ent­zie­hen. Sie er­neu­er­ten eben­falls ih­re Ver­wal­tun­gen und führ­ten die Sä­ku­la­ri­sa­ti­on durch.

Nonnenwerth, Rolandseck und Drachenfels, Gemälde von Arnold Forstmann (1842-1914 oder später), um 1870, Original im Stadtmuseum Bonn.

 

Die fran­zö­si­sche Be­set­zung des Rhein­lan­des und die Vor­herr­schaft der Fran­zo­sen in Eu­ro­pa tra­fen trotz al­ler Mo­der­ni­sie­rung auf zu­neh­men­de Ab­leh­nung. Sie grün­de­te vor al­lem auf den wirt­schaft­li­chen Fes­seln der Zoll­gren­ze am Rhein und der Kon­ti­nen­tal­sper­re so­wie den ste­ti­gen Ein­be­ru­fun­gen von Sol­da­ten. Ideo­lo­gisch wur­de sie auf­ge­la­den durch ei­nen neu er­wach­ten na­tio­na­len Selbst­be­haup­tungs­wil­len. Das 1806 un­ter­ge­gan­ge­ne Deut­sche Reich be­zie­hungs­wei­se des­sen mit­tel­al­ter­li­che Blü­te wur­de ro­man­ti­sie­rend als „gu­te al­te Zeit“ ver­klärt und mit Sehn­süch­ten nach neu­er na­tio­na­ler Grö­ße ver­knüpft.

Die an­ti-na­po­leo­ni­sche Hal­tung zeig­te sich zu­erst bei den In­tel­lek­tu­el­len. Hein­rich von Kleist (1777-1811), der 1793 am Feld­zug ge­gen Frank­reich teil­ge­nom­men hat­te, wand­te sich trotz an­fäng­li­cher Be­geis­te­rung für die Ide­en der fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on nach der Be­set­zung Preu­ßens ge­gen die na­po­leo­ni­sche Herr­schaft. Zwi­schen 1806 und 1808 schrieb er das Stück „Die Her­manns­schlach­t“, wel­ches den Kampf zwi­schen dem Ger­ma­nen Ar­mi­ni­us (Deut­sche) und dem In­va­so­ren Va­rus (Fran­zo­sen) be­han­delt. In sei­ner 1809 ent­stan­de­nen Ode „Ger­ma­nia an ih­re Kin­der“ hei­ßt es auf­rüt­telnd:

_Die des Mai­nes Re­gio­nen,

Die der El­be heit­re Aun,

Die der Do­nau Strand be­woh­nen,

Die das Oder­tal be­baun,

An des Rhei­nes Lau­ben sit­zen,

Von dem duft­gen Mit­tel­meer,

Von dem Rie­sen­ber­ge Spit­zen,

Von der Ost und Nord­see her!

[Chor]

Hor­chet! – Durch die Nacht, ihr Brü­der,

welch ein Don­ner­ruf her­nie­der?

Stehst Du auf, Ger­ma­nia?

Ist der Tag der Ra­che da?_

Wer nicht nur auf den Tag der Ra­che war­ten woll­te, en­ga­gier­te sich ge­gen Na­po­le­on. Al­ler­dings konn­te das Auf­be­geh­ren zur Flucht ins Exil füh­ren. Ernst Mo­ritz Arndt, ge­bo­ren in Groß-Scho­ritz (heu­te Orts­teil von Garz) auf der In­sel Rü­gen, die da­mals noch zu Schwe­den ge­hör­te, war seit 1801 Pri­vat­do­zent und 1806 Pro­fes­sor an der Uni­ver­si­tät Greifs­wald ge­we­sen. Auf Grund ei­ner an­ti-na­po­leo­ni­schen Flug­schrift muss­te er nach der Schlacht von Je­na und Au­er­stedt 1806 nach Schwe­den flüch­ten. 1809 kehr­te er nach Deutsch­land zu­rück und ging 1812 auf Ein­la­dung des Hein­rich Fried­rich Karl Reichs­frei­herrn vom und zum Stein (1757-1831) als des­sen Pri­vat­se­kre­tär nach Russ­land. Wäh­rend die bei­den auf po­li­ti­scher Ebe­ne die An­nä­he­rung von Russ­land und Eng­land be­för­der­ten, un­ter­stütz­ten sie gleich­zei­tig den Auf­bau der Rus­sisch-Deut­schen Le­gi­on. Arndt flan­kier­te die Be­mü­hun­gen mit po­li­ti­schen Kampf­schrif­ten in Form von pa­trio­ti­schen Flug­schrif­ten, Ge­dich­ten und Lie­dern.

Der Russ­land­feld­zug Na­po­le­ons 1812 en­de­te mit dem Rück­zug der fran­zö­si­schen Ar­mee und der Hilfs­trup­pen der mit Frank­reich ver­bün­de­ten Staa­ten. Das mi­li­tä­risch von Na­po­le­on ge­de­mü­tig­te und aus sei­nen west­li­chen Ge­bie­ten ver­trie­be­ne Preu­ßen hat­te eben­falls ein Trup­pen­kon­tin­gent ge­stellt. Am 30.12.1812 han­del­te der preu­ßi­sche Ge­ne­ral Jo­hann Da­vid von Yorck (1759-1830) ei­gen­mäch­tig ei­nen Waf­fen­still­stand mit den rus­si­schen Trup­pen aus. In die­ser Kon­ven­ti­on von Tau­rog­gen er­klär­ten sich die preu­ßi­schen Trup­pen für neu­tral. Drei Mo­na­te, im März 1813, mar­kier­te die Kriegs­er­klä­rung des preu­ßi­schen Kö­nigs an Frank­reich end­gül­tig den Über­gang vom Ver­bün­de­ten zum Geg­ner und er­öff­ne­te die so ge­nann­ten „Be­frei­ungs­krie­ge“. Der Ko­ali­ti­on aus Russ­land und Preu­ßen schloss sich Ös­ter­reich an. Hö­he­punkt des Krie­ges war die „Völ­ker­schlach­t“ bei Leip­zig im Ok­to­ber 1813, in der die Al­li­ier­ten Na­po­le­on be­sieg­ten. Die Res­te der ge­schla­ge­nen fran­zö­si­schen Ar­mee zo­gen sich hin­ter den Rhein und da­mit nach Frank­reich zu­rück. Der von Na­po­le­on 1806 ge­schaf­fe­ne Rhein­bund zer­fiel. Die nach­rü­cken­den Al­li­ier­ten er­reich­ten An­fang No­vem­ber den Rhein. Sie be­setz­ten die nörd­li­chen Rhein­bund­staa­ten West­fa­len, Berg und Frank­furt und rich­te­ten dort Über­gangs­ver­wal­tun­gen ein. Die süd­deut­schen Mon­ar­chi­en wie die in Bay­ern, Ba­den und Würt­tem­berg blie­ben von solch ei­ner Auf­lö­sung ver­schont.

