Theo Albrecht

Unternehmer (1922-2010)

Björn Thomann (Sankt Augustin)

Erste ALDI-Filiale in der Essener Huestraße, 2006.

Theo Al­brecht zählt an der Sei­te sei­nes Bru­ders Karl Hans Al­brecht (ge­bo­ren 1920) zu den be­deu­ten­den Un­ter­neh­mer­per­sön­lich­kei­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Als Be­grün­der der Dis­coun­ter­ket­te „Al­di“ re­vo­lu­tio­nier­te er den Ein­zel­han­del und er­warb sich ein Mil­li­ar­den­ver­mö­gen. Über das Pri­vat­le­ben Al­brechts ist nur we­nig be­kannt. Wie sein Bru­der scheu­te auch er die Öf­fent­lich­keit, so dass sich ei­ne Be­trach­tung sei­ner Per­sön­lich­keit viel­fach in Spe­ku­la­tio­nen und Le­gen­den­bil­dung ver­liert. 

Theo­dor Paul Al­brecht wur­de am 20.3.1922 im heu­ti­gen Es­sen-Schon­ne­beck als Sohn des Kauf­manns Karl Al­brecht (1885-1948) und des­sen Ehe­frau ­An­na Siep­mann ge­bo­ren. 1913 hat­ten die El­tern in der Mit­tel­stra­ße 89 in Schon­ne­beck, der heu­ti­gen Hue-Stra­ße, ei­nen 35 Qua­drat­me­ter gro­ßen Ko­lo­ni­al­wa­ren­la­den er­wor­ben und im ers­ten Ober­ge­schoss des Ge­bäu­des ih­re Woh­nung be­zo­gen. Das nach dem Be­ginn des Ers­ten Welt­krie­ges von der Mut­ter ge­lei­te­te und un­ter dem Na­men „Karl Al­brecht, Ko­lo­ni­al­wa­ren“ fir­mie­ren­de Ge­schäft wur­de zur Keim­zel­le ei­nes welt­weit agie­ren­den Fir­men­im­pe­ri­ums. 

Theo Al­brecht be­such­te die Volks- und Mit­tel­schu­le sei­nes Ge­burts­or­tes und be­gann im An­schluss ei­ne Leh­re im el­ter­li­chen Un­ter­neh­men. Im Zwei­ten Welt­krieg zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen, ge­hör­te er zu­nächst ei­ner Nach­schub­ein­heit in Afri­ka an und ge­riet bei Kriegs­en­de in Ita­li­en in ame­ri­ka­ni­sche Ge­fan­gen­schaft. Nach ih­rer Heim­kehr über­nah­men die Ge­brü­der Al­brecht schritt­wei­se die Lei­tung des Fa­mi­li­en­be­trie­bes. Die Wäh­rungs­re­form und die nach­fol­gen­de Grün­dung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land im Jahr 1949 er­öff­ne­ten ih­nen die Mög­lich­keit zur Ex­pan­si­on, die sie kon­se­quent zu nut­zen ver­stan­den. Zu­nächst eta­blier­ten sie sich mit meh­re­ren Fi­lia­len im Ruhr­ge­biet. Bis zum Jahr 1958 um­fass­te ihr La­den­ket­te ein Netz von 170, zwei Jah­re spä­ter von 300 Fi­lia­len mit ei­nem Ge­samt­jah­res­um­satz von et­wa 90 Mil­lio­nen D-Mark. Zu Be­ginn der 1970er Jah­re do­mi­nier­ten Karl und Theo Al­brecht mit über 600 Fi­lia­len in 300 Städ­ten den Le­bens­mit­tel­ein­zel­han­del der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Der Jah­res­um­satz lag zu die­ser Zeit bei et­wa 4 Mil­li­ar­den D-Mark. 

Der Er­folgs­ge­schich­te der Ge­brü­der Al­brecht lag ein nüch­ter­ner Prag­ma­tis­mus zu Grun­de. Ih­re über Jahr­zehn­te be­währ­te Ge­schäfts­po­li­tik ba­sier­te nicht nur auf dem Prin­zip äu­ßers­ter Spar­sam­keit, son­dern auch auf der Fä­hig­keit, ih­re Füh­rungs­po­si­ti­on durch höchst ef­fi­zi­en­te In­no­va­tio­nen zu be­haup­ten. Als die Kon­kur­renz in der zwei­ten Hälf­te der 1950er Jah­re zum Ver­triebs­ty­pus des Su­per­mark­tes über­ging, ge­rie­ten die Ge­brü­der Al­brecht un­ter Zug­zwang. Nach wie vor ba­sier­te ih­re La­den­ket­te auf dem tra­di­tio­nel­len Kon­zept des Be­die­nungs­la­dens, wel­ches sich je­doch als nicht mehr wett­be­werbs­fä­hig er­wies. 

