Raymund Peter Lohausen

NS-Widerstandskämpfer (1897-1948)

Ralf Forsbach (Siegburg)

Pater Raymund Peter Lohausen, Porträtfoto. (Ralf Forsbach)

Ei­ner der mu­ti­gen, wäh­rend der NS-Zeit ge­gen den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus auf­tre­ten­den Pries­ter war der Ma­ri­en­stät­ter Zis­ter­zi­en­ser Ray­mund Pe­ter Lo­hau­sen, der als ge­bür­ti­ger Sieg­bur­ger in sei­ner Hei­mat­stadt als Ka­plan wirk­te. Sein Auf­tre­ten brach­te ihn ins KZ Dach­au, das er schwer krank nur we­ni­ge Jah­re über­leb­te.

Pe­ter Lo­hau­sen wur­de am 16.4.1897 in Sieg­burg ge­bo­ren und in der Pfarr­kir­che Sankt Ser­va­ti­us ge­tauft.  Er wuchs in dem noch exis­tie­ren­den Haus Kai­ser­stra­ße 117 in der nörd­li­chen In­nen­stadt bei sei­nen El­tern Jo­sef (1855-1942) und Mar­ga­re­tha (1851-1940), ge­bo­re­ne Bol­ten­dorf, auf. Als Kind er­leb­te er ganz in der Nä­he sei­nes El­tern­hau­ses den Bau der An­no­kir­che, zu der 1906 der Grund­stein ge­legt wor­den war und die 1909 ge­weiht wur­de. Die Ser­va­ti­us­kir­che am Markt hat­te den Sieg­bur­ger Gläu­bi­gen schon lan­ge nicht mehr aus­rei­chend Platz ge­bo­ten. In­wie­weit der Kir­chen­bau Lo­hau­sen in sei­ner Glau­bens­ori­en­tie­rung be­ein­flusst hat, lässt sich nicht si­cher sa­gen. Schon bei sei­ner Erst­kom­mu­ni­on­fei­er soll er den Wunsch ge­äu­ßert ha­ben, Pries­ter zu wer­den. Dass er sich früh zu ei­nem Wir­ken als Geist­li­cher be­ru­fen fühl­te, wird spä­tes­tens durch sei­nen Ent­schluss be­legt, vom Sieg­bur­ger hu­ma­nis­ti­schen Gym­na­si­um, dem spä­te­ren An­no-Gym­na­si­um, an ei­ne kirch­li­che Schu­le zu wech­seln. Als 15-Jäh­ri­ger ging er 1912 an die zwei Jah­re zu­vor in Streit­hau­sen bei Ha­chen­burg ge­grün­de­te Ob­la­ten­schu­le der Zis­ter­zi­en­ser­ab­tei Ma­ri­en­statt im Wes­ter­wald. Das heu­ti­ge Gym­na­si­um dien­te da­mals fast aus­schlie­ß­lich der Bil­dung des Or­dens- und Pries­ter­nach­wuch­ses. 1916 wur­de Lo­hau­sen für zwei Jah­re Sol­dat im Ers­ten Welt­krieg. An­schlie­ßend kehr­te er nach Ma­ri­en­statt zu­rück, um als No­vi­ze mit dem Or­dens­na­men Ray­mund phi­lo­so­phisch-theo­lo­gi­sche Stu­di­en auf­zu­neh­men. Die fei­er­li­chen Ge­lüb­de leg­te er am 19.3.1923 ab, am 14.6.1924 wur­de er durch den Lim­bur­ger Bi­schof Au­gus­ti­nus Ki­li­an in der Ma­ri­en­stät­ter Ab­tei­kir­che zum Pries­ter ge­weiht. Pa­ter Lo­hau­sen über­nahm nun selbst Lehr­auf­ga­ben an der Ob­la­ten­schu­le und war 1933/1934 so­gar de­ren Lei­ter. 

