Willi Daume

Sportfunktionär (1913-1996)

Christoph Kaltscheuer (Bonn)

Willi Daume, Porträtfoto, 1982. (Bundesarchiv, B 145 Bild-F062233-0020/ Ludwig Wegmann/CC-BY-SA)

Wil­li Dau­me war die prä­gen­de Per­sön­lich­keit des deut­schen Sports wie der Sport­po­li­tik in der Bun­des­re­pu­blik der Nach­kriegs­zeit. Er be­klei­de­te zahl­rei­che hoch­ran­gi­ge Funk­tio­närs­pos­ten und war un­ter an­de­rem zwi­schen 1950 und 1970 ers­ter Prä­si­dent des Deut­schen Sport­bun­des. Den Hö­he­punkt sei­ner sport­po­li­ti­schen Lauf­bahn stellt die er­folg­rei­che Be­wer­bung und Or­ga­ni­sa­ti­on der Olym­pi­schen Spie­le 1972 in Mün­chen dar.

Als ein­zi­ger Sohn ei­ner ka­tho­li­schen Dort­mun­der Un­ter­neh­mer­fa­mi­lie wur­de Wil­li Dau­me am 24.5.1913 im ber­gi­schen Hü­ckes­wa­gen ge­bo­ren. Sein voll­stän­di­ger Ge­burts­na­me lau­te­te Wil­helm Karl Au­gust Fer­di­nand Dau­me. Sei­ne El­tern wa­ren Wil­helm und Emi­lie Dau­me. Der Va­ter führ­te im Dort­mun­der Ha­fen ei­ne nach ihm be­nann­te Ei­sen­gie­ße­rei. Sei­ne Schul­zeit ver­brach­te Wil­li Dau­me über­wie­gend in sei­ner Ge­burts­stadt: Von 1919 bis 1931 be­such­te er dort die Grund­schu­le und das Gym­na­si­um. Das Ab­itur be­stand er schlie­ß­lich 1932 in Leip­zig.

In der Rück­schau las­sen sich zwei Kon­stan­ten er­ken­nen, die weg­wei­send für Dau­mes Le­ben wer­den soll­ten. Auf der ei­nen Sei­te war dies die in­dus­tri­el­le Un­ter­neh­mer­tä­tig­keit sei­nes Va­ters. Es ist an­zu­neh­men, dass sie Dau­me als ma­ß­geb­li­ches Vor­bild für sei­nen be­ruf­li­chen Wer­de­gang dien­te. An­de­rer­seits wand­te er sich schon im Kin­des­al­ter dem Sport zu. Auch die­ses In­ter­es­se wur­de wohl von sei­nen El­tern ent­facht, die bei­de ge­turnt hat­ten. So trat er 1921 als ak­ti­ves Mit­glied dem Turn- und Sport­ver­ein Ein­tracht Dort­mund bei. Ne­ben der Leicht­ath­le­tik weck­ten ins­be­son­de­re die Sport­ar­ten Hand­ball und Bas­ket­ball sein In­ter­es­se. Im Al­ter von 15 be­zie­hungs­wei­se 16 Jah­ren be­such­te Dau­me zu­sam­men mit sei­nem Va­ter die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le in Ams­ter­dam 1928. Die dar­auf fol­gen­den Spie­le vier Jah­re spä­ter in Los An­ge­les be­such­te er eben­so, dies­mal al­ler­dings selb­stän­dig.

Im sel­ben Jahr, 1932, trat Wil­li Dau­me in Leip­zig das Stu­di­um in den Fä­chern Volks­wirt­schafts- und Be­triebs­wirt­schafts­leh­re so­wie Ju­ra an. Wei­te­re Stu­di­en­or­te bis 1938 wa­ren Köln und Mün­chen. Die bis da­hin an der Uni­ver­si­tät er­wor­be­nen Kennt­nis­se muss­te Wil­li Dau­me bald in der Pra­xis er­pro­ben. Nach dem Tod sei­nes Va­ters 1938 trat er, oh­ne das Ex­amen ab­le­gen zu kön­nen, in das Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men ein und über­nahm des­sen Füh­rung. Die feh­len­den aka­de­mi­schen Qua­li­fi­ka­tio­nen hin­der­ten Dau­me in den fol­gen­den Jahr­zehn­ten nicht dar­an, ver­schie­de­ne hoch­ran­gi­ge Po­si­tio­nen in In­dus­trie und Wirt­schaft zu er­klim­men.

