Texwindis von Andernach

Klosterreformerin (gestorben um 1152/ 1153)

Wolfgang Rosen (Köln)

Eintrag des Namens Tenxwindis im Nekrolog des Klosters St. Maria in Andernach von 1319. (Stadtbibliothek Trier)

Tex­win­dis (auch Tenx­wind oder Tegh­wind) von An­der­nach war Vor­ste­he­rin der Frau­en­kon­ven­te Sprin­giers­bach und An­der­nach, die ei­ner stren­gen kirch­li­chen Re­form­be­we­gung des 12. Jahr­hun­derts an­ge­hör­ten.

Tex­win­dis von An­der­nach stamm­te nicht aus der gleich­na­mi­gen Stadt am Rhein, son­dern wuchs in der Ei­fel auf. Ih­re El­tern wa­ren der pfalz­gräf­li­che Mi­nis­te­ria­le Ru­ker und sei­ne Ehe­frau Be­ni­gna. Nach dem Tod des Va­ters (um 1100) ent­schloss sich ih­re Mut­ter, in der süd­li­chen Ei­fel im Kon­del­wald an ei­nem ein­sa­men Ort („lo­cus so­li­ta­ri­us") na­mens Ther­munt (süd­lich vom heu­ti­gen Bad Ber­trich ge­le­gen) mit Er­laub­nis des rhei­ni­schen Pfalz­gra­fen Sieg­fried von Bal­len­stedt (1075-1113) ei­ne „cel­la" zu er­bau­en, in der Ka­no­ni­ker ein ge­mein­sa­mes geist­li­ches Le­ben füh­ren soll­ten. Die „cel­la" wur­de an den Erz­bi­schof von Trier Bru­no von Lauf­fen über­tra­gen, der die­sen Akt 1107 be­stä­tig­te. Aus die­ser Grün­dung ging das spä­te­re Ka­no­ni­ker­stift Sprin­giers­bach her­vor.

Tex­win­dis kam wie ihr Bru­der Ri­chard (ge­stor­ben 1158) wahr­schein­lich min­der­jäh­rig in die­se Ge­mein­schaft und er­hielt dort ih­re Aus­bil­dung. Ri­chard lei­te­te den Kon­vent ab cir­ca 1115 als Propst und seit 1129 als Abt.

Die 1123/1128 ent­stan­de­nen „Con­su­etu­di­nes" (Re­geln) von Sprin­giers­bach hat­ten gro­ßen Ein­fluss auf die Ka­no­ni­ker­re­form im Reich: sie ver­pflich­te­ten zur strik­ten Be­fol­gung des Ar­muts­ge­bo­tes, zu kör­per­li­cher Ar­beit, aus­ge­dehn­tem Fas­ten, nächt­li­chen Ge­be­ten und zur Auf­nah­me auch von Nicht­a­de­li­gen und Ar­men. Ri­chard spiel­te in­ner­halb der ra­di­ka­le­ren Rich­tung der Re­form­ka­no­ni­ker­be­we­gung ei­ne gro­ße Rol­le. Um die­se Re­form­im­pul­se an an­de­re geist­li­che In­sti­tu­te wei­ter­zu­ge­ben, wur­den Ka­no­ni­ker aus Sprin­giers­bach un­ter an­de­rem nach Stein­feld, Klos­ter­rath/Rol­duc, Fran­ken­thal und Bo­lan­den ge­ru­fen.

Wohl bis 1128 leb­te Tex­win­dis in Sprin­giers­bach. Nach dem nicht nä­her da­tier­ba­ren Tod ih­rer Mut­ter lei­te­te sie in ih­rer Nach­fol­ge als „ma­gis­tra" den Frau­en­kon­vent, der eng mit dem von ih­rem Bru­der Ri­chard ge­führ­ten Ka­no­ni­ker­stift ver­bun­den war. Da­nach ver­leg­te sie die Schwes­tern­ge­mein­schaft in die un­mit­tel­ba­re Nä­he von An­der­nach. Die An­sied­lung er­folg­te in ei­nem ver­las­se­nen Klos­ter vor den To­ren der Stadt. Die­ses Haus hat­te der Trie­rer Erz­bi­schof Me­gin­her von Vi­an­den er­wor­ben und ih­nen zur Ver­fü­gung ge­stellt. Be­reits im Au­gust 1129 konn­te das Got­tes­haus ein­ge­weiht wer­den. Dort leb­te man nicht nach der Be­ne­dikt-, son­dern – wie schon in Sprin­giers­bach – nach der stren­ge­ren zwei­ten Au­gus­ti­nus­re­gel („ordo mo­nas­te­rii"). Tex­win­dis war die ers­te Vor­ste­he­rin die­ser Ge­mein­schaft. Un­ter ih­rer Lei­tung blüh­te der Kon­vent auf und er­hielt vie­le Stif­tun­gen. Bis zu 100 Schwes­tern sol­len dort ge­lebt ha­ben. Das Klos­ter war das äl­tes­te und be­deu­tends­te in­ner­halb der Sprin­giers­ba­cher Ob­ser­vanz und die äl­tes­te Frau­en­gemein­schaft mit der Au­gus­ti­nus­re­gel in der al­ten Diö­ze­se Trier. Tex­win­dis war so­mit nicht nur die leib­li­che Schwes­ter Ri­chards, son­dern auch ei­ne star­ke För­de­rin der Re­form­be­we­gung. Der An­der­nach­er Kon­vent blieb wei­ter­hin Sprin­giers­bach un­ter­stellt, um auf die­se Wei­se die Ein­hal­tung der stren­gen Re­geln der Re­form­ka­no­ni­ker­be­we­gung zu ge­währ­leis­ten.

