Nikolaus Wilhelm Beckers

Leibarzt Kaiser Leopolds I. (1630-1705)

Christoph Kaltscheuer (Bonn)

Nikolaus Wilhelm Beckers Freiherr von Walhorn, Kupferstich von Johann Alexander Boener (1647-1720). (Stadtbibliothek Trier)

Schlagworte

Der aus der Nä­he von Aa­chen stam­men­de Ni­ko­laus Wil­helm Be­ckers stu­dier­te in Rom, Wien und Pa­dua Me­di­zin und stieg zum Leib­arzt und Rat Kai­ser Leo­polds I. (1640-1705) auf. Die­ser er­hob ihn 1682 in den Frei­her­ren­stand.

1630 wur­de Ni­ko­laus Wil­helm Be­ckers in Wal­horn (heu­te zu Bel­gi­en) im Her­zog­tum Lim­burg na­he Aa­chen als zwei­tes von fünf Kin­dern ge­bo­ren. Sei­ne El­tern wa­ren der Wal­hor­ner Schöf­fe Pe­ter Be­ckers und des­sen Frau He­le­na, ge­bo­re­ne Mee­ßen. Die Fa­mi­lie war an­ge­se­he­nen, ver­füg­te aber nur über ge­rin­ges Ver­mö­gen. Über Kind­heit und Ju­gend von Ni­ko­laus Be­ckers ist kaum et­was be­kannt, nur die Schul­zeit ist an­satz­wei­se nach­voll­zieh­bar. Nach­dem be­reits sein äl­te­rer Bru­der Hein­rich (ge­stor­ben 1681) nach Aa­chen ge­gan­gen war, wo er zum Gre­ven der Chir­ur­gen- und Bar­bier­zunft auf­stieg, zog Ni­ko­laus Wil­helm für den Schul­be­such eben­falls in die Reichs­stadt. Wahr­schein­lich be­such­te er dort das Gym­na­si­um des Au­gus­ti­ner­klos­ters und mög­li­cher­wei­se auch phi­lo­so­phi­schen Un­ter­richt.

Der ge­naue Wer­de­gang nach sei­ner Schul­zeit in Aa­chen ist eben­falls un­be­kannt. Of­fen­sicht­lich trat er aber als­bald in den Dienst der spa­nisch-nie­der­län­di­schen Ar­mee und ge­hör­te wäh­rend des Fran­zö­sisch-Spa­ni­schen Krie­ges ei­nem Re­gi­ment des Erz­her­zogs Leo­pold Wil­helm von Ös­ter­reich (1614-1662) an. Er nahm an ver­schie­de­nen Schlach­ten teil, un­ter an­de­ren an der Schlacht von Lens 1648 und den Er­obe­run­gen von Gra­ve­lin­gen 1652 und Dün­kir­chen 1653. Mit sei­nem Mi­li­tär­dienst setz­te er ei­ne fa­mi­liä­re Tra­di­ti­on fort. Sein Gro­ßva­ter Ni­k­las Be­cker war Ma­ri­ne­of­fi­zier ge­we­sen, sein Va­ter Obrist­leut­nant in Spa­ni­en und ein On­kel Obrist­wacht­meis­ter un­ter Jo­hann von Til­ly (1559-1632). Sei­nen Söld­ner­dienst muss er 1653, nach vier oder fünf Jah­ren, be­en­det ha­ben. An­schlie­ßend hielt er sich in Brüs­sel, dem Sitz des Statt­hal­ters der spa­ni­schen Nie­der­lan­de, bei ei­nem Apo­the­ker des Erz­her­zogs auf.

Denk­bar ist, dass er schon wäh­rend sei­ner Ar­mee­zu­ge­hö­rig­keit mit Me­di­zin und Chir­ur­gie in Be­rüh­rung ge­kom­men war und be­reits über Er­fah­run­gen auf die­sem Ge­biet ver­füg­te. Von Brüs­sel aus plan­te er, für ein Me­di­zin­stu­di­um nach Rom zu ge­hen. Noch 1653 reis­te er erst­mals dort­hin, konn­te das Stu­di­um auf­grund feh­len­der fi­nan­zi­el­ler Mit­tel je­doch nicht auf­neh­men. In Rom kam er in Kon­takt mit ei­nem Fürs­ten aus dem Ge­schlecht der Rad­zi­will, der ihn für ei­ne be­vor­ste­hen­de Ita­li­en­rei­se als Apo­the­ker ein­stell­te. Ver­mut­lich han­del­te es sich da­bei um Mi­cha­el Ka­si­mir Rad­zi­will (1635-1680). Nach Ab­schluss der Rei­se, die Be­ckers nach Nea­pel, Si­zi­li­en und Mal­ta führ­te, traf er An­fang Au­gust wie­der in Rom ein. Mit dem be­nö­tig­ten Geld aus­ge­stat­tet, konn­te er nun das Stu­di­um an­tre­ten. Nach et­wa ei­nem Jahr setz­te er sein Me­di­zin­stu­di­um in Wien fort.

