Norbert Burgmüller

Komponist (1810–1836)

Klaus Martin Kopitz (Berlin)

Norbert Burgmüller, Kohlezeichnung von Johann Baptist Sonderland (1805-1878), um 1832. (Stadtmuseum Düsseldorf)

Nor­bert Burg­mül­ler war ei­ner der be­gab­tes­ten Kom­po­nis­ten der nach­klas­si­schen Ära, die heu­te als Ro­man­tik be­zeich­net wird. Kein Ge­rin­ge­rer als Ro­bert Schu­mann schrieb nach dem Stu­di­um ei­ni­ge sei­ner Wer­ke: „Nach Franz Schu­berts früh­zei­ti­gem Tod konn­te kei­ner schmerz­li­cher tref­fen als der Burg­mül­lers. An­statt dass das Schick­sal ein­mal in je­nen Mit­tel­mä­ßig­kei­ten de­zi­mie­ren soll­te, wie sie scha­ren­wei­se her­um­la­gern, nimmt es uns die bes­ten Feld­her­ren­ta­len­te selbst weg. Franz Schu­bert sah sich zwar noch bei sei­nen Leb­zei­ten ge­prie­sen; Burg­mül­ler aber ge­noss kaum der An­fän­ge ei­ner öf­fent­li­chen An­er­ken­nung und war nur ei­nem klei­nen Krei­se be­kannt.“ Den­noch blie­ben Burg­mül­lers Wer­ke lan­ge Zeit ver­ges­sen und wur­den erst Mit­te der 1980er Jah­re wie­der ent­deckt. In­zwi­schen ist sein Schaf­fen in ei­ner sie­ben­bän­di­gen his­to­risch-kri­ti­schen Ge­samt­aus­ga­be zu­gäng­lich, die in der Rei­he „Denk­mä­ler rhei­ni­scher Mu­si­k“ er­schie­nen ist. In­iti­iert wur­de die Aus­ga­be von der Nor­bert-Burg­mül­ler-Ge­sell­schaft e.V., nam­haft un­ter­stützt von der Kunst­stif­tung NRW und dem Land­schafts­ver­band Rhein­land. Fast al­le Wer­ke lie­gen auch auf CD vor.

Burg­mül­ler wur­de am 8.2.1810 in Düs­sel­dorf ge­bo­ren. Er war das drit­te und jüngs­te Kind des aus Mag­de­burg stam­men­den Ka­pell­meis­ters Au­gust Burg­mül­ler (1766–1824), der in Düs­sel­dorf den Pos­ten des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors be­klei­de­te, und des­sen Gat­tin, der Pia­nis­tin und Sän­ge­rin The­re­se von Zandt (1771–1858). Sei­ne Ge­schwis­ter wa­ren Franz Burg­mül­ler (1805–1834), der ei­ne mi­li­tä­ri­sche Lauf­bahn ein­schlug, und der eben­falls als Kom­po­nist tä­ti­ge Fried­rich Burg­mül­ler (1806–1874). Fried­rich mach­te sich ins­be­son­de­re mit leicht spiel­ba­ren Etü­den ei­nen Na­men, die noch heu­te im Kla­vier­un­ter­richt Ver­wen­dung fin­den.