Karl und Theo Al­brecht ent­wi­ckel­ten in meh­re­ren Ver­suchs­stu­fen das Ver­triebs­mo­dell des Dis­coun­ters, das die be­ste­hen­de Un­ter­neh­mens­phi­lo­so­phie mit den Vor­zü­gen des Su­per­mark­tes ver­bin­den soll­te. Im Un­ter­schied zur Kon­kur­renz of­fe­rier­ten sie ih­ren Kun­den je­doch nur ein be­grenz­tes Wa­ren­sor­ti­ment, re­du­zier­ten die Aus­stat­tung ih­rer Märk­te auf ein Mi­ni­mum und ver­zich­te­ten auch auf ein auf­wän­di­ges Mar­ke­ting. Im Mit­tel­punkt stand das Ziel, durch Qua­li­tät und kon­kur­renz­los nied­ri­ge Prei­se zu über­zeu­gen. „Un­se­re Wer­bung liegt im nied­ri­gen Preis“ hat­te Theo Al­brecht be­reits in ei­nem In­ter­view zu Be­ginn der 1950er Jah­re ge­äu­ßert. Die­ses Prin­zip wur­de auch zum Mot­to der neu­en Al­brecht-Dis­coun­ter, kurz Al­di, von de­nen der ers­te 1962 in Dort­mund er­öff­net wur­de. 

Noch wäh­rend sie das Kon­zept des Dis­coun­ters ent­wi­ckel­ten, ei­nig­ten sich die Ge­brü­der Al­brecht im Jahr 1960 auf ei­ne Tei­lung ih­res Un­ter­neh­mens in zwei ei­gen­stän­di­ge Kon­zer­ne, den heu­ti­gen Un­ter­neh­mens­grup­pen Al­di-Süd und Al­di-Nord. An­geb­lich soll die Un­ei­nig­keit über die Fra­ge der Auf­nah­me von Ta­bak­wa­ren und Tief­kühl­kost in das Sor­ti­ment hier­für aus­schlag­ge­bend ge­we­sen sein. Tief­grei­fen­de struk­tu­rel­le und öko­no­mi­sche Über­le­gun­gen er­schei­nen je­doch als Er­klä­rung rea­lis­ti­scher. Wäh­rend Karl Al­brecht den süd­deut­schen Raum über­nahm, agier­te Theo Al­brecht fort­an im Nor­den der Bun­des­re­pu­blik. In sei­nen Ein­fluss­be­reich fiel nach 1989 auch das Staats­ge­biet der ehe­ma­li­gen Deut­schen De­mo­kra­ti­schen Re­pu­blik. Ge­gen­wär­tig um­fasst die Al­di-Nord Grup­pe 36 selbst­stän­di­ge Nie­der­las­sun­gen mit mehr als 2.500 Fi­lia­len und et­wa 25.000 Mit­ar­bei­tern. Der Jah­res­um­satz war zu­letzt leicht rück­läu­fig und lag 2011 bei 11,7 Mil­li­ar­den Eu­ro. 

1971 wur­de Theo Al­brecht das Op­fer ei­ner Ent­füh­rung, die zu den spek­ta­ku­lärs­ten Kri­mi­nal­fäl­len der Nach­kriegs­zeit ge­hört. Hin­ter der Ak­ti­on steck­ten der ver­schul­de­te Rechts­an­walt Hans Joa­chim Ol­len­burg (ge­bo­ren 1924) und der mehr­fach vor­be­straf­te Ein­bre­cher Paul Kron (ge­bo­ren 1934), der ge­mein­hin als „Dia­man­ten­pau­le“ be­kannt war. Nach ih­rer Aus­sa­ge soll­te ur­sprüng­lich Karl Al­brecht ent­führt wer­den. Man sei we­gen sei­nes an­ge­grif­fe­nen Ge­sund­heits­zu­stan­des aber von die­sem Plan ab­ge­rückt. 

Am Abend des 29.11.1971 brach­ten sie statt sei­ner Theo Al­brecht auf dem Ge­län­de der Kon­zern­ver­wal­tung in Es­sen-Her­ten in ih­re Ge­walt. Erst nach zä­hen Ver­hand­lun­gen und der Über­ga­be ei­ner Lö­se­geld­sum­me von 7 Mil­lio­nen D-Mark durch den Es­se­ner Bi­schof Franz Hengs­bach er­folg­te 17 ­Ta­ge spä­ter ­die Frei­las­sung. Ge­gen­über der Pres­se äu­ßer­te Al­brecht am 16. De­zem­ber: „Al­so, ich bin ge­sund. Ich bin na­tür­lich sehr, sehr mü­de. Es hat mich ziem­lich stra­pa­ziert.“ Es blieb sei­ne letz­te öf­fent­li­che Äu­ße­rung. Kron und Ol­len­burg wur­den nach nur kur­zer Flucht ver­haf­tet und im Ja­nu­ar 1973 vor dem Land­ge­richt Es­sen zu je­weils acht Jah­ren und sechs Mo­na­ten Haft ver­ur­teilt. Nur die Hälf­te des Gel­des konn­te si­cher­ge­stellt wer­den. Für Auf­se­hen sorg­te im Jahr 1979 Al­brechts Ver­such, die steu­er­li­che Ab­setz­bar­keit sei­nes Lö­se­gel­des ein­zu­kla­gen. 

