Otto Müller

NS-Widerstandskämpfer (1870-1944)

Jennifer Striewski (Bonn)

Otto Müller, Porträtfoto. (Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin)

Ot­to Mül­ler war als ka­tho­li­scher Pries­ter, Ver­bands­prä­ses der Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne West­deutsch­lands und Be­grün­der des „Ket­te­ler­hau­ses" in Köln ei­ne der prä­gen­den Ge­stal­ten des deut­schen Ver­bands­ka­tho­li­zis­mus. Als Mit­glied des „Köl­ner Krei­ses" im Wi­der­stand ge­gen das NS-Re­gime en­ga­giert, wur­de Mül­ler we­gen sei­ner Be­tei­li­gung an der Pla­nung für ei­ne Neu­ord­nung Deutsch­lands und der Un­ter­stüt­zung des At­ten­ta­tes vom 20.7.1944 ver­haf­tet und in Ber­lin-Te­gel in­ter­niert.

Ge­bo­ren am 9.12.1870 in Ecken­ha­gen als Sohn des Leh­rers Gus­tav Mül­ler (1843-1916) und sei­ner Frau Hen­ri­et­te ge­bo­re­ne Va­lent­horn (ge­bo­ren 1848), wuchs Mül­ler bis zur Ver­set­zung sei­nes Va­ters nach Es­sen und Hei­ßen (heu­te Stadt Mül­heim an der Ruhr) im Ber­gi­schen Land auf. 1889 ab­sol­vier­te er in Mül­heim an der Ruhr das Ab­itur, um an­schlie­ßend von 1889 bis 1894 an der Rhei­ni­schen Fried­rich-Wil­helms-Uni­ver­si­tät Bonn ka­tho­li­sche Theo­lo­gie und Phi­lo­so­phie zu stu­die­ren. Als Mit­glied der „Ka­tho­li­schen Deut­schen Stu­den­ten­ver­bin­dung No­ve­sia Bonn" lern­te er den spä­te­ren Erz­bi­schof von Köln Karl Jo­sef Kar­di­nal Schul­te ken­nen.

Nach Be­en­di­gung sei­ner Stu­di­en wur­de Ot­to Mül­ler am 15.8.1894 durch den Köl­ner Erz­bi­schof Phil­ipp Kar­di­nal Kre­mentz zum Pries­ter ge­weiht und noch im sel­ben Jahr zum Ka­plan der klei­nen Ge­mein­de Mors­bach im Ober­ber­gi­schen be­stellt. Da sich Mül­ler hier nicht aus­ge­las­tet fühl­te, bat er 1895 um ei­ne neue Auf­ga­be. Sei­ner Bit­te wur­de mit der Ver­set­zung an die Haupt­pfar­re in Mön­chen­glad­bach im Ok­to­ber 1895 statt­ge­ge­ben.

Schon früh er­kann­te Mül­ler die Be­deu­tung der Ar­bei­ter­bil­dung in ei­ner Zeit der schnell vor­an­schrei­ten­den In­dus­tria­li­sie­rung. Schon als jun­ger Ka­plan be­gann er da­her mit der Bil­dungs­ar­beit auf prak­tisch-so­zia­len Grund­la­gen. En­de 1896 über­nahm er die Lei­tung des „Ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­nes Mön­chen­glad­bach" mit über 1.200 Mit­glie­dern.

Als sei­ne ers­ten Ver­su­che, die Ver­eins­mit­glie­der an so­zia­le Fra­ge­stel­lun­gen und volks­bil­den­de Auf­ga­ben her­an­zu­brin­gen, schei­ter­ten, nahm Mül­ler Kon­takt zu Au­gust Pie­per (1866-1942) auf, der als Ge­ne­ral­se­kre­tär des „Volks­ver­eins für das ka­tho­li­sche Deutsch­land" fun­gier­te. 1899 trat Ot­to Mül­ler als Re­fe­rent für Ar­bei­ter­fra­gen und so­zia­les Ver­eins­we­sen in die Zen­tra­le des „Volks­ver­eins" ein und grün­de­te zu­sam­men mit Pie­per die „West­deut­sche Ar­bei­ter­zei­tung" (1935 um­be­nannt in „Ket­te­ler-Wacht") als Sprach­rohr für die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter.