Heinrich von Kleist, Gemälde von Peter Friedel, 1801, Zeichnung, Dresden, Original. (Sammlung Otto Krug)

 

Be­reits im Ja­nu­ar 1813 hat­te Arndt mit sei­ner Flug­schrift „Was be­deu­tet Land­sturm und Land­wehr“ die Volks­be­waff­nung emp­foh­len. Nach dem Vor­bild des Land­stur­me­dikts des preu­ßi­schen Kö­nigs vom 21.4.1813 rief im Gro­ßher­zog­tum Berg der In­te­rims­ver­wal­ter Jus­tus Gru­ner (1777-1820) am 13./25. De­zem­ber eben­falls zur Bil­dung ei­nes Land­sturms auf. Er ver­wies da­bei aus­drück­lich auf die Män­ner des Sie­ben­ge­bir­ges. Tat­säch­lich hat­te sich dort vor der of­fi­zi­el­len Auf­stel­lung ei­ne Bür­ger­wehr zu­sam­men­ge­fun­den, die sich nun der „frei­wil­li­ge Land­sturm vom Sie­ben­ge­bir­ge“ nann­te. Die Rhein­län­der ver­sa­hen nun den Vor­pos­ten­dienst an der Rhein­gren­ze.

Wie sehr die­se Rhein­gren­ze be­reits ak­zep­tiert wor­den war, zeigt das Zö­gern der Al­li­ier­ten den Rhein zu über­que­ren. In die­ser Si­tua­ti­on stell­te sie ih­nen die Fra­ge, ob mit der Be­frei­ung Deutsch­lands in den Gren­zen von 1813 ih­re Kriegs­zie­le er­reicht wor­den wa­ren oder nicht. Der ös­ter­rei­chi­sche Au­ßen­mi­nis­ter Cle­mens Wen­zel Lo­thar von Met­ter­nich plä­dier­te im Sin­ne des Gleich­ge­wichts der Kräf­te für den Er­halt Frank­reichs als Gro­ß­macht, um ei­ne Vor­herr­schaft des er­stark­ten Russ­lands zu ver­hin­dern. Mit­te No­vem­ber 1813 bo­ten die Al­li­ier­ten des­halb dem ge­schla­ge­nen Na­po­le­on als Ver­hand­lungs­ba­sis für ei­nen Frie­den an, Frank­reich in sei­nen na­tür­li­chen Gren­zen zu er­hal­ten.

Pu­bli­zis­tisch schal­te­te sich nun Arndt mit ei­ner wei­te­ren Pu­bli­ka­ti­on in die­se De­bat­te ein. Noch 1813 er­schien sei­ne Flug­schrift „Der Rhein, Teutsch­lands Strom, aber nicht Teutsch­lands Grän­ze“. In ihr skiz­zier­te Arndt die Tra­di­ti­on der fran­zö­si­schen Rhein­po­li­tik von ih­ren An­fän­gen bis zu den „Un­ge­heu­er[n] an der Sei­ne vom Jah­re 1790 bis 1800“. Die Na­tur­gren­ze ei­nes Vol­kes ar­gu­men­tier­te Arndt, sei nicht ei­ne na­tür­li­che Ge­ge­ben­heit wie ein Fluss, son­dern viel­mehr der Sprach­raum: „was sind die Na­tur­grän­zen ei­nes Vol­kes? Ich sa­ge: die ein­zi­ge gül­tigs­te Na­tur­grän­ze macht die Spra­che.“ So wie die Spra­che ei­ne Be­son­der­heit sei, so ha­be auch das Volk, die Na­ti­on, die sie spricht, ih­re Be­son­der­hei­ten in der Rechts­auf­fas­sung und in der Po­li­tik. Arndt ver­knüpf­te Deutsch­lands Schick­sal mit dem Rhein, denn: „oh­ne den Rhein kann die teut­sche Frei­heit nicht be­ste­hen.“ Auch das Gleich­ge­wicht der Kräf­te in Eu­ro­pa be­müh­te Arndt, da „Teutsch­lands Selb­stän­dig­keit und Eu­ro­pens Si­cher­heit nicht be­ste­hen kann, wenn die Fran­zo­sen den Rhein und die jen­seits des Rheins lie­gen­den teut­schen Lan­de be­hal­ten.“ Nur ein deut­scher Rhein kön­ne Eu­ro­pa vor der fran­zö­si­schen Vor­herr­schaft be­wah­ren: „Wenn Frank­reich den Rhein­strom mit sei­nen Lan­den be­hält, so be­hält es nicht nur sein al­les Gleich­ge­wicht auf­he­ben­des Über­ge­wicht über Teutsch­land, son­dern auch über das üb­ri­ge Eu­ro­pa.“

Wei­te­re Pu­bli­ka­tio­nen for­der­ten eben­so, dass der Rhein nicht die Gren­ze Deutsch­lands sei. Ei­ne an­ony­me Druck­schrift mit dem Ti­tel „Deutsch­land im rhei­ni­schen Bun­de und nach sei­ner Wie­der­ge­burt; oder: der Frie­de oh­ne Rhein­gren­ze“ von 1813 for­mu­lier­te emo­tio­nal: „Der Rhein sey ein deut­scher Strom, und tren­ne für­der nicht Brü­der von Brü­dern!“

Da­mit stütz­ten Arndt und die an­de­ren Pu­bli­zis­ten das Drän­gen des Frei­herrn vom Stein und der preu­ßi­schen Mi­li­tärs. Sie be­für­wor­te­ten die Fort­set­zung des Krie­ges und das Ein­drin­gen nach Frank­reich, um Na­po­le­ons Macht­ba­sis zu zer­schla­gen. Da Na­po­le­on das An­ge­bot der Al­li­ier­ten igno­rier­te und neue Trup­pen aus­hob, ent­schlos­sen sich die Al­li­ier­ten, die Kampf­hand­lun­gen wie­der auf­zu­neh­men. Den Krieg von 1814 lei­te­te der preu­ßi­sche Ge­ne­ral­feld­mar­schall Ger­hard Le­be­recht von Blü­cher (1742-1819) mit dem Rhein­über­gang bei Kaub in der Neu­jahrs­nacht ein.