Im Ers­ten Welt­krieg hat­te Lo­hau­sen schwe­re Ver­wun­dun­gen er­lit­ten. Ganz ge­ne­sen ist er nie. Er er­hielt ei­ne 30-pro­zen­ti­ge Mi­li­tär­ren­te. Auf­grund der ge­sund­heit­li­chen Pro­ble­me lie­ßen es die Or­dens­obe­ren zu, dass Lo­hau­sen 1935 nach Sieg­burg zu sei­nen El­tern zu­rück­kehr­te und fort­an in der Pfar­rei Sankt An­no als aus­hel­fen­der Seel­sor­ger wirk­te. Er kam hier in en­gen Kon­takt mit dem vor al­lem als Re­li­gi­ons­leh­rer den Ka­tho­li­zis­mus ge­gen die NS-Ideo­lo­gie ver­tei­di­gen­den Ka­plan Leo Wol­fen (1901–1948). Der in Wup­per­tal-Bar­men am 25.3.1901 ge­bo­re­ne Leo Bern­hard Wol­fen war am 24.2.1926 zum Pries­ter ge­weiht wor­den und wirk­te vom 11.12.1931 bis zum 16.1.1938 als Ka­plan an der Sieg­bur­ger Pfar­rei Sankt An­no. Am 15.3.1937 er­ging ge­gen ihn ein „Schutz­haft­be­fehl“ mit der fol­gen­den Be­grün­dung: „Sie ha­ben sich wäh­rend des Un­ter­richts den Schul­kin­dern ge­gen­über über den Schul­rek­tor, der gleich­zei­tig Orts­grup­pen­lei­ter der NS­DAP ist, in ab­fäl­li­ger Wei­se ge­äu­ßert und zum Un­ge­hor­sam ge­gen­über dem Rek­tor auf­ge­for­dert. Ihr Ver­hal­ten war da­zu an­ge­tan, die öf­fent­li­che Ord­nung und Si­cher­heit zu ge­fähr­den“. Wol­fen gab zu, vor der Klas­se ge­sagt zu ha­ben: „Wenn Herr Rek­tor Bö­de­feld euch et­was sagt, was im Wi­der­spruch steht zu dem Ka­te­chis­mus, zu den Ka­te­chis­mus­wahr­hei­ten oder zur Bi­bel, dann ist das nicht mehr ka­tho­lisch. Ihr wisst, was ihr zu glau­ben habt.“ Der Kri­mi­nal­ab­tei­lung des Land­rats­amts ge­gen­über be­grün­de­te Wol­fen sei­ne Äu­ße­run­gen mit dem Ver­hal­ten des Rek­tors. Die­ser ha­be vor Schü­lern ge­sagt: „Das Al­te Tes­ta­ment ist kein hei­li­ges Buch, son­dern ein Buch, um die Schand­ta­ten der Ju­den ken­nen­zu­ler­nen.“ Er le­se An­ti­christ­li­ches aus dem „Stür­mer“ vor. Er ha­be ihn, Wol­fen, als „Lan­des­ver­rä­ter“ be­zeich­net und ge­sagt, ihn ein­mal „am liebs­ten von der Kan­zel ge­wor­fen“ zu ha­ben. Der Rek­tor hin­ge­gen warf Wol­fen vor, bei ihm sei „ei­ne ge­wis­se Über­ein­stim­mung mit jü­di­schen Ma­nie­ren […] deut­lich fest­zu­stel­len“.

Un­mit­tel­ba­rer An­lass von Wol­fens Fest­nah­me war aber ein Vor­fall vom 5.3.1937. In ei­ner Un­ter­richts­pau­se häng­te er in der ka­tho­li­schen Volks­schu­le Sieg­burg-Nord an der Bam­berg­stra­ße (heu­te städ­ti­sche Ge­mein­schafts­grund­schu­le), ein vom zen­tra­len Platz über dem Pult ent­fern­tes Kreuz wie­der auf. Es war zu­vor ge­gen ein Hit­ler­bild aus­ge­tauscht und an ei­ner Sei­ten­wand auf­ge­hängt wor­den. Noch am sel­ben Tag wur­de Wol­fen im Sieg­bur­ger Land­rats­amt ver­hört und am fol­gen­den Mor­gen zu­nächst in ei­nen Kel­ler der Köl­ner Ge­sta­po am Ap­pell­hof­platz (EL-DE-Haus), dann ins na­he Ge­fäng­nis Klin­gel­pütz ge­bracht.