1899 war Mül­ler ma­ß­geb­lich an der Grün­dung ei­nes christ­li­chen Tex­til­ar­bei­ter­ver­ban­des in Mön­chen­glad­bach be­tei­ligt. Weit über den lo­ka­len Be­reich hin­aus wirk­te er in den nächs­ten Jah­ren auch am Auf­bau der christ­li­chen Ge­werk­schafts­be­we­gung mit.

Nach der Be­ru­fung zum Ge­ne­ral­se­kre­tär der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne der Erz­diö­ze­se Köln im Jahr 1900, nahm Ot­to Mül­ler 1902 an der Al­bert-Lud­wigs-Uni­ver­si­tät in Frei­burg im Breis­gau ein Zweit­stu­di­um in Na­tio­nal­öko­no­mie auf, wor­in er 1904 mit ei­ner Ar­beit über „Die christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten in Deutsch­land" pro­mo­viert wur­de. Im glei­chen Jahr er­schien sei­ne „Ge­schich­te der christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten West­deutsch­lands".

1903 schlos­sen sich auf An­re­gung Mül­lers die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne ver­schie­de­ner west­deut­scher Diö­ze­sen zum „Ver­band ka­tho­li­scher Ar­bei­ter­ver­ei­ne West­deutsch­lands" zu­sam­men, der nach dem An­schluss ei­ni­ger Knap­pen­ver­ei­ne im Raum Es­sen 1904 den end­gül­ti­gen Na­men „Ver­band west­deut­scher Ar­bei­ter- und Knap­pen­ver­ei­ne" trug. Als ers­ter Ge­ne­ral­se­kre­tär wid­me­te sich Mül­ler vor al­lem dem or­ga­ni­sa­to­ri­schen und struk­tu­rel­len Auf- und Aus­bau der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne. Für die Ar­bei­ter­schaft streb­te Mül­ler nicht nur ei­ne um­fas­sen­de Ca­ri­tas an, son­dern for­der­te auch so­zia­le und po­li­ti­sche Ge­rech­tig­keit.

1906 folg­te Mül­ler Au­gust Pie­per als Diö­ze­san­prä­ses der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­ver­ei­ne der Erz­diö­ze­se Köln. Sei­ne Haupt­auf­ga­be sah Mül­ler in der Bil­dung und po­li­ti­schen Eman­zi­pa­ti­on der Ar­bei­ter, wes­halb er die Ar­bei­ter­ver­ei­ne zu kul­tu­rel­len und po­li­ti­schen Bil­dungs- und Schu­lungs­stät­ten um­form­te: Zwi­schen 1919 und 1929 in Mön­chen­glad­bach und bis 1933 in Köln en­ga­gier­te sich Ot­to Mül­ler auch als Stadt­ver­ord­ne­ter für die Ar­bei­ter­be­we­gung. Als Mül­ler 1917 öf­fent­lich für die Ab­schaf­fung des preu­ßi­schen Drei­klas­sen­wahl­rechts ein­trat, er­reg­te er den Un­mut des Köl­ner Erz­bi­schof­s Fe­lix Kar­di­nal von Hart­mann, der ihn um­ge­hend aus dem Amt des Diö­ze­san­prä­ses ent­ließ. Das hat­te je­doch ei­ne hef­ti­ge Re­ak­ti­on der Ar­bei­ter­ver­ei­ne zur Fol­ge. Au­gust Pie­per trat 1918 als Vor­sit­zen­der des „Ver­ban­des west­deut­scher Ar­bei­ter- und Knap­pen­ver­ei­ne" zu­rück, um sei­nen Platz für Ot­to Mül­ler frei zu ma­chen.

1921 fass­te Mül­ler im „Würz­bur­ger Pro­gramm" die Grund­sät­ze und Ziel­set­zun­gen der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­be­we­gung zu­sam­men und be­müh­te sich seit An­fang der 1920er Jah­re mit Freun­den aus ka­tho­li­schen So­zi­al­be­we­gun­gen in den Nach­bar­län­dern um die Grün­dung ei­ner „In­ter­na­tio­na­len ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­be­we­gung". Da­zu be­rief er 1928 ei­nen Kon­gress nach Köln ein.

