Günter Ortmann

Olympiasieger (1916-2002)

Thomas Ohl (Wesel)

Günter Ortmann, Porträtfoto. (Kreisarchiv Wesel)

Der er­folg­rei­che Hand­ball­spie­ler Gün­ter Ort­mann wur­de in sei­ner Sport­art Welt­meis­ter und Olym­pia­sie­ger.

Gün­ter Ort­mann wur­de am 30.11.1916 in Lau­ban in Schle­si­en ge­bo­ren. Schle­si­en scheint seit je­her ei­ne Hand­ball-Hoch­burg ge­we­sen zu sein, denn ne­ben Ort­mann stam­men so be­rühm­te Spie­ler wie die deut­sche Hand­ball­le­gen­de Bern­hard Kem­pa (ge­bo­ren 1920) und der Welt­hand­bal­ler des Jah­res 2009, Sla­wo­mir Sz­mal (ge­bo­ren 1978) aus Schle­si­en.

Gün­ter Ort­mann war schon von früh an ein be­geis­ter­ter Sport­ler. Al­ler­dings galt sein In­ter­es­se in den Ball­sport­ar­ten zu­nächst dem Faust­ball und dem Fuß­ball. Au­ßer­dem er­hielt er ei­ne ath­le­ti­sche Grund­aus­bil­dung da­durch, dass er ein gu­ter Zehn­kämp­fer war. Die­se frü­he kör­per­li­che Aus­bil­dung soll­te die Ba­sis für sei­nen spä­te­ren er­folg­rei­chen Wer­de­gang wer­den. Erst im Al­ter von 13 Jah­ren kam Gün­ter Ort­mann zum Hand­ball – und auch das erst, nach­dem ihm ein Arzt ei­ne ent­spre­chen­de Ge­sund­heits­be­schei­ni­gung aus­ge­stellt hat­te, da er für die Teil­nah­me an Se­nio­ren­spie­len ei­gent­lich noch zu jung war. Schnell zeig­te sich, dass der jun­ge Ort­mann bei den Er­wach­se­nen nicht nur mit­hal­ten, son­dern auch über­aus er­folg­reich Ak­zen­te set­zen konn­te. Ob­wohl er mit ei­ner Kör­per­grö­ße von 1,75 Me­tern nicht ge­ra­de zu den Rie­sen un­ter den Hand­ball­spie­lern ge­hör­te, soll­te Ort­mann ein ganz Gro­ßer des Hand­ball­sports wer­den. Be­reits in sei­nem Hei­mat­ver­ein, dem Po­li­zei­sport­ver­ein Bres­lau, konn­te er sein Ta­lent un­ter Be­weis stel­len.

Der erst in den 1920er Jah­ren er­fun­de­ne Hand­ball­sport wur­de weit­ge­hend als Feld­hand­ball aus­ge­tra­gen. Da­durch war er so­wohl durch den Platz mit sei­nen Feld- und To­r­ab­mes­sun­gen so­wie durch die Spie­ler­zahl vom Fuß­ball be­ein­flusst. Auch äh­nel­ten die tak­ti­sche Auf­stel­lung und die Po­si­ti­ons­be­zeich­nun­gen der Spie­ler den­je­ni­gen aus dem Fuß­ball. Ort­mann war näm­lich Mit­tel­stür­mer und brach­te es auf die­ser Po­si­ti­on an­schei­nend zu be­mer­kens­wer­ten Tor­er­fol­gen. Je­den­falls wech­sel­te er nach kur­zer Zeit den Ver­ein und ging an­schlie­ßend für Bo­rus­sia Car­lo­witz auf To­re­jagd. Auch dort ge­lang ihm dies so treff­lich, dass er mit die­sem Ver­ein die süd­ost­deut­sche Gau­meis­ter­schaft fei­ern konn­te und be­reits im Al­ter von 18 Jah­ren sei­ne ers­te Be­ru­fung zu ei­nem Län­der­spiel ge­gen Po­len er­hielt. Ab die­sem Zeit­punkt ge­hör­te Ort­mann zu den be­mer­kens­wer­tes­ten und er­folg­reichs­ten Hand­ball­spie­lern sei­ner Ge­ne­ra­ti­on.