Lo­hau­sen hat das Ver­hal­ten sei­nes vier Jah­re jün­ge­ren Amts­bru­ders wohl mit Re­spekt be­ob­ach­tet, denn nach Wol­fens Fort­gang aus Sieg­burg über­nahm er ei­ni­ge sei­ner Auf­ga­ben und war bald selbst als Freund kla­rer Wor­te und Geg­ner des NS-Staats be­kannt. Wäh­rend des Kriegs spitz­te sich auch für Lo­hau­sen die Si­tua­ti­on zu. Nach re­gime­kri­ti­schen Äu­ße­run­gen in der Neu­jahrspre­digt 1942 und den fol­gen­den Fas­ten­pre­dig­ten wur­de er ver­schärft über­wacht, sei­ne Post kon­trol­liert. Der NS-Orts­grup­pen­lei­ter hielt fest: „1. P. Loh. ist der­je­ni­ge von den Geist­li­chen, der die straf­fes­te Hal­tung ge­gen die Par­tei ein­nimmt und auch fühl­bar in sei­nen Pre­dig­ten ge­gen die Ide­en der Par­tei Stel­lung nimmt. 2. P. Loh. ist Füh­rer ei­ner Ju­gend­grup­pe, die er mit gro­ßem Er­folg lei­tet. Die re­li­giö­se Ein­stel­lung der Mit­glie­der die­ser Ju­gend­grup­pe ist dem Be­mü­hen der Par­tei, die Ju­gend voll­stän­dig zu er­fas­sen u. kir­chen­feind­lich zu er­zie­hen, ent­ge­gen­ge­setzt.“ 

Bei der Ju­gend­grup­pe han­del­te es sich um ei­ne Un­ter­glie­de­rung der Ma­ria­ni­schen Jung­frau­en-Con­gre­ga­ti­on. Wohl in de­ren Rah­men grün­de­te er am 28.7.1938 ei­ne „Ar­beits­ge­mein­schaft (AG)“ jun­ger Frau­en, die der NS-Ideo­lo­gie in vie­ler Hin­sicht wi­der­sprach. In den fol­gen­den Jah­ren kam es zu et­wa 200 Ar­beits­aben­den der so­ge­nann­ten „AG am ecki­gen Tisch“, an de­nen je­weils durch­schnitt­lich 25 jun­ge Frau­en teil­nah­men. Ne­ben der in ei­nem en­ge­ren Sin­ne re­li­giö­sen Schu­lung stand ei­ne mo­der­ne per­sön­lich­keits­bil­den­de Ar­beit, die in Leit­sät­zen wie dem fol­gen­den mün­de­ten: „Ich (als Frau) bin so frei ge­bo­ren wie der Man­n“. In ei­nem Pro­to­koll ist zu le­sen: „Der Jun­ge ist et­was an­de­res als ein Mäd­chen, aber nichts Be­son­de­res. Mäd­chen dür­fen es den Jun­gen gleich tun wol­len an Wis­sen, Kön­nen und Aus­dau­er, aber nicht aus Ab­nei­gung ge­gen weib­li­che Pflich­ten oder aus dem Ge­fühl der Min­der­wer­tig­keit.“ 