1928 ver­leg­te Mül­ler die Zen­tra­le des west­deut­schen Ver­ban­des von Mön­chen­glad­bach nach Köln, wo mit Hil­fe Kon­rad Ade­nau­ers ei­ne gro­ße Ver­bands­zen­tra­le, das „Ket­te­ler­haus" auf­ge­baut wer­den konn­te. Au­ßer­dem hol­te er Ni­ko­laus Groß als Re­dak­teur der „West­deut­schen Ar­bei­ter­zei­tung" un­d Bern­hard Let­ter­haus als Ver­bands­se­kre­tär nach Köln.

Hat­te Mül­lers po­li­ti­sche Auf­merk­sam­keit zu­nächst dem Kom­mu­nis­mus ge­gol­ten, so en­ga­gier­te er sich be­reits vor der Macht­über­nah­me durch Adolf Hit­ler (Amts­zeit 1933-1945) am 30.1.1933 ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Mehr­mals äu­ßer­te sich Mül­ler ent­spre­chend kri­tisch in der „West­deut­schen Ar­bei­ter­zei­tung" und sah ei­ne wich­ti­ge Auf­ga­be des Ver­ban­des in der welt­an­schau­li­chen und po­li­ti­schen Schu­lung der Ar­bei­ter ge­gen die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten.

Die "Macht­er­grei­fung" be­deu­te­te für Ot­to Mül­ler und die ka­tho­li­schen Ge­werk­schaf­ten ei­ne Zä­sur. In ei­ner Wahl­ver­an­stal­tung der Zen­trums­par­tei hielt Mül­ler ei­ne letz­te gro­ße Re­de ge­gen die neu­en Macht­ha­ber. Im März 1933 lehn­te er es als Rats­mit­glied der Stadt Köln ab, sich „zu Eh­ren der To­ten" der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen „Be­we­gung" zu er­he­ben, kurz dar­auf muss­te Mül­ler sein Man­dat auf­grund mas­si­ver Dro­hun­gen nie­der­le­gen.

Zu­sam­men mit Ni­ko­laus Groß und Bern­hard Let­ter­haus ver­such­te Mül­ler nach dem Ver­bot der Dop­pel­mit­glied­schaft 1934 durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und der dar­auf fol­gen­den Auf­lö­sung der ka­tho­li­schen Ar­bei­ter­be­we­gung, de­mons­tra­tiv Öf­fent­lich­keit durch Wall­fahr­ten her­zu­stel­len. Die ka­tho­li­schen Ar­bei­ter soll­ten zu ei­nem ein­deu­ti­gen Be­kennt­nis für das Chris­ten­tum und ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus auf­ge­ru­fen wer­den. Mehr­fach pran­ger­te er auch die Hal­tung des Epis­ko­pats ge­gen­über dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus an.

Seit Mit­te der 1930er Jah­re such­te Mül­ler Kon­takt zu op­po­si­tio­nel­len Mi­li­tärs und Ein­zel­per­so­nen und hielt Ver­bin­dun­gen zu ver­schie­de­nen Wi­der­stands­krei­sen, de­nen er mehr­fach das „Ket­te­ler­haus" für Tref­fen zur Ver­fü­gung stell­te. Zu den Teil­neh­mern zähl­te auch Al­fred Delp (1907-1945); ne­ben den Ver­bin­dun­gen zum „Krei­sau­er Kreis" hat­te die Wi­der­stands­grup­pe des „Köl­ner Krei­ses" um Ot­to Mül­ler Kon­takt zur Op­po­si­ti­ons­grup­pe um Carl Fried­rich Go­er­de­ler (1884-1945). Die­ser hat­te in en­ger Zu­sam­men­ar­beit mit den Ver­schwö­rern des 20.7.1944 die Lis­ten der An­ge­hö­ri­gen ei­ner zu­künf­ti­gen Re­gie­rung auf­ge­stellt, zu der auch Let­ter­haus als Mi­nis­ter für Wi­der­auf­bau ge­hör­te.