Die­ses Er­eig­nis be­grü­ß­ten und be­ju­bel­ten die Zeit­ge­nos­sen. In­spi­riert von Blü­chers Rhein­über­gang er­schien 1814 das Ge­dicht „Lied vom Rhein“ von Max von Schen­ken­dorf (1783-1817), der als Frei­wil­li­ger an den Be­frei­ungs­krie­gen und an der „Völ­ker­schlach­t“ bei Leip­zig teil­ge­nom­men hat­te. Hier­in wur­de der Rhein als „hei­li­g“ über­höht und sei­ne Frei­heit be­schwo­ren, Mo­ti­ve, die fort­an im­mer wie­der­keh­ren soll­ten.

Max von Schen­ken­dorf, Lied vom Rhein (1814)

...

_Das ist der heil'ge Rhein

Ein Herr­scher, reich be­gabt

Deß Na­me schon wie Wein,

Die treue See­le labt.

Es re­gen sich in al­len Her­zen

Viel Va­ter­länd'sche Lust und Schmer­zen,

Wenn man das deut­sche Lied be­ginnt

Vom Rhein, dem ho­hen Fel­sen­kind._

...

_Wir huld'gen un­serm Herrn,

Wir trin­ken sei­nen Wein.

Die Frei­heit sey der Stern!

Die Lo­sung sey der Rhein!

Wir wol­len ihm auf‘s neue schwö­ren,

Wir müs­sen ihm, er uns ge­hö­ren!

Vom Fel­sen kommt er frei und hehr,

Er flie­ße frei in_ Got­tes Meer!

(2. und 9. Stro­phe)

Das Über­schrei­ten des Rheins be­deu­te­te das Ein­drin­gen nach Frank­reich. Das Hin­ein­tra­gen des Krie­ges nach Frank­reich wur­de mit Ge­nug­tu­ung auf­ge­nom­men und spä­ter als Blü­chers Ver­dienst an­ge­se­hen. Der Rhein­über­gang leg­te den Grund­stein des spä­te­ren Blü­cher-My­thos als „Mar­schall Vor­wärts“. Au­gust Ko­pisch (1799-1853), der Dich­ter der „Hein­zel­männ­chen zu Köln“, mal­te den Mo­ment in dem 1836 er­schie­ne­nen Ge­dicht „Blü­cher am Rhein“ aus:

Au­gust Ko­pisch, Blü­cher am Rhein (1836)

Blüchers Rheinübergang bei Kaub, Gemälde von Wilhelm Camphausen (1818-1885), 1860. (Staatliche Museen zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, Nationalgalerie)

 

_Die Hee­re blie­ben am Rhei­ne ste­hen:

Soll man hin­ein nach Frank­reich gehn?

Man dach­te hin und wie­der nach,

Al­lein der al­te Blü­cher sprach:

„Ge­ne­ral­kar­te her!

Nach Frank­reich gehn ist nicht so schwer.

Wo steht der Feind?“ – „Der Feind? – da­hier!“

„Den Fin­ger drauf, den schla­gen wir!

Wo liegt Pa­ris?“ – „Pa­ris? – da­hier!“

„Den Fin­ger drauf, den schla­gen wir!

Nun schlag die Brü­cken übern Rhein!

Ich den­ke, der Cham­pa­gner­wein

Wird, wo er wächst, am bes­ten sein!“_

Rhein­über­gän­ge der al­li­ier­ten Trup­pen fan­den al­ler­dings auch bei Mann­heim und Ko­blenz statt. Ei­ner der Or­ga­ni­sa­to­ren des Land­sturms im Rhein­land war der preu­ßi­sche Ma­jor der Gar­de-Jä­ger Fer­di­nand Wil­helm Franz Bols­tern von Bol­tens­tern (1786-1814). Der Land­sturm war nur zur Ver­tei­di­gung der Hei­mat und nicht für Of­fen­siv­ak­tio­nen vor­ge­se­hen, wie Bol­tens­tern sie im Sinn hat­te. An­fang Ja­nu­ar 1814 ver­such­te er im An­schluss an den Rhein­über­gang Blü­chers bei Kaub, ei­nen An­griff bei Mül­heim über den Rhein auf Köln aus­zu­füh­ren. Die un­er­war­te­te hef­ti­ge fran­zö­si­sche Ge­gen­wehr trieb sei­nen Trupp aus preu­ßi­schen Jä­gern, Rus­sen und frisch re­kru­tier­ten ber­gi­schen Trup­pen zu­rück in den Rhein. Bol­tens­tern starb – ver­mut­lich töd­lich ver­wun­det – beim Rück­zug im Rhein. Sein Leich­nam wur­de nie ge­fun­den.

Zur glei­chen Zeit – mög­li­cher­wei­se als Ab­len­kungs­ma­nö­ver ge­dacht – kam es von der In­sel Non­nen­werth aus zu ei­nem Schuss­wech­sel mit fran­zö­si­schen Trup­pen auf der an­de­ren Rhein­sei­te. Da­bei wur­de der Kö­nigs­win­te­rer Stein­hau­er­meis­ter Jo­hann Jo­seph Gen­ger (1774-1814) töd­lich ver­wun­det, so dass er ei­ni­ge Ta­ge spä­ter starb. Da­mit hat­te der Land­sturm im Rhein­land – wenn Bol­tens­tern als Or­ga­ni­sa­tor da­zu ge­zählt wird – zwei Op­fer zu be­kla­gen.

Schon 1814 er­hiel­ten Bol­tens­tern und Gen­ger ein Denk­mal, ge­stif­tet vom Land­sturm. Am Jah­res­tag der Völ­ker­schlacht bei Leip­zig, am 18.10.1814, war die fei­er­li­che Ein­wei­hung des von dem Bau­di­rek­tor des Gro­ßher­zog­tums Berg Adolph von Va­ge­des (1777-1842) ge­stal­te­ten Obe­lis­ken. Im gan­zen Rhein­land fan­den an die­sem Tag Fei­ern statt, die der Be­frei­ung des Rhein­lan­des ge­wid­met wa­ren. Die Idee zu die­sen Fei­ern an die­sem Tag stamm­te von Arndt, der da­mit ein Zei­chen set­zen woll­te: „Hier aber um den hei­li­gen Rhein von den Ber­gen über Düs­sel­dorf bis zu den Ber­gen über Ba­sel und dann auf den Huns­rück und Don­ners­berg sol­len sie un­se­ren ur­al­ten Nei­dern und Wi­der­sa­chern ent­ge­gen­flam­men und mel­den, wel­ches Fest in Teutsch­land be­gan­gen wird.“