Nor­berts frü­hes­te er­hal­te­ne Kom­po­si­ti­on, das 1. Streich­quar­tett, stammt aus dem Jah­re 1825 und ist be­reits ein durch­aus ei­gen­stän­di­ges Werk. Et­wa zur sel­ben Zeit fand er in dem Gra­fen Franz von Nes­sel­ro­de-Eh­re­s­ho­ven (1783–1847) ei­nen ein­fluss­rei­chen Mä­zen. Auf des­sen Schloss in Eh­re­s­ho­ven kom­po­nier­te Burg­mül­ler im Herbst 1826 ein wei­te­res Quar­tett und über­sie­del­te an­schlie­ßend nach Kas­sel, wo er Schü­ler von Louis Sp­ohr (1784–1859) und Mo­ritz Haupt­mann (1792–1868) wur­de. Fi­nan­ziert wur­de das Stu­di­um von Graf Nes­sel­ro­de, dem Burg­mül­ler da­für das Haupt­werk der Kas­se­ler Jah­re wid­me­te, sein 1828/1829 ent­stan­de­nes fis-Moll-Kla­vier­kon­zert. Es be­legt ein­drucks­voll, dass Burg­mül­ler auch ein aus­ge­zeich­ne­ter Pia­nist war, der das an­spruchs­vol­le, fast sin­fo­ni­sche Werk am 14.1.1830 in Kas­sel selbst zur Ur­auf­füh­rung brach­te. Im sel­ben Kon­zert, das Louis Sp­ohr lei­te­te, wirk­te auch Burg­mül­lers da­ma­li­ge Ver­lob­te, die in Kas­sel be­lieb­te Opern­sän­ge­rin So­phia Ro­land (1804–1830) mit. Sie brach ei­ni­ge Wo­chen spä­ter zu ei­nem Gast­spiel nach Pa­ris auf, lös­te die Ver­bin­dung mit dem Kom­po­nis­ten und starb kurz dar­auf in Aa­chen an Ty­phus. Für Burg­mül­ler, des­sen Kar­rie­re so hoff­nungs­voll be­gon­nen hat­te, war dies ein Schick­sals­schlag, über den er nur schwer hin­weg kam. Die Fol­ge wa­ren epi­lep­ti­sche An­fäl­le, die ihn im Herbst 1830 zwan­gen, nach Düs­sel­dorf zu­rück­zu­keh­ren, wo er bis zu sei­nem Tod zu­rück­ge­zo­gen bei der Mut­ter leb­te.

 

Ei­ne Wen­de brach­te das Jahr 1833, als Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dy (1809–1847) in Düs­sel­dorf das Amt des Städ­ti­schen Mu­sik­di­rek­tors über­nahm und sich nach­hal­tig für Burg­mül­lers Schaf­fen en­ga­gier­te. Mend­es­sohn spiel­te am 3.5.1834 Burg­mül­lers Kla­vier­kon­zert und er­mög­lich­te ihm am 13.11.1834 die Ur­auf­füh­rung der 1. Sin­fo­nie, die auf ein äu­ßerst po­si­ti­ves Echo stieß. 1838 brach­te Men­dels­sohn sie auch im Leip­zi­ger Ge­wand­haus zur Auf­füh­rung, was Schu­mann, der sich un­ter den Zu­hö­rern be­fand, zu der Be­mer­kung ver­an­lass­te, er hal­te sie für „das be­deu­tends­te, no­bels­te Werk im Sin­fo­ni­en­fach, das die jün­ge­re Zeit her­vor­ge­bracht.“

Er­mu­tigt von dem gro­ßen Er­folg be­gann Burg­mül­ler im Herbst 1834 mit der Kom­po­si­ti­on der 2. Sin­fo­nie, die un­voll­endet blieb – oder nur un­voll­stän­dig über­lie­fert ist. Nur die ers­ten bei­den Sät­ze sind voll­stän­dig or­ches­triert, beim drit­ten Satz, dem Scher­zo, bricht die In­stru­men­ta­ti­on mit Be­ginn des Tri­os ab. Der Satz wur­de spä­ter nach Burg­mül­lers er­hal­te­ner Par­ti­cell-Skiz­ze von Schu­mann ver­voll­stän­digt. Trotz des feh­len­den Fi­na­les wirkt das Werk in sich ge­schlos­sen und stellt ei­nen be­deu­ten­den Bei­trag zur Sin­fo­nik des 19. Jahr­hun­derts dar.

Zu den in je­der Hin­sicht aus­ge­reif­ten „Spät­wer­ken“ Burg­mül­lers zäh­len da­ne­ben das 4. und letz­te Streich­quar­tett, das dem be­freun­de­ten Land­schafts­ma­ler Jo­hann Wil­helm Schir­mer ge­wid­met wur­de, so­wie die Rhap­so­die für Kla­vier, die be­reits an Jo­han­nes Brahms (1833–1897) ge­mahnt, der spä­ter tat­säch­lich zu den Be­wun­de­rern Burg­mül­lers ge­hör­te. In Brahms’ Nach­lass, der sich heu­te im Ar­chiv der Ge­sell­schaft der Mu­sik­freun­de in Wien be­fin­det, fand sich auch ein Ex­em­plar von Burg­mül­lers ein­zi­ger Kla­vier­so­na­te.

