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Adolf Althoff (1913-1998), Zirkusdirektor

Adolf Althoff gilt als einer der letzten großen Direktoren des traditionellen Zirkus. Der am Niederrhein geborene Artist und Dompteur führte über Jahrzehnte den international renommierten „Circus Adolf Althoff". Beachtung und weitreichende Anerkennung fand darüber hinaus sein Engagement für die jüdische Artistenfamilie Bento, die er während des Zweiten Weltkrieges in seinem Betrieb versteckte und beschäftigte.

Adolf Althoff entstammte einer der ältesten und bekanntesten Zirkus- beziehungsweise Artistendynastien Europas. Die Anfänge der Familie lassen sich Erzählungen zufolge bis etwa 1660 zurückverfolgen, gesichert sind sie aber erst ab 1691 nachzuweisen. Als urkundlicher Stammvater der Dynastie gilt der 1732 geborene Franziskus Aldenhoven. Der Name Althoff rührt vom Stammort der Familie, dem niederrheinischen Freialdenhoven, einem Gemeindeteil von Aldenhoven im heutigen Kreis Jülich her.

Zunächst war der Nachname entsprechend der Ortsbezeichnung, Aldenhoven, gebräuchlich. Die Wandlung zum heute bekannten Althoff ist nicht genau nachvollziehbar. Ausgehend von der Keimzelle in Freialdenhoven entwickelte sich neben einer Märkischen, Celler, Pfälzer, Badener und Münsteraner Linie auch eine so genannte Rheinische Linie, die auf den 1807 geborenen Wilhelm Althoff, Adolf Althoffs Urgroßvater, zurückgeht.

Geboren wurde Adolf Althoff am 25.6.1913 im niederrheinischen Sonsbeck, angeblich in einem Wohnwagen während einer Zirkusvorstellung, als Sohn von Dominik Althoff (1882-1974) und dessen Ehefrau Adele Mark. Er war das zweitjüngste von acht Geschwistern. Seine Kindheit verlebte er im Wesentlichen auf europaweiten Reisen mit dem Schaustellerbetrieb seiner Eltern. Eine örtlich gebundene, regelmäßige Schulbildung war ihm dadurch unmöglich. Stattdessen besuchte er in verschiedenen Orten, an denen sie gastierten, sporadisch die jeweiligen Schulen. Eigenen Aussagen zufolge musste er sich das entgangene Schulwissen in höherem Alter als Autodidakt aneignen. Allerdings erlernte er von Beginn an das Handwerk der Artisten, Dresseure und der Zirkusführung.

Zunächst hatte sein Vater für ihn eine Karriere als Reiter vorgesehen. Doch zeigte Adolf Althoff als Kind auf diesem Gebiet keine herausragende Begabung. Seine Begeisterung galt in der Jugend vielmehr der Technik und den Maschinen des Zirkusunternehmens. Stets versuchte er auf diesem Gebiet Neuerungen und Verbesserungen zu erarbeiten. So konstruierte er die elektrische Laufschrift „Circus Althoff". Bereits mit 17 Jahren übertrug ihm sein Vater die Aufsicht für sämtliche Reparaturarbeiten. Fortan war er Fahrmeister, Schlosser und Elektriker des Betriebes und führte die Werkstatt. Seine Versiertheit in technischen Dingen trug ihm später den Ruf ein, der „Erfinder unter den Zirkusdirektoren" zu sein. Von der Werkstatt führte es ihn aber schon bald in die Manege. Denn er zeigte sich ebenso als talentierter Dresseur und verstand es, organisatorische Aufgaben in allen Bereichen des Zirkus zu übernehmen.

