Richard von Springiersbach

Reformkanoniker (vor 1100-1158)

Wolfgang Rosen (Köln)

Die Klosterkirche von Springiersbach bei Bengel. Barocker Kirchbau (von 1769/72), 2015, Foto: Berthold Werner.

Ri­chard von Sprin­giers­bach fun­gier­te im 12. Jahr­hun­dert als ei­ner der wich­tigs­ten Ver­tre­ter der kirch­li­chen Re­form­ka­no­ni­ker­be­we­gung und re­for­mier­te aus­ge­hend vom Stift Sprin­giers­bach ei­ne Rei­he von geist­li­chen Kon­ven­ten im Erz­bis­tum Trier.

Ri­chard wur­de als Sohn des pfalz­gräf­li­chen Mi­nis­te­ria­len Ru­ker/Rud­ge­rus (ge­stor­ben um 1100) und der Be­ni­gna von Daun (auch Be­ni­gna von Sprin­giers­bach) ge­bo­ren. Das Ge­burts­jahr ist nicht be­kannt. Nach dem Tod des Va­ters ent­schloss sich sei­ne Mut­ter, in der süd­li­chen Ei­fel im Kon­del­wald an ei­nem ein­sa­men Ort („lo­cus so­li­ta­ri­us") na­mens Ther­munt (süd­lich des heu­ti­gen Bad Ber­trich) mit Er­laub­nis des rhei­ni­schen Pfalz­gra­fen Sieg­fried von Bal­len­stedt (Re­gie­rungs­zeit 1099-1113) ei­ne „cel­la" zu er­bau­en, in der Ka­no­ni­ker ein ge­mein­sa­mes geist­li­ches Le­ben füh­ren soll­ten; die „cel­la" wur­de an den Trie­rer Erz­bi­schof Bru­no von Lauf­fen über­tra­gen, der die­sen Akt 1107 be­stä­tig­te. Die­se Ge­mein­schaft soll­te un­ter der Vog­tei des Pfalz­gra­fen ste­hen. Aus die­ser Grün­dung ging das spä­te­re Ka­no­ni­ker­stift Sprin­giers­bach her­vor.

Ri­chard kam wie sei­ne Schwes­ter Tex­win­dis ver­mut­lich noch min­der­jäh­rig in die­se Ge­mein­schaft und er­hielt dort auch sei­ne Aus­bil­dung. Er lei­te­te den Kon­vent ab cir­ca 1115 als Propst und seit 1129 als Abt. Ri­chard schloss sich nicht den be­reits be­ste­hen­den Re­gu­lar­ka­no­ni­ker­stif­ten wie Mar­bach oder Rot­ten­buch an, son­dern ging ei­nen ei­ge­nen Weg. Be­reits 1118 be­schäf­tig­te sich Papst Gel­asi­us II. (Pon­ti­fi­kat 1118-1119) mit der stren­gen Re­gel­aus­le­gung Ri­chards. Die 1123/1128 ent­stan­de­nen „Con­su­etu­di­nes" von Sprin­giers­bach hat­ten gro­ßen Ein­fluss auf die Ka­no­ni­ker­re­form im Reich. Sie ent­hiel­ten als Ers­te be­son­ders stren­ge und ra­di­ka­le Vor­schrif­ten: Un­ter an­de­rem wur­de die strik­te Be­fol­gung des Ar­muts­ge­bo­tes, kör­per­li­che Ar­beit, aus­ge­dehn­tes Fas­ten, nächt­li­che Ge­be­te, die jähr­li­che Ab­hal­tung von Ge­ne­ral­ka­pi­teln so­wie die Auf­nah­me auch von Nicht­a­de­li­gen und Ar­men ge­for­dert. Man nahm die Re­gel des hei­li­gen Au­gus­ti­nus (354-430) an, wo­bei sich Ri­chard für die stren­ge­re Form die­ser Re­gel – „ordo mo­nas­te­rii" – ent­schied. Die Re­form­ka­no­ni­ker­be­we­gung sah ih­re Vor­bil­der im Le­ben der Apos­tel und der Ur­ge­mein­de.

Um die­se Re­form­im­pul­se an an­de­re geist­li­che In­sti­tu­te wei­ter­zu­ge­ben, wur­den Ka­no­ni­ker aus Sprin­giers­bach un­ter an­de­rem nach Stein­feld, Klos­ter­rath/Rol­duc, Fran­ken­thal und Bo­lan­den ge­ru­fen. Zum Ver­band des Ei­fel­stif­tes ge­hör­ten der Dop­pel­kon­vent Lon­nig (zwi­schen 1119 und 1123), des­sen Frau­en­kon­vent 1143 nach Schön­statt ver­legt wur­de, Stu­ben an der Mo­sel (1137), Mar­ten­tal bei Co­chem (1139/1141), Mer­zig an der Saar (1152) und Ma­ri­en­burg an der Mo­sel. Sprin­giers­bach un­ter­stellt wa­ren au­ßer­dem Pe­der­nach bei Bop­pard und St. Ir­mi­nen (Oe­ren) in Trier. Das spä­ter dem Prä­mons­tra­ten­ser­or­den an­ge­hö­ren­de saar­län­di­sche Stift Wad­gas­sen dürf­te in sei­ner Früh­zeit eben­falls von Sprin­giers­bach aus ge­prägt wor­den sein.