Er­neu­ter Geld­man­gel zwang ihn je­doch, sich ein wei­te­res Mal in fürst­li­che Diens­te zu be­ge­ben. An­fang 1655 nahm er da­her ei­ne Stel­lung als Haus­hof­meis­ter des Gra­fen Ni­ko­laus Erd­ö­dy (ge­stor­ben 1693) im un­ga­ri­schen Tyrnau an. Da sich der Graf über­wie­gend in Wien auf­hielt, hat­te Be­ckers wäh­rend der vier Jah­re sei­nes Diens­tes Ge­le­gen­heit, sei­ne Stu­di­en dort wei­ter­zu­füh­ren. Be­reits 1657 ver­fass­te er sei­ne heu­te ver­lo­re­ne Dis­ser­ta­ti­on, de­ren The­sen er am 30. Ju­ni er­folg­reich ver­tei­dig­te. Zur Ver­lei­hung der Dok­tor­wür­de kam es al­ler­dings nicht, da Be­ckers die da­mit ver­bun­de­nen Kos­ten nicht auf­brin­gen konn­te. Erst nach Be­en­di­gung sei­ner An­stel­lung 1658 hat­te er of­fen­bar ge­nü­gend Ver­mö­gen, um in Pa­dua zu pro­mo­vie­ren und er­warb dort En­de des Jah­res die Dok­tor­wür­de.

Ob­wohl ihm Kai­ser Leo­pold I. un­mit­tel­bar nach sei­ner Pro­mo­ti­on ein Emp­feh­lungs­schrei­ben aus­ge­stellt hat­te, in dem er die An­stel­lung Be­ckers als Stadt­arzt in Aa­chen wünsch­te, blieb ei­ne Be­ru­fung aus. Die Gunst des Kai­sers er­lang­te er ver­mut­lich durch den Ein­fluss des Erz­her­zogs Leo­pold Wil­helm, der als Gön­ner des jun­gen Arz­tes ge­se­hen wird. Da­für spricht, dass Be­ckers ihm sei­ne Dis­ser­ta­ti­on ge­wid­met hat-

An­fang 1659 ver­lob­te sich Be­ckers in Wien mit der rei­chen Wit­we ei­nes Ober­inten­dan­ten des Ge­hei­men Staats­ra­tes, An­na Bar­ba­ra Hu­ber, ge­bo­re­ne von Has­ling (ge­stor­ben wohl 1679). Durch die­se Ver­bin­dung fand er Zu­gang zu den höchs­ten so­zia­len Krei­sen und ver­füg­te über die Mit­tel, den Dok­tor­ti­tel der Wie­ner Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät zu er­lan­gen. Am 4.9.1659 wur­de er im Ste­phans­dom pro­mo­viert. Die Hoch­zeit er­folg­te ge­nau zwei Mo­na­te spä­ter; die Ehe blieb kin­der­los.

Be­güns­tigt durch sei­ne neue ge­sell­schaft­li­che Stel­lung und wohl nach wie vor pro­te­giert von Leo­pold Wil­helm, kam Be­ckers in den fol­gen­den Jah­ren in en­gen Kon­takt zum Kai­ser­hof. Aus dem Mai 1661 ist ein Be­such des Kai­sers und des Erz­her­zogs im Hau­se Be­ckers über­lie­fert, be­reits im Jahr dar­auf wur­de er zum Hof­arzt er­nannt. Die­se Stel­lung hat­te er sie­ben Jah­re in­ne, be­vor er 1669 schlie­ß­lich zum kai­ser­li­chen Leib­arzt und ins Kol­le­gi­um der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät auf­stieg. Ne­ben sei­nen Auf­ga­ben am Hof be­schäf­tig­te sich Be­ckers in­ten­siv mit den Leh­ren von Hip­po­kra­tes (um 460-um 370 v. Chr.) und Ga­le­nus (um 129-um 199 n. Chr.) und ver­öf­fent­lich­te 1674 sein vo­lu­mi­nö­ses Haupt­werk „Flo­ri­le­gi­um Hyp­po­cra­ti­cum et Ga­le­ni­cum“.

In der Fol­ge­zeit über­trug ihm Leo­pold I. wei­te­re Äm­ter. Be­reits 1675 hat­te er ihn zum kai­ser­li­chen Rat, 1677 schlie­ß­lich zu sei­nem ers­ten Leib­arzt be­ru­fen. Zu­vor hat­te Be­ckers sich, nach dem Tod der zwei­ten Ge­mah­lin Leo­polds, Clau­dia Fe­li­zi­tas von Ti­rol (1653-1676), in der An­bah­nung der Hoch­zeit des Kai­sers mit Eleo­no­re The­re­sia von Pfalz-Neu­burg (1655-1720) ver­dient ge­macht. Er war in her­aus­ge­ho­be­ner Po­si­ti­on so­wohl an den Be­ra­tun­gen im Vor­feld der Ehe als auch den Ver­hand­lun­gen mit Pfalz­graf Phil­ipp Wil­helm von Pfalz-Neu­burg in Düs­sel­dorf über den Ehe­ver­trag be­tei­ligt. In sei­ner Funk­ti­on als Arzt hat­te er zu­vor Gut­ach­ten über Ge­sund­heits­zu­stand und Frucht­bar­keit Eleo­no­res er­stellt und im Hin­blick auf die Er­war­tung ei­nes Thron­fol­gers zur Hoch­zeit ge­ra­ten. Der Kai­ser zeig­te sich mit Stan­des­er­hö­hun­gen er­kennt­lich. Nach­dem er ihn be­reits 1678 nach der Ge­burt des ers­ten Soh­nes, des spä­te­ren Kai­sers Jo­seph I. (1678-1711), in den un­ga­ri­schen Rit­ter­stand er­ho­ben hat­te, ver­lieh er Ni­ko­laus Wil­helm Be­ckers am 9.4.1682 den Frei­her­ren­ti­tel zu Wal­horn. Um den Fort­be­stand des Adels­ran­ges zu ge­währ­leis­ten, hat­te Be­ckers er­wirkt, dass der Ti­tel auch für sei­nen Nef­fen Pe­ter De­o­dat, den Sohn sei­nes Bru­ders Hein­rich, galt.