Wenn­gleich Men­dels­sohn Düs­sel­dorf schon 1835 wie­der ver­ließ, um den at­trak­ti­ven Di­ri­gen­ten­pos­ten in Leip­zig zu über­neh­men, blieb Burg­mül­lers Schaf­fens­kraft un­ge­bro­chen. Zu­dem brach­te es die le­bens­lan­ge För­de­rung durch den Gra­fen Nes­sel­ro­de mit sich, dass sich der Kom­po­nist wäh­rend ei­nes Som­mer­auf­ent­halts in Eh­re­s­ho­ven in die gräf­li­che Gou­ver­nan­te, die jun­ge Fran­zö­sin Jo­se­phi­ne Col­lin ver­lieb­te, die sei­ne zwei­te Ver­lob­te wur­de. Bei­de plan­ten, Düs­sel­dorf zu ver­las­sen und sich in Pa­ris nie­der­zu­las­sen, wo be­reits Nor­berts Bru­der Fried­rich leb­te. Wie glück­lich Burg­mül­ler über die Lie­be zu Jo­se­phi­ne war, lässt sich in ge­wis­ser Wei­se auch an sei­nen Wer­ken ab­le­sen: Hat­te er sei­ne Ma­nu­skrip­te bis­her mit dem Mo­no­gramm „N.B.“ si­gniert, so un­ter­zeich­ne­te er jetzt mit „N.B.J.C.“, die Buch­sta­ben eng in­ein­an­der ver­schlun­gen. Au­ßer­dem er­wei­ter­te er sein bis­he­ri­ges Mot­to „a.m.G.“ (al­les mit Gott), das sich auf vie­len Au­to­gra­phen fin­det, zu „a.m.G.u.m.J.“ (al­les mit Gott und mei­ner Jo­se­phi­ne).

In den letz­ten Jah­ren sei­nes Le­bens ver­band Burg­mül­ler ei­ne un­ge­wöhn­li­che Freund­schaft mit dem ex­zen­tri­schen Dra­ma­ti­ker Chris­ti­an Diet­rich Grab­be (1801–1836), der 1834 nach Düs­sel­dorf kam. Der ver­arm­te und dem Al­ko­hol ver­fal­le­ne Grab­be er­hoff­te sich dort Hil­fe von dem Schrift­stel­ler und Thea­ter­lei­ter Karl Im­mer­mann, der das Thea­ter der Stadt zu ei­ner der ers­ten Büh­nen Deutsch­lands re­for­miert hat­te. War Grab­be mit Im­mer­mann bald zer­strit­ten, so blieb sei­ne Be­zie­hung mit Burg­mül­ler be­ste­hen. Le­gen­där wa­ren die Zech­ge­la­ge der bei­den in der Künst­ler­knei­pe „Zum Dra­chen­fel­s“. Burg­mül­ler be­saß auch das Por­trät Grab­bes von Wil­helm Pe­ro (1808–1868), ei­ne Zeich­nung, die als bes­tes Por­trät Grab­bes gilt und heu­te zu dem Samm­lun­gen des Wall­raf-Ri­ch­artz-Mu­se­ums in Köln ge­hört. Wenn­gleich Burg­mül­ler in Grab­be ei­nen der be­deu­tends­ten Dra­ma­ti­ker sei­ner Zeit sah, so kann­te sei­ne Be­wun­de­rung auch Gren­zen. Grab­bes aber­wit­zi­ge Opern­par­odie „Der Ci­d“, die er spe­zi­ell für Burg­mül­ler ver­fass­te, hat die­ser nicht ver­tont.

An­fang Mai 1836 reis­te der Kom­po­nist zur Kur nach Aa­chen, wo er am 7. Mai im „Qui­ri­nus­ba­d“ er­trank, wahr­schein­lich in Fol­ge ei­nes epi­lep­ti­schen An­falls. Die Lei­che wur­de nach Düs­sel­dorf über­führt und un­ter gro­ßer An­teil­nah­me der Be­völ­ke­rung bei­ge­setzt. Der ge­ra­de in Düs­sel­dorf wei­len­de Men­dels­sohn schrieb zum Be­gräb­nis ei­nen Trau­er­marsch, Grab­be ver­öf­fent­li­che ei­nen er­grei­fen­den Nach­ruf.

