Johann Weyer

Gegner der Hexenverfolgung (1515/ 1516-1588)

Christoph Kaltscheuer (Bonn)

Johann Weyer, Kupferstich von Pieter Holsteyn (1580-1662), 1660.

Jo­hann Wey­er gilt als der ers­te be­kann­te Kri­ti­ker und Be­kämp­fer der He­xen­ver­fol­gung und der da­mit ein­her­ge­hen­den Pro­zes­se. Als Schü­ler Agrip­pas von Net­tes­heim in Bon­n und Leib­arz­t Her­zog Wil­helms V. von Jü­lich-Kle­ve-Berg s­ind gro­ße Tei­le sei­nes Le­bens und Wir­kens un­trenn­bar mit der r­hei­ni­schen Ge­schich­te des 16. Jahr­hun­derts ver­bun­den.

Jo­hann Wey­er, des­sen Na­me auch in den Va­ria­tio­nen Wei­er, Wier, Wie­rus oder in der la­tei­ni­schen Über­set­zung Pi­sci­na­ri­us an­zu­tref­fen ist, wur­de am 24.2.1515 oder 1516 in Gra­ve an der Maas als Sohn des Theo­dor Wey­er und des­sen Ehe­frau Agnes Rhor­d­am ge­bo­ren. Zu­sam­men mit zwei Brü­dern, Mat­thi­as und Ar­nold, ent­stamm­te er ei­ner wohl­ha­ben­den Pa­tri­zi­er­fa­mi­lie. Der Va­ter be­trieb ei­nen lu­kra­ti­ven Gro­ßhan­del mit Koh­len, Schie­fer und Hop­fen; der dar­aus er­wach­se­ne fa­mi­liä­re Wohl­stand er­mög­lich­te Jo­hann Wey­er ei­ne stan­des­ge­mä­ße und um­fang­rei­che Aus­bil­dung, wel­che an der La­tein­schu­le von Jan Hen­drik Coo­len in s´Her­to­gen­bosch ih­ren An­fang nahm.

Nach dem Be­such ei­ner wei­te­ren Schu­le in Lö­wen be­gab er sich wohl 1532 nach Ant­wer­pen als Schü­ler in die Ob­hut von Hein­rich Cor­ne­li­us Agrip­pa von Net­tes­heim. Agrip­pa, wel­cher sich als ve­he­men­ter Kri­ti­ker des He­xen­wahns und der da­mit ein­her­ge­hen­den Pro­zess­pra­xis star­ken An­fein­dun­gen aus­ge­setzt sah, muss­te Ant­wer­pen noch 1532 ver­las­sen und folg­te ei­ner Ein­la­dung de­s Köl­ner Kur­fürs­ten Her­mann von Wied nach Bonn. Wey­er be­glei­te­te sei­nen Leh­rer an den Rhein.

Auch wenn die fol­gen­de Lehr­zeit in Bonn nur et­wa zwei Jah­re um­fass­te, so hat­te sie doch prä­gen­den Cha­rak­ter für Wey­ers spä­te­res Le­ben, ins­be­son­de­re für sei­nen öf­fent­lich ge­führ­ten Kampf ge­gen die Me­tho­den der He­xen­ver­fol­gung und die Ab­leh­nung jeg­li­cher Art des Zau­ber­glau­bens. Die An­schau­un­gen Agrip­pas soll­ten fort­an ei­ne we­sent­li­che Grund­la­ge sei­ner auf­klä­re­ri­schen Ge­dan­ken­welt bil­den.

Wey­er ver­ließ Bonn nach Be­en­di­gung der schu­li­schen Aus­bil­dung wahr­schein­lich zum Jah­res­be­ginn 1634, um in Pa­ris ein Me­di­zin­stu­di­um auf­zu­neh­men. We­nig spä­ter, ver­mut­lich noch im sel­ben Jahr, zog er wei­ter nach Or­léans. Dort be­tä­tig­te sich Jo­hann Wey­er als Leh­rer und Er­zie­her der Söh­ne Na­ta­lis Ra­mards, dem da­ma­li­gen Leib­arzt des fran­zö­si­schen Kö­nigs. In den fol­gen­den Jah­ren ver­kehr­te er mehr­mals zwi­schen Pa­ris und Or­léans. Sein Stu­di­um, in des­sen Ver­lauf er sich selbst den la­tei­ni­schen Na­men Pi­sci­na­ri­us gab, schloss er 1537/1538 er­folg­reich ab.