Ne­ben dem vä­ter­li­chen Un­ter­neh­men war er In­ha­ber der W.K.D. Noll Me­tall­gie­ße­rei so­wie ge­schäfts­füh­ren­der Ge­sell­schaf­ter von Vles-Me­tall Dort­mund. Dar­über hin­aus war er Auf­sichts­rats­mit­glied in zahl­rei­chen Un­ter­neh­men, als be­kann­tes­te kön­nen die Agrip­pi­na Le­bens­ver­si­che­rungs AG in Köln, die Oer­lin­kon-Bo­eh­rin­ger GmgH oder der Ar­te­mis Ver­lag ge­nannt wer­den. Den­noch soll­te sei­nem un­ter­neh­me­ri­schen Le­bens­werk ein er­folg­rei­ches En­de ver­wehrt blei­ben: 1993 muss­te die Dort­mun­der Ei­sen­gie­ße­rei Kon­kurs an­mel­den.

Das Äqui­va­lent zu Dau­mes un­ter­neh­me­ri­scher Tä­tig­keit in jun­gen Jah­ren war die er­folg­rei­che Aus­übung des Sports. Erst­mals trat er 1933 als Teil­neh­mer am Deut­schen Turn­fest in Stutt­gart vor ei­ner brei­ten Öf­fent­lich­keit in Er­schei­nung. Wäh­rend er die vor­an­ge­gan­ge­nen Olym­pia­den noch als Zu­schau­er er­lebt hat­te, ge­hör­te er bei den Som­mer­spie­len des Jah­res 1936 in Ber­lin zum Auf­ge­bot der deut­schen Bas­ket­ball­aus­wahl, ob­wohl er sich zu­vor vor al­lem als ta­len­tier­ter Hand­bal­ler ei­nen Na­men ge­macht hat­te.

Der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schaft und dem her­auf­zie­hen­den Krieg konn­te sich auch Dau­me nicht ent­zie­hen. Im De­zem­ber 1937 trat er in die NS­DAP ein. Ein Jahr spä­ter wur­de er zum Mi­li­tär­dienst bei ei­ner In­fan­te­rie­ein­heit in Ober­schle­si­en ein­ge­zo­gen. Die Ein­be­ru­fung ver­hin­der­te sei­nen An­tritt bei ei­nem Län­der­spiel der Hand­ball-Na­tio­nal­mann­schaft 1938. Nach Kriegs­aus­bruch nahm Wil­li Dau­me im Ran­ge ei­nes Ge­frei­ten am Feld­zug ge­gen Po­len teil, wur­de aber 1940 zur Wahr­neh­mung von Rüs­tungs­auf­ga­ben in Dort­mund von der Wehr­macht frei­ge­stellt. Wäh­rend er in der ei­ge­nen Fir­ma fort­an die Rüs­tungs­pro­duk­ti­on or­ga­ni­sier­te, wo­bei auch Zwangs­ar­bei­ter ein­ge­setzt wur­den, wid­me­te er sich wei­ter­hin dem Sport. Mit der Über­nah­me der Funk­ti­on als Ju­gend­wart und Vor­sit­zen­der der Hand­ball­ab­tei­lung bei sei­nem Hei­mat­ver­ein Ein­tracht Dort­mund An­fang der 1940er Jah­re be­gann sei­ne Lauf­bahn als Sport­funk­tio­när. In die­sen Äm­tern fo­kus­sier­te Dau­me auch die Vor­be­rei­tung der Ju­gend auf den Mi­li­tär­dienst durch den Sport, ei­ne im NS-Sys­tem all­ge­gen­wär­ti­ge sport­po­li­ti­sche Ma­xi­me.

Ab 1943 ar­bei­te­te Dau­me als SD (Si­cher­heits­dienst)-In­for­mant, was ihn im Ge­gen­zug vor ei­nem Front­ein­satz an der Ost­front be­wahr­te. Sei­ne Tä­tig­keit ver­such­te er spä­ter als un­be­deu­tend und so­gar ten­den­zi­ell wi­der­stän­dig dar­zu­stel­len. Ins­ge­samt kann Dau­mes Hal­tung ge­gen­über dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus zwar als teil­wei­se wi­der­wil­lig be­zeich­net wer­den, al­ler­dings kei­nes­wegs als wi­der­stän­dig. Viel­mehr hat­te er mit sei­nem „Wir­ken als Un­ter­neh­mer, so­wie als Par­tei­mit­glied und SD-Mit­ar­bei­ter […] deut­lich be­wie­sen, dass er sich mit den ge­sell­schaft­li­chen Ge­ge­ben­hei­ten ar­ran­giert hat­te.“ (Ro­de, S.40). An­ders wä­re sein Auf­stieg zum Gau­fach­wart für Hand­ball in West­fa­len 1944 wohl auch kaum vor­stell­bar ge­we­sen. Un­ter­bro­chen wur­de sei­ne wei­te­re sport­po­li­ti­sche Kar­rie­re 1945 zu­nächst durch sei­ne Ein­be­ru­fung zum Volks­sturm und an­schlie­ßend durch den Zu­sam­men­bruch der Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tu­ren mit dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs.