Den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten blieb sol­ches Tun nicht ver­bor­gen, zu­mal Lo­hau­sen seit 1938 auch als Lei­ter des Mäd­chen­cho­res an Sankt An­no über Ein­fluss­mög­lich­kei­ten ver­füg­te. Ka­men ihm be­kann­te Mäd­chen und Jun­gen in La­ger des Reichs­ar­beits­diens­tes, pfleg­te er mit die­sen ei­ne um­fas­sen­de Kor­re­spon­denz, um die geist­li­che Be­treu­ung auf­recht zu er­hal­ten. Dies aber war ver­bo­ten und wur­de vom Si­cher­heits­dienst (SD) des Reichs­füh­rers-SS am Köl­ner Ap­pell­hof­platz zum An­lass ge­nom­men, Lo­hau­sen fest­zu­neh­men. Am Drei­kö­nigs­tag 1943 wur­de er mor­gens um 9 Uhr im el­ter­li­chen Hau­se Kai­ser­stra­ße 117 ver­haf­tet. Zwei Ta­ge und zwei Näch­te ver­brach­te er im Ge­sta­p­okel­ler des Köl­ner EL-DE-Hau­ses, be­vor er am 8.1.1943 in das na­he Ge­fäng­nis Klin­gel­pütz über­stellt wur­de. Dort durf­te er bis zum 23. Ju­ni kei­ner­lei Be­such oder Post emp­fan­gen. Der­weil wur­den vie­le Mit­glie­der der von ihm ge­lei­te­ten Ma­ria­ni­schen Jung­frau­en-Con­gre­ga­ti­on im Sieg­bur­ger Bür­ger­meis­ter­amt ver­hört, oh­ne aber fest­ge­nom­men zu wer­den. Da­nach kam er nach Aus­hän­di­gung ei­nes von SS-Ober­grup­pen­füh­rer Ernst Kal­ten­brun­ner (1903-1946) un­ter­zeich­ne­ten Schutz­haft­be­fehls mit ei­nem drei­tä­gi­gen Trans­port in das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au, wo er fast zwei Jah­re im so­ge­nann­ten Pries­ter­block fest­ge­hal­ten wur­de. Als die Be­frei­ung der La­ger­in­sas­sen durch die her­an­na­hen­den ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen nah­te, schick­te die SS Ge­fan­ge­ne auf so­ge­nann­te „To­des­mär­sche“, wäh­rend de­rer vie­le an Hun­ger und Er­schöp­fung star­ben. Lo­hau­sen be­rich­te­te spä­ter: „Am 26. April 1945 kam ich auf den To­des­march in die Ötz­ta­ler Al­pen, konn­te mich aber in der Nacht zum 29. April in der Nä­he von Wolfrats­hau­sen/Obb. mit Hil­fe und Un­ter­stüt­zung jun­ger Je­sui­ten […] vom ‚Zug der Na­men­lo­sen‘ ab­set­zen und war so ge­ret­tet.“ Doch Lo­hau­sens Ge­sund­heit war rui­niert. Nach An­ga­ben der Augs­bur­ger Stadt­ver­wal­tung starb er am 30.1.1948 in ei­nem Augs­bur­ger Kran­ken­haus, ei­nen Tag frü­her als ge­mein­hin an­ge­nom­men wird. Die Teil­neh­me­rin­nen sei­ner eins­ti­gen Ar­beits­ge­mein­schaf­ten blie­ben ein­an­der ver­bun­den und tra­fen sich En­de der 1980er und An­fang der 1990er auch bei for­ma­len Be­geg­nun­gen. Die ka­tho­li­sche Kir­che ge­denkt Lo­hau­sen als ei­nes Mär­ty­rers, aus­drück­lich in Sankt Ur­su­la in Köln und in der Ma­ri­en­stät­ter Ab­tei.

Literatur

Den­ter, Tho­mas/Hel­mut Moll, Pa­ter Ray­mund (Pe­ter) Lo­hau­sen, in: Moll. Hel­mut (Hg.), Zeu­gen für Chris­tus. Das deut­sche Mar­ty­ro­lo­gi­um des 20. Jahr­hun­derts, Band 2, 5., er­weit. und ak­tu­al. Aufl. Pa­der­born [u.a.] 2010, S. 877-880.  

Ra­meil, Win­fried (Hg.), 100 Jah­re Sankt An­no Sieg­burg. Fest­schrift zum Be­ne­dik­ti­ons­ju­bi­lä­um, Sieg­burg 2009, S. 107-119.

Online

Ray­mund Pe­ter Lo­hau­sen auf den Sei­ten des Erz­bis­tums Köln. [On­line]

 
Zitationshinweis

Bitte geben Sie beim Zitieren dieses Beitrags die exakte URL und das Datum Ihres Besuchs dieser Online-Adresse an.

Forsbach, Ralf, Raymund Peter Lohausen, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/raymund-peter-lohausen/DE-2086/lido/57c942e3a0e933.29632024 (20.09.2018)