Weit ver­brei­tet ist bis­lang die An­nah­me, dass Jo­hann Wey­er un­ge­fähr zum sel­ben Zeit­punkt in Or­léans zum Dok­tor der Me­di­zin pro­mo­viert wur­de. Da es al­ler­dings zur frag­li­chen Zeit noch kei­ne me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät in Or­léans gab und Wey­er selbst den aka­de­mi­schen Ti­tel nicht führ­te, geht die jüngs­te For­schung da­von aus, dass ei­ne Pro­mo­ti­on nie statt­ge­fun­den hat. Viel­mehr ist die Be­zeich­nung als Dok­tor wohl auf ent­spre­chen­de Er­gän­zun­gen auf den Ti­tel­blät­tern sei­ner Schrif­ten zu­rück­zu­füh­ren, wel­che von den je­wei­li­gen Dru­ckern ei­gen­mäch­tig hin­zu­ge­fügt wur­den. Eben­so wie über die Pro­mo­ti­on ist über bis­wei­len er­wähn­te um­fang­rei­che Rei­sen zu ur­tei­len, wel­che Wey­er im An­schluss an das Me­di­zin­stu­di­um nach Afri­ka und in den Ori­ent ge­führt ha­ben sol­len.

Viel­mehr zog es ihn in sei­ne Hei­mat­stadt Gra­ve oder zu­min­dest in de­ren Um­ge­bung zu­rück, wo er sich nach sei­ner Rück­kehr aus Frank­reich als prak­ti­zie­ren­der Arzt für et­wa neun Jah­re nie­der­ließ. Im Jahr 1545 folg­te Wey­er ei­nem Ruf auf die Stel­le des Stadt­arz­tes in Arn­heim. Fi­nan­ziert wur­de sei­ne Tä­tig­keit aus zwei Quel­len. Ei­nen Teil steu­er­te die kai­ser­li­che Kas­se Karls V. (Re­gie­rungs­zeit 1519-1556) bei, den an­de­ren brach­ten Bür­ger­meis­ter und Rat der Stadt auf. In Arn­heim wur­de Wey­er der­weil das ers­te Mal mit der Rea­li­tät der He­xen­pro­zes­se kon­fron­tiert. Für ein 1548 statt­fin­den­des Ge­richts­ver­fah­ren wur­de er be­auf­tragt, das me­di­zi­ni­sche Gut­ach­ten über ei­nen Wahr­sa­ger zu er­stel­len. Eben­so trat er als Ver­tei­di­ger von der He­xe­rei ver­däch­tig­ter Frau­en auf. An­ge­lehnt an das Vor­bild sei­nes Leh­rers Agrip­pa, der sich eben­falls als He­xen­an­walt her­vor­ge­tan hat­te, ge­lang es Wey­er des Öf­te­ren Ver­ur­tei­lun­gen ab­zu­wen­den.

In der Arn­hei­mer Zeit ver­än­der­ten sich ne­ben Wey­ers be­ruf­li­chen auch sei­ne pri­va­ten Le­bens­um­stän­de. Um 1545 hei­ra­te­te er sei­ne ers­te Frau, Ju­dith Wind­gens (ge­stor­ben 1572). Aus die­ser Ehe gin­gen fünf Kin­der her­vor: die vier Söh­ne Diet­rich, Hein­rich (ge­stor­ben 1590), Ga­le­nus (1547-1619) und Jo­han­nes (ge­stor­ben 1610) so­wie ei­ne Toch­ter na­mens So­phie. Von den Söh­nen soll­ten zwei ei­ne ge­wis­se Be­kannt­heit er­lan­gen. So stand der pro­mo­vier­te Ju­rist Diet­rich von 1567 bis zu sei­ner Ent­las­sung 1592 ins­ge­samt 25 Jah­re in Diens­ten von Kur­pfalz und war un­ter an­de­rem 1575 Gou­ver­neur von Kai­sers­lau­tern, wäh­rend Ga­le­nus sei­nem Va­ter als Leib­arzt am Düs­sel­dor­fer Hof nach­fol­gen soll­te. Nach dem Tod Ju­dit­h Wind­gens hei­ra­te­te Jo­hann Wey­er ein wei­te­res Mal. Die Ehe mit sei­ner zwei­ten Frau, Hen­ri­et­te Holt, blieb kin­der­los. Wey­ers fach­li­ches und auf­klä­re­ri­sches Wir­ken in Arn­heim ver­schaff­ten ihm im Ge­biet des un­te­ren Nie­der­rheins Be­kannt­heit. Auf Emp­feh­lung des her­zog­li­chen Be­ra­ter­s Kon­rad Heres­bach er­lang­te er in der Fol­ge 1550 die Po­si­ti­on des Leib­arz­tes Her­zog Wil­helms V. von Jü­lich-Kle­ve-Berg. Am her­zog­li­chen Hof er­öff­ne­ten ­sich für Wey­er in den kom­men­den Jah­ren Per­spek­ti­ven, die weit über sei­ne ärzt­li­chen Ver­pflich­tun­gen hin­aus­reich­ten. Zum ei­nen konn­te er auf­grund sei­ner dau­er­haf­ten Nä­he zu Wil­helm V. ein ge­wis­ses Maß an po­li­ti­schem Ein­fluss gel­tend ma­chen. So stand er bei­spiels­wei­se bei Fra­gen be­züg­lich der nie­der­län­di­schen Krie­ge ge­mein­sam mit der Schwes­ter des Her­zogs auf Sei­ten der an­tispa­ni­schen Par­tei am Hof.