Da in die­ser Zeit be­son­ders die Po­li­zei- und Mi­li­tär­sport­ver­ei­ne den Hand­ball do­mi­nier­ten – bis 1944 wa­ren im­mer Po­li­zei- oder Mi­li­tär­mann­schaf­ten im End­spiel um die Deut­sche Meis­ter­schaft ver­tre­ten und auch der MSV Bo­rus­sia Bres­lau-Car­lo­witz war ein Mi­li­tär­sport­ver­ein – kam Ort­mann bei sei­nen sport­li­chen Er­fol­gen schnell zu sei­nem Bei­na­men als „Bom­ber vom Diens­t“. Ähn­lich wie ein spä­te­rer Fuß­ball-Mit­tel­stür­mer er­hielt Ort­mann die­sen Bei­na­men auf­grund sei­ner zahl­rei­chen Tor­er­fol­ge. Ob­wohl da­mals längst nicht Spiel­ergeb­nis­se, Tor­schüt­zen usw. sta­tis­tisch so ge­nau er­fasst wur­den wie heu­te, gin­gen weit über 100 Tref­fer auf Ort­manns Kon­to bei sei­nen 22 Ein­sät­zen im Na­tio­nal­tri­kot (an­de­re Quel­len zäh­len 24 Teil­nah­men). Dies ist auch nach heu­ti­gen Maß­stä­ben ei­ne re­spek­ta­ble Zahl und um­so be­mer­kens­wer­ter, wenn man be­rück­sich­tigt, dass im Feld­hand­ball ge­ne­rell weit we­ni­ger To­re fie­len als im heu­ti­gen Hal­len­hand­ball.

Ort­mann war ab 1934 ein fes­ter Be­stand­teil der deut­schen Na­tio­nal­mann­schaft, die ab Mit­te der 1930er Jah­re ei­ne fast un­glaub­li­che Über­le­gen­heit ent­wi­ckel­te und bis 1945 nur ei­nen ein­zi­gen Län­der-Ver­gleichs­kampf - wie es in der zeit­ge­nös­si­schen Spra­che hieß – ver­lor. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber muss hin­zu­ge­fügt wer­den, dass im Ver­gleich auch weit we­ni­ger Spie­le aus­ge­tra­gen wur­den und dass seit Be­ginn des Zwei­ten Welt­kriegs 1939 der Spiel­be­trieb ins­ge­samt im­mer stär­ker ein­ge­schränkt wur­de.

Ort­mann war al­so Stamm­spie­ler und fol­ge­rich­tig ein Mit­glied des deut­schen Auf­ge­bots für das Olym­pi­sche Tur­nier 1936 in Ber­lin. Erst­mals ge­hör­te Hand­ball hier zu den olym­pi­schen Dis­zi­pli­nen und die deut­sche Mann­schaft zum ganz en­gen Fa­vo­ri­ten­kreis. Im Auf­takt­spiel ge­gen Un­garn, das 22:0 ge­won­nen wur­de, und in der Zwi­schen­run­de ge­gen die Schweiz, die eben­falls deut­lich mit 16:6 be­siegt wur­de, kam Ort­mann zum Ein­satz. Mit ins­ge­samt sie­ben Tref­fern hat­te Ort­mann sei­nen Bei­trag zu die­sen Er­fol­gen ge­leis­tet. An­ders als heu­te durf­ten in die­sen Par­ti­en aber kei­ne Aus­wechs­lun­gen vor­ge­nom­men wer­den. Auf­grund der deut­schen Do­mi­nanz konn­te der Reichs­trai­ner je­des Spiel mit ei­nem an­de­ren Auf­ge­bot be­strei­ten, so dass im­mer wie­der an­de­re Ak­teu­re auf dem Platz stan­den. Un­ge­schla­gen be­weg­te sich die deut­sche Mann­schaft durch das Tur­nier und auch das End­spiel ge­gen Ös­ter­reich konn­te sie mit ei­nem 10:6 Sieg er­folg­reich ge­stal­ten, so dass ihr der ers­te Ti­tel ei­nes Olym­pia­sie­gers im Hand­ball nicht mehr zu neh­men war.