Die sieg­rei­chen Al­li­ier­ten be­stimm­ten auf dem Wie­ner Kon­gress 1815 über die ter­ri­to­ria­le Zu­kunft Eu­ro­pas. Den wich­tigs­ten und grö­ß­ten ter­ri­to­ria­len Zu­ge­winn am Rhein er­hielt das an­fangs zö­ger­li­che Kö­nig­reich Preu­ßen: das Rhein­land von der nie­der­län­di­schen Gren­ze bis zur Na­he. Aus die­sem Ge­biet ent­stand als­bald die preu­ßi­sche Rhein­pro­vinz, in der wei­ter­hin der na­po­leo­ni­sche Code Ci­vil als „Rhei­ni­sches Rech­t“ Gel­tung hat­te. Die 1818 vom preu­ßi­schen Kö­nig ge­grün­de­te Bon­ner Uni­ver­si­tät hat­te ei­gens ei­nen Lehr­stuhl da­für ein­ge­rich­tet. Ei­ne Pro­fes­sur er­hielt auch Ernst Mo­ritz Arndt.

Der nicht weit von Bonn ent­fern­te Dra­chen­fels avan­cier­te im 19. Jahr­hun­dert als Ku­lis­se für pa­trio­ti­sche Be­kennt­nis­fei­ern. Die Tur­ner­be­we­gung lud 1818 zur Jah­res­fei­er der Völ­ker­schlacht auf den Berg ein, doch be­reits ein Jahr spä­ter wa­ren sol­che na­tio­nal den­ken­den Grup­pie­run­gen un­ter auf­merk­sa­mer Be­ob­ach­tung und die Bur­schen­schaf­ten ver­bo­ten wor­den. Die Bon­ner Stu­den­ten zo­gen 1819 auf den Bon­ner Kreuz­berg. Hein­rich Hei­ne, der im Win­ter­se­mes­ter 1819/1820 an der ge­ra­de er­öff­ne­ten Bon­ner Uni­ver­si­tät Rechts- und Ka­me­ral­wis­sen­schaf­ten stu­dier­te, nahm dar­an teil, ver­leg­te in sei­nem Ge­dicht aber die Kund­ge­bung auf den Dra­chen­fels, um ei­ne hö­he­re Wir­kung zu er­zie­len. Gleich­wohl hielt er die für ihn ty­pi­sche iro­ni­sche Dis­tanz zum Ge­sche­hen.

Hein­rich Hei­ne, Die Nacht auf dem Dra­chen­fels (Mai 1820)

August Kopisch, Porträt, 1887.

 

_Um Mit­ter­nacht war schon die Burg er­stie­gen,

Der Holz­stoß flamm­te auf am Fuß der Mau­ern,

Und wie die Bur­schen lus­tig nie­der­kau­ern,

Er­scholl das Lied von Deutsch­lands heil­gen Sie­gen._

Wir tran­ken Deutsch­lands Wohl aus Rhein­wein­krü­gen,

Wir sahn den Burg­geist auf dem Tur­me lau­ern,

Viel dunk­le Rit­ter­schat­ten uns um­schau­ern,

Viel Ne­bel­fraun bei uns vor­über­flie­gen.

Und aus den Trüm­mern steigt ein tie­fes Äch­zen,

Es klirrt und ras­selt, und die Eu­len kräch­zen;

Da­zwi­schen heult des Nord­sturms Wut­ge­brau­se.

Sieh nun, mein Freund, so ei­ne Nacht durch­wacht ich

Auf ho­hem Dra­chen­fels, doch lei­der bracht ich

Den Schnup­fen und den Hus­ten mit nach Hau­se.

Das Land­sturm-Denk­mal auf dem Dra­chen­fels ver­fiel in den fol­gen­den Jah­ren, so dass 1857 ein neu­es durch den Dom­bau­meis­ter Ernst Fried­rich Zwir­ner in Form ei­ner neu­go­ti­schen Fia­le ge­schaf­fen wur­de, auf dem die Na­men der bei­den To­ten nicht mehr er­schie­nen. 1876 muss­te auch die­ses Denk­mal er­setzt wer­den. Auf Drän­gen der Fa­mi­lie Bol­ten­sterns wur­de 1914 an an­de­rer Stel­le auf dem Dra­chen­fels ein Obe­lisk er­rich­tet, der die Na­men Bol­tens­tern und Gen­ger wie­der auf­wies.

Heinrich Heine, Porträt, Foto eines im Original farbigen Ölgemäldes von Colla, um 1825.

 

2. „Sie sollen ihn nicht haben …“ – Die Rheinkrise 1840

Nach dem En­de der na­po­leo­ni­schen Krie­ge reis­ten vie­le wohl­ha­ben­de Bri­ten auf ih­rer „Gro­ßen Tour“ tra­di­tio­nell von Eng­land nach Ita­li­en und nah­men den Weg den Rhein hin­auf. Die von ih­nen als na­tür­lich und schön emp­fun­de­ne Rhein­land­schaft lös­te Be­geis­te­rung bei den Rei­sen­den aus. Be­rich­te, Brie­fe und vor al­lem Ge­or­ge Gor­don By­rons (1788-1824) Ge­dicht über „The cast­led crag of Dra­chen­fel­s“ sorg­ten zu­nächst für ei­nen ste­tig an­schwel­len­den Strom bri­ti­scher Tou­ris­ten, de­nen bald auch die deut­schen Rei­sen­den folg­ten. Die auf­blü­hen­de Rhein­ro­man­tik ver­wan­del­te den Fluss end­gül­tig in ein – er­reich­ba­res – Ziel der Sehn­sucht. Ma­ler, Dich­ter und Mu­si­ker ver­brei­te­ten ein ver­klär­tes Bild des Rhein­lan­des, Buch­ver­le­ger wie Karl Ba­ede­ker mit sei­nen Rei­se­füh­rern und die auf­kom­men­de Dampf­schiff­fahrt tru­gen ih­ren Teil da­zu bei, sehr vie­le Men­schen an den Rhein zu be­för­dern. Sie ge­nos­sen den Aus­flug, den Rhein­wein und die – zu­min­dest zeit­wei­se – Be­frei­ung von den Zwän­gen der Ge­sell­schaft.

Auch das preu­ßi­sche Kö­nigs­haus war „vom Zau­ber des Rheins er­grif­fen“. Die Bur­gen­fans un­ter den Ho­hen­zol­lern er­war­ben Burg­rui­nen wie die von Ro­lands­eck und lie­ßen sich Bur­gen nach­bau­en wie et­wa Schloss Stol­zen­fels.