Be­reits kurz nach dem En­de der NS-Herr­schaft be­müh­te sich Dau­me zu­nächst auf ört­li­cher Ebe­ne um den Wie­der­auf­bau des TSV Ein­tracht Dort­mund, des­sen Vor­sit­zen­der er bis 1953 war. Doch auch im West­deut­schen Sport­ver­band über­nahm er ab 1946 Ver­ant­wor­tung und wur­de 1947 Vor­sit­zen­der des West­deut­schen Hand­ball­ver­ban­des. In schnel­ler Fol­ge stieg er in der Hier­ar­chie der Sport­ver­bän­de auf. Hier­bei mag ihm ge­hol­fen ha­ben, dass er nach ei­nem Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren 1949 als „Un­be­las­te­ter“ ein­ge­stuft wur­de, nach­dem er ge­gen ei­ne ers­te Be­ur­tei­lung als „Mit­läu­fer“ (1948) er­folg­reich Be­ru­fung ein­ge­legt hat­te.

Zum Zeit­punkt der Grün­dung des NOK (Na­tio­na­les Olym­pi­sches Ko­mi­tee) 1949 wur­de Dau­me des­sen Schatz­meis­ter (bis 1952) und über­nahm 1961 die Prä­si­dent­schaft der In­sti­tu­ti­on. Die­ses Amt führ­te er in Per­so­nal­uni­on mit der Prä­si­dent­schaft des DHB (Deut­scher Hand­ball Bund), wel­che er eben­falls 1949 über­nom­men hat­te. In der Zwi­schen­zeit er­lang­te er im De­zem­ber 1950 den Vor­sitz im DSB (Deut­scher Sport Bund) und wur­de 1956 Miet­glied des IOC (In­ter­na­tio­na­les Olym­pi­sches Ko­mi­tee). Zum Zeit­punkt sei­nes Ein­trit­tes ins IOC war Dau­me das zwei­te deut­sche Mit­glied ne­ben Dr. Karl Rit­ter von Halt (1891-1964), dem letz­ten NS-Reichs­sport­füh­rer. Die­se Äm­ter hat­te er bis 1970 (DSB) be­zie­hungs­wei­se bis 1991 in­ne.

Par­al­lel zu den Wei­chen­stel­lun­gen für die Ver­bands­tä­tig­kei­ten Dau­mes ver­än­der­te sich auch sei­ne fa­mi­liä­re Si­tua­ti­on. Seit 1949 war er mit Ro­se­ma­rie Dau­me, ge­bo­re­ne Kre­del, ver­hei­ra­tet. Aus die­ser Ehe gin­gen zwei Kin­der her­vor, Sohn Kay und Toch­ter Do­re­en.

Aus der gro­ßen An­zahl der von Dau­me ge­tra­ge­nen Auf­ga­ben ra­gen die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le 1972 in Mün­chen her­vor. Nach der Spal­tung der Ge­samt­deut­schen Olym­pia­mann­schaft in ei­ne DDR- und ei­ne BRD- Mann­schaft in den 1960er Jah­ren in­iti­ier­te Wil­li Dau­me das Vor­ha­ben, die Olym­pi­schen Som­mer­spie­le 1972 nach Mün­chen zu ho­len. Zwi­schen 1966 und 1974 war er als Prä­si­dent des Or­ga­ni­sa­ti­ons­ko­mi­tees für die zwan­zigs­ten Olym­pi­schen Spie­le für die Be­wer­bung, Vor­be­rei­tung und Durch­füh­rung ver­ant­wort­lich. Sei­ne Vi­si­on von ei­nem „Ge­samt­kunst­werk" be­inhal­te­te ei­ne Ge­stal­tung der Spie­le durch ei­ne Sym­bio­se von Sport, Kunst, Kul­tur und Ar­chi­tek­tur und soll­te für fol­gen­de Olym­pia­den Maß­stä­be set­zen. Zu­dem sah er dar­in die Mög­lich­keit, das neue de­mo­kra­ti­sche Selbst­ver­ständ­nis Deutsch­lands in be­wuss­ter Ab­gren­zung zu den pro­pa­gan­dis­tisch über­la­ger­ten Ber­li­ner Spie­len von 1936 der Welt vor Au­gen zu füh­ren.