Über Ver­su­che, in der Herr­schaft Wal­horn Ter­ri­to­ri­al­be­sitz zu er­wer­ben, schei­ter­ten je­doch in den 1680er Jah­ren. Statt­des­sen konn­te er 1694 die im Wie­ner Um­land ge­le­ge­ne Herr­schaft Schön­kir­chen er­wer­ben. Fort­an führ­te er den Ti­tel Frei­herr von und zu Wal­horn und Schön­kir­chen. Die ös­ter­rei­chi­sche Herr­schaft fiel, nach kin­der­lo­ser zwei­ter Ehe Be­ckers mit An­na Ma­ria Schirm­thal, an Pe­ter De­o­dat.

Dort wie in der Gym­na­si­al­kir­che St. Ka­tha­ri­na in Aa­chen und der Pfarr­kir­che von Wal­horn er­in­nern Ge­denk­ta­feln an Ni­ko­laus Wil­helm Be­ckers von Wal­horn.

Quellen

An­hand der je­weils an­ge­ge­be­nen Num­mer un­ter den bi­blio­gra­phi­schen An­ga­ben kön­nen Quel­len­ex­em­pla­re über VD17 (sie­he On­line) re­cher­chiert wer­den.
Des Ruhm-Ge­rüch­tes Schall und Ge­gen­hall/ Uber den Wol­ge­bor­nen Herrn/ Herrn Ni­co­la Wil­helm Be­ckers/ Frey­herrn von Wal­horn/ des Kö­nig­reichs Hun­garn/ Rit­tern/ De­ro Röm. Kai­serl. Ma­jes­tät Raht und vor­nehms­ten Leib-Arzt/ [et]c. [et]c. / Auf­ge­mer­ket/ und zu ver­lang­ter Ant­wort auf die Fra­ge: Von sei­ner Per­son und Tu­gen­den/ der Leo­pol­di­ni­schen zu der Na­tur-Ge­heim­nüs­se Er­for­schung/ im Röm. Reich ge­grün­de­ten/ Hoch­löb­li­chen Ge­sell­schafft über­sen­det vom Flo­ri­mont […], Nürn­berg 1688.

(39:114930Y)

Werke

Flo­ri­le­gi­um Hip­po­cra­ti­cum Et Ga­le­ni­cum Pra­eci­pua Tam Theo­ri­ca, Quam Prac­tica Hip­po­cra­tis Ac Ga­le­ni Dog­ma­ta Con­ti­nens […], Erst­aus­ga­be Wien 1674, hier Neu­auf­la­ge Wien 1688.

(23:243536E)
Co­pia Li­terar­um Pe­ril­lustris & Ge­ne­ro­sis­si­mi Do­mi­ni, Dni Ni­co­lai Gui­liel­mi Be­ckers, Li­be­ri Ba­ro­nis de Wal­horn […], Augs­burg 1690.

(3:641381P)

Literatur

Grondal, Guil­lau­me, Wal­horn: no­ti­ces his­to­ri­ques (Bul­le­tin de  la so­cié­té Ver­vié­toi­se d’ar­chéo­lo­gie et d’his­toire 45, Les Com­mu­nes du Can­ton d'Eu­pen), Ver­viers 1958 [dort ins­be­son­de­re: Le ba­ron Ni­co­las Be­ckers de Wal­horn, S. 101-107].
Mum­men­hof, Wil­helm/Poll, Bern­hard, Ni­ko­laus Wil­helm Be­ckers Frei­herr von Wal­horn, in:  Rhei­ni­sche Le­bens­bil­der 5 (1973), S. 7-21.
Schmitz-Clie­ver, Egon, Der kai­ser­li­che Leib­arzt Ni­ko­laus Wil­helm Be­ckers Frei­herr von Wal­horn, in: Sud­hoffs Ar­chiv der für Ge­schich­te der Me­di­zin 49 (1965), S. 311-314.

 
Zitationshinweis

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Kaltscheuer, Christoph, Nikolaus Wilhelm Beckers, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/nikolaus-wilhelm-beckers-/DE-2086/lido/57c577c51e5ff9.57935579 (23.05.2018)