Karikatur eines englischen Reisenden, aus Richard Doyle, The Foreign Tour of Messrs. Brown, Jones & Robinson, London 1854, Original im Siebengebirgsmuseum.

 

Mit der wach­sen­den Be­deu­tung des Rheins für ei­ne im­mer brei­te­re Öf­fent­lich­keit fand auch sei­ne po­li­ti­sche Auf­la­dung statt. Die Ent­schei­dung des preu­ßi­schen Kö­nigs, im Rhein­land den Bau des Köl­ner Doms zu voll­enden, fand in der Krei­sen der Na­tio­nal­be­we­gung grö­ß­ten Zu­spruch. Der Dom­bau wur­de zur na­tio­na­len Auf­ga­be und der zu voll­enden­de Dom zum Sym­bol für die noch aus­ste­hen­de Voll­endung der deut­schen Ein­heit. Die deut­sche Na­tio­nen­bil­dung hat­te am Rhein ihr sicht­bars­tes Zei­chen er­hal­ten.

Die Frei­heit des Ein­zel­nen und die Frei­heit der Na­ti­on wa­ren mit der Frei­heit des Rheins na­he­zu ei­ne Sym­bio­se ein­ge­gan­gen. Da­her be­tra­fen An­grif­fe von fran­zö­si­scher Sei­te auf die­se Frei­heit die gan­ze deut­sche Na­ti­on.

Der deutsch-fran­zö­si­sche Ge­gen­satz fand in der Rhein­kri­se von 1840 ei­nen neu­en Hö­he­punkt. Der fran­zö­si­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Adolph Thiers (1797-1877) hat­te in der Ori­en­ta­li­schen Fra­ge ei­ne di­plo­ma­ti­sche Nie­der­la­ge hin­neh­men müs­sen und such­te ein Ven­til für die Em­pö­rung im Land. Er rich­te­te sie auf das Rhein­land, for­der­te die Re­vi­si­on der Er­geb­nis­se des Wie­ner Kon­gres­ses von 1815 und er­hob den fran­zö­si­schen An­spruch auf das links­rhei­ni­sche Ge­biet.

Die po­li­ti­schen Span­nun­gen lie­ßen in Deutsch­land die pa­trio­ti­sche Stim­mung stei­gen und es ent­zün­de­te sich ein Dich­t­er­streit, bei dem die­se mit zahl­rei­chen po­li­ti­schen Lie­dern ein flam­men­des Be­kennt­nis zum deut­schen Rhein ab­leg­ten.

Ei­nes der ers­ten und po­pu­lärs­ten Lie­der schrieb der in Bonn ge­bo­re­ne Ni­ko­laus Be­cker. Er hat­te Rechts­wis­sen­schaft stu­diert und war Ge­richts­schrei­ber am Frie­dens­ge­richt in Gei­len­kir­chen als er das „Rhein­lie­d“ dich­te­te. Es er­schien am 18.9.1840 in der „Trie­ri­schen Zei­tun­g“ und des­sen ers­te Zei­len soll­ten schon bald in al­ler Mun­de sein: „Sie sol­len ihn nicht ha­ben, den frei­en, deut­schen Rhein…“

Ni­ko­laus Be­cker, Rhein­lied (Sep­tem­ber 1840)

Der 'rote' Baedeker, Ausgabe aus dem Jahr 1864, Original im Siebengebirgsmuseum, Foto: Original: Siebengebirgsmuseum.

 

_Sie sol­len ihn nicht ha­ben

Den frei­en deut­schen Rhein,

Ob sie wie gie­ri­ge Ra­ben

Sich hei­ser da­nach schrei´n,_

_So lang er ru­hig wal­lend

Sein grü­nes Kleid noch trägt,

So lang ein Ru­der schal­lend

In sei­ne Wo­ge schlägt._

_Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en, deut­schen Rhein,

So lang sich Her­zen la­ben

An sei­nem Feu­er­wein._

_So lang in sei­nem Stro­me

Noch fest die Fel­sen steh´n,

So lang sich ho­he Do­me

In sei­nem Spie­gel seh´n!_

_Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en, deut­schen Rhein,

So lang dort küh­ne Kna­ben

Um schlan­ke Dir­nen frei´n._

_So lang die Flos­se he­bet

Ein Fisch auf sei­nem Grund,

So lang ein Lied noch le­bet

In sei­ner Sän­ger Mund._

_Sie sol­len ihn nicht ha­ben,

Den frei­en deut­schen Rhein,

Bis sei­ne Flut be­gra­ben

Des letz­ten Manns Ge­bein!_

Das Lied war so be­liebt, dass es auf über 70 Ver­to­nun­gen kam. Ernst Mo­ritz Arndt kom­men­tier­te Be­ckers Lied mit ei­nem ei­ge­nen Ge­dicht:

Ernst Mo­ritz Arndt, Das Lied vom Rhein an Ni­k­las Be­cker (1840)

_Es klang ein Lied vom Rhein,

Ein Lied aus deut­schem Mun­de,

Und schnell wie Blit­zesschein

Durch­flog's die wei­te Run­de,

Und heiß wie Blit­zesschein

Durch­zuckt es je­de Brust

Mit al­ter We­hen Pein,

Mit jun­ger Freu­den Lust._

_Sein hel­ler Wi­der­klang

Vom Sü­den fort zum Nor­den

Ist gleich wie Wehr­ge­sang

Des Va­ter­lands ge­wor­den.

Nun brau­se fröh­lich, Rhein:

Nie soll ob mei­nem Hort

Ein Wel­scher Wäch­ter sein!

Das brau­se fort und fort._

_Und stär­k­rer Wi­der­klang

Gleich Pau­ken und Po­sau­nen,

Gleich küh­nem Schlacht­ge­sang

Klingt Welsch­land durch mit Stau­nen –

Es klin­get: Neue Zeit

Und neu­es Volk ist da;

Komm, Hof­fart, willst du Streit!

Ger­ma­nia ist da._

_Drum klin­ge, Lied vom Rhein!

Drum klin­get, deut­sche Her­zen!

Neu, jung will al­les sein –

Fort, fort die al­ten Schmer­zen,

Der al­ten Wah­ne Tand!

