Peter Beier

Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland (1934-1996)

Folkert Rickers (Duisburg)

Peter Beier, Porträtfoto. (Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Schlagworte

Pe­ter Bei­er war ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Per­sön­lich­kei­ten des rhei­ni­schen Pro­tes­tan­tis­mus im 20. Jahr­hun­dert. Er trat für ein Chris­ten­tum ein, das we­ni­ger re­li­giö­sen Dog­men ver­haf­tet sein, son­dern sich den Pro­ble­men der Zeit öff­nen soll­te. In ei­ner Rei­he von Zeit­fra­gen po­si­tio­nier­te er sich, wie bei­spiels­wei­se in der Fra­ge ei­ner wei­te­ren Ra­ke­ten­nach­rüs­tung An­fang der 1980er Jah­re, die er ab­lehn­te. Sol­che po­li­ti­schen Op­tio­nen mach­ten ihn eben­so an­greif­bar wie glaub­wür­dig, aber auch weit über das Rhein­land hin­aus be­kannt.

Pe­ter Bei­er wur­de am 5.12.1934 in Frie­de­berg (Kreis Lö­wen­berg, Nie­der­schle­si­en) als Sohn des Land­wirts Al­fred Bei­er ge­bo­ren. Der Hof des Va­ters wur­de 1945 ent­eig­net, die Fa­mi­lie 1946 aus Schle­si­en ver­trie­ben. Nach dem Ab­itur in Gre­ven­broich 1955 stu­dier­te er bis 1959 Evan­ge­li­sche Theo­lo­gie in Hei­del­berg, Bonn und Wup­per­tal. Schon zu An­fang sei­nes Theo­lo­gie­stu­di­ums fiel er der Kir­chen­lei­tung auf: "Kein üb­li­cher bra­ver Mann, son­dern in star­ker Aus­ein­an­der­set­zung mit den so­zia­len Fra­gen. Er will in die Ge­werk­schaft ein­tre­ten. Ich ha­be von B. den Ein­druck, dass er gründ­lich in die Zeit­pro­ble­me ein­steigt und da­zu ein­satz­be­reit ist. Man muss für die Zu­kunft ei­ne mög­li­che be­son­de­re Ver­wen­dung in ei­ner In­dus­trie­ge­mein­de für ihn Aus­schau hal­ten" (Ver­merk Lan­des­kir­chen­rat Quaas vom 6.8.1955 nach ei­nem Ge­spräch mit Bei­er am 16.7.1955 in Hei­del­berg; Per­so­nal­ak­te Pe­ter Bei­er).

Bei­er war seit 1962 ver­hei­ra­tet mit Ro­se­ma­rie Bei­er, ge­bo­re­ne Dru­bel. Aus der Ehe gin­gen vier Kin­der her­vor.

1962 or­di­niert, über­nahm Bei­er 1963 ei­ne Pfarr­stel­le in der Evan­ge­li­schen Ge­mein­de in Dü­ren. Ab 1972 war er auch Su­per­in­ten­dent des Kir­chen­krei­ses Jü­lich. Seit 1969 war er Mit­glied der Lan­des­syn­ode, ab 1985 ne­ben­amt­li­ches Mit­glied der Kir­chen­lei­tung. Am 11.1.1989 wähl­te ihn die Lan­des­syn­ode zum Prä­ses der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land , ein Amt, das er bis zu sei­nem To­de am 10.11.1996 in­ne hat­te. Tur­nus­ge­mäß war er 1990 bis 1991 und wie­der von 1993 an Vor­sit­zen­der des Ra­tes der Evan­ge­li­schen Kir­che der Uni­on.

Ge­prägt in sei­nem Stu­di­um durch die Theo­lo­gie Ru­dolf Bult­manns (1884-1976), war Bei­er in die­ser Zeit zu­sam­men mit den Kol­le­gen Die­ter Schmit­ten und Mar­tin Mey­lan be­son­ders be­müht, die Er­geb­nis­se der his­to­risch-kri­ti­schen Er­for­schung der Bi­bel für die Ge­mein­de­ar­beit frucht­bar zu ma­chen, vor al­lem in der Pre­digt. Er war be­kannt für sei­ne sach­lich an­spruch­vol­len, stets theo­lo­gisch re­flek­tier­ten Pre­dig­ten, aber auch we­gen sei­ner Pre­digtspra­che, die ei­ne ei­ge­ne Fas­zi­na­ti­on auf die Hö­rer aus­üb­te. Sei­ne be­son­de­re Spach­ge­stal­tung hat auch in zahl­rei­chen von ihm ver­fass­ten Ar­ti­keln ih­ren Nie­der­schlag ge­fun­den.