Ab den 1930er Jahren übernahm Adolf Althoff mit seinen Geschwistern, in erster Linie zusammen mit den Schwestern Helene und Carola (1903-1987) sowie mit Bruder Franz (1908-1987), zusehends Verantwortung für zahlreiche Belange des Familienunternehmens. 1936 schließlich übergab Dominik Althoff alle Geschäfte an seine Kinder. Deren gemeinsame Unternehmensführung hatte allerdings nur bis Anfang 1937 Bestand. Einvernehmlich trennten sich Helene und Adolf Althoff von Carola und Franz Althoff. Zusammen gründeten Adolf Althoff und seine Schwester den „Circus Geschwister Althoff". Durch ihren Vater nur mit einem bescheidenen Starkapital ausgestattet, schafften sie es in den folgenden Jahren dennoch, eine viel beachtete und erfolgreiche Darbietung auf Reisen zuschicken. In ihrem Zelt feierte 1937 eine bis heute weltberühmte Attraktion der Althoffs Premiere: der auf einem Pferd reitende Tiger.  

nach obenTrotz des gelungenen Schrittes in die Selbständigkeit hielt ihre Gemeinschaft nur knapp zwei Jahre. Während Helene Althoff bereits zur Jahreswende 1938/1939 den „Circus Helene Althoff" gründete, hob Adolf Althoff 1939 den „Circus Adolf Althoff" aus der Taufe. Als Direktor führte er zunächst 70 Angestellte und feierte in Trier Premiere.

Die Geschäfte führte er zusammen mit seiner Verlobten, der 1908 in Dortmund geborenen Maria von der Gathen. Auch sie war als Tochter einer bekannten Seiltänzerfamilie mit dem Zirkus aufgewachsen und vermochte die Betriebsabläufe zu koordinieren. Am 25.5.1939, dem 26. Geburtstag Althoffs, fand in Braunschweig die standesamtliche Trauung statt. Gemeinsame Kinder sind der im Juli 1943 geborene Sohn Franz, der spätere Direktor des „Circus-Williams-Franz Althoff" und die im August 1946 geborene Tochter Helene. Zuvor hatten sie bereits die Neffen seiner Frau Maria, Adolf und Jakob Enders, als Adoptivsöhne bei sich aufgenommen.

Während des Krieges konnte das Ehepaar Althoff den Zirkusbetrieb aufrecht erhalten. In den ersten Kriegsjahren gelang es sogar, das Programm zu erweitern und in vielen Städten die Zelte aufzuschlagen. Zunehmende materielle Einschränkungen und die stete Gefahr durch Luftangriffe machten geregelte Darbietungen jedoch schwierig. 1942 kam es bei einem massiven Luftangriff auf Mainz bei dem gastierenden Althoffzirkus zu großen Schäden, ein Totalverlust konnte jedoch verhindert werden. Zwischen Juli und Oktober 1944 musste Althoff auf Geheiß der Reichstheaterkammer (RTK) eine vorübergehende Zusammenlegung mit dem renommierten österreichischen „Circus Konrad" eingehen. Die Zusammenarbeit wurde auch nach Ende des Zweiten Weltkrieges fortgesetzt: So stellte Althoff seinem Partner Josef Kunz-Konrad (gestorben 1959) für dessen erste Nachkriegstournee sein Zelt zur Verfügung. Die letzten Kriegsmonate verbrachte Althoff in der Nähe von Graz, wo er mit seinen Traktoren und Pferden die Arbeit der Bauern unterstützte und sich auch den örtlichen Größen der NSDAP für Transportfahrten und handwerkliche Dienstleistungen zur Verfügung stellte und somit unentbehrlich machte. Auf diese Weise entging er letztlich der drohenden Einberufung zum Volkssturm.

1946 startete Althoff einen Neuanfang und ging wieder mit einem eigenständigen Ensemble auf Tournee. Die ersten Vorstellungen gab er in Stuttgart, Pforzheim, Mannheim und Karlsruhe. Bis 1950 konnten die Althoffs ihren Zirkus erfolgreich wieder aufbauen.