Al­lei­nig stehn wir da

Fürs gan­ze Va­ter­land,

Jung steht Ger­ma­nia._

Auf der fran­zö­si­schen Sei­te er­folg­te in die­sem Lie­der­streit die Ant­wort durch Al­fred de Mus­set (1810-1857), der un­ter dem Ti­tel „Le Rhin al­le­man­d“ ein Ge­dicht ver­öf­fent­lich­te:

Al­fred de Mus­set, Le Rhin al­le­mand (1840)

_Wir ha­ben ihn ge­habt, den deut­schen Rhein.

In un­serm Glas sahn wir ihn fun­keln.

Mit eu­res Schla­gers Prah­ler­ein

Wollt ihr die stol­ze Spur ver­dun­keln,

Die uns­rer Ros­se Huf grub euch ins Blut hin­ein?_

...

_Ge­hört er euch denn, eu­er deut­scher Rhein,

Wascht die Li­vree dar­in be­schei­den;

Doch mä­ßigt eu­re stol­zes Schrein.

Wie­vie­le Ra­ben, aus­zu­wei­den

Den to­des­wun­den Aar, mögt ihr ge­we­sen sein?_

_La­ßt fried­lich flie­ßen eu­ern deut­schen Rhein;

Es spie­ge­le sich ge­ruh­sam wi­der

Der Do­me go­ti­sches Ge­stein;

Doch hü­tet euch, durch trunk­ne Lie­der

Von ih­rem blut­gen Schlaf die To­ten zu be­frein._

Hein­rich Hei­ne griff den „li­te­ra­risch-po­li­ti­schen Schlag­ab­tau­sch“ noch ein­mal kri­tisch auf und ließ „Va­ter Rhein“ in sei­nem 1844 ver­öf­fent­lich­ten „Deutsch­land. Ein Win­ter­mähr­chen“ sa­gen:

_Zu Bi­be­rich hab ich Stei­ne ver­schluckt,

Wahr­haf­tig, sie schmeck­ten nicht le­cker!

doch schwe­rer lie­gen im Ma­gen mir

die Ver­se von Ni­k­las Be­cker._

Lie­der wie „Der Rhein“ von Alex­an­der Rei­fer­scheid und „Auf dem Rhein“ von Ema­nu­el Gei­bel (1815-1884) sind heu­te kaum noch be­kannt. Eben­so ist es dem „Rhein­wein­lie­d“ von Ge­org Her­wegh (1817-1875) er­gan­gen, in dem sich in ty­pi­scher Wei­se na­tio­na­ler Pa­thos mit Rhein, Weib und Ge­sang ver­bin­den.

Ge­org Her­wegh, Rhein­wein­lied (Ok­to­ber 1840)

_Wo solch ein Feu­er noch ge­deiht,

Und solch ein Wein noch Flam­men speit,

Da las­sen wir in Ewig­keit

Uns nim­mer­mehr ver­trei­ben.

Sto­ßt an! Sto­ßt an! Der Rhein,

Und wär's nur um den Wein,

Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben._

_Her­ab die Büch­sen von der Wand,

Die al­ten Schlä­ger in die Hand,

So­bald der Feind dem wel­schen Land

Den Rhein will ein­ver­lei­ben!

Haut, Brü­der, mu­tig drein!

Der al­te Va­ter Rhein,

Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben._

_Das Recht' und Link, das Link' und Recht',

Wie klingt es falsch, wie klingt es schlecht!

Kein Trop­fen soll, ein fei­ger Knecht,

Des Franz­manns Müh­le trei­ben.

Sto­ßt an! Sto­ßt an! Der Rhein,

Und wär's nur um den Wein,

Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben._

_Der ist sein Re­ben­blut nicht wert,

Das deut­sche Weib, den deut­schen Herd,

Der nicht auch freu­dig schwingt sein Schwert,

Die Fein­de auf­zu­rei­ben.

Frisch in die Schlacht hin­ein!

Hin­ein für un­sern Rhein!

Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben._

_O ed­ler Saft, o lau­ter Gold,

Du bist kein ek­ler Skla­ven­sold!

Und wenn ihr Fran­ken kom­men wollt,

So la­ßt vor­her euch schrei­ben:

Hur­ra! Hur­ra! Der Rhein,

Und wär's nur um den Wein,

Der Rhein soll deutsch ver­blei­ben._

Ei­nes der heu­te noch be­kann­ten Ge­dich­te aus der Zeit der Rhein­kri­se ent­fal­te­te sei­ne vol­le Wirk­sam­keit aber erst gut 30 Jah­re spä­ter. Es ist „Die Wacht am Rhein“ und stammt von dem jun­gen Kauf­mann Max Schne­cken­bur­ger (1819-1849).

Max Schne­cken­bur­ger, Die Wacht am Rhein (No­vem­ber 1840)

Nikolaus Becker, Brustbild, Litographie von August Kneisel. (Universitätsbibliothek Frankfurt am Main)

 

_Es braust ein Ruf wie Don­ner­hall,

wie Schwert­ge­klirr und Wo­gen­prall:

Zum Rhein, zum Rhein, zum deut­schen Rhein!

Wer will des Stro­mes Hü­ter sein?

Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein._

_Durch hun­dert­tau­send zuckt es schnell,

Und al­ler Au­gen blit­zen hell:

Der deut­sche Jüng­ling, fromm und stark,

Be­schirmt die heil´ge Lan­des­mark.

Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein._

Auf blickt er, wo der Him­mel blaut,

Wo Va­ter Her­mann nie­der­schaut,

Und schwört mit stol­zer Kamp­fes­lust:

„Du Rhein, bleibst deutsch, wie mei­ne Brust!“

Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein.

_„Und ob mein Herz im To­de bricht,

Wirst du doch drum ein Wel­scher nicht,

Reich wie an Was­ser dei­ne Flut,

Ist Deutsch­land ja an Hel­den­blut.“

Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein._

_„So­lang ein Tröpf­chen Blut noch glüht,

Noch ei­ne Faust den De­gen zieht,

Und noch ein Arm die Büch­se spannt,

Be­tritt kein Wel­scher dei­nen Strand.“

Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein._

_Der Schwur er­schallt, die Wo­ge rinnt,

Die Fah­nen flat­tern in dem Wind.

Am Rhein, am Rhein, am deut­schen Rhein,

Wir al­le wol­len Hü­ter sein!