Mehr noch als zu­vor schot­te­ten sich Karl und Theo Al­brecht nach der Ent­füh­rung von der Öf­fent­lich­keit ab, wäh­rend sie ih­re Un­ter­neh­men zu­gleich zu Welt­kon­zer­nen aus­bau­ten. Es ge­lang ih­nen nicht nur im eu­ro­päi­schen Aus­land Fuß zu fas­sen, son­dern die Mar­ke Al­di auch in den USA er­folg­reich zu eta­blie­ren. Um im Ster­be­fall den Fort­be­stand sei­nes Fir­men­im­pe­ri­ums zu si­chern und Erb­strei­tig­kei­ten zu ver­hin­dern, brach­te Theo Al­brecht sei­ne Ka­pi­tal­mehr­heit 1973 in die von ihm ge­grün­de­te, nicht ge­mein­nüt­zi­ge Mar­kus-Stif­tung mit Sitz in Nortorf in Schles­wig-Hol­stein ein. 

Über das Pri­vat­le­ben Theo Al­brechts drang nur we­nig an die Öf­fent­lich­keit. 1949 hat­te er die aus Schon­ne­beck stam­men­de Cä­ci­lia „Cil­ly“ Ha­gel­stein ge­hei­ra­tet. Aus der Ehe gin­gen die Söh­ne Theo jun. (ge­bo­ren 1951) und Bert­hold (ge­bo­ren 1955) her­vor. Der stei­gen­de Wohl­stand er­laub­te es der Fa­mi­lie in der Mit­te der 1950er Jah­re, von Schon­ne­beck in ein Haus im no­blen Es­se­ner Vor­ort Bre­de­ney über­zu­sie­deln. Al­brecht galt als gläu­bi­ger Ka­tho­lik. In sei­ner Frei­zeit wid­me­te er sich der Jagd, spiel­te Golf und sam­mel­te al­te Schreib­ma­schi­nen. Auf der Nord­see­insel Föhr be­saß er ein An­we­sen. Ob­wohl er nach sei­nem Bru­der mit ei­nem Ver­mö­gen von ge­schätzt 12,8 Mil­li­ar­den Eu­ro der zweit­reichs­te Deut­sche war und auf der For­bes-Lis­te der reichs­ten Men­schen der Welt zu­letzt auf Rang 31 ran­gier­te, galt er als äu­ßerst spar­sam. Be­zeich­nen­der­wei­se soll Paul Kron bei der Ent­füh­rung im Jahr 1971 zu­nächst den Per­so­nal­aus­weis Al­brechts ver­langt ha­ben, da er ihn we­gen sei­nes un­auf­fäl­li­gen Äu­ße­ren zu­nächst für ei­nen Buch­hal­ter ge­hal­ten hat­te. Der „Ge­heim­nis­krä­mer“ Theo­dor Al­brecht blieb zeit­le­bens ein prin­zi­pi­en­treu­er, aber auch weit­sich­ti­ger Prag­ma­ti­ker, der an sei­ne Per­son die glei­chen Maß­stä­be an­leg­te, wie er sie auf ge­schäft­li­cher Ebe­ne ver­trat und ein­for­der­te. 

1993 zog sich Theo Al­brecht aus dem ope­ra­ti­ven Ge­schäft von Al­di-Nord zu­rück, hat­te aber noch bis 2002 den Vor­stands­vor­sitz sei­ner Stif­tung in­ne. Er ver­starb am 24.7.2010 in sei­ner Ge­burts­stadt Es­sen an den Fol­gen ei­nes im Jahr 2009 bei ei­nem Sturz er­lit­te­nen Bein­bruchs. Sei­ne Grab­stät­te be­fin­det sich auf dem Fried­hof in Bre­de­ney. 

Literatur

Bran­des, Die­ter, Kon­se­quent ein­fach. Die AL­DI-Er­folgs­sto­ry, 1998.

Hin­ter­mei­er, Han­nes, Die Al­di-Welt. Nach­for­schun­gen im Reich der Dis­count-Mil­li­ar­dä­re, 1998.

 
Zitationshinweis

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Thomann, Björn, Theo Albrecht, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/theo-albrecht/DE-2086/lido/57a9dee9df5e21.78621676 (20.07.2018)