Ob­wohl Ort­mann im Fi­na­le nicht ein­ge­setzt wur­de, durf­te er sich im Al­ter von 19 Jah­ren als Olym­pia­sie­ger fei­ern las­sen. Soll­te die Nicht­be­rück­sich­ti­gung im End­spiel für Ort­mann ent­täu­schend ge­we­sen sein, so konn­te er in der nächs­ten Zu­kunft die­se Ent­täu­schung wie­der wett­ma­chen. Denn bei den in Deutsch­land statt­fin­den­den Welt­meis­ter­schaf­ten 1938, die so­wohl in der Hal­le als auch auf dem Feld aus­ge­tra­gen wur­den, stand Ort­mann in den je­wei­li­gen End­spie­len „auf der Plat­te“ – wie es im Hand­bal­ler­jar­gon hei­ßt – und trug mit sei­nen To­ren zum Ti­tel­ge­winn bei. Ort­mann dürf­te da­her ei­ner der ganz we­ni­gen Hand­bal­ler auf der Welt sein, der Welt­meis­ter- und Olym­pia­sie­ger­ti­tel im Feld und in der Hal­le er­rin­gen konn­te. Die Kar­rie­re des da­mals 22-jäh­ri­gen Sport­lers aus Schle­si­en hät­te ei­ne ganz strah­len­de wer­den kön­nen, wenn nicht der Aus­bruch des Zwei­ten Welt­kriegs die­se ab­rupt un­ter­bro­chen hät­te. Gün­ter Ort­mann er­eil­te das glei­che Schick­sal wie die meis­ten sei­ner Al­ters­ge­nos­sen: Er wur­de zum Kriegs­dienst be­stellt.

Zu­nächst als ein­fa­cher Ge­frei­ter ein­ge­zo­gen, wur­de er spä­ter bis zum Haupt­mann be­för­dert. Auf­grund ei­ner schwe­ren Kriegs­ver­let­zung – ei­ne Schuss­wun­de, die in un­mit­tel­ba­rer Nä­he der Wir­bel­säu­le sei­ne Be­we­gungs­fä­hig­keit be­ein­träch­tig­te – kam er je­doch schon 1944 aus dem Krieg zu­rück. Die­se Ver­let­zung schien auch das En­de sei­ner sport­li­chen Kar­rie­re zu be­deu­ten, aber der im bes­ten Sport­ler­al­ter ste­hen­de 28-jäh­ri­ge woll­te sich nicht in sein Schick­sal be­ge­ben. Nach dem En­de des Krie­ges kam Ort­mann 1948 an den Nie­der­rhein und leis­te­te sei­nen Dienst bei der Schutz­po­li­zei in Duis­burg-Rhein­hau­sen. Mit gro­ßer En­er­gie und un­bän­di­gem Wil­len über­wand er sei­ne Ver­let­zung und konn­te wie­der, wenn auch in be­schei­de­ne­rem Ma­ße, Er­fol­ge im Hand­ball fei­ern. Mit Tu­Ra Berg­heim und dem TuS Rhein­hau­sen war er im Wes­ten er­folg­reich und konn­te so­gar den Ti­tel ei­nes West­deut­schen Meis­ters er­rin­gen. Nach sei­ner Kar­rie­re als Spie­ler ver­such­te sich Ort­mann auch als Trai­ner, aber ein ein­jäh­ri­ges In­ter­mez­zo in Wülfrath 1952 hat ihn wohl da­von über­zeugt, dass dies nicht sei­ne rich­ti­ge Po­si­ti­on beim Hand­ball war.

Über­haupt ge­wann Ort­mann zu­neh­mend Ab­stand vom Hand­ball und wid­me­te sich ei­ner an­de­ren Lei­den­schaft, dem Pfer­de­sport. Im Al­ter von 45 Jah­ren hei­ra­te­te Ort­mann 1961 und wur­de Va­ter ei­ner Toch­ter. Auch be­ruf­lich ging es für Ort­mann auf­wärts: Er brach­te es bis zum Di­rek­tor der Schutz­po­li­zei in Mo­ers und We­sel. Am 10.1.2002 ist Gün­ter Ort­mann an den Fol­gen ei­nes Schlag­an­falls ver­stor­ben.

Literatur

Eg­gers, Erik (Hg.): Hand­ball. Ei­ne deut­sche Do­mä­ne, Göt­tin­gen 2007.
Ha­ren­berg, Bo­do (Re­dak­ti­on): Die Stars des Sports von A-Z, Darm­stadt 1970.

 
Zitationshinweis

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Ohl, Thomas, Günter Ortmann, in: Internetportal Rheinische Geschichte, abgerufen unter: http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Persoenlichkeiten/guenter-ortmann/DE-2086/lido/57c957169dfff2.54808748 (14.12.2018)