Dar­über hin­aus war Bei­er in Dü­ren En­de der 1960er Jah­re die trei­ben­de Kraft für neue Per­spek­ti­ven der Ge­mein­de­ge­stal­tung; un­ter an­de­rem geht auf sei­ne In­itia­ti­ve zu­rück, dass ein­mal im Mo­nat in der Chris­tus­kir­che ein sonn­täg­li­cher Got­tes­dienst als Son­der­got­tes­dienst ein­ge­führt wur­de, der frei ge­stal­tet wer­den konn­te – ei­ne Re­ge­lung, die bis heu­te Be­stand hat. Er war der "spi­ri­tus rec­tor"  in Ver­su­chen neu­er Be­kennt­nis­for­mu­lie­run­gen, die in der Dü­re­ner Ge­mein­de dis­ku­tiert, in Ge­mein­de­brie­fen do­ku­men­tiert und bei der Ein­stel­lung neu­er Mit­ar­bei­ter/in­nen auch prak­tisch re­le­vant wur­den.

An­fang der 80er Jah­re er­reg­te Bei­er öf­fent­li­ches Auf­se­hen durch sein En­ga­ge­ment in der Frie­dens­be­we­gung, die sich ge­gen die Plä­ne der da­ma­li­gen Bun­des­re­gie­rung un­ter Bun­des­kanz­ler Hel­mut Schmidt (Amts­zeit 1974-1982) wand­te, in Deutsch­land neue Pers­hing II-Ra­ke­ten auf­stel­len zu las­sen. In De­mons­tra­tio­nen, Po­di­ums­ge­sprä­chen und öf­fent­li­chen Er­klä­run­gen war Bei­er der Wort­füh­rer ei­ner Grup­pe gleich­ge­sinn­ter Su­per­in­ten­den­ten. In sei­ner Amts­füh­rung hat Bei­er be­son­de­re Ak­zen­te ge­setzt, die in den Lau­da­tio­nes (Wür­di­gun­gen) zu den bei­den Eh­ren­pro­mo­tio­nen am 23.11.1994 durch die Evan­ge­lisch-Theo­lo­gi­sche Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Bonn und am 18.5.1995 durch den Fach­be­reich 1 der Ger­hard-Mer­ca­tor-Uni­ver­si­tät–Ge­samt­hoch­schu­le Duis­burg, be­son­ders her­vor­ge­ho­ben wur­den. In der Bon­ner Fest­re­de stell­te man her­aus, dass Bei­er auch in sei­ner Zeit als Prä­ses vor al­lem der Pre­di­ger ge­blie­ben sei, des­sen Pre­dig­ten und Bi­bel­ar­bei­ten sich durch en­ga­gier­ten Ge­sell­schafts­be­zug, theo­lo­gi­schen Ge­halt, sprach­li­che Bril­lanz, ein­präg­sa­me Bil­der, poin­tier­te For­mu­lie­run­gen und viel­fa­che Er­fah­rungs­be­zü­ge aus­zeich­ne­ten.

Bei­ers So­zial­en­ga­ge­ment und sein Ein­tre­ten für den Um­welt­schutz er­fuh­ren eben­so wie sei­ne Be­mü­hun­gen um ein an­ge­mes­se­nes Ge­den­ken des Ho­lo­causts und sein nach­drück­li­ches Ein­tre­ten für die Er­neue­rung des Ver­hält­nis­ses von Chris­ten und Ju­den in der Duis­bur­ger Lau­da­tio ei­ne be­son­de­re Her­vor­he­bung. Be­son­ders ge­wür­digt wur­de sein Ein­tre­ten für die Er­neue­rung des Ver­hält­nis­ses von Chris­ten und Ju­den auf der Grund­la­ge des Syn­oden­be­schlus­ses von 1980. Bei­er ha­be 1990 zu Recht ge­for­dert, über ei­ne neue Dis­kus­si­on des So­zia­lis­mus­be­griffs die Fra­ge nach der so­zia­len Ge­rech­tig­keit auf der Welt­ta­ges­ord­nung zu hal­ten - ein Plä­doy­er, das in der Pres­se­öf­fent­lich­keit nach dem Zu­sam­men­bruch der so­zia­lis­ti­schen Staa­ten viel Staub auf­ge­wir­belt hat­te.