Be­kannt ge­wor­den ist Tex­win­dis vor al­lem durch ei­nen Brief­wech­sel mit der Be­ne­dik­ti­ne­rin­ne­näb­tis­sin Hil­de­gard von Bin­gen (1098-1179) in der Zeit zwi­schen dem En­de des Jah­res 1147 und 1153, wahr­schein­lich zwi­schen 1148 und 1150: In die­ser Kor­re­spon­denz kri­ti­sier­te die An­der­nache­rin ei­ne Rei­he von Ge­wohn­hei­ten, die Hil­de­gard in ih­rem Klos­ter prak­ti­zier­te. Sie mo­nier­te den prunk­vol­len Got­tes- und Chor­dienst, an dem die Schwes­tern mit ge­lös­ten Haa­ren, Schmuck und kost­ba­ren Ge­wän­dern be­klei­det teil­nah­men, da dies nicht ih­ren Vor­stel­lun­gen und den Idea­len des Neu­en Tes­ta­men­tes ent­sprach. Dar­über hin­aus üb­te sie Kri­tik an den Ein­tritts­mög­lich­kei­ten ins Klos­ter, da in Hil­de­gards Kon­vent nur Frau­en auf­ge­nom­men wur­den, die ade­lig oder reich wa­ren. Auch dies wi­der­spre­che dem Neu­en Tes­ta­ment und dem Le­ben in der Ur­kir­che. Hil­de­gard recht­fer­tig­te die von Tex­win­dis kri­ti­sier­ten Prak­ti­ken mit der zeit­ge­nös­si­schen hier­ar­chi­schen Stän­de­leh­re und der be­son­de­ren Stel­lung der im Klos­ter le­ben­den Jung­frau­en. Über­lie­fe­rungs­ge­schicht­lich setz­te sich Hil­de­gards au­to­ri­ta­tiv vor­ge­tra­ge­ne, in­halt­lich aber schwach be­grün­de­te Ant­wort durch und führ­te so­gar zu ei­ner re­dak­tio­nel­len Ver­fäl­schung von Tex­win­dis` An­fra­ge.

Die­se Aus­ein­an­der­set­zung war nicht nur ei­ne per­sön­li­che zwi­schen der An­der­nache­rin und Hil­de­gard, son­dern re­prä­sen­tiert viel­mehr grö­ße­re zeit­ge­nös­si­sche kir­chen­po­li­ti­sche Strö­mun­gen. Als Schwes­ter ei­ner Per­sön­lich­keit wie Ri­chard, der in ei­ner der wirk­sams­ten Ar­muts- und Buß­be­we­gun­gen des Mit­tel­al­ters füh­rend tä­tig war, nahm Tex­win­dis da­her ei­ne wich­ti­ge Rol­le ein.

Das ge­naue Ster­be­jahr von Tex­win­dis ist un­be­kannt. Nach ei­nem 1319 ge­fer­tig­ten und heu­te in der Stadt­bi­blio­thek Trier lie­gen­den Ne­kro­log ist nur be­kannt, dass der To­des­tag auf ei­nen 22. April fiel; sie ist wohl nicht vor 1152/1153 ge­stor­ben.

Literatur

Acker, Le­vi­en von, Der Brief­wech­sel der hei­li­gen Hil­de­gard von Bin­gen, in: Re­vue Bé­né­dic­ti­ne 98 (1988), S. 144–146.

Aris, Marc-Aeil­ko, Tenx­wind von An­der­nach, in: Le­xi­kon des Mit­tel­al­ters, Band 8, Mün­chen 1997, Sp. 544.

Boock­mann, Hart­mut, Das Mit­tel­al­ter. Ein Le­se­buch aus Tex­ten und Zeug­nis­sen des 6. bis 16. Jahr­hun­derts, Mün­chen 1989, S. 81–84.

Ha­ver­kamp, Al­fred, Tenx­wind von An­der­nach und Hil­de­gard von Bin­gen. Zwei „Welt­an­schau­un­gen" in der Mit­te des 12. Jahr­hun­derts, in: Fens­ke, Lutz/Röse­ner, Wer­ner/Zotz, Tho­mas (Hg.), In­sti­tu­tio­nen, Kul­tur und Ge­sell­schaft im Mit­tel­al­ter. Fest­schrift für Jo­sef Fle­cken­stein zu sei­nem 65. Ge­burts­tag, Sig­ma­rin­gen 1984, S. 515–548.

Ro­sen, Wolf­gang, Hil­de­gard von Bin­gen und Tex­win­dis von An­der­nach. Zwei Kon­vents­vor­ste­he­rin­nen strei­ten über das rech­te Klos­ter­le­ben, in: An­der­nach­er An­na­len 3 (1999/2000), S. 5–25.

Eintrag des Namens Tenxwindis im Nekrolog des Klosters St. Maria in Andernach von 1319. (Stadtbibliothek Trier)

 
Zitationshinweis

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Rosen, Wolfgang, Texwindis von Andernach, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/texwindis-von-andernach/DE-2086/lido/57c93cfa0fb195.13161351 (23.06.2018)