Durch den Ter­ror­an­schlag auf die Sport­mann­schaft Is­ra­els wäh­rend der Wett­kämp­fe wird die­ser grö­ß­te Er­folg Wil­li Dau­mes je­doch bis heu­te über­schat­tet.

Als wei­te­re be­mer­kens­wer­te Er­run­gen­schaf­ten Dau­mes sind die Öff­nung der olym­pi­schen Wett­be­wer­be für pro­fes­sio­nel­le Ath­le­ten auf dem elf­ten Olym­pi­schen Kon­gress 1981 und die Grün­dung des DOI (Deut­sches Olym­pi­sches In­sti­tut) 1993 in Ber­lin zu nen­nen. Sei­ne wohl grö­ß­te ver­bands­po­li­ti­sche Nie­der­la­ge muss­te er 1980 hin­neh­men, als sich das NOK trotz Dau­mes ve­he­men­ter Op­po­si­ti­on für ei­nen Boy­kott der Spie­le in Mos­kau ent­schied. Rea­lis­ti­sche Am­bi­tio­nen, nach der Vi­ze­prä­si­dent­schaft (1972-1976) auch die Spit­zen­funk­ti­on des IOC zu über­neh­men, wur­den da­durch ver­ei­telt. An­stel­le Dau­mes fiel die Wahl auf Juan An­to­nio Sa­maranch (ge­bo­ren 1920).

Ein drit­tes Be­tä­ti­gungs­feld ne­ben Un­ter­neh­mer­tum und Ver­bands­ar­beit fand Dau­me im Kul­tur­be­reich, der ihn stets in­ter­es­sier­te. Er en­ga­gier­te sich in der li­te­ra­ri­schen Erich-Käst­ner Ge­sell­schaft und der e.o. plau­en-Ge­sell­schaft. In bei­den Ver­ei­ni­gun­gen über­nahm er zeit­wei­se den Vor­sitz.

Die weit­rei­chen­den Ver­diens­te Wil­li Dau­mes fan­den in zahl­rei­chen Eh­run­gen bis heu­te ih­ren Aus­druck. In na­he­zu al­len Ver­bän­den de­nen er an­ge­hör­te oder die er führ­te, wur­de er zum Eh­ren­mit­glied oder Eh­ren­prä­si­den­ten er­nannt. Da­ne­ben wur­den ihm zahl­rei­che Aus­zeich­nun­gen zu­teil. Mit dem Gro­ßen Ver­dienst­or­den der Bun­des­re­pu­blik (1959), dem Gro­ßen Ver­dienst­kreuz mit Stern der Bun­des­re­pu­blik (1973), der Dok­tor­wür­de der Sport­hoch­schu­le Köln (1973) und dem Olym­pi­schen Or­den in Gold des IOC (1992) sind nur ei­ni­ge ge­nannt.

Nach sei­nem Aus­schei­den aus den ho­hen Gre­mi­en der Sport­ver­bän­de und dem wirt­schaft­li­chen Nie­der­gang sei­nes In­dus­trie­un­ter­neh­mens ver­brach­te Dau­me die letz­ten Jah­re sei­nes Le­bens in ein­fa­chen Ver­hält­nis­sen im Olym­pi­schen Dorf in Mün­chen. Am 20.5.1996 starb er in Mün­chen an ei­nem Krebs­lei­den und wur­de in Dort­mund bei­ge­setzt.

Im Jahr 2006 wur­de Wil­li Dau­me in die „Hall of Fa­me des Deut­schen Sports" auf­ge­nom­men. Nach ihm wur­de auch ein Platz im Münch­ner Olym­pia­park be­nannt.

Literatur

Bun­des­in­sti­tut für Sport­wis­sen­schaft / Deut­sches Olym­pi­sches In­sti­tut (Hg.), Wil­li Dau­me - Olym­pi­sche Di­men­sio­nen. Ein Sym­po­si­on, Bonn 2004.
Dwert­mann, Hu­bert / Peif­fer, Lo­renz, Wil­li Dau­me. Ei­ne Bi­blio­gra­phie sei­ner Schrif­ten Re­den und In­ter­views, Köln 2001.
Ro­de, Jan C., Wil­li Dau­me und die Ent­wick­lung des Sports in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zwi­schen 1945 und 1970.g ein­ge­legt hat­te.
Sche­rer, Karl Adolf, Wil­li Dau­me. Ein Por­trait, Freu­den­stadt 1968.

 
Zitationshinweis

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Kaltscheuer, Christoph, Willi Daume, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/willi-daume/DE-2086/lido/57c69081372705.10461793 (22.04.2018)