Im selben Jahr übernahm Adolf Althoff für kurze Zeit die technische Leitung des „Circus Williams", nachdem der Mann seiner Schwester Carola, Harry Williams (1902-1950), ums Leben gekommen war. Seit 1955 firmierte sein Unternehmen unter dem Namen „Circus Friederike Hagenbeck". Ein Motiv für die Namensänderung war wohl die Ansicht Adolf Althoffs, dass es zu viele Manegen mit dem Namen Althoff auf dem Markt gab. Insgesamt brachte die Althoffdynastie über die Generationen mehr als 60 Zirkusse hervor. Der Name „Circus Adolf Althoff" wurde erst 1964 wieder eingeführt. Für zwei Jahre zog er durch die Lande, bevor er 1965 nach einem Herzinfarkt Althoffs endgültig geschlossen wurde. Doch das Rampenlicht verließ der ehemalige Direktor nicht. Ab 1967 schloss er sich zusammen mit seiner Familie für drei Jahre dem „Ringling Bros. and Barnum & Bailey Circus" für eine Tournee durch die Vereinigten Staaten an. In den 1970er Jahren stand er seinem Sohn Franz bei der Gründung und Führung des „Circus William-Franz Althoff" zur Seite, wodurch es wieder einen Zirkus mit dem traditionsreichen Namen gab.

Seine zweifellos größten Verdienste erwarb sich Adolf Althoff allerdings durch die Rettung der jüdischen Familie des berühmten Clowns Peter Bento (geboren 1923) vor den Konzentrationslagern im „Dritten Reich". Während des Zweiten Weltkrieges hatte er sie trotz existenzieller Gefahren engagiert und versteckt. Dieses menschliche Engagement wurde erst Mitte der 1980er Jahre durch einen Zeitungsartikel publik. Zusammen mit seiner Frau Maria wurde ihm am 20.2.1995 im Aachener Rathaus vom Staat Israel der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern" der HolocaustGriechisch (vollständig verbrannt), Bezeichnung für die systematische Ermordung der von den Nationalsozialisten als Juden definierten Menschen in Deutschland und in den vom Deutschen Reich besetzten Staaten in Europa zwischen 1939 und 1945. Dem Völkermord fielen zwischen 5,6 und 6,3 Millionen Menschen zum Opfer.-Gedenkstätte Yad Vashem verliehen. Bereits 1994 hatte ihn die GCD (Gesellschaft der Circusfreunde e.V.) dafür ausgezeichnet. Doch auch sein unermüdlicher Einsatz für die Pflege der Zirkustradition fand Anerkennung. 1955 hatte ihn die GCD mit der von ihr vergebenen „Ernst-Renz-Gedächtnis-Plakette" geehrt und 1989 berief ihn Fürst Rainier III. von Monaco (1923-2005) in die Jury des 14. Internationalen Circusfestivals. In der Bundesrepublik wurde sein Lebenswerk 1977 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande und 1995 mit dem Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen honoriert.

Im Alter von 85 Jahren starb Adolf Althoff am 14.10.1998 in Stolberg (Rheinland) an Herzversagen.

 

Literatur

Lehmann-Brune, Marlies, Die Althoffs. Geschichte und Geschichten um die größte Circusdynastie der Welt, Frankfurt (Main) 1991.

Prior, Ingeborg, Der Clown und die Zirkusreiterin, München 1997.

 

Online

Rescue in a Circus (Artikel in englischer Sprache über Adolf und Maria Althoff auf der Homepage The Righteous Among The Nations).

 

28.2.2013
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Christoph Kaltscheuer (Bonn) 
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Adolf Althoff (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 122KB)

Adolf Althoff bei einer Pferdedressur.

 Maria Althoff (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 92KB)

Maria Althoff bei einer Elefantendressur.

 Plakat des Cirkus Adolf Althoff (Bildvergrößerung öffnet in neuem Fenster, 124KB)

Circus Adolf Althoff, Plakat von 1965.