Un­er­war­tet starb Pe­ter Bei­er am 10.11.1996 in Düs­sel­dorf an den Fol­gen ei­nes Herz­in­farkts. In ih­rem Nach­ruf hob die rhei­ni­sche Kir­chen­lei­tung un­ter an­de­rem her­vor, dass Bei­er zu­tiefst von der Not­wen­dig­keit über­zeugt ge­we­sen sei, dass dem Pro­tes­tan­tis­mus für Eu­ro­pa ei­ne gro­ße Auf­ga­be zu­fal­le. Dar­um ge­hö­re sein En­ga­ge­ment dem Be­mü­hen um die Ei­ni­gung der evan­ge­li­schen Kir­chen in Eu­ro­pa. Da­für ha­be er sich als Prä­si­dent des Exe­ku­tiv­aus­schus­ses der Leu­en­ber­ger Ge­mein­schaft pro­tes­tan­ti­scher Kir­chen in Eu­ro­pa un­er­müd­lich ein­ge­setzt.

Zu Bei­ers Eh­ren wur­de der 1993 von ihm ins Le­ben ge­ru­fe­ne Kul­tur­preis des Prä­ses der evan­ge­li­schen Lan­des­kir­che im Rhein­land in Pe­ter-Bei­er-Preis um­be­nannt. Mit ihm wer­den Per­sön­lich­kei­ten ge­ehrt, die sich in be­son­de­rem Ma­ße um Völ­ker­ver­stän­di­gung, den Ein­satz für Men­schen­rech­te und so­zia­le Ge­rech­tig­keit, aber auch um ei­ne Aus­söh­nung und Re­for­mie­rung der Kir­che ver­dient ge­macht ha­ben. Dar­über hin­aus wur­de 1999 ei­ne Stif­tung für die christ­li­che Sied­lung Nes Am­mim in West­gal­li­läa in­iti­iert, die nach ih­rem lang­jäh­ri­gen För­de­rer den Na­men Pe­ter-Bei­er-Stif­tung-Nes-Am­mim er­hielt. In (Wup­per­tal-)Bar­men wur­de im Jahr 2004 ei­ne Ge­denk­ta­fel ent­hüllt, die an sei­ne ma­ß­geb­li­che Rol­le beim Bau der neu­en Bar­me­ner Syn­ago­ge er­in­nert.

Schriften

Am Mor­gen der Frei­heit. Ei­ne Streit­schrift, Neu­kir­chen-Vluyn 1995.
Du – wir. Über die Ehe, Gü­ters­loh 1978.
Frei wer­den. Dü­re­ner Pre­dig­ten von Pe­ter Bei­er 1963-1970, her­aus­ge­ge­ben von Ste­fan Dru­bel, Düs­sel­dorf 2000.
Jen­seits der Glut. Ge­dich­te und Le­sun­gen, hg. von Chris­ti­an Bartsch, Düs­sel­dorf 1997, 2. Auf­la­ge 1998.
Pe­ter Bei­er 1934-1996. Pre­dig­ten (CD-ROM).
Über­gän­ge. Pre­dig­ten und Re­den, hg. von Chris­ti­an Bartsch, Düs­sel­dorf 1999.
Ver­ant­wor­tung kon­kret. Tex­te zum Zeit­ge­sche­hen, Neu­kir­chen-Vluyn 1994.
Was die Welt im In­ners­ten zu­sam­men­hält. Zum Dia­log der Theo­lo­gie mit den Na­tur­wis­sen­schaf­ten, hg. und be­arb. von Klaus Le­fring­hau­sen, Neu­kir­chen-Vluyn 1997.

Literatur

Dru­bel, Ste­fan, Pe­ter Bei­er. Po­li­ti­sche Pre­digt 1963-1971, in: Ho­mi­le­ti­sche Mo­nats­hef­te 75 (1999/2000), S. 188-192.
Dru­bel, Ste­fan / Eberl, Klaus (Hg.), „Das Maß ist uns ge­ge­ben". Die Theo­lo­gie des Kreu­zes als Maß pro­tes­tan­ti­schen Den­kens und Han­delns. Sym­po­si­um an­läss­lich des 5. To­des­ta­ges von Pe­ter Bei­er, Neu­kir­chen-Vluyn 2002.
Ri­ckers, Fol­kert (Hg.), Fest­schrift zur Ver­lei­hung der Eh­ren­dok­tor­wür­de (Dr. phil. h.c.) an Herrn D. Pe­ter Bei­er, Prä­ses der Evan­ge­li­schen Kir­che im Rhein­land, Duis­burg 1997.
See­baß, Horst (Hg.), Eh­ren­pro­mo­ti­on Pe­ter Bei­er, Bonn 1996.

 
Zitationshinweis

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Rickers, Folkert, Peter Beier, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/peter-beier-/DE-2086/lido/57c579801622c0.22080448 (23.06.2018)