Die gro­ße Leis­tung Ri­chards ist dar­in zu se­hen, dass er bin­nen we­ni­ger Jah­re in­ner­halb der Trie­rer Diö­ze­se ei­nen gro­ßen Ver­band von Re­form­kon­ven­ten auf­zu­bau­en ver­moch­te. Al­ler­dings schei­ter­te ei­ne dau­er­haf­te Ver­bands­bil­dung an den In­ter­es­sen­ge­gen­sät­zen, die zwi­schen den Pfalz­gra­fen und den Trie­rer Erz­bi­schö­fen be­stan­den. Ri­chard selbst ge­riet meh­re­re Ma­le in die Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen dem Trie­rer Diö­ze­san­herrn und dem Pfalz­gra­fen, die sich um die Rol­le von Sprin­giers­bach und des­sen Funk­ti­on als Obö­di­enz­kon­vent im Re­form­ver­band strit­ten. Ins­be­son­de­re ent­wi­ckel­te sich Erz­bi­schof Bru­no von Lauf­fen zu ei­nem Ge­gen­spie­ler Ri­chards. Hin­ge­gen wur­den er und sein Stift vom Trie­rer Erz­bi­schof Me­gin­her von Fal­ma­gne ge­för­dert. Ein be­son­ders gu­tes Ver­hält­nis un­ter­hielt er zu Erz­bi­schof Al­be­ro von Mon­treuil. Seit 1119 stand Sprin­giers­bach un­ter päpst­li­chem, seit 1143 auch un­ter kö­nig­li­chem Schutz. Die Wei­he der Stifts­kir­che er­folg­te 1136 durch den Diö­ze­san­herrn Al­be­ro.

Wohl bis 1128 leb­te Ri­chards Schwes­ter Tex­win­dis in Sprin­giers­bach. Nach dem nicht nä­her da­tier­ba­ren Tod ih­rer Mut­ter lei­te­te sie als de­ren Nach­fol­ge­rin den Frau­en­kon­vent, der eng mit dem von ih­rem Bru­der ge­führ­ten Ka­no­ni­ker­stift ver­bun­den war. Da­nach ver­leg­te sie die Schwes­tern­ge­mein­schaft 1127/1128 in die Nä­he von An­der­nach. Ver­mut­lich war Ri­chard selbst kein Be­für­wor­ter von Dop­pel­stif­ten.

Ri­chards vor­ran­gi­ges An­lie­gen war ins­be­son­de­re die stren­ge Prak­ti­zie­rung der ka­no­ni­schen Le­bens­form, we­ni­ger die Pfarr­seel­sor­ge. Er ver­füg­te wohl über her­aus­ra­gen­de geis­ti­ge Fä­hig­kei­ten und ei­ne ho­he Selbst­dis­zi­plin, war ein Ver­fech­ter von stren­gen Grund­sät­zen und ge­prägt durch ei­ne sehr in­ten­si­ve Re­li­gio­si­tät. Er sei beim Papst wie bei den Bi­schö­fen im­mer ein will­kom­me­ner Gast ge­we­sen.

Ri­chard starb am 22.10.1158 und wur­de von Erz­bi­schof Hil­lin von Fall­ma­gne in Sprin­giers­bach be­gra­ben. Nach sei­nem To­de ver­fiel un­ter dem nach­fol­gen­den Abt Ri­chard II. (Amts­zeit 1158-1170), der wohl ein Nef­fe Ri­chards war, die stren­ge Kon­vents­zucht und da­mit nahm auch die Be­deu­tung die­ses Ei­fel­stif­tes in­ner­halb der Re­form­be­we­gung stark ab.

Quellen

Wein­fur­ter, Ste­fan (Hg.), Con­su­etu­di­nes ca­no­ni­co­rum re­gu­la­ri­um Sprin­girs­ba­cen­ses (Cor­pus Chris­tian­o­rum CM 48), Torn­hout 1978.

Literatur

Pau­ly, Fer­di­nand, Sprin­giers­bach. Ge­schich­te des Ka­no­ni­ker­stifts und sei­ner Toch­ter­grün­dun­gen im Erz­bis­tum Trier von den An­fän­gen bis zum En­de des 18. Jahr­hun­derts, Trier 1962.
Pe­ters, Wolf­gang, Ka­no­ni­ker­re­form in der Ei­fel Sprin­giers­bach, in: Mötsch, Jo­han­nes/Schö­bel, Mar­tin (Hg.), Eif­lia Sa­cra. Stu­di­en zu ei­ner Klos­ter­land­schaft, Trier 1994, S. 203-220.
Ro­sen, Wolf­gang, Hil­de­gard von Bin­gen und Tex­win­dis von An­der­nach. Zwei Kon­vents­vor­ste­he­rin­nen strei­ten über das rech­te Klos­ter­le­ben, in: An­der­nach­er An­na­len 3 (1999/2000), S. 5-25.
Si­mon, Jür­gen, Sprin­giers­bach. In: Le­xi­kon des Mit­tel­al­ters, Band 7, Mün­chen 1995, Sp. 2142.
Schaaf, Er­win: Ge­schich­te der Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren­ab­tei Sprin­giers­bach (1102-1802), in: Gil­les, Karl-Jo­sef/Schaaf, Er­win (Hg.), Sprin­giers­bach. Von der Au­gus­ti­ner-Chor­her­ren­ab­tei zum Kar­me­li­ten­klos­ter 1102-2002, Trier 2002, S. 17-212.

 
Zitationshinweis

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Rosen, Wolfgang, Richard von Springiersbach, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/richard-von-springiersbach/DE-2086/lido/57c95441863be0.74395053 (22.04.2018)