Zum an­de­ren konn­te er sich der Rea­li­sie­rung ei­nes schon län­ger ge­plan­ten Vor­ha­bens, der sys­te­ma­ti­schen Nie­der­schrift sei­ner Po­si­tio­nen ge­gen den zeit­ge­nös­si­schen Aber- und He­xen­glau­ben, wid­men. In den Jah­ren 1562/1563 ver­fass­te Wey­er auf Schloss Ham­bach sein Haupt­werk ge­gen die He­xen­pra­xis un­ter dem Ti­tel „De pra­es­ti­giis da­e­mo­num". In­halt­lich rich­tet sich das Buch, das zu­nächst auf La­tein und 1567 auch auf Deutsch pu­bli­ziert wur­de, ex­pli­zit ge­gen das Stan­dard­werk der He­xen­ver­fol­ger, den „He­xen­ham­mer". Des­sen Aus­sa­gen ver­such­te Wey­er als gott­los und falsch zu kenn­zeich­nen.

Hier­zu be­dien­te er sich ei­ner brei­ten Pa­let­te an me­di­zi­ni­schen, theo­lo­gi­schen und ju­ris­ti­schen Ar­gu­men­ten. Zu­dem ver­stand er die an­geb­li­chen Tat­sa­chen von Be­ses­sen­heit und He­xen­zau­ber als rei­ne Ein­bil­dung und führ­te an, dass die ver­däch­tig­ten Frau­en an me­di­zi­nisch be­han­del­ba­ren Ge­müts­krank­hei­ten lei­den wür­den und da­her nicht ver­folgt, son­dern ärzt­lich be­han­delt wer­den müss­ten. Ob­wohl sein Werk bald auf den In­di­ces der ka­tho­li­schen Kir­che zu fin­den war, fand es zü­gig wei­te Ver­brei­tung und wur­de stark re­zi­piert. Nach zahl­rei­chen Neu­auf­la­gen und Über­set­zun­gen leg­te Wey­er selbst 1577 mit „De la­miis" ei­ne Art Kurz­fas­sung des „De pra­es­ti­giis da­e­mo­num" vor.

Ma­ß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Dar­le­gun­gen des Hof­arz­tes hat­ten ne­ben dem schon er­wähn­ten Agrip­pa die Strö­mun­gen des in Jü­lich-Kle­ve-Berg vor­herr­schen­den Re­form­ka­tho­li­zis­mus so­wie die hu­ma­nis­ti­schen Aus­füh­run­gen des Eras­mus von Rot­ter­dam (1466/1469-1536), auf den er sich in der deut­schen Über­set­zung von 1567 in ei­nem ei­ge­nen Ka­pi­tel be­zieht. Gleich­zei­tig er­ar­bei­te­te Wey­er in die­ser Zeit ver­schie­de­ne Schrif­ten zu psych­ia­tri­schen, kli­ni­schen und phar­ma­ko­lo­gi­schen As­pek­ten.