Lieb Va­ter­land, magst ru­hig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein._

Der Text wur­de um­ge­hend von dem aus Darm­stadt stam­men­den Ber­ner Or­ga­nis­ten Jo­hann Ja­kob Men­del (1809-1881) ver­tont. Im De­zem­ber 1840 er­schie­nen Text und No­ten. Im Hau­se des preu­ßi­schen Ge­sand­ten in Bern von Bun­sen vom Ber­ner Mu­sik­di­rek­tor Adolph Me­th­fes­sel (1807-1878) ur­auf­ge­führt, blieb es je­doch weit­ge­hend un­be­ach­tet. Erst als der Kre­fel­der Chor­di­ri­gent Karl Wil­helm (1814-1873) auf den Text auf­merk­sam wur­de und 1854 die heu­te be­kann­te Neu­ver­to­nung am Tag der Sil­ber­hoch­zeit des Prin­zen Wil­helm, des spä­te­ren Kai­sers Wil­helm I. (Re­gent­schaft ab 1858, Kö­nig 1861, Kai­ser 1871-1888), prä­sen­tier­te, nahm die Be­liebt­heit über Sän­ger­fes­te ra­sant zu.

Das bis heu­te be­kann­tes­te und wirk­sams­te Werk aber schuf der Ger­ma­nist Au­gust Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben (1798-1874). Er schrieb am 26.8.1841 auf Hel­go­land, das da­mals ei­ne bri­ti­sche In­sel war, auf die Me­lo­die des „Kai­ser­lie­des“ („Gott er­hal­te Franz den Kai­ser“) von Jo­seph Haydn (1732-1809) ein Ge­dicht, das das al­te un­ter­ge­gan­ge­ne Reich mit dem neu­en kom­men­den Deutsch­land ver­band und die Ver­la­ge­rung des Schwer­punk­tes von der Mon­ar­chie zur Na­ti­on dar­stell­te.

Au­gust Hein­rich Hoff­mann von Fal­lers­le­ben, Das Lied der Deut­schen (Au­gust 1841)

'Germania auf der Wacht am Rhein', Gemälde von Lorenz Clasen, Öl auf Leinwand.

 

_Deutsch­land, Deutsch­land über al­les,

Über al­les in der Welt,

Wenn es stets zu Schutz und Trut­ze

Brü­der­lich zu­sam­men­hält,

Von der Maas bis an die Me­mel,

Von der Etsch bis an den Belt –

Deutsch­land, Deutsch­land über al­les,

Über al­les in der Welt!_

_Deut­sche Frau­en, deut­sche Treue,

Deut­scher Wein und deut­scher Sang

Sol­len in der Welt be­hal­ten

Ih­ren al­ten schö­nen Klang,

Uns zu ed­ler Tat be­geis­tern

Un­ser gan­zes Le­ben lang –

Deut­sche Frau­en, deut­sche Treue,

Deut­scher Wein und deut­scher Sang!_

_Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit

Für das deut­sche Va­ter­land!

Da­nach lasst uns al­le stre­ben

Brü­der­lich mit Herz und Hand!

Ei­nig­keit und Recht und Frei­heit

Sind des Glü­ckes Un­ter­pfand –

Blüh im Glan­ze die­ses Glü­ckes,

Blü­he, deut­sches Va­ter­land!_

Der Rhein selbst fin­det im Text kei­ne di­rek­te Er­wäh­nung, da als der west­li­che Grenz­fluss die Maas ge­nannt wird. Die Maas durch­floss das Her­zog­tum Lim­burg, das seit 1839 (mit Aus­nah­me von Maas­tricht und Ven­lo) zum Deut­schen Bund ge­hör­te. Ist die Maas die west­li­che Gren­ze, so liegt das Rhein­land in Deutsch­land und der Rhein bil­det nicht die Gren­ze Deutsch­lands. Das Zu­sam­men­hal­ten der Deut­schen ent­sprach der For­de­rung nach der na­tio­nal­staat­li­chen Ein­heit, da­mit Deutsch­land den fran­zö­si­schen An­sin­nen ge­schlos­sen ge­gen­über tre­ten kön­ne.

3. „Die Wacht am Rhein…“ – Das Kaiserreich und der Rhein

Die For­de­rung nach Ei­nig­keit und ei­nem Na­tio­nal­staat – wenn auch oh­ne Ös­ter­reich - er­füll­te sich gut 30 Jah­re spä­ter. Der sieg­rei­che Krieg ge­gen Frank­reich von 1870/1871 ein­te die Deut­schen. Di­plo­ma­tie, Be­ste­chung und ei­ne lär­men­de Pro­pa­gan­da hal­fen nach, wo es nö­tig war. Schne­cken­bur­gers Lied von der „Wacht am Rhein“ war all­ge­gen­wär­tig. Es ha­be den Wert von meh­re­ren Ar­mee­korps ge­habt, soll Ot­to von Bis­marck (1815-1898) ge­sagt ha­ben. Na­tio­na­le Krei­se for­der­ten die Ab­tre­tung des links­rhei­ni­schen fran­zö­si­schen Staats­ge­bie­tes bis zu den Vo­ge­sen. Beim Frie­dens­schluss be­stä­tig­te Frank­reich den Ver­zicht. Der grö­ß­te Teil der bei­den el­säs­si­schen und Tei­le der loth­rin­gi­schen De­par­te­ments bil­de­ten fort­an das Reichs­land El­sass-Loth­rin­gen im neu­en deut­schen Kai­ser­reich. Nun­mehr war der Rhein nir­gend­wo mehr die Gren­ze zwi­schen deut­schem und fran­zö­si­schem Staats­ge­biet.

Schne­cken­bur­gers „Wacht am Rhein“ in der Ver­to­nung von Karl Wil­helm er­hielt ei­ne na­tio­na­le Be­deu­tung, sie war nicht nur die Be­gleit­mu­sik des 1870er-Krie­ges, son­dern hob sich in der Fol­ge­zeit auch in den Rang ei­ner zwei­ten Na­tio­nal­hym­ne.