Nach dem ge­schei­ter­ten At­ten­tat fand die Ge­sta­po bald her­aus, dass das Köl­ner „Ket­te­ler­haus" bei den Vor­be­rei­tun­gen ei­ne gro­ße Rol­le ge­spielt hat­te. Be­reits im Ju­li und Au­gust 1944 wur­den Groß und Let­ter­haus fest­ge­nom­men und vor dem Volks­ge­richts­hof durch Ro­land Freis­ler (1893-1945) zum To­de ver­ur­teilt.

Ot­to Mül­ler wur­de nach dem 18.9.1944 in Ol­pe, wo­hin er sich auf­grund sei­ner schlech­ten Ge­sund­heit hat­te zu­rück­zie­hen müs­sen, aus­fin­dig ge­macht und ver­haf­tet. Be­reits schwer er­krankt und bei­na­he er­blin­det, wur­de er in die Straf­an­stalt Ber­lin-Te­gel ge­bracht. Am 12.10.1944 starb Ot­to Mül­ler im Al­ter von 73 Jah­ren im Staats­kran­ken­haus der Ber­li­ner Po­li­zei. Sein Grab ist nicht be­kannt.

1948 wur­de der Bed­bur­ger Platz in Köln zu Eh­ren des Wi­der­stands­kämp­fers in Prä­lat-Ot­to-Mül­ler-Platz um­be­nannt, in Ol­pe trägt ei­ne Stra­ße sei­nen Na­men.

Werke

Ar­bei­te­rin­nen­für­sor­ge in weib­li­chen Ju­gend­ver­ei­nen, Mön­chen­glad­bach 1913.

Die Für­sor­ge für die in­dus­tri­el­len Ar­bei­ter auf dem Lan­de, Mön­chen­glad­bach 1911.

Ge­schich­te der christ­li­chen Ge­werk­schaf­ten Deutsch­lands, Mön­chen­glad­bach 1904.

Literatur

Aretz, Jür­gen, Ot­to Mül­ler, in: Ru­dolf Mor­sey / Jür­gen Aretz (Hg.), Zeit­ge­schich­te in Le­bens­bil­dern, Band 3, Mainz 1979, S. 191-203.

Bü­cker, Ve­ra, Der ­K­öl­ner Kreis und sei­ne Kon­zep­ti­on für ein Deutsch­land nach Hit­ler, in: His­to­risch-po­li­ti­sche Mit­tei­lun­gen 2 (1995), S. 49-82.

Kemp­ner, Be­ne­dic­ta Ma­ria, Pries­ter vor Hit­lers Tri­bu­na­len, Mün­chen 1966, S. 311-312.

Moll, Hel­mut, Die ka­tho­li­schen Mär­ty­rer des 20. Jahr­hun­derts, Pa­der­born 1999.

Moll, Hel­mut, Zeu­gen für Chris­tus. Das deut­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um des 20. Jahr­hun­derts, Pa­der­born 2000, S. 282-284.

Sau­ser, Ek­kart, Ar­ti­kel "Mül­ler, Ot­to", in: Bio­gra­phisch-Bi­blio­gra­phi­sches Kir­chen­le­xi­kon 17 (2000), Sp. 987-988.

Steh­käm­per, Hu­go, Pro­test, Op­po­si­ti­on und Wi­der­stand im Um­kreis der (un­ter­ge­gan­ge­nen) Zen­trums­par­tei, in: Hu­go Steh­käm­per, Köln – und dar­über hin­aus. Aus­ge­wähl­te Ab­hand­lun­gen, Band 2, Köln 2004, S. 1523-1589.

Online

Aretz, Jür­gen, "Mül­ler, Ot­to", in: Neue Deut­sche Bio­gra­phie 18 (1997), S. 464-465. [On­line]

Bü­cker, Ve­ra, Mit­glie­der des Köl­ner Krei­ses - Prä­lat Dr. Ot­to Mül­ler (In­for­mai­on auf der Web­site „Echt nah dran" – His­to­risch-wis­sen­schaft­li­che Diens­te und Stu­di­en­tou­ren im Ruhr­ge­biet). [On­line]

Ot­to Mül­ler (Bio­gra­phi­sche Kurz­in­for­ma­ti­on auf der Web­site der Ge­denk­stät­te Deut­scher Wi­der­stand). [On­line]

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Striewski, Jennifer, Otto Müller, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/otto-mueller/DE-2086/lido/57c9510c5a6cd2.29787289 (11.11.2018)