Be­güns­tigt wur­de das viel­fach, ins­be­son­de­re von ka­tho­li­scher Sei­te stark an­ge­fein­de­te Wir­ken Jo­hann Wey­ers un­ter an­de­rem durch die weit­ge­hen­de kon­fes­sio­nel­le To­le­ranz in den Her­zog­tü­mern. Wey­ers ei­ge­ne Kon­fes­si­ons­zu­ge­hö­rig­keit al­ler­dings ist letzt­lich un­ge­klärt. Eben auf­grund der Duld­sam­keit in Jü­lich-Kle­ve-Berg sind so­wohl die ka­tho­li­sche wie auch die re­for­mier­te Kon­fes­si­ons­an­ge­hö­rig­keit oder so­gar ein Kon­fes­si­ons­wech­sel Wey­ers vom Ka­tho­li­zis­mus zum Cal­vi­nis­mus denk­bar.

Im Al­ter von et­wa 63 Jah­ren trat Jo­hann Wey­er 1578 aus den Diens­ten als Leib­arzt des Her­zogs aus: sein Sohn Ga­le­nus be­erb­te ihn. Er blieb al­ler­dings für das Herr­scher­haus in me­di­zi­ni­schen Fra­gen be­ra­tend tä­tig. Ei­ne en­ge Freund­schaft ver­band ihn seit den 1560er Jah­ren mit Grä­fin An­na von Teck­len­burg-Schwe­rin (1532-1582), wel­che ihn in me­di­zi­ni­schen Fra­gen kon­sul­tier­te. Die letz­ten Jah­re sei­nes Le­bens ver­brach­te Wey­er wohl über­wie­gend an sei­nem Haupt­wohn­sitz in Kle­ve, wo er seit sei­ner Be­ru­fung an den Nie­der­rhein Län­de­rei­en be­saß. Er be­schäf­tig­te sich nach wie vor mit der Auf­klä­rung in He­xen­fra­gen so­wie mit der Er­for­schung un­be­kann­ter Krank­hei­ten und pu­bli­zier­te sei­ne Er­kennt­nis­se, so das 1580 er­schie­ne­ne me­di­zi­ni­sche Kom­pen­di­um mit dem Ti­tel „Art­z­ney Buch". Wäh­rend ei­nes Auf­ent­hal­tes in Teck­len­burg ver­starb Jo­hann Wey­er nach kur­zer Krank­heit am 24.2.1588.

Auch wenn ihm we­der zu sei­nen Leb­zei­ten noch im Jahr­hun­dert nach sei­nem Tod end­gül­ti­ger Er­folg bei der Be­kämp­fung der He­xen­ver­fol­gung be­schie­den war, so hat­te Wey­er doch den Grund­stein für de­ren Be­en­di­gung im 18. Jahr­hun­dert ge­legt.

Werke (Auswahl)

Art­z­ney Buch von et­li­chen biß an­her un­be­kandten und un­be­schrie­be­nen Kranck­hei­ten, Frank­furt a. M. 1580.
De la­miis li­ber. Item de co­men­t­i­tiis iei­u­nis. Cum rer­um ac ver­bo­rum co­pio­so ind., Ba­sel 1577.
De pra­es­ti­giis da­e­mo­num, et in­can­ta­tio­ni­bus ac ue­ne­fi­ciis, Ba­sel 1563.

Literatur

Binz, Carl, Doc­tor Jo­hann Wey­er. Ein rhei­ni­scher Arzt, der ers­te Be­kämp­fer des He­xen­wahns. Ein Bei­trag zur Ge­schich­te der Auf­klä­rung und Heil­kun­de, Hei­del­berg 1896, Nach­druck Wies­ba­den 1969.
Kneu­büh­ler, Hans-Pe­ter, Die Über­win­dung von He­xen­wahn und He­xen­pro­zess, Dies­sen­ho­fen 1977.
Mey­er, Tho­mas, "Wey­er, Jo­hann", in Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 20 (2002), Sp. 1537-1544.
Nahl, Ru­dolf van, Zau­ber­glau­be und He­xen­wahn im Ge­biet von Rhein und Maas. Spät­mit­tel­al­ter­li­cher Volks­glau­be im Werk Jo­hann Wey­ers (1515-1588), Bonn 1983.

 
Zitationshinweis

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Kaltscheuer, Christoph, Johann Weyer, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/johann-weyer/DE-2086/lido/57c92e31ef6824.72704581 (23.05.2018)