Erst 1838 wur­den erst­mals ei­ni­ge Wer­ke Burg­mül­lers ge­druckt, die Ro­bert Schu­mann mit dem ein­gangs zi­tier­ten Aus­spruch kom­men­tier­te. Schu­manns An­re­gung ist es auch zu ver­dan­ken, dass ei­ner der Freun­de Burg­mül­lers, der Schrift­stel­ler Wolf­gang Mül­ler von Kö­nigs­win­ter, sei­ne Er­in­ne­run­gen an Burg­mül­ler zu Pa­pier brach­te, die Schu­mann 1840 in sei­ner „Neu­en Zeit­schrift für Mu­si­k“ ver­öf­fent­lich­te. 1864 wur­de auf Burg­mül­lers Grab auf dem Düs­sel­dor­fer Nord­fried­hof ein Grab­mal er­rich­tet, das die hei­li­ge Cä­ci­lia dar­stellt. Das Grab ist heu­te Dau­er­eh­ren­grab der Stadt Düs­sel­dorf.

Werke (Auswahl)

  1. Sin­fo­nie c-Moll op. 2, 1830/1833.

  2. Sin­fo­nie D-Dur op. 11, 1834/1836.

Ou­ver­tü­re f-Moll op. 5, 1826/1834.

Kla­vier­kon­zert fis-Moll op. 1, 1828/1829.

Vier Entr’ac­tes für klei­nes Or­ches­ter op. 17, 1827/1828.

Vier Streich­quar­tet­te opp. 4, 7, 9 und 14, 1825, 1825/1826, 1826, 1835.

Duo Es-Dur für Kla­ri­net­te und Kla­vier op. 15. 1834.

Lie­der opp. 3, 6, 10 und 12, 1827–1836.

So­na­te f-Moll op. 8 für Kla­vier, 1826.

Rhap­so­die h-Moll op. 13 für Kla­vier, 1834/1835.

Po­lo­nai­se F-Dur op. 16 für Kla­vier, 1832.

Literatur

Bol­zan, Clau­dio, Nor­bert Burg­mül­ler. La vi­ta e l’ope­ra di un gran­de sin­fo­nis­ta nella Ger­ma­nia del pri­mo ’800, Tre­vi­so 1995.
Eckert, Hein­rich, Nor­bert Burg­mül­ler. Ein Bei­trag zur Stil- und Geis­tes­ge­schich­te der deut­schen Ro­man­tik, Augs­burg 1932.
Koch, To­bi­as/Ko­pitz, Klaus Mar­tin (Hg.), No­ta Be­ne Nor­bert Burg­mül­ler. Stu­di­en zu ei­nem Zeit­ge­nos­sen von Men­dels­sohn und Schu­mann, Köln 2009.
Ko­pitz, Klaus Mar­tin, Der Düs­sel­dor­fer Kom­po­nist Nor­bert Burg­mül­ler. Ein Le­ben zwi­schen Beet­ho­ven – Sp­ohr – Men­dels­sohn, Kle­ve 1998.
Mül­ler von Kö­nigs­win­ter, Wolf­gang, „Ich glaub­te nur an Mu­sik.“ Er­in­ne­run­gen an Nor­bert Burg­mül­ler, kom­men­tiert von Klaus Mar­tin Ko­pitz, Be­gleit­buch zur Aus­stel­lung zum 200. Ge­burts­tag Nor­bert Burg­mül­lers im Hein­rich-Hei­ne-In­sti­tut vom 8. Fe­bru­ar bis 14. April 2010, Düs­sel­dorf 2010.

Norbert Burgmüller, Lithographie von Jakob Becker (1810-1872), um 1835. (Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf)

 
Zitationshinweis

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Kopitz, Klaus Martin, Norbert Burgmüller, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/norbert-burgmueller-/DE-2086/lido/57c58b16210ea1.41983774 (22.05.2018)