Das ge­mein­sa­me Zu­sam­men­ste­hen ge­gen den „Erb­fein­d“ Frank­reich blieb in Deutsch­land stets in Er­in­ne­rung, wur­de pro­pa­gan­dis­tisch wach ge­hal­ten und war im­mer auch Mit­tel zum Zweck für die Po­li­tik des deut­schen Reichs­kanz­lers Bis­marck. Schon vier Jah­re nach dem Krieg, 1875, lös­te er die Krieg-in-Sicht-Kri­se aus. Ein Zei­tungs­ar­ti­kel mit der Über­schrift „Ist Krieg in Sicht?“, der am 8.4.1875 in der re­gie­rungs­na­hen Zei­tung „Pos­t“ er­schie­nen war, spe­ku­lier­te über die fran­zö­si­schen Mi­li­tär­aus­ga­ben. Au­tor war zwar der Jour­na­list Con­stan­tin Rö­ß­ler (1820-1896), aber es war deut­lich, dass Reichs­kanz­ler Bis­marck da­hin­ter stand. Er droh­te Frank­reich mit ei­nem Prä­ven­tiv­krieg im Fal­le wei­te­rer Auf­rüs­tung. Sein Ziel war, die Hal­tung der Gro­ß­mäch­te Russ­land und Groß­bri­tan­ni­en zu er­for­schen. Aber auch in­nen­po­li­tisch wa­ren die Span­nun­gen in den deutsch-fran­zö­si­schen Be­zie­hun­gen von Nut­zen. Als der Ex­po­nent ei­ner auf ei­nen Re­van­che­krieg hin­ar­bei­ten­de Be­we­gung, der fran­zö­si­sche Ge­ne­ral Ge­or­ges Bou­lan­ger (1837-1891), 1886 Kriegs­mi­nis­ter sei­nes Lan­des wur­de und seit­dem die Zahl der Trup­pen er­höh­te, nutz­te Bis­marck dies ge­schickt aus, in­dem er die Ge­fahr hoch­spiel­te, um in­nen­po­li­tisch bei den Wah­len 1887 ei­ne sei­ne Re­gie­rung un­ter­stüt­zen­de Mehr­heit zu er­hal­ten.

Faksimile von Hoffmann von Fallerslebens Manuskript 'Das Lied der Deutschen', Original im Staatsbibliothek zu Berlin, Handschriftenabteilung.

 

Um an die Ei­ni­gung Deutsch­lands zu er­in­nern und die ste­tig be­schwo­re­ne „Wacht am Rhein“ auch sym­bo­lisch zu un­ter­mau­ern, ent­stan­den am Rhein na­tio­na­le und re­gio­na­le Denk­mä­ler. Die ers­te An­re­gung für das Na­tio­nal­denk­mal ober­halb von Rü­des­heim, das so ge­nann­te Nie­der­wald­denk­mal, da­tiert be­reits auf das Jahr 1871. Zwi­schen 1877 und 1883 er­rich­tet, konn­te es am 28.9.1883 ein­ge­weiht wer­den. Der So­ckel des Denk­mals mit der Ger­ma­nia-Fi­gur trägt fünf der sechs Stro­phen des Lie­des von Schne­cken­bur­ger. Im Haupt­re­lief reicht „Va­ter Rhein“ das Wächt­er­horn an die „Toch­ter Mo­sel“ wei­ter, da der Rhein seit 1871 kei­ne Gren­ze mehr war. Das Denk­mal steht in ei­ner Rei­he na­tio­na­ler Denk­mal­gro­ß­pro­jek­te wie der Wal­hal­la in Do­naus­t­auf (1830-1842), dem Her­manns­denk­mal bei Det­mold (1838-1846 und 1863-1875), dem Kai­ser-Wil­helm-Denk­mal auf dem Kyff­häu­ser (1890-1896), dem Bis­marck-Denk­mal in Ham­burg (1901-1906) und dem Völ­ker­schlacht­denk­mal in Leip­zig (1898-1913).

An Deutsch­lands Ei­ni­gung woll­ten auch die Rhein­län­der er­in­nern. Als Dank an Kai­ser Wil­helm I. soll­te nach des­sen Tod 1888 ein Denk­mal der Rhein­pro­vinz er­rich­tet wer­den. Vie­le der ein­ge­reich­ten Ent­wür­fe sa­hen als Stand­ort das Sie­ben­ge­bir­ge vor. Letzt­lich aber über­ließ das Ko­mi­tee die Ent­schei­dung dem Kai­ser­en­kel Wil­helm II. (Re­gent­schaft 1888-1918). Die­ser ent­schied sich 1891 für den Stand­ort Ko­blenz, am Zu­sam­men­fluss von Rhein und Mo­sel. 1897 konn­te das Rei­ter­stand­bild Wil­helms I. am <a aus="" das="" deut­sche="" eck="" faust­schlag="" href="li­do­Re­cID://DE-2086/li­do/57d129cb4966f6.01154517" id="5057" in="" ko­blenz"="" stein"?="" tit­le="He­roi­sches Kai­ser­denk­mal oder ">Deut­schen Eck</a> in Ko­blenz ein­ge­weiht wer­den.

In der lan­gen Frie­dens­zeit zwi­schen 1871 und 1914 er­leb­te das Rhein­land den be­gin­nen­den Mas­sen­tou­ris­mus, der bald das wirt­schaft­li­che Pro­fil und das Ge­sicht der Städ­te am Rhein ver­än­der­te. Ei­sen­bahn, Schif­fe und Bus­se schaff­ten Men­schen aus ganz Deutsch­land und al­len Län­dern der Welt an den Rhein, wo zwar wei­ter­hin das na­tio­na­le Pa­thos ge­pflegt wur­de, die Rhein­ro­man­tik aber im­mer mehr ei­ner rühr­se­li­gen (Rhein-) Wein­se­lig­keit wich. Ei­ne re­gel­rech­te Tou­ris­mus­in­dus­trie pro­du­zier­te An­sichts­kar­ten und ein un­über­schau­ba­res An­bot von An­denken, die mil­lio­nen­fach ver­kauft, ver­schickt und mit­ge­nom­men wur­den.

Nach Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges im Au­gust 1914 wa­ren pa­trio­ti­sche Lie­der mehr als je zu­vor ge­fragt. Schne­cken­bur­gers „Wacht am Rhein“ und Be­ckers „Das Lied vom Rhein“ ge­hör­ten zum all­ge­mei­nen Lied­gut und wur­den für die ein­set­zen­de Pro­pa­gan­da ger­ne ge­nutzt. Das heu­ti­ge Rhein­land war erst Auf­marsch­ge­biet und dann Hin­ter­land für die West­front. Vom Krieg ist es bis auf ver­ein­zel­te Bom­ben­an­grif­fe ver­schont ge­blie­ben. Das Oberel­sass im Reichs­land El­sass-Loth­rin­gen hin­ge­gen war vier Jah­re lang Schau­platz schwe­rer Kämp­fe.

Quellen

[An­onym,] Deutsch­land im rhei­ni­schen Bun­de und nach sei­ner Wie­der­ge­burt; oder: der Frie­de oh­ne Rhein­gren­ze [o.O.] 1813.

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Zitationshinweis

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Klein, Ansgar S., Mythos Rhein aus Sicht der Deutschen und Rheinländer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/mythos-rhein-aus-sicht-der-deutschen-und-rheinlaender/DE-2086/lido/57d124853b7bd1.35175552 (18.07.2018)